Kalt, kälter, Kühnhaide

Sachsen erlebt derzeit einen Winter wie schon lange nicht mehr. In einem Dorf im Erzgebirge muss man sich besonders warm anziehen: Minus 30 Grad sind in Kühnhaide keine Seltenheit - und mancher hofft auf noch niedrigere Temperaturen. Ein Besuch im kältesten bewohnten Ort Deutschlands.

Kühnhaide.

Das Kälteloch liegt am Schwarzen Teichbächel. In einer Senke auf 721 Metern Seehöhe an der Kühnhaider Hauptstraße ragen Messgeräte aus dem Schnee. Wo Flößer einst Deiche anlegten, um das Wasser für den Holztransport anzustauen, staut sich auch die kalte Luft - im Sommer wie im Winter. "Wir haben hier maximal 50 Tage im Jahr frostfreie Zeit", sagt Peter Weiße.

Sein Eigenheim steht direkt am Kälteloch, seit 1980 zeichnet der Hobbymeteorologe hier kontinuierlich Wetterdaten auf. Längst gehen auf seinem Grundstück auch kommerzielle Wetterfirmen auf Rekordjagd. Peter Weiße hat Kühnhaide berühmt gemacht - als wahrscheinlich kältesten bewohnten Ort in Deutschland. Es gibt noch kältere Orte, wie den Funtensee im Berchtesgadener Land. Doch dort steht nur eine Alpenvereinshütte.

Wer nach Kühnhaide will, muss durch tiefen Wald. Die Bäume schirmen die Streusiedlung auf dem Erzgebirgskamm ab. Rings um den Ort im oberen Tal der Schwarzen Pockau, direkt an der tschechischen Grenze erheben sich Berge wie der 842 Meter hohe Čihadlo, deutsch Lauschhübel. Diese Topographie schafft die Voraussetzungen für die Kältekammer. Für richtig strengen Frost braucht es dann noch eine klare, windstille Nacht - und eine Schneedecke. Neulich war es wieder so weit: Am frühen Morgen des 7. Januar hat Peter Weiße - wie bei offiziellen Temperaturangaben von Wetterstationen üblich - zwei Meter über dem Boden minus 31,1 Grad gemessen, am Boden sogar unter minus 34 Grad. Am Abend davor hatte es zunächst gar nicht danach ausgesehen, doch dann stürzte in der Nacht das Thermometer ab. Weiße sagt: "Innerhalb von einer Stunde kann die Temperatur hier um zehn, zwölf Grad nach unten gehen."

Am vergangenen Montag herrscht Kaiserwetter in Kühnhaide. Am Mittag strahlt die Sonne so stark, dass es taut. An der Kammloipe, vor der Gaststätte "Schwarzwassertal" haben Skiwanderer ihre Langläufer in die Schneeberge gesteckt. Drinnen werden Schnitzel und Soljanka serviert. "Den kältesten Ort Deutschlands muss man gesehen haben", sagt Karin Brendler aus Lossatal bei Leipzig und nippt an einem Grog. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie das Schwarzwassertal hochgelaufen - neun Kilometer vom Hotel in Pobershau. Fantastisch sei das bei diesem Wetter, finden sie. Auch Erika Hunger, die Wirtin der 1921 eröffneten Gaststätte, freut sich über den Traumwinter, der ihr selbst an diesem Werktag eine volle Gaststube beschert; die Vorräte gehen zur Neige. "Ich muss erst mal Großeinkauf machen", sagt sie.

In Kühnhaide leben heute noch rund 550 Menschen, halb so viele wie zu DDR-Zeiten. Damals gab es hier ein Sportgerätewerk des Kombinats Germina, den VEB Textil Grenzland und den VEB Häkelchic Annaberg. Federballschläger, Baby- und Arbeitskleidung sowie Mützen wurden von der Bevölkerung in Heimarbeit hergestellt. An der einstigen Germina-Werkhalle, die unterhalb der Kirche am Grenzbach zu Tschechien steht und in der heute eine Firma erzgebirgische Volkskunst herstellt, sieht man noch, wie schlecht damals das Dach gedämmt wurde: Bis zu zwei Meter lange Eiszapfen hängen vor den Fenstern.

Ansonsten gibt es noch ein paar Pensionen im Ort - und die Filiale eines Bäckers aus Reitzenhain. Zum Lebensmitteleinkauf muss man ins zwölf Kilometer entfernte Marienberg. Im Jahr 2003 wurde Kühnhaide zusammen mit den Nachbardörfern Rübenau, Reitzenhain und Satzung dorthin eingemeindet.

Immerhin, in der Grundschule "Am Schwarzwasser" ist Leben. 85 deutsche und tschechische Schüler lernen hier, 78 von ihnen gehen nach dem Unterricht in den Hort. Hinterm Haus gibt es einen Spielplatz mit Rodelberg. Ab wie vielen Minusgraden müssen die Kinder drinbleiben? Hortleiterin Karola Wetzel lacht: "Das ist eine gute Frage!" Das Konzept des Vereins Kinderwelt Erzgebirge, der die Ganztagsschule betreibt, sieht vor: Jeden Tag an die frische Luft. Das ziehen sie hier oben auch meistens durch, die Hortleiterin weiß aus Erfahrung: Null Grad und stürmischer Wind können weitaus unangenehmer sein als zehn Grad minus bei ruhigem Wetter. Schon ab Klasse 1 werden die Schüler hier auf Langlaufskier gestellt - und nächsten Freitag ist Winterfest mit Rodeln, Malen im Schnee und Schneeballweitwurf. Karola Wetzel sagt: "Wir freuen uns ganz sehr über Frost und Schnee."

Früher gab es Winter, in denen Kühnhaide tagelang von der Außenwelt abgeschnitten war. "Nach einer Woche kam dann die Armee mit einer S 100, einer alten russischen Raupe", berichtet Romeo Bräuer. Er kommt gerade aus seiner Tischlerei, seine Frau hat Kaffee aufgesetzt und Kuchen aus Marienberg mitgebracht; montags ist der Bäckerladen in Kühnhaide zu. Der 58-Jährige ist Heimatforscher und Ortschronist, sein Sohn führt inzwischen den Familienbetrieb, der Türen, Fenster und Möbel fertigt - seit 127 Jahren.

Romeo Bräuer spricht von seiner Kindheit in Kühnhaide: "Da gab es keine Zentralheizung. Da war eine Bauernstube, die war warm, der Rest der Räume war kalt." Wie kalt? Seine Frau Karla erinnert sich an minus 10 Grad, an gefrorene Kopfkissen und an Eis an den Wänden. Und das Plumpsklo, ergänzt Romeo Bräuer, das war das große Problem. "Das war ständig gefroren, die Pyramide wurde immer größer." Heute frieren dafür Wasserleitungen ein.

Der Heimatforscher hat ein Buch über die Geschichte von Kühnhaide veröffentlicht. Auf Schwarzweiß- fotos sieht man dort den Pferdeschneepflug im Einsatz: Alles, was an Gäulen verfügbar war, wurde vor einen mehrere Meter breiten Holzkasten gespannt. Andere Aufnahmen zeigen Schneepflüge vor Armeefahrzeugen und vor einem Linienbus und Männer mit Schaufeln im Noteinsatz. Viele Straßen blieben einfach ungeräumt. "Wir haben alles mit dem Schlitten gemacht", erinnert sich Bräuer.

In seinem Buch findet sich auch ein Artikel aus der "Freien Presse" aus den 1960er-Jahren, in dem der Bau einer Talsperre in der Gegend angekündigt wird. Kühnhaide wäre weitgehend verschwunden; die Tischlerfamilie hätte jetzt ein Wassergrundstück, es wäre wohl noch kälter hier. Doch der Bau war ein Gemeinschaftsprojekt mit der ČSSR, ein Teil der Talsperre sollte auf tschechischem Gebiet liegen. "Als der Prager Frühling kam, wurden die Pläne beerdigt", berichtet Bräuer.

Früher war in Kühnhaide die Welt zu Ende. Grenztruppen patrouillierten, ein zehn Meter breiter Kontrollstreifen, der K 10, wurde regelmäßig geharkt, um jede Fußspur sichtbar zu machen. "Heute kommen die Tschechen zu uns in die Loipe - oder wir gehen zu ihnen in die Pilze", sagt Romeo Bräuer. Als Vorsitzender des örtlichen Wintersportvereins ist er in diesen Tagen oft mit dem Schneescooter unterwegs, um die Loipen zu spuren. Er macht das ehrenamtlich, die Stadt bezahlt die Betriebskosten. "Das ist die schöne Seite des Winters", sagt er. Sein Auto lässt er dafür auch mal stehen - wenn der Diesel bei unter minus 20 Grad mal wieder geliert. Als Kühnhaider kennt man sich aus mit der Kälte, spürt, wenn sie im Anmarsch ist. "Ich merke das schon abends, das riecht man."

Zum Abschied streift sich der Heimatforscher für den Fotografen ein T-Shirt über, darauf steht: "Kühnhaide ist 'kuhl': -34,4 Grad Celsius". Er schnappt sich eine Schneeschaufel, tritt vor seine Tischlerei und zeigt lachend auf sein Schuhwerk: "Man sagt, Kühnhaider werden in Filzstiefeln geboren."

Minus 34,4 Grad Celsius. Das ist die Temperatur, die Peter Weiße im Februar 2012 in Kühnhaide am Boden gemessen hat. Kurz nachdem diese Zahl bekannt wurde, stand Jörg Kachelmann bei ihm auf dem Grundstück, ein paar Monate später installierte seine damalige Firma Meteomedia dort den ersten Temperatursensor, Kühnhaide tauchte im MDR-Wetter auf. Gemessen wurde damals ausschließlich hinter dem Haus von Peter Weiße, einige Dutzend Meter oberhalb der Senke mit dem Kälteloch. Weiße begriff jedoch damals: "Dort unten ist es noch mal ein halbes Grad kälter." Also stellte er am Schwarzen Teichbächel eine zweite Messstation auf. Dort richtete auch Kachelmann seine Anlage ein, nachdem er 2014 eine neue Wetterfirma gegründet hatte. Seither messen in Kühnhaide drei Meteorologen um die Wette.

Es ist Abend geworden an diesem Montag, der Frost hat angezogen. Die Wetterstation am Teichbächel zeigt minus 19 Grad. Ganz Sachsen bibbert, seit Wochen herrscht nun schon in vielen Orten Dauerfrost. Für Kühnhaide hat Peter Weiße im Januar 2017 bisher eine Durchschnittstemperatur von minus 6,5 Grad errechnet. Das klingt kalt, im Februar 1986 lag die mittlere Temperatur allerdings bei minus 11,3 Grad.

Der Klimawandel, das hat auch Weiße festgestellt, macht um Kühnhaide keinen Bogen. Im Jahr 2016 lag die Durchschnittstemperatur hier bei 6,1 Grad Celsius - 1,3 Grad höher als im Mittel zwischen 1981 und 2010. Der Kühnhaider Wetterfrosch hofft dennoch, irgendwann doch noch einmal einen neuen Rekord melden zu können: "Die 35 Grad minus will ich knacken."

Rekorde aus der Kältekammer

Seit 1980 zeichnet Peter Weiße Wetterdaten in Kühnhaide auf.

Niedrigste Temperatur: -33,5 ºC am 1. Februar 1998

Niedrigste Temperatur im Sommer: - 5,1 ºC im Juni 2006

Kältester Monat: Februar 1986 mit einem Durchschnitt von -11,3 ºC

Kälteste Jahre: 1985 und 1996 mit einem Durchschnitt von 3,5 ºC

Längste Zeit mit geschlossener Schneedecke: 157 Tage vom 2. 11. 1995 bis 6. 4. 1996

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