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Katia Saalfrank erklärte im Dresdner Hygienemuseum, warum Kinder ohne Strafen viel besser aufwachsen.

Foto: Ronald Bonss

Fernseh-Pädagogin Katia Saalfrank hält nichts von Strafen

Die Familienberaterin über konstruktive Elternreaktionen, mehr Respekt vor kindlichen Bedürfnissen und gespiegelte Gefühle

erschienen am 15.04.2018

Kinder brauchen Führung und Grenzen, um an soziale Normen herangeführt zu werden. Doch ob es dazu Strafen bedarf oder nicht, ist umstritten. Susanne Plecher fragte bei Diplompädagogin Katia Saalfrank nach, die vielen aus dem Fernsehen noch aus dem Format "Die Super Nanny" bekannt ist.

Freie Presse: Frau Saalfrank, wie sinnvoll finden Sie Strafen in der Erziehung?

Katia Saalfrank: Aus entwicklungspsychologischer Sicht erscheinen Strafen und Sanktionen als pädagogische Maßnahme nicht sinnvoll. Sie beschädigen vor allem das Vertrauen. Das führt zu einer belasteten Atmosphäre in der Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Wie lernen Kinder, Respekt zu haben, ohne dass ihnen Strafen drohen?

Kinder lernen Respekt vor anderen Menschen, wenn ihre eigenen Bezugspersonen respektvoll mit ihnen selbst umgehen. Wenn sie in einer dauerhaft wertschätzenden Atmosphäre aufwachsen, in der ihre eigenen Grenzen gewahrt und geachtet werden. Und zwar bedingungslos, auch und gerade dann, wenn Konflikte entstehen. Wertschätzend zu bleiben und die Grenzen des Kindes auch dann nicht zu verletzen, wenn das Kind unsere Grenze übertreten hat, das ist entscheidend. Mit Kindern so umzugehen, heißt nicht, dass sie sich selbst überlassen und führungslos sind. Im Gegenteil. Es geht hier um eine andere, eine achtsame Art der elterlichen Führung, die nicht abwertet und Angst macht. Die Entwicklungspsychologie lehrt uns, dass Kinder grundsätzlich Teamworker sind. Sie verweigern die Zusammenarbeit mit den Erwachsenen nur, wenn sie gekränkt werden oder überfordert sind.

Was können Eltern dann tun?

Gut ist erst einmal, wenn sie sich das klar machen und ihre Kinder nicht mit Drohungen und Strafen unter Druck setzen. Wir können Verständnis haben. Wenn Kinder überfordert sind, können wir den Druck rausnehmen und sie entlasten. Wenn Kinder gekränkt sind, können wir mit ihnen in Dialog gehen und uns entschuldigen. So machen wir das in unserer Partnerschaft ja auch. Das Kind erfährt: Ich bin es wert, Zuwendung zu erfahren. Meine Eltern sehen, wie es mir geht, ich werde verstanden. So werden Kinder gerade in solchen Konfliktsituationen und Krisen gestärkt, und ihr Selbstvertrauen kann wachsen.

Das wollen die meisten Eltern ganz sicher, und es funktioniert auch, solange das Kind ihren Vorstellungen entspricht. Warum tun sich viele so schwer damit, zu akzeptieren, dass ihr Kind manchmal einfach anders tickt?

Kinder "ticken" nicht, sie haben emotionale Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Geborgenheit, Verbundenheit, Dazugehörigkeit, das Bedürfnis wertvoll für jemanden zu sein, autonom sein zu dürfen und noch viele mehr. Eltern übersehen diese elementaren Grundbedürfnisse bei ihren Kindern häufig oder können sie gerade in Konfliktsituationen nicht gut lesen. Zusätzlich haben sie noch unrealistische oder überhöhte Erwartungen. Für das Kind sind das emotionale Notsituationen.

Was bedeutet es denn für das Kind, wenn Eltern mit Sanktionen reagieren und seine Bedürfnisse übergehen?

Es nimmt mit, dass es nicht okay ist, dass seine Gefühle nicht richtig sind, dass es selbst schuld ist und dass seine Bedürfnisse ignoriert werden. Das kann zur Folge haben, dass ihm die Fähigkeit, Empathie zu entwickeln, nicht gegeben oder zerstört wird. Es kann sich nicht mehr in andere einfühlen, weil sich niemand in seine Lage einfühlt. Das ist auch ein Kreislauf und erklärt, warum es für Eltern nicht so einfach ist, aus dem strafenden Umgang herauszufinden. Denn die meisten Eltern, die strafen, sind selbst gestrafte Kinder. Sie haben eine Desensibilisierung erfahren. Kinder werfen uns auf uns selbst zurück. Gerade wenn man unter Stress gerät, werden eigene frühe Bindungs- und Beziehungsmuster aktiviert, Situationen, in denen wir uns als Kind selbst klein und hilflos gefühlt haben. Das Gefühl nimmt dann in Situationen mit unseren Kindern überhand und führt dazu, dass ein Erwachsener jemanden, der sowieso viel kleiner ist, strafen oder abwerten muss. Wichtig ist, sich zu sortieren: Was ist meine Verantwortung für das Kind? Und was ist meine eigene Geschichte?

Lässt sich der Kreislauf unterbrechen?

Ja, wenn man die Entscheidung trifft, es anders machen zu wollen. Ohne sich ein Stück zu reflektieren und der eigenen Gefühle bewusst zu werden, kann man sein Verhalten allerdings nur schwer ändern.

Was kann man im Alltag konkret tun?

Bewusst eine Verbindung zu sich selbst herstellen und schnell ablaufende Muster verlangsamen. Es gibt immer einen Punkt, an dem man das Abgleiten in die üblichen Verhaltensmuster stoppen kann. In Stresssituationen kann man ganz bewusst auf körperliche Reaktionen achten, bevor man in die emotionale Rutsche, das Schreien und die eigene Wut gerät. Das braucht ein wenig Übung und Geduld mit sich selbst. Im Akutfall kann man eine Notfallstrategie entwickeln: Ein paar ruhige Atemzüge, im Ernstfall auch mal den Raum verlassen. Das ist besser als das Kind wegzuschicken, es zu strafen oder anzuschreien. Manchmal ist es auch für den Anfang gut, sich Unterstützung von Außen zu holen.

Wie können Eltern denn in einer Stresssituation angemessen reagieren?

Indem sie die Gefühle ihres Kindes spiegeln, authentisch, mitfühlend, ohne Übertreibung oder eine Künstlichkeit. Sie können sagen: Ich sehe, dass du dich ärgerst. Ich kann das verstehen, ich ärgere mich auch darüber und es tut mir leid.

Aber man kann ja nicht für alles Verständnis aufbringen, oder?

Warum nicht? Wir zeigen damit, dass wir die Position des anderen verstehen, ich kann ja trotzdem anderer Meinung sein. Verständnis für eine Position aufzubringen ist eine der Grundvoraussetzungen für einen gelingenden wertschätzenden Dialog. Ohne den geht es nicht, auch nicht in der Erwachsenenwelt.

Auf ein Kind, das schlägt, sollte schon reagiert werden, oder?

Ja, eine Reaktion finde ich auch wichtig. Es geht mir dabei vor allem um die Art und Weise. Kinder grenzen sich oft über dieses Verhalten ab. Und da sie das noch nicht immer mit Worten können, tun sie es physisch, indem sie hauen. Mit einer Strafe oder einem Verbot ist so ein Konflikt nicht konstruktiv zu lösen, denn es ist ja damit nichts geklärt. Offensichtlich ist das Kind wütend. Es weiß meistens schon, dass Treten oder Hauen nicht in Ordnung ist.

Warum tut es das trotzdem?

Weil es noch keine anderen Strategien hat und nicht anders kann. Indem wir jetzt nur schnell versuchen, sein Verhalten zu ändern, sehen wir nicht, welches Gefühl ursächlich ist und welches Bedürfnis dahinter liegt. Haut ein Junge auf der Rutsche einen anderen und wird von seinem Vater ausgeschimpft, versteht er nur: "Ich hab etwas gemacht, was nicht in Ordnung ist." Was aber tatsächlich dazu geführt hat, dass das Kind sich - in diesem Fall durch Hauen - abgegrenzt hat, wird nicht gesehen. Es wäre sinnvoll, wenn der Vater seinem Sohn hier neue Handlungsalternativen vorleben könnte und nicht nur das Verhalten bewertet und sanktioniert.

Wie könnte er denn besser reagieren?

Indem er beide Kinder in einen Dialog bringt: Was ist passiert, worüber ärgert ihr euch so? Man kann für jedes der beiden Kinder Verständnis zeigen, ohne einverstanden zu sein, mit dem, was sie tun.

Wie geht es weiter? Gefühle spiegeln?

Genau. Er kann sein Kind fragen und Gefühle spiegeln: "Du hast dich ja wahnsinnig geärgert. Was war denn da oben los?" Alleine die Möglichkeit zu haben, alles mit einem Gefühl verknüpfen zu können, hilft den Kindern, mehr über die eigenen Bedürfnisse zu erfahren. Dann kann der eine dem anderen sagen: "Du rutschst mir zu langsam." Und: "Du bist mir zu schnell." Es geht dann nicht darum, wer recht hat, sondern wie die beiden das klären und dann auch miteinander rutschen können.

Das neue Buch "Kindheit ohne Strafen" ist bei Beltz erschienen. Preis: 17,95 Euro.

Katharina Saalfrank

Sie ist Pädagogin, Fernsehdarstellerin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann in Berlin, wo sie eine Eltern- und Familienberatungspraxis führt.

Als Super Nanny ist sie von 2004 bis 2011 bei RTL aufgetreten.

Seit 24 Jahren ist sie selbst Mutter. Die Mittvierzigerin hat vier erwachsene Söhne.

 
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