Kind und Karriere - geht das?

Junge Frauen wollen heute beides: Job und Familie. Eine Oelsnitzerin sagt, wie sie das schafft - und eine Personalcoachin, warum die Realität oft anders aussieht.

Morgens kommt es bei Katja Hillenbrand auf jede Minute an. 8 Uhr müssen die Kinder in der Schule und sie in der Firma sein. Die 45-jährige Oelsnitzerin aus dem Erzgebirge ist Geschäftsführerin der Micas AG, einer Firma mit 80 Mitarbeitern, die Sensorsysteme entwickelt. Die Frage Kind oder Karriere habe sie sich nie gestellt, sagt sie. Denn Familie und Firma gründete sie nahezu gleichzeitig.

Geht: "Doch ohne Organisationstalent und Flexibilität geht es natürlich nicht", sagt die Geschäftsfrau und Mutter zweier Kinder im Alter von neun und elf Jahren. Jeder Tag ist durchgeplant. "Die Kinder sind oft bei mir im Büro. Als sie kleiner waren und ich keinen Babysitter hatte, habe ich sie auch kurzerhand mit zum Geschäftstermin genommen", sagt sie. Als berufstätige Mutter müsse man seine Zeit noch effektiver nutzen. "Zum Beispiel bringe ich meine Tochter Anna täglich mit dem Auto zur Schule. Sie könnte auch laufen, aber so haben wir noch eine Viertelstunde zum Schwatzen, und das ist uns beiden sehr wichtig", sagt sie. "Und ich tue meine Arbeit gern. Das ist die Voraussetzung, um glücklich und zufrieden nach Hause zu kommen. Es sind anstrengende, aber meist schöne acht Stunden in der Firma." Sie weiß aber auch, dass sie in der Position als Chefin andere Möglichkeiten hat, ihren Tag einzuteilen. So versucht sie, jeden Tag 16.30 Uhr das Büro zu verlassen. "Dann ist Familienzeit. Da ist das Handy auch mal aus. Meine Mitarbeiter wissen das."

Geht nur bedingt: Für Personalcoachin Lena Schröder-Dönges aus Bonn verkörpert Katja Hillenbrand den seltenen Idealfall. Schröder-Dönges kann das beurteilen, denn sie berät Unternehmen in familienbewusster Personalpolitik und Eltern, die Job und Familie unter einen Hut bringen wollen. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern im Schulalter. "Die Realität sieht leider anders aus. Und in vielen Fällen dient die Arbeit zum Broterwerb, nicht ausschließlich der Freude und Selbstverwirklichung", sagt sie. Auch die Frage nach der Karriere stelle sich zumindest bei den meisten Frauen nicht so vordergründig. Junge Mütter wollen nach langer und guter Ausbildung zunächst nur dranbleiben und den Anschluss nicht verlieren. Wer es sich leisten kann, dem empfiehlt sie, Teilzeit zu arbeiten. "Denn ein Vollzeit-Job und kleine Kinder enden nicht selten in der Überforderung."

Geht gar nicht: Während die Personalcoachin eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit einigen Einschränkungen für möglich hält, verneinen das die Buchautoren Marc Brost und Heinrich Wefing komplett. In ihrem Buch "Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können" erklären sie auch warum. "Da ist die Beschleunigung des Arbeitslebens. Durch immer neue Kommunikations- und Transportwege hat sich die Geschwindigkeit im Job erhöht." Im Beruf müssten sich Mitarbeiter immer schneller und häufiger in Neues einarbeiten. "Wer Karriere machen will, muss lange im Büro bleiben und Präsenz zeigen. Die Kita ist aber dann schon zu. Was bleibt, sind Frust und schlechtes Gewissen."

Eine Kita, die 16 Uhr schließt, war auch Katja Hillenbrands Problem. "Ich suchte mehr Flexibilität. Also habe ich die Verantwortung übernommen und eine Betriebs-Kita auf unserem Firmengelände gegründet. Da konnten meine Mitarbeiter und ich beruhigt unserer Arbeit nachgehen, denn wir wussten die Kinder gut und sicher aufgehoben, auch wenn ein Termin einmal länger dauert", sagt sie. Ihre Schilderungen erwecken den Anschein, dass Familie und Job für sie nie ein Problem waren, doch das ist ein Trugschluss. "Es hat Nerven und viel Kraft gekostet. Meine Kinder erzählen mir zwar heute noch davon, wie gut es ihnen auf den Geschäftsterminen gefallen hat. Aber ich hatte schon mitunter Mühe, mich zu konzentrieren. Wenngleich ein Kind im Schlepptau eine völlig neue Art von Small Talk in der Geschäftswelt eröffnet. Über die soziale Ebene kamen wir dann zu Fakten und Finanzen", sagt sie. Eine Belastung sei es aber trotzdem gewesen. Denn auf ihr eigenes Wohlergehen hätte sie in der Zeit weniger geachtet.

Eine Lösung: Auch Lena Schröder-Dönges sieht häufig berufstätige Mütter kurz vor dem Burnout. "Frauen haben den inneren Antrieb, nett, perfekt und stark zu sein. Doch das funktioniert nicht." Also müsse man Prioritäten setzen. Frauen, die trotz Kindern berufstätig sein wollen oder müssen, gibt sie folgende Tipps:

- Es gibt für Vereinbarkeit von Beruf und Familie kein Patentrezept. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen.

- Verlieren Sie Ihre Partnerschaft und Freundschaften nicht aus den Augen. Oft sehe Schröder-Dönges Frauen, die als Mütter ohne Fehl und Tadel seien, deren Ehe aber vor dem Aus steht und Freundschaften praktisch nicht mehr existieren. "Das ist keine gesunde Balance. Die Mutterrolle ist nicht die einzige Rolle", sagt die Beraterin.

- Setzen Sie Ihr Kind nicht auf einen Thron. Von der Baby- und Kleinkindzeit abgesehen, braucht ein Kind keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

- Verabschieden Sie sich davon, einen perfekten Haushalt zu haben und nehmen Sie Hilfe an. "Wenn die Schwiegermutter zum Wischlappen greift und die Küche putzt, toll! Freuen Sie sich über die Unterstützung ohne schlechtes Gewissen, als Hausfrau versagt zu haben."

Katja Hillenbrand bestätigt das. "Auch bei mir liegt die Wäsche mal drei Tage. Und die Wohnung ist auch nicht immer geputzt. Die wenige Freizeit, die wir haben, nutzen wir viel lieber als Familie. Und das gibt uns allen sehr viel. Davon zehren wir", sagt die Geschäftsfrau.

Worauf möchte ich zurückblicken, wenn ich 80 bin? Diese Frage stelle die Coachin Frauen, die zu ihr in die Beratung kommen. "Lautet die Antwort: Auszeichnungen und berufliche Erfolge. Ja cool, dann machen Sie das", sagt Lena Schröder-Dönges. Sind es aber Kinder und ein glückliches Familienleben, müssten in Sachen Karriere Abstriche gemacht werden - meistens jedenfalls.

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