Jede zweite Minute brennt es irgendwo

Die meisten Wohnungsbrände sind vermeidbar - vorausgesetzt, die Bewohner halten sich an ein paar simple Regeln.

Daniel Michel und seine Freundin waren am Tag vor Heiligabend nur kurz mit den Hunden draußen. Als sie nach Hause zurückkehrten, stand ihr Wohnzimmer in Flammen. "Ich habe schnell einen Eimer mit Wasser gefüllt und ihn aufs Feuer in der Anbauwand gekippt", sagt der Pirnaer. So war der Brand bereits gelöscht, als kurz darauf die Feuerwehr eintraf. Was war passiert?

Die Ermittler vermuten, dass sich ein batteriebetriebener Duftsprüher entzündet hatte. Er stand auf einem Brett über dem Fernseher und war im Standby-Modus. Seine Überreste waren fest mit dem Regal verschmolzen. Obwohl Daniel Michel so schnell und erfolgreich reagierte, war die Wohnung nicht mehr bewohnbar. Der beißende Gestank war in jede Ritze gezogen. Sämtliche Möbel, Trockenbauwände, selbst Steckdosen mussten entfernt werden. Noch heute wird saniert. "Wir haben alles verloren", sagt er.

Für Experten sind solche Tragödien Alltag. "Jede zweite Minute brennt es irgendwo in Deutschland. Trotzdem vernachlässigen die meisten die Gefahr, weil bei ihnen bislang nichts passiert ist", sagt Mike Enzmann, Niederlassungsleiter der Brandschutz Sachsen GmbH in Chemnitz. Die wenigsten Brände enden tödlich. Seit viele Häuser nicht mehr mit Kohle beheizt werden, ist die Anzahl der Brandtoten stark zurückgegangen. Kamen 1991 bundesweit 834 Menschen in einem Feuer um, waren es im Jahr 2015 nur noch 343, in Sachsen 35.

"Meist sterben die Menschen nicht direkt in den Flammen, sondern an einer Rauchgasvergiftung", weiß Andreas Rümpel, Chef des Dresdner Brand- und Katastrophenschutzamtes. Schon wenige Atemzüge mit dem geruch- und farblosen Brandgas Kohlenstoffmonoxid reichten aus, um bewusstlos zu werden. "Wird man dann nicht schnell gefunden, gibt es keine Rettung mehr", sagt Enzmann. Im Anfangsstadium lassen sich viele Brände noch selbst bekämpfen. Die Feuerwehr wird nur zu etwa jedem vierten Brand gerufen. Hohe Sachschäden entstehen mitunter schon bei kleinen Bränden. Allein 2016 zahlten die deutschen Versicherer über die Hausrat- und Wohngebäudeversicherungen 1,36 Milliarden Euro aus. 470.000 Schadensfälle wurden bearbeitet.

Für Rümpel steht der Hauptverursacher fest: "In 99,9 Prozent der Fälle ist das der Mensch", sagt er. Natürliche Ereignisse lägen im Promillebereich. Das Institut für Schadensverhütung und Schadensforschung in Kiel hat aufgeschlüsselt, dass Brandgrund Nummer eins defekte technischen Geräte sind (siehe Grafik). Fast jedes dritte Feuer entsteht so. "Es reicht schon aus, dass die Schubvorrichtung des Toasters klemmt", sagt Rümpel. Menschliches Fehlverhalten wie die Zigarette im Bett oder das Handy verursacht fast jeden fünften Brand. Acht Prozent der Feuer gehen auf das Konto von Brandstiftern. 1525 Fälle verzeichnete die Kriminalstatistik des LKA Sachsen im Jahr 2016.Bleibt eine Kerze unbeaufsichtigt oder schmort ein defektes Kabel, kann es rasend schnell zum Feuer kommen. Möbel können das beschleunigen. Forscher des Karlsruher Institutes für Technologie wiesen in einem Versuch nach, dass ein modernes Regalsystem aus Pressspan und Kunststoff schneller und heftiger brennt als eine rustikale Holzanbauwand. Nach nur vier Minuten fing das Regal Feuer, Brandquelle war eine Kerze. Nach achteinhalb Minuten brannten alle anderen Möbel im Raum. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Zimmertemperatur auf bis zu 1000 Grad Celsius, toxische Rauchgase entwickelten sich - ein tödliches Inferno. "Dann sollte man fliehen und sich nicht zum Helden machen", warnt Rümpel. Ganz wichtig: Brennt es in einem Raum, ist die Tür zu schließen, damit Feuer und Rauch nicht auf andere Zimmer oder Fluchtwege übergreifen. "Kopf einschalten und mit gesundem Menschenverstand Gefahrenquellen beseitigen", rät Mike Enzmann.

Hier geben die Brandschutzexperten noch mehr Tipps:

1. Elektrische Geräte bedienen, wenn man zuhause ist: Waschmaschinen, Geschirrspüler, Trockner nur laufenlassen, wenn jemand in der Nähe ist. Für alle anderen Geräte gilt: Nicht nur während des Urlaubs vom Strom nehmen, sondern immer, wenn das Haus verlassen wird. Praktisch sind dafür Steckdosenleisten mit An-Aus-Schalter. Das Beispiel aus Pirna zeigt, wie schnell sich ein Brand entwickeln kann. Brennt ein Elektrogerät, ist es sofort vom Strom zu trennen. Bis 1000 Volt können sowohl Pulver- als auch Schaumlöscher eingesetzt werden.

2. Der Herd ist keine Ablagefläche: Größte Gefahrenquelle in der Küche ist der Herd. Allerdings nicht, weil Essen darauf verschmort. "Oft wird etwas auf ihm abgelegt, was nicht feuerfest ist - und dann unbeabsichtigt eingeschaltet", so Rümpel. Wer keinen Induktionsherd hat, sollte zudem auf die Abstände zu Geschirrtüchern und Gardinen achten.

3. Vorsicht beim Laden von Handys, Tablets, Laptops: Ladegeräte am besten auf einer feuerfesten Unterlage platzieren, etwa einer Fliese. Weil sie schnell überhitzen, dürfen sie nie auf dem Bett oder der Couch laden, vor allem nicht unbeaufsichtigt.

4. Löschstrategie entwickeln: "Es hilft, wenn man durchdenkt, wie man im Brandfall schnell an einen Wassereimer, eine große Wasserflasche oder einen Feuerlöscher kommt und das mit der Familie durchspricht", sagt Rümpel. Vorsicht ist bei einem Küchenbrand geboten. Entzündet sich Öl zu einem Fettbrand, darf keinesfalls mit Wasser gelöscht werden. Dann lieber zu Topfdeckel, Handtuch oder Decke greifen, um das Feuer zu ersticken.

5. Rauchmelder anbringen: "Sie retten Leben, denn sie reagieren schon auf kleinste Veränderungen im Raum-Luft-Gemisch", sagt Enzmann. In Neubaumietwohnungen sind sie in Sachsen seit 2016 Pflicht, in Altbauwohnungen und Eigenheimen jedoch noch nicht. Experten empfehlen, an der Decke jedes Schlaf- und Wohnraumes einen Melder anzubringen. Wer nur einen hat, platziert ihn im Flur vor dem Schlaf- und Wohnbereich. Es gibt Produkte für Gehörlose, selbst für Raucher. Funkvernetzte Geräte bieten sich für große Wohnungen an. Von Billigware rät Enzmann ab: "Lieber in den Fachhandel gehen oder den Schornsteinfeger fragen." Die CE-Kennzeichnung inklusive Prüfnummer und die Angabe EN 14604 sollten Mindeststandard sein. Gute Geräte kosten rund 25 Euro.

6. Nichts Brennbares in Treppenhäusern abstellen: "Denn es gibt keine Brandstifter, die brennende Materialien mitbringen", sagt Rümpel.

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