Die Mäzenin des Erzgebirges ist tot

Genau einen Monat vor ihrem 98. Geburtstag schloss Erika Pohl-Ströher für immer die Augen. Ihr Lebenswerk bleibt der Region erhalten.

Ferpicloz/Freiberg/Annaberg-Buchholz/Gelenau.

Der 16. April 2002 war für Eckart Holler einer der größten Tage in seinem Leben. Ein Mercedes Kombi hielt vor seinem Haus. Eine kleine, zierliche Frau stieg aus und klingelte. Sie stellte sich als Erika Pohl-Ströher vor, sagte, sie komme gerade aus Seiffen und sei dort auf ihn, den Restaurator von historischem Spielzeug, aufmerksam gemacht worden. "Ihr Name sagte mir nichts. Die Frau war damals 83. Sie schaute sich in meiner Werkstatt um und kaufte gleich mit geschultem Blick gezielt Figuren. Sie zahlte bar, gab mir eine Telefonnummer in Darmstadt und bat mich, mit den Herrschaften dort einen Abholtermin zu besprechen", erinnert sich der Chemnitzer. Als er in Darmstadt anrief, fragte ihn eine Dame: "Wissen Sie, wer Frau Pohl ist?" Holler verneinte. "Das ist die Erbin des langjährigen Wella-Konzernchefs, eine leidenschaftliche Sammlerin", wurde Eckhart Holler aufgeklärt.
Es war seine erste Begegnung mit jener Frau, der das Erzgebirge heute drei museale Attraktionen zu verdanken hat: die Terra Mineralia in Freiberg, die Manufaktur der Träume in Annaberg-Buchholz und das Pohl-Sammlungsdepot in Gelenau.

Bestürzt reagierte Holler auf die Nachricht, dass die Mäzenin bereits am Sonntag in ihrem Haus in Ferpicloz im schweizerischen Kanton Freiburg für immer eingeschlafen ist. Im Herbst hatte er, der ihr engster Vertrauter im Erzgebirge war, sie noch besucht. Michael Schuster, der mit in der Schweiz war, berichtet: "Sie wirkte gesundheitlich etwas angeschlagen. Aber wir waren fest davon überzeugt, dass sie sich wieder aufrappeln würde." Schuster leitet das Stiftungsdepot der Sammlerin in Gelenau, wo rund 4200 Exponate aufbewahrt werden, und das stets nur zur Weihnachts- und Osterzeit seine Türen öffnet.Die Sammelleidenschaft der weltoffenen und weltgewandten Biologin, Chemikerin und Unternehmerin wurde nach dem Jahr 2000 für die Region zum Glücksfall mit immer neuen Überraschungen. 2004 gründete sie eine Stiftung für ihre weltweit größte private Mineraliensammlung mit etwa 80.000 Kristallstufen, die sie als Dauerleihgabe der Bergakademie Freiberg überließ. Für die Präsentation wurde das verfallene Schloss Freudenstein mit Millionenaufwand saniert, 2008 eröffnete dort die Ausstellung Terra Mineralia. Bereits 2005 wurde der Stifterin dafür die Ehrensenatorwürde der TU Bergakademie Freiberg zuteil - die höchste Ehrung der Universität. Sachsen dankte der gebürtigen Wurzenerin zeitgleich mit dem sächsischen Verdienstorden.

Es war einer der wenigen Anlässe, zu denen Erika Pohl-Ströher persönlich erschien. Sie galt nicht als menschenscheu, aber sie ging nie dorthin, wo Menschenmassen sie erwarteten. Deshalb kam sie auch nicht nach Annaberg-Buchholz, als dort 2010 mit EU-Mitteln ein für sie gebautes Haus eröffnet wurde: die Manufaktur der Träume. Weil die Stadt ihren Eigenanteil nicht stemmen konnte, steuerte die Mäzenin eine beträchtliche Summe bei. Annaberg erhielt dafür die umfangreichste und bedeutendste Privatsammlung erzgebirgischer Volkskunst im deutsprachigen Raum.

Burkhard Pohl, eines der fünf Kinder von Erika Pohl-Ströher, kam zur Eröffnung. Er und seine Geschwister seien mit all den Sachen aus dem Erzgebirge aufgewachsen. Umso mehr freue er sich, dass die Kostbarkeiten einen dauerhaften Platz dort gefunden haben, wo sie einst hergestellt wurden, sagte er damals. Seine Mutter, die im vogtländischen Rothenkirchen aufgewachsen war, kam im Jahr darauf ins Erzgebirge, ließ sich alles zeigen. Niemand durfte von dem Besuch vorab erfahren. "Sie war extrem zurückhaltend und sie fühlte sich auch nie als Guru der Volkskunst, zu der mancher sie hochstilisieren wollte", erzählt Eckhart Holler. Er weiß, dass sie in ihrem Haus in der Schweiz noch viele Kostbarkeiten beherbergte. "Was damit wird, werden wir wohl erst bei Testamentseröffnung erfahren." Der Verbleib der Dinge, die schon im Erzgebirge sind, sei aber längst klar von ihr geregelt.

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