Werbung/Ads
Menü
Der Artist und Raubtierdompteur Rüdiger Probst betreibt heute ein Erlebnisdorf im einstigen Winterquartier des Zirkus Probst.

Foto: Uwe Mann

Die Ungebändigten

Der Zirkus hat Generationen von Menschen verzaubert. Aber dieser Sehnsuchtsort, dieses kulturelle Sinnbild für ein freies, nicht sesshaftes Leben hat wohl keine Zukunft mehr.

Von Ronny Schilder
erschienen am 26.05.2017

Stassfurt. Am Ende geht der Vagabund ins Ungewisse, und die Wiese liegt verlassen da. Vom Zirkus bleibt nur eine Wagenspur im Gras. Vor einem Menschenalter, als wagemutige Artisten und Dompteure in immer größeren Manegen von sich reden machten, fing Charlie Chaplin die Leidenschaft und die Melancholie des Zirkusdaseins in dem Film "The Circus" ein. Dafür bekam er einen der zwei Oscars seines Lebens.

Deutschland bewunderte damals einen Raubtierdompteur namens "Kapitän Schneider", der mit 60 und mehr Löwen alle Dressurrekorde brach. Und es wuchs der auf Reisen in einem Wohnwagen geborene Rudolf Probst heran, der nach dem Krieg in Dessau-Großkühnau seinen eigenen Zirkus gründen würde.

Das Zirkusleben folgt Zyklen, beschreibt Kreise wie das Manegenrund. Aufbau und Abbau, Wegfahrt und Wiederkehr, von den Eltern auf die Kinder. Das ist der Takt. Für Zirkusmenschen wie Rüdiger Probst ist es noch mehr - die natürliche Ordnung. Und der Zirkus das Theater des kleinen Mannes: ehrlich, sauber und schön. Etwas, das seinen Platz in der Welt und Respekt verdient.

Sein Leben.

Die Schöpfung des Vaters Rudolf, der Privatzirkus Probst, war eine Legende hierzulande und nach der Wende der beliebteste Ost-Zirkus, mit eigener Fernsehserie. Der frühere DDR-Staatszirkus wurde gefleddert, die Stars wurden entlassen, die Tiere auf Zoos verteilt. Aber Probst galt als der, der es schaffen würde, der die Traditionen wahrt und die Geschichte weiterschreibt. Mit aufwendigen, handverlesenen Spitzennummern, Sibirischen Tigern, prachtvollen Pferdezügen und einer Haustierrevue, die den Olymp der Zirkuswelt erreicht: die Auszeichnung beim Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo.

Doch heute ist dieser Zirkus tot.

Es gibt ein Sterbedatum: der Abschied am Stammort in Staßfurt. Rüdiger Probst, der Tigerbändiger und Stammhalter, stand am 15. November 2014 zum Finale in der Manege und erntete einen Beifallssturm, von dem er ahnte, dass er dieses Mal nicht wiederkehren würde. Die Familie, die durch dick und dünn gegangen war, entzweite sich über den weiteren Weg. Ein Weihnachtszirkus kam nicht zustande, die nächste Sommertournee wurde abgesagt. Im März 2015 starb Rudolf Probst, hochbetagt, er hatte das Drama nicht mehr miterlebt. "Es ist im Nachhinein, als ob mein Vater den Zirkus mit ins Grab genommen hätte", sagt Rüdiger Probst. "Mir kam das vor wie ein gestrandeter Wal. Jeder rupft ein Stück heraus. Gefallene Helden feiert niemand mehr."

Mercedes Probst und ihr Mann Andreas Bleßmann, der frühere Zirkus-Geschäftsführer, machten mit einem Projektzirkus weiter. Maike und Jörg Probst führen seit 15 Jahren einen Erlebnishof bei Schmölln. Rüdiger Probst und seine Frau Christina Clasen haben in Staßfurt ein Zirkuserlebnisdorf geschaffen.

In einigen Wochen wird die insolvente Zirkus-GmbH, nach dreijähriger Abwicklung, aus den Registern getilgt. Noch ein zweites Sterbedatum, ein amtliches, das sich wie Schorf auf die Wunden legt. Der Zirkus geht ohne Schulden.

Es gab Vorboten und Todesstöße.

Auf der Abschiedstournee gastierten sie in Rüdiger Probsts Geburtsstadt. Stendal empfing ihn mit Hassplakaten: Jemand hatte sein Porträt auf große Seiten gezogen und mit einem Blutkreuz übermalt: "Tierquäler"! In Güstrow flogen die Fenster einer Grundschule auf, direkt neben dem Zirkusplatz, und Kinder riefen geckernd dieses Wort. Verfluchten ihn, weil er Tiger vorführte, weil er Tiere dressierte, weil er mit ihnen durch die Lande zog. Was rechtfertigte diesen Hass? "Ich mag den Cirque du Soleil, ohne Tiere, wirklich wunderbar, was der macht. Aber für mich ist das kein Zirkus. Die Manege ist rund, nur wegen der Dressuren, wegen der Pferde. Ohne Tiere passt das besser auf die Bühne, ins Varieté", denkt Probst.

Traditionelle Artisten wie wir, sagt Rüdiger Probst, werden heute denunziert bis zum Gehtnichtmehr. Die Ohnmacht hinterlasse Spuren. Er springt am Küchentisch auf und zündet eine Zigarette an, bewegt. Er ist 57, hat Schmerzen. Beide Handgelenke, zwei Bandscheiben, ein vor Jahren angebrochenes Genick.

"Tierschützer", das Wort spricht er immer wie mit Anführungszeichen aus. Die hätten die Kassiererin bespuckt, die Musiker beleidigt, studierte Musiker! Ja, er kenne Betriebe, in denen es den Tieren erbärmlich ging - den Menschen und den Tieren. Aber was hatte das mit ihm zu tun? Von seinem Tierverstand, seinem Einfühlungsvermögen hing das eigene Leben ab. 21 Tiger sind in seiner Obhut geboren und aufgewachsen. Wer spricht so einem das Herz, die Seele ab? "Ich verbringe doch mehr Zeit mit den Gestreiften als mit meiner Tochter!", so Probst.

Mutter Monika, die 1958 ihr gesichertes Leben aufgab, um sich dem Zirkus Probst anzuschließen, und die den Patriarchen Rudolf Probst zuletzt über viele Jahre pflegte, sagte einmal über ihren Sohn: Er kann von der Maus bis zum Elefanten alles trainieren. "Ich glaube, ich habe viele Menschen glücklich gemacht, die heute noch dem Zirkus positiv gegenüberstehen", sagt Rüdiger Probst. "Aber nichts ist so vergänglich wie der Ruhm und ein guter Name. Und ich weiß, dass es den Zirkus Probst in der alten Form einfach nicht mehr geben kann."

Das liegt nicht nur an den Tieren, sondern auch an der Politik.

Schon kurz nach der Wende, erzählt Probst, habe etwas nicht mehr gestimmt. Zwar mussten sie sich nicht mehr nur auf Kleinstädte und Dörfer beschränken, die der Staatszirkus auf seinen Touren ausließ. Neue Konkurrenten sprachen den gewohnten Qualitätsansprüchen Hohn. Mehrmals schlich er sich hin und sah von hinten aus zu. "Da gab es Zyniker, die sagten: Ob ich einen dreifachen Salto mache oder einen doppelten Purzelbaum, egal, das Publikum sieht den Unterschied nicht." Wie viele Zirkusse sich im Lande tummelten, wusste plötzlich kein Mensch mehr. Anders als in Frankreich, wo der Zirkus als Kulturgut gilt, wird er in Deutschland unter die Gewerbebetriebe eingereiht und nicht weiter beachtet. Eine EU-Studie nannte 2002 rund 300 zumeist kleine und kleinste Betriebe. Die größte Zirkusdichte in Europa. "Die Regierung hätte vor dreißig Jahren etwas tun müssen", findet Probst. "Wenn der Zirkus belästigt statt belustigt, geht er kaputt."

Probsts Vater habe dafür gelebt, sich von den anderen zu unterscheiden: durch Niveau, Neuheiten, Kreativität. 1993 wurde das erste freitragende Zirkuszelt Deutschlands angeschafft. Jetzt störten keine Stangen mehr im Inneren die Sicht. 1995, im Jahr des 50-jährigen Bestehens, kamen 300.000 Besucher. Und doch: Wenn die blauen Wagen anlangten in einer neuen Stadt, dann rannten keine Kinder mehr herbei, vor Vorfreude wie aufgezogen, um beim Aufbau zu helfen und dem Zirkus nahe zu sein. "Das war mit der Wende auf einen Schlag vorbei." Heute müsste einer schon in 18 Meter Höhe krabbeln und von dort ins Reagenzglas springen, damit die Menge tobt wie früher, denkt Probst.

Und dann die Tierfrage.

Im Wahljahr 1994 wurde Bundeskanzler Kohl von Rudolf Scharping, SPD, herausgefordert. Der Zirkus Probst wurde von Scharpings Kampagne für einen Auftritt in Hamburg engagiert. Rüdiger Probst, ursprünglich Kunstreiter, hatte gerade begonnen, mit Raubtieren aufzutreten. Schwester Mercedes führte Pferdezüge vor, Schwester Maike war mit Pavian-Dressuren bekannt geworden. "Plötzlich standen da Leute, die brüllten und hetzten und nannten uns Tierquäler. Es war das erste Mal, dass wir militanten Tierschützern begegnet sind."

Hat er je mit ihnen diskutiert? "Keine Chance. Die hören nicht zu. Die wissen alles." Nahm er die Gegner von Tierdarbietungen ernst, damals? Probst überlegt. "Vor dreißig Jahren wurden diese Leute abgetan. Jetzt sind sie in Amt und Würden und machen den Zirkus platt." Betriebe wie Roncalli, der schon Mitte der 1990er-Jahre auf sogenannte "Wildtiere" verzichtete, standen nun für einen neuen Zirkus. Und die Traditionsbetriebe für den alten.

Die Saat des Endes war gelegt. Noch hob sich der Vorhang, doch wurden die klassischen Zirkusse in vielen Städten langsam an die Ränder gedrängt. In Dresden, auf dem angestammten Zirkusplatz, steht heute die Gläserne Manufaktur. "Man kann beim Autobauen zugucken, aber wozu? Wollen die ihre Autos als Bausatz verkaufen?", lästert Probst. "In Jena hatten wir einen Superplatz vorm Stadion. Dann wurden seltene Schmetterlinge gefunden, und der Zirkuslärm hätte sie gestört. Dabei standen wir direkt an der Hauptstraße! Also hinters Stadion, ohne Wegweiser - die Hälfte der Besucher weg. Nun kamen Fledermäuse, seltene, und man schickte uns in ein Betonloch. Kaum groß genug, unser Zelt aufzubauen. In Schwerin machten die plötzlich Bundesgartenschau. In Potsdam wollten sie uns den Hauptplatz nicht geben. Freunde vom Film brachten uns im Filmpark Babelsberg unter: 60 Prozent minus. Und so weiter. Wissen Sie, was am Ende unsere beste Tourneestadt war? Klötze. Kenn'se nicht? Eben!"

Das Leben ein Kreis, alles kommt wieder. Zweimal stand der Zirkus Probst zu Zeiten des Vaters vor dem Aus, als Rudolf Probst zweimal enteignet und sogar eingesperrt wurde. Zweimal stand er wieder auf. Nach der zweiten Enteignung ging Monika mit ihren drei schulpflichtigen Kindern, Mercedes, Maike, Rüdiger, nach Polen ins Engagement. Oft habe er sich zuletzt an die Kämpfe seines Vaters, die Kämpfe der Familie erinnert gefühlt, sagt der Sohn.

Den Zirkus Probst gibt es nicht mehr, und wie jener scheint der klassische Zirkus langsam unterzugehen. Gerd Simoneit vom Zirkus Barum, ein in seiner Branche hochgeehrter Mann, machte vor zehn Jahren dicht. Der Traditionszirkus Busch-Roland reist seit 2010 nicht mehr. Vergangene Woche erwischte es den weltgrößten Zirkus Ringling Bros. and Barnum & Bailey, der angeblich den Verzicht auf Elefantennummern nicht überlebte.

In seinem Zirkuserlebnisdorf hat Rüdiger Probst noch vier Tiger, die führt er auch vor. "Die wissen aber ganz genau, dass der Druck weg ist", sagt er leise. Gerade hat sich Wotan von seinem Podest bequemt und auf die Seite gelegt. Der Dompteur schaut ihm zu und lässt ihn liegen.

Zirkuserlebnisdorf Staßfurt

Rüdiger Probst stand über zwanzig Jahren mit Raubkatzen in der Manege. Christina Clasen, im Zirkus zwölf Jahre an seiner Seite, führte Hunde vor. Heute haben die beiden in Staßfurt bei Magdeburg ein Zirkuserlebnisdorf etabliert, das samstags und sonntags von 14 bis 18.30 Uhr geöffnet ist sowie auf Anfrage für Schulprojekte, Gruppenausflüge oder Kindergeburtstage genutzt werden kann.

Vier Tiger, zwei Kamele, Zebras, Lamas, eine Ziegenherde, Sittiche, Hunde und Perserkatzen leben bei Familie Probst. Die Zirkusleute selbst klären über Besonderheiten und Verhaltensweisen auf, erzählen vom Zirkusleben und versuchen, ihren Besuchern eine gute Zeit zu bereiten, so wie einst in der Manege. (ros)

www.zirkuserlebnisdorf.de

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

 
 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm