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Foto: Ingo Wagner/dpa

Mal ganz nüchtern betrachtet - Alkohol-Mythen auf dem Prüfstand

Rollmops gegen Kater, kein Bier auf Wein, Schnaps zum Verdauen? Alkoholweisheiten sind oft falsch. Doch ein Fünkchen Wahrheit steckt meist drin.

Von Tobias Hoeflich
erschienen am 14.11.2017

Betrunkene sagen die Wahrheit. Sagt zumindest der Volksmund. Tatsächlich verlassen sich viele eher auf Halbwahrheiten, wenn es um den Genuss von Alkohol geht. Hinter vermeintlichen Weisheiten verbergen sich nicht selten bloße Mythen, die aus medizinischer Sicht nicht haltbar sind. "Trotzdem steckt in den meisten Sprüchen zumindest ein Fünkchen Wahrheit, das kann man nicht leugnen", fasst Dr. Sven Kaanen zusammen. Als Chefarzt der Fachklinik Heidehof in Weinböhla hat er täglich mit Alkoholabhängigen zu tun. Wir haben ihn gebeten, elf gängige Weisheiten auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.



Foto: Deutsches Weininstitut/dpa

1. Bier auf Wein, das lass sein, Wein auf Bier, das rat ich dir.

Dieses Sprichwort stammt noch aus dem Mittelalter - und hat nichts mit dem heute gemeinten Sinn zu tun. "Wein war damals ein privilegiertes Getränk, das nur von höheren Schichten getrunken wurde", sagt Kaanen. Das einfache Volk dagegen trank Bier. An ein Reinheitsgebot war noch nicht zu denken: In den Gebräuen fand sich so ziemlich alles, was gären konnte. Somit war Wein ein Zeichen des Aufstiegs. "Wenn man Bier auf Wein trank, galt das als schlechtes Omen, etwa für einen sozialen Abstieg." Heute meint der Spruch eher, dass man nicht durcheinander trinken soll. Wer mit Bier beginnt, ist allein aufgrund der hohen Flüssigkeitsmenge schneller satt. "Entsprechend wird man vom Wein danach weniger trinken." Insofern macht es zumindest Sinn, mit Bier zu beginnen. Für den Promillewert ist die Reihenfolge letztlich aber völlig egal: "Die Menge macht das Gift."

2. Drei Bier sind auch ein Schnitzel/eine Mahlzeit.

Auch dieser Spruch findet sich schon in Büchern aus dem 19. Jahrhundert. "Damals war noch von sieben bis acht Bieren die Rede." Rein vom Kalorienwert stimmt es tatsächlich: Je nach Art, ob Pilsner oder Bockbier, haben drei halbe Liter 600 oder mehr Kalorien. Das ist vergleichbar mit einem handelsüblichen panierten Schnitzel. "Trotzdem können drei Bier keine Mahlzeit ersetzen", sagt Kaanen. Denn Bier enthalte kein Fett, kaum Eiweiß, wenig B- und andere Vitamine, kaum Mineralien. Wer also früh, mittags und abends nur je drei Bierchen kippt, leidet über kurz oder lang an einer Mangelernährung. "Außerdem dürfte es schwierig werden, seinen normalen Tagesaktivitäten nachzugehen."

3. Ein Konterbier vertreibt den Kater am Tag nach der Party.

Das funktioniert nur bedingt. "Der Kater ist letztlich ein Zeichen einer Intoxikation." Jeder Mensch hat einen bestimmten Wert an Alkohol, den er über die Leber adäquat abbauen kann. Alles darüber hinaus wird über Hilfswege abgebaut - wobei giftige Stoffe entstehen, welche die typischen Katersymptome verursachen. Diese werden umso stärker, je mehr der Blutalkoholspiegel wieder die Null erreicht. "Trinke ich am nächsten Morgen ein Bier, fülle ich wieder Alkohol nach und der Nullpegel wird erst einmal nicht erreicht." Der Kater wird mit einem Konterbier also nur nach hinten verschoben, aber nicht vertrieben.

4. Auf nüchternen Magen wird man ganz schnell betrunken.

Ganz klar: "Diese These stimmt." Wird Alkohol auf nüchternen Magen getrunken, gelangt er schneller ins Blut. Doch Vorsicht: Vorm Feiern fettige Speisen zu essen oder einen Löffel Öl zu schlucken, macht deshalb noch lange nicht immun gegen Trunkenheit. "Letztlich wird das nur verzögert. Denn Fette binden den Alkohol und setzen ihn später frei." Daher wird völlig überschätzt, was man vertragen kann. Das böse Erwachen kommt also auch - aber später.

5. Rollmops bei einem Kater essen.

Auch diese Weisheit stimmt. Beim Konsum des Alkohols wird viel Flüssigkeit ausgeschieden. Damit gehen auch viele Mineralien verloren - was den Kater am Tag danach befördert. "Rollmops oder auch Hering enthalten viele Mineralien und Salze, die ein Durstgefühl provozieren", so Kaanen. Einerseits nimmt man also Mineralien auf, andererseits kurbelt man das Trinken an. Genauso gut könne man aber auch Tomate mit Salz essen oder Brühe trinken. Zudem regt ein Spaziergang an der frischen Luft den Stoffwechsel an.

6. Pro Tag ein Glas Wein ist sogar gesund.

Jein, sagt Kaanen. Einerseits ist bekannt, dass gerade Rotwein einen gewissen Schutz für Herz und Gefäße mit sich bringen soll. Tatsächlich besitzt er eine große Menge gesundheitsfördernder Antioxidantien, die für den Zellschutz gut sind. "Demgegenüber steht natürlich der Alkohol, der im Rotwein enthalten ist." Denn dieser verursacht gerade bei übermäßigem Genuss über längere Zeit diverse Krankheiten, schädigt Organe und Körperfunktionen. Man könne daher sagen, dass sich das gegenseitig aufhebt. Statt des Glases Rotwein kann man auch den Weinextrakt Resveratrol zu sich nehmen, der unter anderem in Apotheken erhältlich ist. "Das hat wirklich einen protektiven Effekt, ganz ohne Alkohol."

7. Zur Verdauung nach einem reichhaltigen Essen hilft ein Schnaps.

Das stimmt zwar, sagt Kaanen - aber anders, als wir denken. "Alkohol wirkt nicht auf die Verdauung. Er verändert nur das Sättigungsgefühl." Durch einen Schnaps und den damit verbundenen Alkoholgehalt entspannt sich die Magenmuskulatur, was das Völlegefühl erträglicher macht.

8. Beim Kochen geht der Alkohol heraus.

Nur bedingt. "Ich koche für mein Leben gern und hab meiner Frau immer gesagt, sie braucht keine Angst zu haben. Der Alkohol ist raus." Tatsächlich verdunstet Alkohol zwar schon ab etwa 78 Grad und damit deutlich früher als Wasser - aber nicht, wenn Fette mit dabei sind. Sie binden ihn stattdessen. "Wenn ich auf ein halbes Kilo Gulasch ein Glas Rotwein einbringe, müsste man ihn drei bis vier Stunden kochen lassen."

9. Alkohol kann man ausschwitzen.

Auch das funktioniert kaum. Am Tag nach der Party Sport machen oder in die Sauna gehen, führt nicht zu einem Nullpegel. "Alkohol wird fast ausschließlich über die Leber abgebaut", sagt Kaanen. Nur fünf Prozent werden über Urin, Kot und Schweiß ausgeschieden. "Ich müsste also sehr lange schwitzen, um auf null zu kommen." Im Gegenzug ist das Herz-Kreislauf-System unter Alkoholkonsum weniger belastbar, sodass sich zu viel Anstrengung eher negativ auswirken kann.

10. Betrunkene sagen die Wahrheit.

Auch diese Weisheit hat mit der Realität wenig zu tun. Betrunkene lügen genauso oder sagen die Wahrheit, unabhängig vom Alkoholpegel. "Man könnte es nur damit begründen, dass im betrunkenen Zustand die Hemmschwelle sinkt." Mit jedem Bierchen mehr sitzt auch die Zunge lockerer. Die Bereitschaft, offen zu reden, steigt. "Aber ob das nun die Wahrheit ist, darf bezweifelt werden." Kaanen verweist auf eine Studie des Mannheimer Instituts für seelische Gesundheit. Die Berichte der teilnehmenden betrunkenen Studenten waren zu 80 Prozent gelogen. "Sie sind durch den Alkohol soin ihrer Hemmschwelle gesenkt worden, dass sie sich Geschichten ausdachten, um sich nach außen hin aufzuspielen."

11. Mit Alkohol schläft man besser.

Auch das stimmt nur bedingt. Zunächst findet man unter Alkohol besser in den Schlaf. "Durch ihn werden im Körper vermehrt Serotonin und Dopamin ausgeschüttet. Über diese Botenstoffe erreicht man Wohlbefinden und kann eher einschlafen." Rotwein dagegen enthalte bestimmte Stoffe, die gerade dann, wenn der Alkohol abgebaut ist, aktiv werden. Deshalb schlafe man in der zweiten Nachthälfte schlechter. Hinzu kommt die harntreibende Wirkung des Alkohols. "Schon nach dem Genuss von 50 Milligramm Alkohol hat man die doppelte Zahl an Toilettengängen." Das entspricht etwa einem Liter Bier.

 
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