Ersatzkassen streiten mit Zahnärzten

Wer in diesen Tagen zum Zahnarzt muss, wird in vielen sächsischen Praxen einen Aushang lesen: "Diese Krankenkassen sparen bei Ihrer Zahngesundheit", heißt es da. Und: "Sie müssen höhere Zuzahlungen leisten, denn Ihre Krankenkasse möchte weiter sparen und für Sie weniger Geld ausgeben." Betroffen sind Versicherte der sechs Ersatzkassen Barmer, DAK-Gesundheit, TK, KKH, HKK und HEK. Initiator der ungewöhnlichen Aktion ist die Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen. Im Gespräch mit Steffen Klameth erklärt deren Vorstandsvorsitzender, Dr. Holger Weißig, die Hintergründe.

"Freie Presse": Herr Dr. Weißig, Sie stellen sechs Krankenkassen - darunter die drei größten in Deutschland - praktisch an den Pranger. Warum?

Holger Weißig: Weil wir der Meinung sind, dass unsere Patienten das wissen sollten. Auf den Rechnungen sehen sie ja nicht, dass sie mehr zuzahlen müssen als beispielsweise jemand, der bei der AOK Plus versichert ist.

Wie groß ist denn die Differenz?

Bei einer dreiflächigen Amalgam-Füllung sind es derzeit etwa drei Euro pro Zahn. Das ist die Regelversorgung, die Differenz muss der Zahnarzt ausgleichen. Wünscht der Patient eine höherwertige Versorgung - etwa eine Kunststofffüllung -, wird der Kassenzuschuss von der Gesamtsumme abgezogen. Dann wird es für die betroffenen Versicherten teurer.

Drei Euro sind weder für Patienten noch Zahnärzte ein Schlag ins Kontor.

Das stimmt für den Einzelfall. Der Patient braucht aber vielleicht nicht nur eine neue Zahnfüllung, sondern auch Prophylaxeleistungen - dann geht es um mehr Geld. Und der Zahnarzt hat ja nicht nur einen Patienten. Das summiert sich. Vergangenes Jahr haben die Ersatzkassen auf diese Weise 2,4 Millionen Euro in Sachsen gespart. Wenn die Entwicklung so weiter geht, werden es dieses Jahr schon fünf Millionen Euro sein.

Wie kann das sein?

Die Honorare werden jedes Jahr neu zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen und den Krankenkassen ausgehandelt. Die Ersatzkassen werden dabei vom Landesverband der Ersatzkassen (vdek) vertreten. Nach der Wende verliefen die Verhandlungen unproblematisch. Ersatzkassen zahlten den Zahnärzten sogar höhere Honorare. Bis es 2013 zu einer Angleichung der Vergütungen kam.

Inwiefern?

Man beschloss ein einheitliches Honorar für alle Kassen pro Bundesland sowie eine Anhebung der Honorare auf 95 Prozent des Westniveaus. Die Lücke zu hundert Prozent sollte nach und nach im Rahmen der jährlichen Verhandlungen geschlossen werden. Doch genau von diesem Moment an sparten die Ersatzkassen, während die AOK und andere Kassen draufzahlten. Inzwischen bleibt der vdek sogar unter dem Punktwert, der der gestiegenen Grundlohnsumme entspricht. Damit wird nicht nur der Abstand zu den alten Bundesländern größer, sondern auch zu anderen Kassen.

Andere Kassen zahlen bereitwillig?

Ja. Die AOK Plus hat sich zur Angleichung der Honorare in Ost und West bekannt. Inzwischen ist die Schere fast geschlossen. Auch die IKK classic, die Knappschaft und die Betriebskrankenkassen stehen zu ihrem Wort, für die TK traf das bis zum vorigen Jahr ebenfalls zu. Seit diesem Jahr verhandelt sie aber auch gemeinsam mit dem vdek.

Wie erklären Sie sich die Haltung der Ersatzkassen?

Es sind bundesweit agierende Kassen, für die Sachsen keine größere Bedeutung hat. In Hamburg sind beispielsweise 57 Prozent aller gesetzlich Versicherten in einer Ersatzkasse, in Berlin 54 Prozent. In Sachsen sind es dagegen nur 22 Prozent. Da kann man also viel leichter sparen - übrigens auch bei Präventivleistungen wie der Professionellen Zahnreinigung. Und so fühlen wir uns auch: als Billiglohnland.

Geht es den sächsischen Zahnärzten so schlecht?

Ein Zahnarzt im Osten verdiente 2016 im Schnitt 115.000 Euro. Davon musste er aber Kredit abbezahlen, die Familie versorgen, fürs Alter vorsorgen. Natürlich geht keine Praxis pleite, wenn die Ersatzkassen bei ihrer Verweigerungshaltung bleiben. Aber ein Zahnarzt im Westen verdiente im gleichen Jahr im Schnitt 148.000 Euro. Es ist also ein unfairer Wettbewerb - auf dem Rücken der Zahnärzte und Patienten.

Die Ersatzkassen sagen, dass ein sächsischer Zahnarzt nach Abzug der Betriebsausgaben sogar mehr verdient als sein Kollege in Baden-Württemberg.

Das zeigt nur, wie unsachlich der vdek in den Punktwertverhandlungen argumentiert. Im Schnitt liegt der Einnahmen-Überschusses in Baden-Württemberg 29 Prozent höher als in Sachsen. Der Wert einer Praxis ist ebenso wie die Mietkosten eher vom Faktor Stadt oder Land abhängig. Die Unterschiede liegen im Wesentlichen bei den Personalkosten. Hier möchten wir auch in Sachsen in die Lage versetzt werden, ebenso wie in westlichen Ländern unser Personal gerecht zu entlohnen.

Glauben Sie, dass Ihre Flugblatt-Kampagne in den Praxen etwas bewirkt?

Diese Information richtet sich an die Patienten. Die Auseinandersetzung mit dem Landesverband der Ersatzkassen führen wir vor Gericht, nachdem uns per Schiedsspruch weniger als die Steigerung gegenüber anderen Krankenkassen beschieden wurde. Uns wäre nichts lieber, als wenn wir die Klage zurückziehen könnten. Denn wegen der Ungewissheit über den Ausgang des Verfahrens stehen jetzt alle Rechnungen unter Vorbehalt.

Müssen Versicherte von Ersatzkassen damit rechnen, nicht mehr ordentlich versorgt zu werden?

Wir Zahnärzte haben einen Sicherstellungsauftrag. Der gilt natürlich ohne Abstriche auch für diese Patienten.

Das sagen die Ersatzkassen

Silke Heinke, Leiterin der vdek-Landesvertretung Sachsen: "Wir sind enttäuscht, dass die KZV Sachsen bei laufenden Verhandlungen Ersatzkassen-Patienten verunsichert. Die Ersatzkassen stehen für eine gute Versorgung ihrer Versicherten und eine sachgerechte Vergütung. Auch das für 2017 angerufene Schiedsamt hat eine ausgewogene Entscheidung getroffen und dabei die Forderungen der KZV berücksichtigt. Zahnärzte hierzulande verdienen zum Teil mehr als ihre Berufskollegen in den alten Bundesländern, was auch an niedrigeren Betriebsausgaben liegt."

Simone Hartmann, Leiterin der TK Sachsen: "Bisher hat die Techniker Krankenkasse Sachsen immer konstruktiv mit den Zahnärzten zusammengearbeitet und über Einzelverträge die Versorgung abgesichert. Unser Verhandlungsziel ist eine für beide Seiten tragfähige Lösung - ohne Schieds- oder Klageverfahren. Daran halten wir weiterhin fest, auch wenn ab diesem Jahr die Verhandlungen über die Zahnarzthonorare im Verbund der Ersatzkassen stattfinden. Wir werden uns im vdek intensiv dafür einsetzen, mit den Zahnärzten in Sachsen einen Kompromiss zu finden." (rnw)

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1Kommentare
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  • 3
    0
    Zeitungss
    13.02.2018

    In unseren Bekannten- und Freundeskreis haben wir uns spontan entschlossen, einen Härtefond für Zahnärzte einzurichten. Wir sind auch bereit in Härtefällen die Kosten für die Informationsblätter zu übernehemen.
    Wissenswert wäre, was so mancher Notarzt (welche auch Leben retten) denkt, wenn er die Zeilen über den sozialen Abstieg der Zahnärzte liest und dabei auf seinen Gagezettel schaut .



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