Familie Müller in New York, oder: Die Sache mit der Salatschüssel

Familie Müller aus Hermsdorf hat Urlaub gemacht: Vater, Mutter und zwei Töchter waren in New York. Eine Woche nur, aber diese Woche werden sie immer mit dem Jahr 2016 in Verbindung bringen. Das hat mit dreierlei Dingen zu tun: a) mit einer Menge Fotos, b) mit der Ferne, die den Blick auf die Heimat schärft und c) mit einer großen Salatschüssel. Und um die drehen wir uns derzeit alle irgendwie.

Wäre es nur nach den Eltern gegangen, wären sie nicht nach New York geflogen. Diese Großstadt! Die Amis! Hektik und Konsum! Wollen wir nicht doch lieber durch Peru oder Chile reisen? Doch Clara und Marlene schüttelten den Kopf. Sie wollten nach New York! Und versprochen ist versprochen: Weil die Töchter, 15 und 17 Jahre, zum letzten Mal mit in den gemeinsamen Familienurlaub fahren würden, durften sie, so hatten sie es vorher vereinbart, das Ziel auswählen. Also packte Familie Müller zu Hause in Hermsdorf bei Hohenstein-Ernstthal die Koffer und flog in den Sommerferien in die Stadt, deren Namen keiner schöner geschmettert hat als Frank Sinatra: New York, New York!

Nach einer Woche waren die Müllers selbst überrascht, was sie als ihre liebste Sehenswürdigkeit benennen würden: die U-Bahn. Die haben Touristen üblicherweise nicht auf ihrem Plan, aber bei Müllers landete sie auf Platz 1. Und diese U-Bahn war es gewissermaßen auch, die Müllers dazu brachte, zurück in Sachsen ein kleines Ausrufezeichen zu setzen: für Freude und Offenheit - und gegen die Wut, die das ganze Jahr über schon wie Rumpelstilzchen durchs Land stapfte.

Müllers sind, wenn man so will, eine ganz normale Familie. Vater Thomas, 45, gelernter Koch und Kellner, sattelte nach der Wende auf Betriebswirtschaft um und arbeitet heute als Außenhandelskaufmann für eine dänische Firma. Nebenher baute er das Bauerngehöft in Hermsdorf, in dem einst die Oma seiner Frau wohnte, zum "Schwalbenhof" mit Ferienwohnung um, den die Müllers nun für Feiern und Veranstaltungen vermieten. Mutter Birgit ist Krankenschwester, die Töchter Clara und Marlene gehen aufs Lessing-Gymnasium in Hohenstein-Ernstthal. U-Bahnen gibt es weder dort noch in Hermsdorf, und es war auch nicht die U-Bahn an sich, die die Müllers in New York begeisterte, sondern die Menschen darin.

"Da stehen Typen im Maßanzug, die sich bei uns in dicken Autos kutschieren lassen würden, neben Leuten in Badeschlappen", zählt Thomas Müller auf. Da stehen Schwarze mit Rasta-Locken neben Asiaten mit ordentlich gelegtem Seitenscheitel neben Hispanos mit Basecaps auf dem Kopf. Da stehen Männer mit Turbanen neben Frauen mit Kopftüchern neben Mädchen mit kurzen Röcken. Da steigt eine Gruppe junger Männer zu, die unvermittelt zu rappen beginnt, und die Mitfahrenden schauen nicht weg, sondern nicken mit dem Kopf, wippen den Fuß oder klatschen mit. An einer anderen Station singen Straßenmusikanten Gospel, Fahrgäste stimmen ein. "Wir wussten in der U-Bahn nie, was uns erwartet", sagt Thomas Müller, "aber es war immer kurzweilig." Das zog sich durch die ganze Woche, durch die ganze Stadt.

Im Central Park erkor eine Gruppe junger Skateboardfahrer Passant Müller aus, sich in eine Reihe mit anderen Leuten zu stellen, die aus aller Herren Länder kamen, darunter ein Chinese, eine Schwedin, und jeder Teilnehmer bekam von den Zuschauern Applaus. Dann flogen die Skateboarder mit Saltos über die Reihe der Nationen - Beifall, Gejohle, klimpernde Münzen im Hut der Straßenkünstler. Anderswo im Getümmel sahen sie einen Schwarzen in weißer Unterhose, auf dessen Hinterteil zu lesen war: "naked cowboy" - und keiner schimpfte. Im Gottesdienst tanzten und sangen die Menschen; und dem jungen Mann auf dem Bordstein, weggetreten und in Decken gehüllt, steckten die Vorbeieilenden Geld in seinen Plastebecher. Die Menschen halfen auch den fremden Müllers. Klappten die einen Stadtplan auf, kam gleich einer, der ihnen zeigte, wo sie sich befanden. Und auf der Halbinsel Coney Island vor New York lud ein gebürtiger Albaner, der seit 15 Jahren in New York lebt, Herrn Müller auf ein Bier ein. "Wenn ich es richtig verstanden habe, wegen des vorbildlichen Verhaltens Deutschlands in der Flüchtlingskrise." Das Bier kostete immerhin 7 Dollar.

Auch in New York ist nicht jeder freundlich, hilfsbereit und tolerant, aber Müllers fiel auf, dass es deutlich mehr Menschen zu sein scheinen, als bei ihnen zu Hause, und das unter außergewöhnlichen Umständen: In New York leben Menschen aus nahezu allen Ländern der Erde, inklusive aller denkbarer Religionen und Lebensanschauungen. "Trotzdem gilt New York als sicherer als viele andere Städte der Welt. Da sieht man doch, dass so ein Zusammenleben gut funktionieren kann", sagt Müller. Mitte der 1980er-Jahre sah das noch anders aus: Mord und Totschlag, die Kriminalitätsrate war hoch. Doch ein neuer Polizeichef in den 90ern nahm sich mit dem damaligen Bürgermeister Rudolph Giuliani - Vorfahren seiner Familie waren italienische Immigranten - des Problems an: Selbst bei kleinen Vergehen sollte nicht mehr weggeschaut werden, es galt die Null-Toleranz-Politik gegenüber Kriminalität. Die Theorie dahinter: Eine eingeschlagene Fensterscheibe sieht zwar nicht nach dem großen Problem aus, zieht aber schnell weiteren Vandalismus und weitere Verrohung nach sich. Die Kehrseite der Medaille, sagen Kritiker, ist eine übertriebene Polizeipräsenz mit verschärfter Diskriminierung und willkürlichen Durchsuchungen, zudem mag die Strategie nicht in jeder Stadt aufgehen - aber Fakt ist: In New York sank die Kriminalitätsrate.

Aber das ist nur ein Punkt, warum die Müllers New York - auch trotz aller Terrorgefahr und der Geschichte des 11. Septembers - als erstaunlich friedlich wahrnahmen. Ein anderer Punkt ist die Politik, zumindest die bisherige: "Die USA sind ein klassisches Einwanderungsland", erklärt Heidrun Friese, Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz. Sie selbst hat ein Jahr in New York gelebt. Zwar war vom Schmelztiegel USA die Rede, in den Menschen einwandern und sich später als Amerikaner fühlen. Doch schmolzen die Kulturen nicht zusammen, vielmehr bildeten sich in Städten Gebiete, die von Einwanderungsgruppen geprägt waren oder sind, Chinatown von Asiaten beispielsweise, Little Italy von Italienern. Deshalb ist die Wissenschaft zu einem anderen Begriff übergegangen: Sie spricht nicht mehr vom "Melting Pot" für "Schmelztiegel", sondern von der "Salad Bowl", der "Salatschüssel". Die Idee: Eine Tomate bleibt eine Tomate, aber mit vielen anderen Zutaten macht sie die Einzigartigkeit eines Salats aus. Anders gesagt: Der italienische Einwanderer legt seine kulturelle Prägung nicht ab, aber mit den Zuwanderern aus anderen Ländern macht er die Einzigartigkeit einer Stadt wie New York aus. "Deutschland hingegen hat es abgelehnt, sich als Einwanderungsland zu definieren, obwohl Ost wie West Gastarbeiter ins Land holten, aber die sollten nach getaner Arbeit wieder gehen", so Friese. "Deshalb tun sich Deutsche bis heute schwerer damit, Zuwanderer zu akzeptieren." Hinzu komme, dass in den USA weniger danach gefragt werde, woher man kommt, sondern, welcher Traum einen treibt. "Es geht um das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Versprechen, dass jeder Amerikaner nach Glück streben darf - das betrifft auch die Zuwanderer."

Inwieweit das unter dem neuen Präsidenten Donald Trump so bleiben wird - man weiß es nicht. Clara und ihr Vater jedenfalls begannen, die Menschen in der einzigartigen Salatschüssel zu fotografieren. Entweder nutzten sie ein Teleobjektiv, oder sie fragten, ob sie fotografieren dürfen. "Nicht einer hat Nein gesagt", erzählt Thomas Müller. Ungefähr 3000 Fotos kamen zusammen, etwa 40 davon hängen jetzt bis zum März im Lessing-Gymnasium in Hohenstein-Ernstthal. Denn: "In diesem Jahr war mir besonders stark aufgefallen, wie schlimm sich manche Leute äußern", erzählt Müller. Wie sie sich ereifern über Flüchtlinge, Einwanderer, Ausländer. Er sah es in den Nachrichten, las es in Facebook-Gruppen, hörte es unterwegs. Mit pegidanischer Wut könne er nichts anfangen. "Erst hatte ich das Gefühl, gegen diese Wut nichts ausrichten zu können, aber dann kam mir der Gedanke, mit den Fotos ein kleines Zeichen setzen zu können." Clara und er wählten Fotos aus, die sie vergrößern und rahmen ließen, um sie im Lessing-Gymnasium an die Wände bringen zu können. Als Zeichen, wie ein gutes Miteinander geht - eben nicht verkniffen, missmutig, wegsehend und um andere einen Bogen schlagend. Bei Schulleiter Klaus Hoppe rannten sie mit den Fotos offene Türen ein.

"Als Gymnasium wollen wir auch Weltoffenheit vermitteln", sagt er. "Es ist okay, dass es verschiedene Sichtweisen zu diesem Thema gibt, aber ich habe schon das Gefühl, dass in Sachsen gegenüber Fremden viele Vorbehalte aus Unwissenheit heraus existieren, dass vieles ohne eigene Erfahrung nachgeredet wird." Hohenstein-Ernstthal selbst stellt er aber ein gutes Zeugnis aus. Ehemalige Schüler des Gymnasiums etwa, so erzählt er, halfen ausländischen Kindern, Deutsch zu lernen. "Das fand ich so klasse, dass wir das fortführen wollen." Gymnasiasten werden nun ausländischen Kindern von der Grund- oder Mittelschule bei Bedarf in verschiedenen Fächern helfen. 15 Schüler aus den Klassenstufen 10 und 11 wollen die Nachhilfe geben. Ab Januar soll das Projekt starten, auch mithilfe des ortsansässigen Vereins Netzwerk Zukunft Sachsen.

Dort knüpft Susann Löffler die Verbindungen zwischen ausländischen Familien und dem Gymnasium. In dem Verein engagieren sich rund 150 ehrenamtliche Helfer aus der Region Hohenstein-Ernstthal und Oberlungwitz. Sie bieten Flüchtlingen Hilfe bei Behörden- und Arztbesuchen an, übernehmen Patenschaften, suchen Vereine, in denen sich Asylsuchende einbringen können. Der Verein selbst wurde dafür mit dem Deichmann-Förderpreis für Integration ausgezeichnet. "Viele Ausländer sagen über die Hohenstein-Ernstthaler, dass sie am Anfang zurückhaltend waren, aber mittlerweile eine überwältigende Hilfsbereitschaft an den Tag legen", erzählt Susann Löffler.

Auch Jennifer Alkhourj weiß das. Die 15-Jährige aus dem Libanon lebt mit ihrer Familie - den Eltern und drei jüngeren Brüdern - seit November 2015 in Deutschland, nach mehreren Stationen jetzt in Hohenstein-Ernstthal. Als Christen seien sie vor Verfolgung und Unterdrückung aus ihrer Heimat geflohen. Ihr Asylverfahren laufe noch. "Hier in Hohenstein-Ernstthal haben die Leute im Supermarkt oder beim Einkaufen schon erst geschimpft und gesagt, wir sollen Deutsch sprechen. Das machen wir jetzt auch, und nun sind die Menschen gut zu uns." Wenn sie auf das vergangene Jahr zurückschaut, welcher Moment war der beste für sie? "Als meine Lehrerin mich lobte, weil ich schnell Deutsch gelernt habe."

Ein zentraler Punkt auf dem Weg zum friedlichen Miteinander: "Wichtig ist, dass Menschen, die zu uns kommen, die Sprache lernen und unsere Gesetze anerkennen", sagt Professorin Friese, "im Gegenzug müssen wir die bürokratischen Hürden für Einwanderung und unseren Alltagsrassismus abbauen." Und: "Ganz wichtig ist, dass wir verstehen, dass es oft nicht um kulturelle, sondern um soziale Probleme geht. Wir neigen dazu, jedes Problem auf Kulturen zu schieben, aber das ist falsch." Probleme entstünden viel öfter daraus, dass es überall unterschiedliche Schichten gibt, die sich von Einkommen, Habitus und Bildungsgrad unterscheiden. "Ich beispielsweise habe mit einem Wissenschaftler aus Simbabwe mehr Gemeinsamkeiten als mit manch Deutschem", sagt Friese.

Müllers würden in New York vermutlich auch etliche Leute finden, mit denen sie viele Gemeinsamkeiten feststellen könnten. Die Reise in diese Stadt jedenfalls gehört zu ihren Höhepunkten 2016. Was sich Thomas Müller für das neue Jahr wünscht? "Das wir alle etwas gelassener werden."

Wenn Clara in ihrer Schule an den Fotos von New York vorbeigeht, freut sie sich immer wieder. "New York war so cool!" Aber: Cool sein ist kein Alleinstellungsmerkmal. Jennifer Alkhourj wünscht sich für 2017: "Dass meine Familie und ich in Deutschland bleiben können. Deutschland ist schön, Deutschland ist cool."

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1Kommentare
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  • 1
    1
    KristinS
    01.01.2017

    Ein gelungener Beitrag passend zum Start in ein neues Jahr. Vielleicht schaffen wir es ja tatsächlich, etwas gelassener zu werden und andere in unsere Mitte aufzunehmen. Toll, dass Familie Müller der Freien Presse ihre Erlebnisse schilderte.



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