Enka-Arbeiter verhindern Abtransport von 45.000 Spinndüsen

Sitzblockade zwingt Sicherheitsfirma zum Rückzug - Mitarbeiter verstärken Mahnwache

Elsterberg. Arbeiter des Elsterberger Viskosproduzenten Enka haben am Donnerstag den Abtransport von Spinndüsen verhindert. Diese sind für die von der Belegschaft geforderte Wiederaufnahme der Produktion unerlässlich. Durch eine Sitzblockade am Werkstor wurde ein privater Sicherheitsdienst davon abgehalten, mit Fahrzeugen auf das Gelände an der Walter-Suchanek-Straße zu gelangen, um die sechs Kisten mit den 45.000 Platindüsen im Wert von vier Millionen Euro im Auftrag der Werkleitung zu verladen. "Lasst euch nie wieder hier sehen", riefen nach ihrem Erfolg applaudierende Enka-Mitarbeiter den Sicherheitsleuten nach, als diese unverrichteter Dinge umdrehen mussten. Selbst von einer benachbarten Baustelle kam Unterstützung für die um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Frauen und Männer: "Haltet durch", rief ein Lkw-Fahrer.

Das Elsterberger Werk soll nach dem Willen der Eigner zum 30. Juni geschlossen werden. Bereits seit Wochen ruht die Produktion, ist das Gros der 380 Beschäftigen frei gestellt. Damit aus dem Werk keine Anlagen abtransportiert werden, um andernorts weiter Viskoseseide zu spinnen, wurde Anfang Mai eine Mahnwache eingerichtet.

"Wir müssen weiter aufpassen, auch nachts, denn sie können jederzeit wiederkommen. Das heute ist erst ein Teilerfolg", so Liane Drechsler, die zur Sitzblockade geeilt war, nachdem sie von ihren Kollegen zur Verstärkung gerufen wurde. Ihr Handy sei deshalb immer an.

Bereits am Abend zuvor, nachdem die Pläne der Werkleitung zum Abtransport der Düsen bekannt geworden waren, versammelten sich dutzende Mitarbeiter am Tor, um die Mahnwache zu unterstützen. Man hatte damit gerechnet, dass die Aktion im Schutz der Dunkelheit stattfinden könnte.

Und nicht nur am Tor wurde Posten bezogen. Unmittelbar vor dem Raum, in dem die sechs Kisten mit den Düsen stehen, wachen ebenfalls Frauen und Männer der Belegschaft. Der Gebäudetrakt wird wegen seines engen Ganges als "D-Zug" bezeichnet, der Korridor ist die letzte Sperre. "Und da gehen wir nicht weg, bis die Gefahr vorbei ist", zeigte sich Gunter Voigt entschlossen.

Derweil saß Werkleiter Christian Bartsch wenige Meter entfernt in seinem Büro und konnte nicht anders, als sich der Entschlossenheit der Belegschaft zu fügen. "Wir müssen jetzt neu überlegen", sagte er. Einen weiteren Versuch, mit der Sicherheitsfirma anzurücken, schloss er aus: "Das bringt nichts, verschärft die Lage nur." Bartsch betonte, dass die Düsen keinesfalls aus der Region weggebracht werden sollen. Die Aufbewahrung im Betrieb sei aber auch keine Lösung. Deshalb sollten die Kisten in einem Lager der Wachschutzfirma deponiert werden, was dem Materialwert angemessen ist.

Das umzusetzen, dafür sind Bartsch momentan die Hände gebunden. Daran konnten auch Polizisten nichts ändern, die als Beobachter vor Ort waren. Bartsch: "Eine Straftat liegt ja nicht vor. Und wegen Nötigung jemanden zu belangen, bringt außer langwierigen Verfahren auch nichts."

Eine Möglichkeit, sich zu einigen, ist laut Betriebsratschef Klaus Wirth, die Düsen an einen Ort zu schaffen, auf den beide Seiten - Geschäftsleitung und Belegschaft - nur gemeinsam Zugriff haben. Diese Variante sei von der Geschäftsleitung bislang abgelehnt worden.

Trotz des Abzugs der Sicherheitsfirma wollte Wirth am Donnerstag noch nicht von einem Sieg sprechen: "Der ist für uns erst dann erreicht, wenn der Betrieb wieder läuft und wir wieder anspinnen können. Dafür brauchen wir die Düsen, das Wertvollste, was wir haben."

Stichwort Spinndüsen

Die aus Platin bestehenden Spinndüsen sind das wichtigste Kapital der Viskoseherstellung bei der Enka. Sie sind halb so groß wie ein Fingerhut, der Lochdurchmesser pro Düse beträgt wenige tausendstel Millimeter. Die Enka verfügt über rund 45.000 solcher Düsen. Allein der Materialwert des Edelmetalls wird auf rund vier Millionen Euro beziffert.

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