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Schauspieler Gojko Mitić zwischen legendären Fotos: Das rechte zeigt ihn als Indianer in Defa-Filmen der DDR, das linke das Pedant im Westen, Pierre Brice als Winnetou.

Foto: Horst Ossinger/dpa

Gojko Mitić: "Es geht darum, Partei zu ergreifen"

Der Schauspieler steht wieder auf der Bühne - und ja, es ist eine Indianerrolle. Ein Gespräch über Fliegender Pfeil, das einstige Jugoslawien und das DDR-Publikum

erschienen am 15.06.2017

Er war der "Chef-Indianer" der Defa, und er ist dieser Rolle treu geblieben: Gojko Mitić. Zurzeit ist er im Ensemble der Landesbühnen Sachsen mit dem Stück "In Gottes eigenem Land" unterwegs. Es geht auf einen historischen Roman von Eberhard Görner über den deutschen Pfarrer Heinrich Melchior Mühlenberg zurück, der im 18. Jahrhundert die evangelischen Gemeinden in den USA einen sollte. Eigens für seinen Freund Gojko Mitić hat Eberhard Görner die Figur des Häuptlings Fliegender Pfeil erfunden, der zwischen die Fronten der Parteien im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gerät. Darüber und über das, was einen Indianer sonst noch bewegt, sprach Matthias Zwarg in Radebeul nach einer ausverkauften Vorstellung mit Gojko Mitić.

(Gojko Mitić schaut auf das Diktiergerät, die "Technik des Weißen Mannes".)

Freie Presse: Sie haben gerade den Häuptling Fliegender Pfeil gespielt - Ihre wievielte Indianerrolle ist das?

Gojko Mitić: Oh - das sind zwölf Indianerfilme, drei Karl-May-Filme, Winnetou in Bad Segeberg, Intschu tschuna in Bad Segeberg, dann hab' ich da noch eine andere Rolle ge-spielt, und wenn ich den Kinderfilm noch mit nehme, "Der lange Ritt zur Schule" - dann sind das jetzt 20.

Wie sind Sie zu dieser Rolle im Stück "In Gottes eigenem Land" gekommen?

Eberhard Görner und ich stellten den Roman im Karl-May-Museum vor, da wurde der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Manuel Schöbel, aufmerksam und meinte, das könnte man auf die Bühne bringen. Ich dachte erst, das wird nichts. Und als es ernst wurde, konnte ich erst mal nicht nein sagen. Wir hatten auch schon bei Lesungen sehr viele schöne Erlebnisse, man kann sagen, Erfolge. Es geht ja um deutsche Geschichte. Und das ist das, was die Leute jedes Mal überrascht. Wer ist dieser Mühlenberg? Und das passiert auf amerikanischem Boden! Und da kommt noch ein Indianer vor. Das ist wahnsinnig, wenn man sich das überlegt. Das war für mich ausschlaggebend - die Zuschauer sollen erfahren: Das ist eine deutsche Geschichte. Ohne Mühlenberg wäre die lutherisch-evangelische Kirche in den USA nicht denkbar.

Wie ordnen Sie Ihre Rolle des Häuptlings Fliegender Pfeil ein?

Es ist keine reale Figur, aber sie könnte real sein, weil so die Verhältnisse in diesem Lande zu dieser Zeit waren. Das war ein europäischer Krieg auf amerikanischem Boden. Vom Norden kamen die Franzosen, vom Süden die Spanier, und die Engländer waren schon da. Und mittendrin waren die Indianer. Mit wem sollen sie gehen? Diese Frage ist hier angerissen. Die Weißen wollten ja Land, das ist die Gier des Weißen Mannes, sein Hunger nach Land ist unermesslich. Das stellt der Indianer fest, aber was soll er machen? Er muss mit ihnen verhandeln, um zu überleben.

Zum Schauspielen sind Sie durch Ihr Sportstudium in Belgrad gekommen.

Ja, ich wollte damals als Student ein bisschen Taschengeld verdienen. Damals wurden sehr viele Filme in Jugoslawien gedreht. Da waren die Italiener, die Westdeutschen, Franzosen, Engländer. Eines Tages kamen Regieassistenten zur Sporthochschule und suchten Jungs, die reiten und fechten können. Ich sage, na ja, gut, das können wir alles machen. Ich war unter denjenigen, die ausgesucht wurden. Am Anfang war ich Double von einem Hauptdarsteller, das war ein historischer Ritterfilm. Da hab' ich mir diese Rüstung angezogen, rauf aufs Pferd, ich konnte gerade mit zwei Fingern so die Zügel halten - ich vorneweg und hinter mir so 200 Pferde. Wenn man da abgeht, dann klappert's ganz schön. Aber irgendwie hab' ich's wohl gut gemacht - so fing das an. Ich bekam erst kleinere Rollen, dann wurden sie größer. Aber ausschlaggebend war der Defa-Film "Die Söhne der Großen Bärin" 1966. Da wusste ich, dass ich weitermachen will. Das war der Wegweiser für mich.

Warum sind Sie dann der Defa treu geblieben? Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

Ich hatte drei Karl-May-Filme gemacht, und es liefen schon Gespräche für den nächsten, aber es war noch kein Vertrag da. Und da kam die Defa nach Jugoslawien und suchte Motive und den Hauptdarsteller für "Die Söhne der Großen Bärin". Sie sahen ein Foto von mir bei Jugoslavia-Film - und boten mir die Hauptrolle an. Ich war damals neugierig auf die DDR. Bereut habe ich diese Entscheidung nicht. Das, was ich in der DDR erlebt habe, was ich da vom Publikum bekommen habe, das kann man nicht bezahlen, das kannst du nicht kaufen. Nach dem ersten Film, wo ich diese Premierenfahrt in der DDR und das alles erlebt habe, kam ich nach Belgrad zurück, hab' noch nicht mal die Koffer ausgepackt, da rief schon der Produzent aus der DDR an: Nimm nichts an, wir machen den nächsten Film. Ich war vor kurzem in Russland bei einem Filmfestival, da haben sie einen meiner Filme gezeigt, und ich kam erst eine halbe Stunde später zum Publikumsgespräch. Der ganze Saal war voll, da haben die Leute gewartet auf mich. Das gibt es nicht - nach so langer Zeit!

In Ihren Indianerfilmen haben Sie alle Szenen selbst gedreht, keine Stunts, kein Double?

Ja. Das sieht man doch auch.

Welches ist Ihr Lieblings-Defa-Indianerfilm?

Vielleicht "Apachen" - den hab' ich selbst geschrieben. Oder "Osceola". Ja, der ist interessant. Das ist eine Biografie. Der Film ist sehr gut recherchiert. Das ist das, was den Indianern wirklich passiert ist. Was man denen angetan hat. Die Filme haben eine Botschaft. Und das ist das, glaube ich, was bei den Leuten auch ankommt. Dass es nicht nur Schwarz-Weiß ist und Schießerei und so, sondern dass man Partei ergreift. Das hat die Defa wirklich erreicht: ein Vorbild zu schaffen. Und diese Vorbildfunktion - das ist das, was wir heute leider kaum haben.

Haben Sie sich durch den Erfolg in der DDR privilegiert gefühlt?

(lacht) Ja, ich bin richtig mit der Nase hoch gelaufen. Nein, ich hab' mich nicht privilegiert gefühlt. Ich hatte damals eine Freundin und wollte sie mitnehmen nach Jugoslawien, Urlaub machen. Führte kein Weg hin - sie haben sie nicht aus der DDR rausgelassen. Da kann ich nicht sagen, dass ich privilegiert war.

Hat es Sie gestört, so sehr auf Indianerrollen festgelegt zu sein?

Ja, natürlich, wie bei jedem Schau-spieler - diese Schublade, ich wollte immer wieder rausspringen. Man hat ja auch andere Rollen gemacht. Aber trotzdem, viele Zuschauer haben den Indianer bevorzugt. Eberhard Görner: Das ist auch ein Unterschied, ob man die große Leinwand hat oder ob man Fernsehen schaut. Er hat ja viele andere Rollen fürs Fernsehen gespielt. Aber das bleibt nicht hängen - aber die große Leinwand, die prägt.

Sie haben auch Theater gespielt, darunter in "Einer flog übers Kuckucksnest", auch eine Indianerrolle. Und im "Kinoerzähler" nach dem Buch von Gert Hofmann aus Limbach-Oberfrohna.

Ja. Und "Spartacus" im Bergtheater Thale, dann in "Diener zweier Herren", in "Drei Musketiere", "Vier Musketiere", "Robin Hood"...

Gab es für Sie 1990 einen Bruch wie für viele andere Schauspieler und Künstler, die in der DDR gearbeitet haben?

Ich glaube nicht. Ein Jahr vor der Wende hab ich ein Häuschen gekauft, mehr Glück als Verstand gehabt. Da musste ich so Hand anlegen - meine Oma hat behauptet, ich wäre handwerklich begabt. Und dann kam gleich meine Rolle bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg. Natürlich hab' ich gemerkt, dass viele meiner Kollegen, die wirklich gut waren, auf dem Schlauch stehen.

Eberhard Görner: Und viele haben auch in der Langzeitwirkung Schaden genommen. Wenn ich da an Dieter Mann denke oder Alexander Lang oder Katja Paryla. Viele haben das nicht verkraftet.

Gojko Mitić: Ich hatte durch Bad Segeberg mein Netz. Ich hatte erst überlegt, ob ich das machen soll, ob man davon leben kann. Ich wollte erst nicht, ich wollte keinen Indianer auf der Bühne machen. Dann hab' ich mir das aber alles angeguckt und gesagt, okay, erst mal für ein Jahr. Mit Option für das nächste Jahr. So kam man immer von Option zu Option - 15 Jahre war ich da. 1024 Vorstellungen hab' ich gespielt. Das glaub' ich selber nicht! Aber das war immer so im Sommer - und ab und zu konnte man auch noch einen Film machen oder was fürs Fern- sehen.

Sie kommen aus Serbien ...

Ja, ich bin ein "böser Serbe" (lacht) . Böser Serbe, na ja, weil es wurde schon damals so durch die Medien eingeordnet. Obwohl viele deutsche Journalisten, die danach da waren, immer wieder Lügen aufgedeckt haben. Die Regierung damals, die hat das Volk hier belogen. Es gab einen Film von Jo Angerer und Mathias Werth, die waren in Kosovo, als alles vorbei war. Die haben widerlegt, was Rudolf Scharping und Joschka Fischer behauptet hatten. Scharping sagte, die Serben halten die Albaner im Stadion in Pristina hinter Stacheldraht gefangen. Joschka noch einen drauf: Nie wieder Auschwitz! Würde jeder von uns sagen. Jetzt stehen die Kamera und die Leute bei einem Albaner auf einem Hochhaus und gucken direkt auf das Stadion, und da fragten sie, was damals war. Und die sagen: Nein, hier wurde niemand festgehalten. Mit diesen Lügen hat man versucht, die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zu beeinflussen - und deshalb hab' ich gesagt, ich bin ein böser Serbe.

Ihr Vater hat bei den Partisanen gegen den Faschismus gekämpft. Hat Sie das beeinflusst?

Die Serben waren das, sie haben gegen den Faschismus gekämpft. Ich war ein kleines Kind damals. Ich kann mich nicht erinnern. Später hab' ich meinen Vater erlebt, aber da lag das alles lange zurück. Er hat mich geprägt durch seine Haltung, seinen Willen, er war ein Mann, der für die Gerechtigkeit durchs Feuer gegangen wäre. Er hatte vor nichts Angst gehabt. Sogar die Polizei hatte Respekt vor ihm.

Was empfinden Sie, wenn Sie heute auf Ihre Heimat und auf die Welt schauen?

Es ist traurig, was man mit dem Bal-kan gemacht hat. Das war das erste, was man zerschlagen hat. In dem Moment, wo der Ostblock zerfallen ist, hat man Jugoslawien zerschlagen. Warum, frage ich mich. Könnte man nicht sagen, Jugoslawien, das ist ein Land, das ziemlich frei war, ich konnte mit meinem jugoslawischen Pass überall in Ost und West ohne Visum reisen. Wieso hätte man nicht sagen können, passt mal auf, Leute, nach Europa, alle zusammen. Aber warum hat man erst mal Krieg gemacht? Das ist nicht von dem kleinen Mann ausgegangen. Es wurde reingetragen. Tut mir leid. Und das geht weiter. Irak, Syrien. Warum? Hat man denn nichts gelernt? Und das ist das Problem: Wenn man sich mit den Russen anlegt, das kann ins Auge gehen. Was ich jetzt sehe, ist, die zwingen Putin, wieder aufzurüsten. Ich lese das ständig in serbischen Medien. Die Engländer sagen selbst, die Russen haben jetzt den besten Panzer, die können da gar nicht mithalten. Warum? Muss das sein? Ich versteh' die Welt nicht mehr, wirklich.

Und wenn Sie auf die USA sehen?

Das hat sich nicht geändert. Ich hab' damals ein Interview gegeben, als Bush den Irak bombardiert hat. Da habe ich gesagt: Die restlichen Indianer der Welt leben noch nicht in der Reservation. Wenn du überlegst, wie viele Stützpunkte der Ami auf dieser Erde hat! Aber ohne Russland geht nichts - wenn man sich überlegt, was diese Menschen geopfert haben, 20 Millionen Opfer. Die sind zu Fuß von Stalingrad bis Berlin gekommen. Die waren die Befreier.

Im Herbst soll "In Gottes eigenem Land" eventuell in den USA aufgeführt werden. Mit Ihnen?

Ich weiß nicht. Wahrscheinlich hab' ich keine Zeit. Und für die Amis ist das unwichtig, ob ich spiele. Die kennen mich nicht.

Aber es gäbe auch dort eine Botschaft ans Publikum.

Ich weiß nicht, ob die das auch so verstehen wie wir. Der Ami hat sein Publikum ganz anders erzogen. Er braucht einen Feind. Wenn keiner da ist, dann müssen die Aliens herhalten. Aber wenn Lebewesen aus dem All zu uns kämen, dann friedlich, die wären weiterentwickelt. Die wären nicht so primitiv wie wir, sich gegenseitig umzubringen.

Gojko Mitić (links) in dem neuen Theaterstück "In Gottes eigenem Land", das derzeit in Sachsen zu sehen ist.

Foto: Landesbühnen Sachsen

Der "Chef-Indianer" auf aktueller Theaterbühnen-Tour

Gojko Mitić wurde am 13. Juni 1940 in Jugoslawien, im heutigen Serbien, geboren. Der Schauspieler und Regisseur erlebte in der DDR als Darsteller historischer und fiktiver Indianerpersönlichkeiten in zahlreichen Defa- Filmen große Popularität. Zudem spielte er Theater und Fernsehrollen.

Nächste Aufführungen des Theaterstücks "In Gottes eigenem Land", in dem er mitspielt: heute, 20.30 Uhr, Neue Burgfestspiele Meißen; 17. Juni, 20.30 Uhr, Neue Burgfestspiele Meißen; 22. Juni, 20 Uhr, Schloss Hartenfels Torgau; 24. Juni, 19.30 Uhr Eisleben Kulturwerk; 30. Juni und 1. Juli, je 20 Uhr, Franziskaner-Kloster Zeitz. www.landesbuehnen-sachsen.de

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

 
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Kommentare
7
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 18.06.2017
    11:46 Uhr

    994374: Sehr gutes Interview. Das mit der Zerschlagung Jugoslawiens ist plausibel. Die ethnische Vielfalt des Landes war allerdings eine hilfreiche Voraussetzung für den perfiden Plan. Deshalb sollte ja eine vernünftige Politik auf die Dosis und die Art der Immigration achten. (Wie USA, Kanada, Australien...?) Das ist allerdings nix Neues!

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  • 17.06.2017
    21:41 Uhr

    aussaugerges: Es kommt eben alles ans Tageslicht von der Lügenpresse.

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  • 17.06.2017
    15:24 Uhr

    aussaugerges: Lieber Freigeist da ich in Kälte Industie beschäfigt war und an Kongressen
    teigenommen hatte,ging es darum das letzte ,,Schwarze Schaf,, in der Weißen Industrie auszuschalten.

    Da hatte die Treuhand Herrn Günter in Scharfenstein schon mit einer Hubschrauberlandung gestoppt.

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  • 17.06.2017
    11:48 Uhr

    Freigeist14: Es existiert die These,das Jugoslawien zerschlagen wurde,weil der Staat nach dem Ende der Blockkonfrontation die größte Armee in Mittel/Südeuropa unter Waffen gehabt hätte.Die sofortige Anerkennung der Staaten Slowenien und Kroatien 1991 durch Genscher verschärfte den Konflikt entscheidend.

    2 4
     
  • 16.06.2017
    21:02 Uhr

    aussaugerges: Hat mir sehr gut gefallen.
    Teilen und Herrschen so wurde das letzte halbsoz. Land zerhackt.

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