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Nur die Schnauze des Schützenpanzerwagens stand im Westen, als Wolfgang E. im April 1963 damit gegen die Berliner Mauer fuhr.

Foto: Archiv Alex Waidmann

Im Panzerwagen durch die Mauer

Am Dienstag vor 55 Jahren stahl Wolfgang E. einen russischen SPW-152. Der 19-Jährige will raus aus Ostberlin. Das gelingt ihm auch - unter Beschuss. Zurück bleibt ein großes Loch in der Mauer. Und eine Mutter, die kein Wort mehr mit ihm reden wird.

Von Philipp Hedemann
erschienen am 16.04.2018

Berlin. "Ich haue ab. Ich fahre mit dem Panzerwagen durch die Mauer. Wollt Ihr mit?", ruft Wolfgang E. einem Pärchen in Ostberlin zu. Es ist der 17. April 1963. Wolfgang E. hat die Frau und den Mann noch nie gesehen. Er weiß, dass ihm die Aufforderung zur Flucht mehrere Jahre Zuchthaus einbringen kann. Es ist ihm egal. Für ihn gibt es ohnehin keinen Weg mehr zurück. Für den 19-Jährigen gibt es nur noch einen Ausweg - und der führt mit einem russischen Panzerwagen SPW-152 durch die Berliner Mauer.

6,55 Meter lang, 8,6 Tonnen schwer, bis zu 1,4 Zentimeter Stahlpanzerung. Der SPW-152 war für die Sowjetarmee entwickelt worden, um Panzergrenadiere in die Schlacht zu transportieren. Bei der Truppenparade am 1. Mai 1963 sollte das schwere Gefährt erstmals in der DDR präsentiert werden. Doch als E. den Wagen zwei Wochen zuvor in einer Kaserne der Nationalen Volksarmee (NVA) in Ostberlin entdeckt, hat er schnell einen anderen Plan für den SPW-152 - im NVA-Jargon "Eisenschwein" genannt.

"Mit dem kannst du die Mauer durchbrechen", denkt sich der 19-Jährige, der 1963 als ziviler Fahrer für die NVA arbeitet. Kurz darauf stiehlt er den Panzerwagen - und fährt mit rasendem Herzen los. Bis zur Mauer sind es nur ein paar Kilometer. Jene Mauer, deren Bau er keine zwei Jahre zuvor als NVA-Soldat mit abgesichert hat.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 patrouilliert Wolfgang E. mit seinem Bataillon in Berlin. Unmittelbar zuvor hatte Erich Honecker, damals Sekretär für Sicherheitsfragen im Zentralkomitee, den Befehl zum Mauerbau gegeben. "Wir sollten aufpassen, dass nicht noch auf den letzten Drücker Leute abhauen", berichtet Wolfgang E. fast 55 Jahre später in seinem Wohnzimmer. Hätte er geschossen, wenn er jemanden hätte fliehen sehen?

"Tja, das ist eine gute Frage", sagt der ehemalige Soldat. Dann schweigt er. Lange. Er denkt nach. Schließlich sagt er: "Die Gutmenschen würden diese Frage natürlich ganz fix mit: 'Nein, auf keinen Fall!' beantworten. Aber ich kann das nicht so eindeutig." Wolfgang E., der nach seiner Flucht Geschichts- und Biologielehrer in Niedersachsen wurde, weiß, dass seine Antwort verstören kann. Es ist ihm egal. Er ist ein ehrlicher Mann. Er hat nicht darum gebeten, ihn nach seiner Zeit als Soldat zu fragen. Wenn seine Antworten nicht gefällig sind, ist es nicht sein Problem.

"Uns haben sie damals erzählt, dass uns der Antifaschistische Schutzwall vor den Revanchisten und Militaristen aus dem Westen schützen sollte. Aber geglaubt haben das wohl die wenigsten", sagt der ehemalige NVA-Mann. 70 Tage nachdem DDR-Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht verkündet hatte, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten, wurde der 24-jährige Günter Litfin am 24. August 1961 bei seinem Fluchtversuch an der Berliner Grenze mit einem Genickschuss getötet.

Zwei Tage zuvor war bereits Ida Siekmann tödlich verunglückt, als sie vom dritten Stock ihrer Wohnung in den Westen springen wollte. Die 58-jährige Witwe ging als erste Mauertote in die Geschichtsbücher ein. Weil die DDR viele Todesfälle vertuschte, weiß bis heute niemand genau, wie viele Menschen an der 166 Kilometer langen Berliner Mauer und der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze starben. Historiker gehen von mindestens 1012 Todesopfern aus.

Auch Wolfgang E. wäre fast auf dieser Liste aufgetaucht. Als er den Panzerwagen in Berlin-Treptow gegen die Mauer lenkt, stößt er mit der Stirn gegen die Aufhängung des Nachtsichtgeräts und zieht sich eine tiefe Platzwunde zu. Er wischt sich das Blut aus den Augen und sieht, dass nur die Schnauze seines Fluchtwagens im Westen steht. Der größte Teil steckt mit gebrochenen Achsen im Osten fest. "Ich wollte aussteigen und über die halb eingestürzte Mauer klettern", berichtet Wolfgang E. Doch als er den Wagen verlässt, verheddert er sich im Stacheldraht. Während er versucht, sich zu befreien, rennt ein Grenzsoldat mit Kalaschnikow auf ihn zu. "Nicht schießen!", schreit der Flüchtende - dann knallt es.

Wolfgang E. fühlt einen dumpfen Schlag im Rücken und ein Brennen in der Brust. Dann spürt er, dass er lebt. Blutüberströmt schleppt er sich zurück in den gepanzerten Wagen und klettert durch die Beifahrertür auf die Motorhaube. Von hinten schießen die DDR-Grenzer weiter auf den Verwundeten, er wird an der rechten Hand getroffen. Wolfgang E. verliert viel Blut, aber bei aller Verzweiflung nicht die Hoffnung. "Ich muss da rüber. Ich schaffe das", sagt der damals 19-Jährige zu sich selbst. Dann fallen wieder Schüsse. Doch sie klingen anders, und sie kommen von vorne - aus dem Westen! Auf einem Beobachtungsposten auf der anderen Seite der Mauer standen zufällig zwei Westberliner Polizisten, als Wolfgang E. in die Mauer fuhr.

Als einer der West-Beamten von einem Querschläger der NVA-Männer getroffen wird, erwidern sie das Feuer. Wolfgang E. sitzt jetzt im Kreuzfeuer. Als die DDR-Grenzer sich unter Beschuss zurückziehen, nimmt er seine letzte Kraft zusammen. Vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen, versucht er, von der Motorhaube über die Mauer zu klettern - und bleibt erneut im Stacheldraht hängen.

Hier wäre er wohl verblutet, hätte nicht auf der Westberliner Seite gerade ein Sparverein das Ersparte versoffen. Keine drei Meter von der Mauer gab es damals die Kneipe "Heidelberger Krug". Als die Zecher an diesem Mittwochabend um 19.44 Uhr Schüsse hören, rennen sie aus der Spelunke. "Während die Polizisten und die Grenzer sich eine wilde Schießerei lieferten, haben sie eine Räuberleiter gemacht, mich aus dem Stacheldraht gepult und in ihre Kneipe geschleppt. Sie haben ihr Leben riskiert, um meins zu retten", erinnert Wolfgang E. sich.

Wolfgang E. in einem Kreuzberger Krankenhaus. Fast wäre er im Stacheldraht an der Mauer verblutet.

Foto: Archiv Alex Waidmann

Damals stand er offensichtlich unter Schock. Anders kann er sich heute nicht erklären, warum er im Wirtshaus erstmal ein Bier und einen Korn bestellte. An einen seiner Retter erinnert Wolfgang E. sich noch heute. "Ein total betrunkener Opa musste seinen Gürtel hergeben, damit sie mir den Arm oberhalb der zerschossenen Hand abbinden konnten. Ich sah von unten, wie er sich seine Hose festhalten musste. Dabei fluchte er laut, dass er rauswolle, um die 'Zonen-Soldaten' fertigzumachen", erzählt Wolfgang E.

In einem Kreuzberger Krankenhaus wurde er noch in derselben Nacht von einem alten Weltkriegsarzt mit Dutzenden Stichen wieder zusammengeflickt. "Die Kugel verfehlte das Herz, streifte die Lunge nur. Sie ging hier rein und da wieder raus." Wolfgang E. ist aus seinem Wohnzimmersessel aufgestanden und fasst sich erst an die rechte Seite oberhalb der Hüfte, dann auf die Brust. "Nur wenn das Wetter umschlägt, spüre ich die Narbe noch, aber ansonsten ist alles gut."

"Alles gut!" Das ist auch das Erste, was Wolfgang E. denkt, als er nach der mehrstündigen Notoperation am nächsten Morgen aufwacht. "Ich habe es geschafft. Ich bin im Westen." Als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, fliegt der Republikflüchtling zurück nach Düsseldorf, in die Stadt, die er elf Jahre zuvor gegen seinen Willen mit seiner Mutter in Richtung DDR verlassen hat.

Als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands hatte Wolfgang E.s Mutter 1952 von der SED den Auftrag erhalten, am Aufbau des real existierenden Sozialismus mitzuwirken - und der damals achtjährige Wolfgang musste mit. Doch als junger Mann wuchs in ihm der Wunsch, den Staat zu verlassen, den seine Mutter liebte.

Zurück im Westen versuchte Wolfgang E., wieder Kontakt mit seiner Mutter aufzunehmen. Vergeblich. Schrieb er ihr Briefe, erhielt er keine Antwort. Rief er sie an, legte sie sofort auf. Erst Anfang der 90er-Jahre erfuhr Wolfgang E. aus seiner Stasi-Akte, dass seine Mutter, die bis zu ihrer Pensionierung im Dienstgrad eines Hauptfeldwebels bei der Stasi arbeitete, sich bereits wenige Tage nach seiner Flucht schriftlich von ihrem Sohn losgesagt hatte.

1990 sah er sie das erste Mal in Ostberlin wieder. Der Sohn: "Sie war fanatisch und bis zu ihrem Tod davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Ich glaube, sie hat mir nie verziehen, dass ich aus dem Land, an das sie so fest geglaubt hat, geflohen bin. Aber ich würde es jederzeit wieder machen. Es hat sich gelohnt."

 
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