Mit Allah zwischen allen Stühlen

In der Türkei werden Anhänger des Predigers Gülen als Terroristen verfolgt. Kommen sie nach Deutschland, finden sie Schutz und Hilfe - aber auch eine zutiefst verunsicherte Öffentlichkeit.

Leipzig.

Der Mann erscheint mit einem Päckchen Türkischen Tees und einem in Folie verpackten Notizblock. Der Tee schmeckt nach Apfel. Der Notizblock trägt das Logo der Zeitung "Zaman", zu deutsch "Zeit". Bis 2016 war "Zaman" das auflagenstärkste Blatt der Türkei. Heute ist es geschlossen, verboten, ausradiert. In Österreich überlebte eine Zeitlang ein Ableger als Wochenblatt - auch das inzwischen eingestellt. Der Notizblock ist ein letztes Souvenir.

Der Mann hat Eigenschaften. Er spricht mehrere Sprachen, hat einen Beruf und eine Vergangenheit in der Türkei. Im Internet findet man Spuren seines Lebens. Nur darf im Moment niemand wissen, wer er ist. Er werde in der Türkei gesucht, sagt er. Seine Merkmale und seine Geschichte wären wie ein Steckbrief. In Deutschland, wo sein Asylverfahren läuft, muss er öffentlich ein Mann ohne Eigenschaften sein.

Tayyar Kocak hat sich bereit erklärt, für ihn zu sprechen. In einem Büro in Leipzig kann man die beiden treffen. Kocak ist Regionalleiter Mitteldeutschland des Forums Dialog. Der Verein gehört zur "Gülen-Bewegung", die in der Türkei offiziell als Terrororganisation gilt. Gülen, Vorname Fethullah, lebt als muslimischer Gelehrter im Exil in den USA. Für die türkische Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdogan ist Gülen seit Jahren der Staatsfeind Nr. 1.

Herr Kocak fühlt sich wie ein bunter Hund als Gülen-Anhänger in Leipzig, sagt er. Er selbst nennt die Bewegung "Hizmet", das türkische Wort bedeutet "Dienst". Hizmet-Muslime bejahen Gülens Islam-Auslegung, lassen sich von seiner Lebensführung inspirieren und sind theologisch der Tradition der Mystik, der Sufis zuzurechnen. Es gebe in Sachsen nur wenige von ihnen, sagt Kocak: Fünf bis zehn Aktive, drei Dutzend seien "ansprechbar". Noch einzelne mehr lebten in Dresden und in Sachsen-Anhalt. In Leipzig wohnten überhaupt nur 3000 Türken - Mitteldeutschland sei eben nicht Frankfurt oder Berlin.

Der Leipziger Dialogverein wurde 2014 gegründet, um "Ängste und Vorurteile abzubauen, Gemeinsamkeiten zu fördern", wie Kocak sagt. Man spreche mit jedem: Atheisten, Alewiten, Christen, Kurden. Auch zur jüdischen Gemeinde pflege man ein gutes Verhältnis. Seit November organisiert das Forum Dialog mit der Volkshochschule Leipzig die Reihe "Islam kompakt - Muslime erzählen". Eigene Moscheen unterhält "Hizmet" nicht. Statt Gebetshäusern hat die Gülen-Bewegung in aller Welt Hunderte von allgemeinbildenden Schulen errichtet.

Verstärkt seit dem Putschversuch vom Juli 2016 in der Türkei, der das Leben von 265 Menschen kostete, kommen Verfolgte von dort nach Deutschland. So wie der Mann ohne Eigenschaften. Man könne ihn Hassan Yilmaz nennen, sagt er, bei einem Allerweltsnamen also. "Ich war Jahrzehnte im Staatsdienst", erzählt Herr Yilmaz. "2014 wurde ich als Gülen-Anhänger in ein Dorf verbannt. Immer wieder schlichen Leute aus der Stadt herum, um mich dort zu beobachten, bis ich das nicht mehr aushielt und wegging. Ich baute eine kleine Firma auf. Nach dem Putschversuch wurde mir die Firma weggenommen, ohne Begründung. Mehrere Freunde kamen in Haft. Da spürte ich, dass ich einer der nächsten sein würde."

Yilmaz gesteht, dass seine Nerven vom "Mobbing" in der Türkei angegriffen seien. Er lebe jetzt in einer Gemeinschaftsunterkunft, lerne deutsch und versuche, die türkische Gesellschaft zu meiden. Er habe Verwandte in Frankfurt am Main.

In der Türkei existiert seit Jahrzehnten die Angstvorstellung eines "Tiefen Staats". Geheime Netzwerke, die in den Institutionen nisten, im Prinzip seit den Tagen des Osmanischen Reichs. Präsident Erdogan hat diesen Verdacht auf die Gülen-Bewegung bezogen, mit einigem Erfolg. Etwa 150.000 Menschen in Deutschland gelten als Anhänger Gülens. Alles Staatsfeinde, Putschisten, Terroristen? Die "Hizmet"-Leute fürchten, dass die massive Verfolgung im In- und Ausland einem Urteil gleichkommt. Die Menschen könnten glauben, dass schon "irgendetwas dran sein" müsse.

Die deutschen Behörden sehen bis heute keinen Beweis, dass Fethullah Gülen der Anstiftung zum Putsch gegen die türkische Regierung überführt wäre, wie Erdogan behauptet. Das haben die Bundesregierung und mehrere Landesregierungen nach Parlamentsanfragen erklärt. Die Gülen-Bewegung wird in Deutschland nicht überwacht, weil sie nicht als gefährlich oder umstürzlerisch gilt. Anders sieht die Einschätzung in der deutsch-türkischen Gemeinschaft aus, die über dieser Frage entzweit und zerrissen ist. Auch die Medien berichten durchaus kontrovers.

Der "Spiegel" beschreibt die Gülen-Leute seit Jahren als muslimische Sektierer und gewissenlose Strippenzieher, die heimliche Absichten hegten. Gülen und Erdogan seien Seite an Seite marschiert. In ihrem Machtstreben und ihren Methoden hätten sie sich nichts genommen. Als gemeinsamer Feind galt die antireligiöse türkische Elite, die sich auf Staatsgründer Kemal Atatürk beruft und vom Militär gestützt wird. Erst mit dem Aufstieg Erdogans und dem Machtverlust der Kemalisten seien die Verbündeten zu Feinden geworden. Erdogan habe Gülen abserviert.

Wie es gelaufen sein könnte, beschreibt der Reporter Dexter Filkins in einem tiefgründigen Bericht für den "New Yorker", der im Oktober 2016 erschien. Filkins sprach mit Gülen selbst, mit Gefolgsleuten und Gegnern, reiste in die türkische Provinz, wertete geheime Dokumente aus. Fazit: Gülen-Anhänger in der Türkei verfügten vor dem Putsch über Einfluss und nutzten ihre Macht, um politische Gegner auszuschalten. Sie bekämpften Kritiker am eigenen Netzwerk und arbeiteten für Erdogans Aufstieg, intransparent und effizient. Fethullah Gülen selbst sei inzwischen zu alt, um den politischen Kampf noch weiterführen zu können, schreibt Filkins. Auf die Frage nach seinem Nachleben antwortete Gülen: Sein Grab möge unbekannt bleiben, sein Tod unbemerkt, er wolle vergessen werden. Niemals, so endet der Reporter beeindruckt, habe er einen religiösen oder politischen Führer eine solche Antwort geben hören.

Die Vertreter der Gülen-Bewegung in Deutschland haben spät angefangen, sich selbst und ihr Tun zu erklären. Das räumt ihr Sprecher in Berlin inzwischen selbstkritisch ein. Ercan Karakoyun, ein 1980 im Ruhrgebiet geborener Soziologe, Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und Mitbegründer des heutigen Forums Dialog, hat 2017 ein Buch veröffentlicht, das "inmitten des zornigen Lärms" und des "Gifts der ständigen Verleumdung" die Gülen-Bewegung erklären will.

Karakoyun beklagt eine "Pogromstimmung in der Türkei, die bis nach Deutschland schwappt". Beteiligt seien die Auslandsvertretungen des türkischen Staates, der Geheimdienst, die Moscheegemeinde Ditib, der deutsche Ableger der Erdogan-Partei AKP und die islamische Bewegung Milli Görüs. Er selbst, der zwei Dutzend Bildungsreisen nach Anatolien organisiert hatte, dürfe seit 2015 nicht mehr in die Türkei einreisen. Außerdem erhalte er Morddrohungen.

Wer ist Fethullah Gülen? In der Darstellung seiner Anhänger ist er ein wertkonservativer Modernisierer des Islams, der Bildung und Glauben versöhnen will. Ercan Karakoyun nennt Gülen einen unbedingten Pazifisten, der Gewalt verabscheue. Gülens Lehre sei auf die spirituelle Erziehung des Einzelnen gerichtet. "Das zentrale Thema ist die innere Sphäre, die achtsame Entwicklung unserer Seele."

Gülen wurde 1941 in einem Dorf im Osten der Türkei geboren. Als Lehrer und Prediger trat er 1959 in den Staatsdienst ein. Mustafa Kemal, der Schöpfer der modernen Türkei, hatte dem Land eine strikte Trennung von Staat und Religion auferlegt und den Klerus in den Staatsdienst gezwungen, um ihn besser kontrollieren zu können. Als Leiter einer Koranschule setzte Gülen auf zeitgemäßen Unterricht. Die Inhalte sollten heutigen Erkenntnissen entsprechen. Das Wissen sei nicht einfach anzuhäufen, sondern kritisch zu hinterfragen.

Als fromm, aber nicht autoritär beschreibt Karakoyun den Prediger Gülen. Erdogan strebe einen Präsidialstaat mit einem autoritären "Staatsislam" an. Gülen trete für Demokratie und Glaubensfreiheit ein: "Religiöser Gehorsam ist nicht staatlich sanktionierbar, ohne den Sinn der Religion zu untergraben." Die Lehre Gülens sei auf Frieden und Toleranz ausgerichtet.

In der Türkei hielt die Praxis diesen hehren Idealen nicht immer stand: Gülen-Leute waren offensichtlich an türkischen Staatsaffären beteiligt und agierten im Umgang mit gesellschaftlichen Gegnern durchaus radikal. Karakoyun beteuert: So etwas entspreche nicht dem Willen und den Lehren Gülens.

Zum wichtigsten Operationsfeld der "Hizmet"-Bewegung war seit den 1970er-Jahren das Bildungswesen geworden - zunächst in der Türkei, später auch in anderen Ländern. Die religiös geprägte, meist arme Landbevölkerung Anatoliens war Mitte des 20. Jahrhunderts vom Zugang zu höherer Bildung abgeschnitten. Staatliche Grundschulen gab es in Anatolien viel zu wenige. Religiöse Symbole wie das Kopftuch waren dort nicht erlaubt. Alle Belange des Glaubens wurden von der Religionsbehörde Diyanet geregelt. Religiöse Äußerungen in der Öffentlichkeit konnten mit Gefängnis bestraft werden. Der heutige Präsident Erdogan wurde noch 1998 von einem Staatssicherheitsgericht verurteilt, weil er ein unter Strafe stehendes, religiöses Gedicht öffentlich vorgetragen hatte.

Viele Kinder aus armen, gottesfürchtigen Familien kamen in Imam-Hatip-Schulen unter, die keine allgemeine Schulbildung, sondern religiöses Wissen vermittelten. Es handelt sich um Berufsfachschulen für Imame und Prediger. Mitte der 1990er-Jahre brachten sie mehr als eine halbe Million Absolventen hervor. Auch Erdogan hatte eine solche Schule besucht. Gülen gründete Schulen, in denen Religion erlaubt war. Er leitete damit den Aufstieg einer neuen, muslimischen Bildungselite ein. Für Kinder armer Familien kam ein Stipendienwerk auf, das von Hizmet-treuen Unternehmern getragen wurde. Auch Wohnheime werden von wohlhabenden Muslimen subventioniert.

Die Gülen-Schulen und Gülen-Nachhilfevereine haben in der Türkei einer jungen, religiös geprägten Elite den Weg in gesellschaftliche Spitzenpositionen geebnet. In vielen Ländern weltweit stehen die Schulen in gutem Ruf. In einigen gehören sie zu den besten vor Ort. In Deutschland gibt es etwa 30 solcher Schulen: Sie folgen dem offiziellen Lehrplan und unterrichten Ethik statt Religion. Im Pisa-Test fielen sie positiv auf: Kinder mit Migrationshintergrund, im staatlichen System oft zuwenig gefördert, erreichten an Gülen-Schulen erheblich häufiger das Abitur. "Die Streber Allahs", betitelte die Hamburger "Zeit" einen Aufsehen erregenden Bericht.

Auch Hassan Yilmaz, der jetzt in Leipzig an seinem Tee nippt, erzählt lebhaft von Bildungsprojekten, an denen er beteiligt war. Mit der innenpolitischen Wende in der Türkei und erst recht nach dem Putschversuch sei alles in Frage gestellt. "Nach dem Juli 2016 wurde es richtig schlimm", sagt Tayyip Kocak, der Regionalchef des Dialogvereins. "Zehntausende wurden verhaftet, Zehntausende suspendiert und ihrer beruflichen Existenzgrundlage beraubt. Es reichte, Gülen-Anhänger zu sein." Die Zeitung "Sabah" schaltete eine Telefonleitung eigens für die Denunziation von "Gülenisten". Unternehmen wurden enteignet, eine der größten Banken des Landes unter Zwangsverwaltung gestellt. Es seien auch Frauen mit Kindern in Haft, schimpft Yilmaz. Niemand sei mehr sicher. In Pakistan habe man einen früheren Schulleiter mitsamt seiner Familie entführt.

Tayyar Kocak atmet durch. Man merkt ihm und Herrn Yilmaz, aber auch dem Buch von Ercan Karakoyun an, wie tief das Bedürfnis nach Erklärung, nach Rechtfertigung ist - in diesem Strudel der allgegenwärtigen Propaganda und des drohenden Verrats. Der Druck hat Deutschland längst erreicht, auch wenn Ankara bisher bei Versuchen gescheitert ist, deutsche Behörden gegen Gülen zu instrumentalisieren. Zwei der früher hochgelobten Schulen mussten in Deutschland bereits schließen, Sponsoren ziehen sich zurück. Der Dialog ist schwieriger geworden.

Bis vor Jahren habe sich überhaupt niemand für "Hizmet" interessiert, schreibt Ercan Karakoyun. Es gab Vereine, Aktivitäten, wissenschaftliche Kongresse - aber kaum Öffentlichkeit. Jetzt gehe er auf Dutzende Veranstaltungen im Jahr, um die Gülen-Bewegung zu erklären. Die Krise habe alle überrumpelt. "Trotzdem müssen wir reden. Die Karawane formt sich auf dem Weg."

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