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Ergebnisse, die unter Verschluss blieben: der verbrannte Dummy nach dem Versuch im August 2016 in Schmiedeberg.

Foto: Arno Burgi/dpa

Ein paar Tropfen Feuerzeugbenzin

Der Afrikaner Oury Jalloh, der 2005 in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte, kann sich nicht selbst angezündet haben. Das weiß die Staatsanwaltschaft, sie sieht sogar Mordmotive. Dennoch wurde das Verfahren eingestellt - mit Billigung aus Karlsruhe.

Von Oliver Hach
erschienen am 07.12.2017

Dessau-Roßlau. Folker Bittmann hat heute eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sich am Vormittag des 7. Januar 2005 im Polizeirevier Dessau abspielte. Der Leitende Oberstaatsanwalt von Dessau-Roßlau ermittelte jahrelang in einem der umstrittensten Todesfälle in der jüngeren deutschen Justizgeschichte: Oury Jalloh, ein 36-jähriger Asylbewerber aus Sierra Leone, starb in Polizeigewahrsam - unter ungeklärten Umständen. Doch im Frühjahr 2017 meint Bittmann, einer Lösung nahe zu sein. Seither glaubt er: Oury Jalloh wurde umgebracht.

An jenem 7. Januar 2005 wird der Afrikaner in der Dessauer Innenstadt von der Polizei aufgegriffen. Er hatte Frauen belästigt; laut Ermittlungsakten stellt ein Arzt bei ihm fast 3 Promille Blutalkohol und Kokainkonsum fest. Im Polizeirevier schlägt Jalloh, an einem Tisch sitzend, mit voller Wucht mit dem Kopf auf die Tischplatte; die Obduktion wird später ein gebrochenes Nasenbein ergeben. Weil der Afrikaner sich selbst verletzte, wird er in eine Zelle gebracht und auf einer Matte mit feuerfester Hülle liegend an Händen und Füßen mit Handschellen fixiert. Ein paar Stunden später ist er tot, sein Leichnam bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Lange geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass sich Oury Jalloh selbst anzündete - bis es im August 2016 im osterzgebirgischen Schmiedeberg zu einem Versuch kommt, in dem der Zellenbrand von Dessau nachgestellt wird. Die Ergebnisse werden nie veröffentlicht, dabei bilden sie die Grundlage für eine spektakuläre Wende in dem Fall. Das zeigt ein neunseitiger interner Vermerk, den Oberstaatsanwalt Bittmann im April 2017 anfertigte und der jetzt der "Freien Presse" vorliegt.

Unter Berufung auf die Aussagen eines Münchner Toxikologen, eines Würzburger Gerichtsmediziners, eines Züricher Brandgutachters und Experten eines Brandschutzbüros aus Bergisch-Gladbach stellt Bittmann fest: In der Zelle muss Brandbeschleuniger verwendet worden sein, allerdings nur eine kleine Menge, die in den Brandrückständen nicht nachweisbar war.

Beim Versuch in dem Labor in Schmiedeberg, so Bittmann, sei es nicht möglich gewesen, "ohne den Einsatz von Brandbeschleuniger ein Bild von Zelle und Leiche zu erzielen, welches auch nur annähernd der Realität entspreche". Eine große Menge Brennstoff hätte zu Zerstörungen geführt, die über die Realität hinausgingen. "Allerdings hätten wenige Spritzer Feuerzeugbenzin (aus einem 125-ml-Fläschchen) auf der Kleidung ausgereicht, um nach dem Entzünden sowohl sehr schnell die erforderlichen hohen Temperaturen zu erreichen als auch letztlich ein Brandbild zu erzeugen, welches der Realität gleiche."

Weiterhin hält der Oberstaatsanwalt für gesichert, das Jalloh bei Ausbruch des Feuers entweder nicht mehr lebte oder wenige Atemzüge später starb. In seiner Lunge fanden sich nur wenige Rußpartikel. Bittmann schätzt ein: "Oury Jalloh befand sich bereits in einem Zustand der Agonie, als er mit einer geringen Menge von Brandbeschleuniger bespritzt wurde und verstarb spätestens unmittelbar nach Ausbruch des Feuers (entweder aufgrund toxikationsinduzierten Herztodes oder alternativ aufgrund eines inhalativen Hitzeschocks)." Da der gefesselte Mann, so der Ermittler weiter, keinen Brandbeschleuniger hatte "und zudem in der letzten Minute seines Lebens physisch auch gar nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das Feuer selbst zu entfachen, setzen beide denkbaren Todesalternativen das Verursachen des Feuers von dritter Hand voraus." Das wäre Mord.

Für einen Mord führt der Dessauer Oberstaatsanwalt in seinem Vermerk auch Motive an und benennt sogar Tatverdächtige, die in den Unterlagen, die der "Freien Presse" vorliegen, jedoch geschwärzt sind.

Bittmann sieht im Fall Jalloh einen Zusammenhang zu früheren Todesfällen im Dessauer Polizeirevier. 1997 war dort ein Mann an inneren Verletzungen gestorben. 2002 kam in derselben Zelle wie später Jalloh ein Obdachloser ums Leben. In beiden Fällen gab es auch Ermittlungen gegen Polizeibeamte. "Bei einer Zellenkontrolle am 7. Januar 2005 könnten Polizeibeamte auf die Ohnmacht Oury Jallohs aufmerksam und sich daraufhin bewusst geworden sein, dass schwere Verletzungen oder gar das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auslösen würden", so der Staatsanwalt. "Diese Sorge mag zu dem Entschluss geführt haben, mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen, die den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung gegen die diensthabenden Polizeibeamten begründen könnten."

Als Konsequenz hätten weitere Ermittlungen folgen müssen, nicht nur zur Ergreifung der Mörder, sondern auch gegen eine Einheit des Landeskriminalamts, die, wie Bittmann notiert, "bereits am Todestag von Selbstmord sprach und deren Videographieren des Zellentrakts bereits kurz nach Betreten des Zellentrakts und damit vor dem Erreichen des Tatorts abbrach". Ebenso gegen Polizeibeamte, "deren Aussagen in der Magdeburger Hauptverhandlung Anlass zu Zweifeln an ihrem Wahrheitsgehalt gaben".

Doch der Dessauer Oberstaatsanwalt ist den Fall ganz plötzlich los. Im Juni 2017 überträgt die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Halle. Die beschließt am 30. August die Einstellung des Verfahrens. In der 14-seitigen Verfügung werden alle Indizien, die Bittmann zusammengetragen hat, in Zweifel gezogen.

"Die bisherigen Ermittlungen haben keinerlei begründeten Anfangsverdacht dafür ergeben, dass das Feuer von Dritten gelegt worden ist", heißt es. Angesichts der vielfachen Vernehmung der in Betracht kommenden Zeugen und der langen Zeitspanne von zwölf Jahren seien weitere Ermittlungen nicht erfolgversprechend und sachgerecht.

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh spricht von einer "Exit-Strategie" der Justiz in Sachsen-Anhalt. "Der Dessauer Oberstaatsanwalt hat mit seiner Lagebeurteilung den Boden der Staatsräson verlassen und ist damit raus aus der Nummer", sagt Sprecher Thomas Ndindah. So habe die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg den Generalbundesanwalt in Karlsruhe pflichtgemäß über den neuen Stand der Ermittlungen informiert, dieser habe aber erneut abgelehnt, die Ermittlungen zu übernehmen und den Naumburger Kollegen quasi nahegelegt, das Verfahren einzustellen. Damit hätten sich diese veranlasst gesehen, den Fall aus Dessau abzuziehen, da der dortige Ermittler ja jede Menge Fakten gesammelt hatte, die gegen eine Einstellung sprachen.

Am 24. April 2017 schrieb Walter Hemberger, Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof, an die Generalstaatsanwaltschaft des Landes Sachsen-Anhalt: "Von einer Übernahme des Verfahrens habe ich abgesehen." Belange des Staatsschutzes seien noch nicht in einer Weise berührt, dass ausnahmsweise eine Zuständigkeit der Bundesjustiz für die Strafverfolgung angenommen werden könnte. Das Schreiben endet mit den Worten: "Für eine gelegentliche Übersendung der die Ermittlungen abschließenden Verfügung wäre ich sehr verbunden."

Am Donnerstag teilte die Gedenkinitiative mit, sie habe bei der Generalbundesanwaltschaft Mordanzeige gegen einen Polizisten erstattet. Zur Begründung hieß es, die Ermittlungen seien von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten "gemeinschaftlich boykottiert" worden. Die Anzeige richtet sich gegen den Polizeibeamten S., der zusammen mit einem Kollegen Oury Jalloh in Gewahrsam genommen hatte. Gestern Nachmittag zeichnete sich schließlich ab, dass es doch noch neue Ermittlungen im Fall Oury Jalloh geben wird. Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) wies die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg an, das Verfahren an sich zu ziehen.

 
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