Ein Abstieg - viele Baustellen

Der FC Erzgebirge Aue spielt nächste Saison in der 3. Liga. Auch wenn die Enttäuschung groß ist, dürfen die Verantwortlichen jetzt keine Zeit verlieren.

Ein Tor macht den Klassenunterschied. Knapper hätte der Abstieg am letzten Spieltag aus der 2. Fußball-Bundesliga für den FC Erzgebirge Aue nicht kommen können. Das 2:2 (0:0) beim 1. FC Heidenheim war zu wenig. Das Remis hat den Abstieg zwar besiegelt - aber nicht verursacht. Schon vorher war das Kind in den Brunnen gefallen: Ein katastrophaler Saisonstart, Neuzugänge aus der Sommerpause (Hannes Anier), die Abgänge (Jakub Sylvestr) nicht kompensieren konnten, Verletzungspech in der Rückrunde und vieles mehr. Den Schaden im letzten Moment abzuwenden, ist gescheitert. Dabei hatte der Verein alle möglichen Register gezogen. Der Trainerwechsel von Falko Götz zu Tomislav Stipic nach vier Spieltagen, der Umbau des Kaders in der Winterpause, starke Partien im letzten Saisondrittel und auch die günstigen Ergebnisse der direkten Konkurrenz im Abstiegskampf am Sonntag - das alles hat nicht gereicht, um die sechste aufeinanderfolgende Saison in der zweithöchsten Spielklasse zu sichern.

Wenn die Tränen des bitteren Pfingstwochenendes getrocknet sind, muss der Blick nach vorne gehen. Ein Abstieg ist immer schmerzhaft - daran besteht überhaupt kein Zweifel. Aber wer realistisch an die Sache herangeht, der muss erkennen, dass der Klassenerhalt die weitaus größere Überraschung gewesen wäre. Die Veilchen gehörten in Liga zwei zu den finanzschwächsten Vereinen. Die letztjährigen Aufsteiger, in der Regel vor der Saison als Abstiegskandidaten gehandelt, beendeten die Spielzeit allesamt in der oberen Tabellenhälfte. Heidenheim wurde Achter, RB Leipzig blieb als Fünfter sogar noch hinter den eigenen Erwartungen zurück und Darmstadt marschierte als Zweiter in die Bundesliga durch. Deswegen kann und darf der Abstieg keinen der Verantwortlichen im Erzgebirge aus der Bahn werfen. Die Pläne für die neue Saison müssen - wenn sie ohnehin nicht schon in der Schublade stecken - schnell entwickelt werden. Das gilt insbesondere für folgende Punkte.

Trainer: Die Verantwortlichen rund um Präsident Helge Leonhardt haben auf der wichtigsten Position hoch gepokert, als sie mit Tomislav Stipic einen bis dato völlig unbekannten Trainer verpflichteten. Den Einsatz haben sie im Winter noch einmal erhöht, als sie den Kader nach dem Geschmack des Fußballlehrers umbauten. Der neu formierte Kader holte in 15 Partien 22 Punkte - belohnt wurde diese gute Ausbeute nicht. Stipic hat einen Vertrag bis Sommer 2017, der für die 2. und 3. Liga gilt. Gestern hat der Trainer alle Zweifel ausgeräumt: Er bleibt Coach in Aue. Stipic hat auf dem komplizierten Wintertransfermarkt bewiesen, dass er eine Mannschaft formen kann. Mit einem knappen Sieg in Heidenheim, der in den letzten Spielminuten möglich war, hätte er sich als Held feiern lassen dürfen. So muss er sich Fragen gefallen lassen, ob seine Mannschaft gegen Heidenheim oder Kaiserslautern zu verhalten gespielt hat. Zudem muss er in der 3. Liga beweisen, dass er in seinem ersten Jahr im Profibereich gelernt hat. Denn Stipic wird vom ersten Spieltag an den Ergebnissen gemessen. Mit seiner polarisierenden Art hat sich der 35-Jährige nicht nur Freunde im Lößnitztal gemacht.

Finanzen: Der Etat wird sich halbieren. Grund dafür sind maßgeblich die niedrigeren Fernsehgelder. In der 2. Liga hätte man mit zwölf Millionen Euro planen können, nun schrumpft das Budget nahezu um die Hälfte auf rund sechs Millionen. Diese Einbußen betreffen nicht nur den Profikader, sondern auch die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle. Zum Vergleich: Dynamo Dresden musste beim Abstieg vor einem Jahr rund die Hälfte seiner 30 Mitarbeiter entlassen. Wie es in Aue aussieht, dazu äußerte sich der Verein bisher nicht. Fakt ist: Es muss in an vielen Enden gespart werden. Deswegen wurde die U 23 aus dr Oberliga zurückgezogen. Ob es nächste Saison eine zweite Mannschaft geben wird und wie sich diese aufstellt, ist offen.

Kader: "Wir haben wenige Spieler, die einen Vertrag für die 3. Liga haben", sagte Stipic kurz nach dem Abpfiff in Heidenheim. Die Veilchen müssen also eine neue Mannschaft zusammenstellen. Leonhardt rief bereits gestern alle Spieler zusammen und führte Einzelgespräche. "Etwa 50 Prozent wollen bleiben", sagte der Präsident. Bisher habe es jedoch noch keine Vertragsangebote gegeben, das solle jedoch schon in dieser Woche geschehen. Aue definitiv verlassen wird Stipe Vucur. Der Innenverteidiger hat Angebote aus der Bundesliga und bereits seine Sachen gepackt.

Ansonsten stellen sich drei Fragen. Erstens: Wie viele Routiniers will man sich leisten? Michael Fink, Thomas Paulus, Oliver Schröder, René Klingbeil und Thomas Paulus prägten die letzten fünf Zweitligajahre. Für jeden Neuanfang braucht es auch erfahrene Spieler. Mehr als drei davon wird sich der Verein kaum leisten können. Zweitens: Welche Stammspieler kann man halten? Hier sollte der FCE Torhüter Martin Männel binden. Der 28-Jährige ist Identifikationsfigur für die Fans und hat bereits erklärt, dass er nicht innerhalb der 3. Liga wechseln will. Bei Spielern wie Patrick Schönfeld, Selcuk Alibaz, Bobby Wood oder Rico Benatelli wird der FC Erzgebirge kaum eine Chance haben, wenn ein Zweitligist Interesse zeigt. Letztlich muss aber auch hier entschieden werden, in welchen Profi man welches Salär investieren will. Drittens: Was für Neuzugänge sollen kommen? Große Transfercoups sind finanziell ohnehin nicht möglich. Der Fokus könnte auf gut ausgebildeten Nachwuchsspielern von Erst- und Zweitligisten liegen, die den großen Sprung noch nicht geschafft haben. Da man Jungprofis nicht gerade mit einer schillernden Lebenswelt ins Erzgebirge locken kann, muss die sportliche Perspektive für diese Spieler stimmen.

Stadion: Der Umbau des Stadions hängt laut Verein und Landkreis nicht von der Ligazugehörigkeit ab. Dennoch muss der Kreistag dem Konzept am 17. Juni zustimmen. Die Volksvertreter des Landkreises haben das letzte Wort, weil der Kreis Eigentümer ist. Der eine oder andere Kreisrat könnte nach dem Abstieg doch daran zweifeln, ob er die Millionen-Investition für einen Drittligisten endgültig durchwinken soll.

Die 3. Liga: Die vielen Ostderbys (Chemnitz, Dresden, Halle, Cottbus, Erfurt, Rostock und bei einem mögliche Aufstieg Magdeburg) könnten dafür sorgen, dass die Zuschauerzahl im Vergleich zur zurückliegenden Saison nicht abstürzt. Sportlich sollte Aue durch die schwierige Saison von Dresden und Cottbus gewarnt sein. Die 3. Liga ist sehr ausgeglichen. Besonders in den Derbys werden die Veilchen keinen Punkt geschenkt bekommen. Will man möglichst schnell wieder aufsteigen, müssen alle Verantwortlichen die offenen Baustellen angehen.

Heldentat geht in der Trauer unter

Martin Männel erzielte als Torhüter den Ausgleich in Heidenheim. Obwohl es nicht mehr für den Klassenerhalt reichte, feierten die Fans den Schlussmann.

Martin Männel schlich eine Stunde nach Spielende noch um den Mannschaftsbus herum. Der Torhüter des FC Erzgebirge Aue ließ sich von Fans fotografieren und gab Autogramme. Dabei musste der Keeper die Tränen nach dem 2:2 in Heidenheim sichtlich unterdrücken. Ausgerechnet der wegen seiner für Torhüter geringen Körpergröße häufig kritisch beurteilte Schlussmann hatte per Kopf den Ausgleich erzielt und damit die Hoffnung kurz vor Spielende zurückgebracht.

"Es hätte eine dieser Geschichten geben können, die nur der Fußball schreibt", sagte Männel. Weil aber die Chancen in der Nachspielzeit von Mike Könnecke und Selcuk Alibaz nicht im Netz landeten, ging der Treffer in der Enttäuschung unter. Die Fans vergaßen aber nicht, was der 28-Jährige geleistet hatte und feierten ihn mit Sprechchören. Männel konnte das allerdings nicht trösten: "Es ist extrem enttäuschend, selbst mit Tränen in den Augen in die weinenden Gesichter der Fans zu sehen." Nicht nur Männel wurde vom den mehr als 1500 mitgereisten Auer Fans bejubelt. Die ganze Mannschaft wurde gefeiert, als hätte man den Klassenerhalt geschafft. Die Situation wirkte skurril, als in der Heidenheimer Voith-Arena kurz nach dem Schlusspfiff das Steigerlied der FCE-Anhänger den Beginn des gegnerischen Fanfestes übertraf. "Ich denke, sie haben uns auch für die Rückrunde gefeiert, die wir gespielt haben", meinte Männel. "Wir haben in der Hinrunde viele Punkte liegengelassen, die uns jetzt den Klassenerhalt gekostet haben."

Viele Anhänger waren nach der Partie über den Zaun geklettert und lagen sich unter Tränen mit Spielern und Trainer Tomislav Stipic in den Armen. "Sie haben gesagt, wir sollen zusammenhalten und das gemeinsam durchstehen. Unsere Fans sind ein tolles Volk ", versuchte Stipic die Momente vor der Gästekurve zusammenzufassen. "Es war einfach Wahnsinn", kommentierte FCE- Präsident Helge Leonhardt die Reaktion des eigenen Anhangs. "Die Fans wissen, wie gearbeitet wird und erkennen das an. Sie haben gesehen, wie die Mannschaft in der zweiten Halbzeit und gerade in der Schlussphase gekämpft hat."

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6Kommentare
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    finnas
    27.05.2015

    Pixelghost, für Sponsoren ja, für Investoren nur, wenn die auch Sponsoren sind.
    Ich habe nach der Wende versucht, meinen alten Schulfreund dafür zu gewinnen, für seinen mittelständigen Hightech-Betrieb, für den er einen neuer Standort suchte, unsere Gegend schmackhaft zu machen. Wir haben lange über Standortfaktoren diskutiert. Der Fußball stand da weit hinten.

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    poltersdorf
    27.05.2015

    Da, wo Aue jetzt steht, ist aus meiner Sicht noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ein Durchmarsch in Liga 4 ist für mich die logische Konsequenz. Welcher Verein, der in der 2.Liga spielt, macht keine Verträge, die auch für die 3.Liga gelten? Seit wieviel jahren spielt Aue gegen den Abstieg? Warum hat sich da keiner der Verantwortlichen drum gekümmert bei Vertragsabschlüssen? Ehrlich - in jeder Firma rollen bei einem solchen Missmanagement Köpfe. Es gibt nicht für umsonst den Spruch - der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken...

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    Pixelghost
    26.05.2015

    @finnas, Standortfaktoren für Investoren und Sponsoren sind folgende: Steht die Werbetafel in einem Stadion 3.Liga oder der 2.Liga.
    Schon bei Sponsoren von Kreisliga-Vereinen sieht der Geschäftsführer eines Sponsors ganz genau drauf wie weit sein Firmenlogo sichtbar verbreitet wird.

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    finnas
    26.05.2015

    Andere spielen auch Fußball und wollen auch gewinnen und diesmal waren sie über die Saison eben besser. Davon geht die Welt nicht unter. Beim nächsten Mal trifft es einen anderen Verein und Aue hat die Chance auch wieder einmal auf zu steigen. Was jetzt so geunkt wird, dass die Region schweren Schaden nimmt, die Stadt Aue an Attraktivität verliert und Investoren weg bleiben, halte ich für völlig übertrieben. Wegen des Fußballs kommt kein Investor in unsere Region, wenn die anderen Standortfaktoren nicht stimmen.

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    Frank67
    26.05.2015

    Wenn man mit desaströsen Fehlentscheidungen und Videobeweisen hier ran geht, dann hätte der Elfmeter für Aue im letzten Spiel auch nicht gegeben werden dürfen. :-) :-) :-)

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    fingerindiewunde
    26.05.2015

    Fakt ist, der FCE hat sich den Abstieg durch desolate Leistungen, insbesondere in der ersten Halbserie, selbst zu zuschreiben.

    Fakt ist aber auch, dass dieser Abstieg durch zwei desaströse Fehlentscheidungen am vorletzten Spieltag (nicht zugelassener Videobeweis und Nichtanerkennung eine regulären Tores im Spiel 1860 München gegen Nürnberg) stark begünstigt wurde. Ich jedenfalls traue dem korrupten DFB durchaus zu, da die schmutzigen Finger drin zu haben. Denn eine Mannschaft wie 1860 München mit durchschnittlich zweieinhalbmal so vielen Zuschauern wie Aue bringt halt mehr ins korrupte Töpfchen...

    Weiterhin ist es aber auch so, dass die Nachwuchsarbeit beim FCE stark zu wünschen lässt. Es werden eben lieber irgendwelche "billigen" Spieler zugekauft, die dann nach einer Halbserie wieder freigegeben werden, an statt kontinuierlich eigenen Nachwuchs in den Spielbetrieb der 1.Mannschaft einzubinden (und nicht einmal und dann noch bei so einem wichtigen Abstiegsduell wie gegen Aalen). Die Quittung dafür kommt jetzt, da bestimmt mehr als die Hälfte der bisherigen Spieler den Verein verlassen werden.
    Deshalb ist es mir auch unbegreiflich, dass die U23-Mannschaft aus dem Spielbetrieb zurückgezogen wird; Sparzwang hin oder her. Es werden dann die Fehler der Vergangenheit wiederholt.

    Trotzdem wünsche ich dem FCE den schnellen Wiederaufstieg und hoffe, dass der Verein nicht auseinander fällt.



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