Kosten für Kinderheime steigen enorm

Innerhalb von acht Jahren verdoppelten sich die Ausgaben der Landkreise. Die Droge Crystal Meth verschärft die Lage in Sachsen. Prüfer beklagen aber noch einen anderen eklatanten Mangel.

Chemnitz.

Weil öfter Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder versagen, muss der Staat einspringen und die Steuerzahler immer tiefer in die Taschen greifen. Wie aus dem Jahresbericht 2017 des Sächsischen Rechnungshofes hervorgeht, stiegen die Ausgaben der Landkreise und kreisfreien Städte für Hilfen zur Erziehung binnen acht Jahren um 90 Prozent - trotz Bevölkerungsrückgangs. Demnach lagen die Gesamtkosten der Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat im Jahr 2008 bei etwa 195 Millionen Euro. 2015 waren es 370 Millionen Euro. In jenem Jahr befanden sich in Sachsen 9083 Kinder und Jugendliche in Heimerziehung und Vollzeitpflege. Das ist die höchste Zahl in dem betrachteten Zeitraum.

Eine Ursache für die enorme Kostensteigerung sieht der Landesrechnungshof in einem Mangel an Pflegefamilien. So werden 60 Prozent der betroffenen Kinder in Heimen untergebracht, wo die Ausgaben von 94 Millionen auf 184 Millionen Euro stiegen. Dabei, so die Prüfer, erscheine "eine familiäre Unterbringung für Kinder und Jugendliche grundsätzlich geeigneter".

Pflegefamilien sind auch billiger. "Ich bekomme monatlich 800 Euro pro Kind", berichtet ein Betroffener in Nordsachsen, der mit seiner Frau seit vier Jahren zwei Mädchen betreut, die heute 17 und 11 Jahre alt sind. Ein Heimplatz koste um die 3000 Euro. Sein Eindruck: "Einige Träger sehen das als Wirtschaftsbetrieb." Pflegeeltern müssten mitunter lange auf ein Pflegekind warten.

Dass die Jugendämter überhaupt so viele Kinder aus ihren Familien nehmen, führt der Rechnungshof auch auf gestiegenen Drogenkonsum bei den Eltern zurück. Durch die Ausbreitung von Crystal Meth sei der Hilfebedarf in Sachsen "um das Vierfache höher" als im Bundesdurchschnitt. Wegen bleibender psychischer Erkrankungen der Konsumenten sei eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie oft ausgeschlossen. "Drogen werden aber auch bereits von Jugendlichen zur schulischen Leistungssteigerung konsumiert", heißt es in dem Bericht.

Im Erzgebirgskreis, wo Crystal Meth wegen der Nähe zu den Drogenküchen in Tschechien besonders billig verfügbar ist, bestätigt man diese Entwicklung. "Es ist festzustellen, dass sowohl der Crystalkonsum von Jugendlichen als auch der Drogenkonsum von Eltern bei Hilfegewährungen eine zunehmende Rolle spielt", heißt es aus dem Landratsamt in Annaberg-Buchholz. Im Erzgebirgskreis wachsen aktuell knapp 500 Kinder außerhalb ihrer Familien auf - davon 290 bei Pflegeeltern. "Es werden weiterhin geeignete Pflegefamilien benötigt", sagt Kreissprecher André Beuthner.

Aus dem Vogtlandkreis heißt es, steigende Löhne sowie höhere Hilfeintensität hätten die Kosten getrieben. "In den Familien besteht ein immer komplexerer Bedarf an Hilfen", sagt Jugendamtsleiterin Gabriele Paul. Fehlendes Personal in Kitas und Schulen sorge dafür, "dass die Jugendhilfe nicht selten als Ausfallbürge genutzt wird". In Mittelsachsen ist es ähnlich. "Die Probleme der Kinder und Jugendlichen sind vielschichtiger geworden", teilt die Kreisverwaltung in Freiberg mit.

Die Probleme sind schon länger bekannt. So richtete das Sozialministerium im Oktober 2016 eine Expertenkommission aus Landtagsabgeordneten, Vertretern der Kommunen und der Wohlfahrtspflege ein. Das Ministerium spricht vom "Wandel familiärer Strukturen".

Die Rechnungsprüfer appellieren derweil an die Landkreise zusammenzuarbeiten und aktiv um Pflegeeltern zu werben. Im Kampf gegen illegale Drogen brauche man zudem dringend zusätzliche präventive Maßnahmen in den Schulen.

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