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Häusliche Gewalt spielt sich hinter verschlossenen Türen ab, dieses Bild eines weinenden Mädchens ist gestellt. In deutschen Frauenhäusern werden jährlich so viele Gewaltopfer beraten, wie es der Bevölkerung einer Kreisstadt entspricht. Die Dunkelziffer liegt jedoch viel höher.

Foto: Patrick Pleul/dpa/Archiv

Mutter, Schläger, Kind

In Frauenhäuser kommen mehr Kinder als Frauen. Bisher können Kinder, die als Betroffene oder Zeugen unter häuslicher Gewalt leiden, sich selten gezielt und eigenständig helfen lassen. Jetzt werden entsprechende Angebote in Sachsen aufgebaut.

Von Ronny Schilder
erschienen am 16.05.2017

Chemnitz. Der Anruf Julias kam am Abend, als ihr Mann die Wohnung kurz verlassen hatte, und er war ein Hilferuf. Timo schlägt mich, auch unser Kind, ich muss weg. Als Svenja das Band abhört, weiß sie, wie ernst die Lage ist: Sie kennt das Paar, sie kennt sein vielsagendes Schweigen. Wenn sie Julia fragte, wie es ihr geht, hatte sich die Freundin letztens nur noch weggedreht.

Svenja und Julia schmieden einen Plan. Vater Timo lässt Leon, das gemeinsame Kind, nicht aus den Augen, bringt ihn zum Kindergarten, holt ihn ab. Leon ist sein Pfand, sein Instrument, von dem er glaubt, dass es Julia an ihn bindet. Doch mit Svenjas Unterstützung gelingt es Julia am nächsten Morgen, Leon aus dem Kindergarten wegzuholen. Sie fahren in die nächste Stadt, eine kurze, ereignislose Fahrt, so wie samstags zum Einkauf. Nur schlägt allen das Herz jetzt bis zum Hals.

Das Frauenhaus nimmt Julia und Leon auf. Johanna, die diensthabende Mitarbeiterin, erledigt die Formalitäten. Julias Erzählung ist kurz, ihre Ehe ein Scherbenhaufen. Eine Stunde später, nach einem warmen Tee in der Küche, führt Johanna die Neuankömmlinge zu einem anderen Haus in der Nähe, wo es eine Wohnung gibt, einen Zufluchtsort auf Zeit. Morgen wird Johanna bei den Formularen helfen, beim Sozialamt, beim Rechtsanwalt.

Jeder Mensch hat Anspruch auf ein gewaltfreies Leben, im Prinzip fast auf der ganzen Welt. Es gibt internationale Abkommen dazu. Die "Istanbul-Konvention" des Europarates verpflichtet alle EU-Staaten, Schutz- und Beratungsangebote in ausreichender Zahl für Gewaltopfer bereitzustellen. Auf diese Konvention will sich die Bundesregierung noch vor der Bundestagswahl im September verpflichten, heißt es im Familienministerium.

Die ersten Frauenhäuser, die in Deutschland vor vierzig Jahren öffneten, kamen nicht vom Staat. Sie gingen aus Selbsthilfeprojekten der Frauenbewegung hervor. Der Weg der Aktivistinnen zur Anerkennung des Rechts auf ein gewaltfreies Leben war steinig und ist nicht zu Ende. Um die Öffentlichkeit aufzurütteln, führten engagierte Frauen 1981 einen jährlichen Gedenktag ein, der auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen und Diskriminierung aufmerksam machen soll. Der 25. November ist bis heute nur wenigen geläufig. Die Vereinten Nationen haben ihn 1990 als weltweiten Gedenktag anerkannt.

Erst nach langem Kampf trat 2002 in Deutschland ein Gewaltschutzgesetz in Kraft, das die Rechte der Opfer häuslicher Gewalt nachhaltig stärkt und es erleichtert, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Aber engagierte Juristinnen und Juristen sehen Schwachstellen bei der strafrechtlichen Umsetzung, etwa bei der Durchsetzung von Kontaktverboten. Ein Rückgang der Gewalt ist auch nicht zu verzeichnen. Und es wird noch immer diskutiert, wie spezielle Gruppen, etwa Mädchen mit Behinderungen, vor Übergriffen besser geschützt werden können.

Wie viele Menschen und besonders Kinder tatsächlich unter häuslicher Gewalt leiden, liegt im Dunkeln. Alle Frauenschutzhäuser in Deutschland betreuen derzeit rund 15.000 Frauen mit 17.000 Kindern im Jahr - die Bevölkerung einer Kreisstadt. Für Sachsen hat die Landespolizei 2015 - das sind die aktuellsten Zahlen - knapp 8400 Fälle häuslicher Gewalt registriert. Unter den Opfern war die Mehrzahl weiblich, 68 Prozent. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen unter den Opfern lag bei einem Fünftel.

Wenn öffentlich wird, dass Männer von Frauen zu Hause malträtiert, geschlagen, mit Gegenständen beworfen werden, findet das zurzeit erhöhte mediale Aufmerksamkeit, weil das Schicksal dieser Männer jahrelang ignoriert und beschwiegen wurde. Trotzdem, ausweislich der Zahlen, sind es vor allem Frauen und Mädchen, die häusliche Gewalt erleiden. Und es sind vor allem Männer, die gewalttätig werden. Unter den 6400 Tatverdächtigen des Jahres 2015 in Sachsen waren knapp 5000 Männer, so die Polizeistatistik.

Wie viele Gewaltopfer nie den Weg zur Polizei oder zur Beratung finden, liegt im Dunkeln. Selbst eine Trennung vom gewalttätigen Partner schafft Probleme häufig nicht aus der Welt. "70 Prozent der Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt waren und deren Kinder Kontakt zum Täter hatten, wurden während der Besuche oder der Übergabe erneut misshandelt", sagt Alexandra Kruse, Sprecherin der Gleichstellungsministerin beim sächsischen Sozialministerium. "58 Prozent der Kinder erlitten Gewalt während der Umgangszeit mit dem nichtsorgeberechtigten Elternteil."

Julia und Sohn Leon hatten nach Timos letztem Ausraster immerhin das Glück, dass Svenja ihnen geholfen hat. Svenja ist tatkräftig, bewahrt kühlen Kopf - und sie hat ein Auto, mit dem sie beide in die Stadt bringen konnte. Julia fährt nicht, weil Timo das nicht wollte.

Häusliche Gewalt tritt in allen Bevölkerungsgruppen, in Familien mit höheren und niedrigeren Einkommen auf. "Manche Frau, die Gewaltopfer wird, verzichtet auf die Schutzmöglichkeit des Frauenhauses, weil sie nicht weiß, wie sie ihr Leben am Laufen halten soll: Arbeit, Schule, Kita", weiß Susanne Köhler, die Vorsitzende des Landesfrauenrates Sachsen. "Manche Frau wird darüber krank oder verliert ihren Arbeitsplatz. Das sind Folgen der Situation, die zeigen, wie kompliziert die Aufgabe und wie wichtig ein weitgespanntes Netz an Hilfen ist!"

Für Beratungs- und Unterstützungsangebote sind heute in erster Linie die Bundesländer und Kommunen verantwortlich. Das föderale Prinzip, im Grundgesetz verankert, hat in diesem Bereich einen Flickenteppich unterschiedlicher Herangehensweisen von Rügen bis zum Alpenrand hervorgebracht. In Sachsen, wo es Interventions- und Koordinierungsstellen (IKS) in Zwickau, Chemnitz und fünf weiteren Städten gibt, weist vor allem im ländlichen Raum das Angebot an Gewaltschutzhäusern große Lücken auf. Der Landesfrauenrat kritisiert seit Jahren die "weißen Flecken" in Nordsachsen und im Erzgebirge, die Unterversorgung in der Lausitz und in Mittelsachsen. Für die Kommunen ist die Finanzierung eines Frauenhauses eine "freiwillige Aufgabe". Es ist für alle engagierten Helfer ein Daueranliegen, die Sach- und Personalausstattung auf ein stabiles Fundament zu stellen. Dass eine nachhaltige Finanzierung der Frauenhäuser fehlt, ist 2015 sogar den Vereinten Nationen aufgefallen, die Deutschland dafür rügten. Insbesondere sei kein einkommensunabhängiger Zugang zu Frauenhäusern gegeben, wenn die teils weit entfernt liegen. Es fehlten auch Beratungszentren für Ausländerinnen.

Um die Diskussion voranzubringen, beauftragten die großen deutschen Sozialverbände 2012 ein wissenschaftliches Gutachten, das einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe begründete. Die Bundesregierung ist allerdings der Meinung, dass es "grundsätzlich ein breites und gut ausdifferenziertes System von Hilfeangeboten gibt", wie ein Sprecher des Familienministeriums der "Freien Presse" sagte. Entwicklungsbedarfe sehe man vor allem bei Angeboten für bestimmte Gruppen, etwa Frauen mit Behinderungen oder Frauen mit psychischen Erkrankungen.



Foto: Peter Steffen/dpa/Archiv

Um so positiver wird bei Sachsens Landesfrauenrat vermerkt, dass der Freistaat die Mittel für die IKS-Beratungsstellen derzeit erheblich aufstockt. Die Regierungsparteien hatten in ihrem Koalitionsvertrag von 2014 festgeschrieben, "dass die bestehenden Angebote der Frauen- und Kinderschutzhäuser, der Interventionsstellen sowie der Täterberatungsstellen ausgebaut werden müssen, um sie dem tatsächlichen Bedarf anzupassen und bestehende Lücken im Hilfesystem zu schließen." Hatte der Haushalt 2016 maximal 487.500 Euro zur Förderung der IKS vorgesehen, sind es im Doppelhaushalt 2017/18 maximal 1,12 Millionen Euro pro Jahr. Die Mittel werden in dem Umfang wirksam, wie die Kommunen oder Landkreise die Kofinanzierung stemmen. Das ist nicht automatisch der Fall. Dazu kommt ein Eigenanteil der Trägervereine, meist zehn Prozent.

Trotzdem ist die Budgeterweiterung ein Schritt in die richtige Richtung, findet Susanne Köhler vom Landesfrauenrat. Die erhöhte Landesförderung soll laut Ministeriumssprecherin Alexandra Kruse vor allem ein eigenständiges Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche sichern, die von Gewalt betroffen sind. Sechs von sieben IKS in Sachsen haben bereits reagiert und ihr Personal aufgestockt.

Die Interventions- und Koordinierungsstelle Chemnitz (IKOS), die auch Mittelsachsen und den Erzgebirgskreis betreut, hält seit August 2016 ein Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche bereit, die von Gewalt oder Stalking (beharrlicher Verfolgung und Belästigung) betroffen sind. 161 Fälle häuslicher Gewalt wurden beim IKOS 2016 registriert. 152 Frauen, neun Männer und 41 Kinder waren die Opfer. Mitbetroffen, weil sie Gewaltausbrüche miterleben oder ihre Folgen miterleiden mussten, waren 153 Kinder. "Wir wollen Kindern und Jugendlichen helfen, das Erlebte und die damit verbundenen Gefühle zu verarbeiten, Schutzstrategien zu entwickeln sowie Gefühle und Bedürfnisse zu benennen", sagt Doreen Strauch, Sozialpädagogin beim IKOS. Dafür gehen die Helfer auch aktiv auf Kinder und Jugendliche zu.

An Leons Zufluchtsort findet der Sechsjährige jetzt auch eine kompetente Mitarbeiterin, mit der er kindgemäß über seine Gefühle sprechen kann. Er erhält altersgerechte Informationen, psychosoziale Unterstützung, Hilfe zu seiner Sicherheit. Bei Bedarf begleitet ihn eine Beraterin auf dem weiteren Weg.

Julia hat inzwischen Anzeige erstattet. Ihr Mann, den sie endlich verlassen wird, soll vor dem Amtsgericht für seine Schläge geradestehen. Die Mutter möchte nicht, dass Timo ein Umgangsrecht erhält. Timos Anwältin hält dagegen. Für sie ist die väterliche Teilhabe an Leons Erziehung ein hohes Gut. Leons Interessen werden von einer Mitarbeiterin des Jugendamtes vertreten.

Die Abwägung zwischen dem Umgangsrecht des einen und dem Schutzbedürfnis des anderen ist verzwickt: ein Spagat für Familiengerichte, Jugendämter, Anwältinnen und Beratungsstellen, den sie gemeinsam mit den Eltern bewältigen müssen. Zu den vielen Detailproblemen haben der Landespräventionsrat und der Landesfrauenrat Sachsen kürzlich in Dresden zum zweiten Mal einen Fachtag durchgeführt, der die Nöte gewaltbetroffener Kinder in den Mittelpunkt rückte. Die Leitfrage: "Wie Eltern bleiben trotz häuslicher Gewalt?" Im Vorfeld der Tagung bezog Gleichstellungsministerin Petra Köpping klar Position und verlangte, dass "bei gerichtlichen Verfahren zur Regelung des Umgangsrechts die Aspekte des Gewaltschutzes und des Kindeswohls klar Vorrang haben".

In sächsischen Frauenhäusern wurden 2015 mehr als 600 Kinder mit aufgenommen. Eine Beratungsstelle haben fast 1700 Kinder aufgesucht, meist an der Seite ihrer Mutter. Julia hat in ihrer ersten Nacht in der Schutzwohnung kein Auge zugemacht. Leon schlummerte erschöpft, aber sicher im fremden Bett.

Hinweis zu den Namen dieses Beitrags: Julia und Leon heißen anders. Ihre Geschichte ist authentisch.

Hilfetelefon für Opfer häuslicher Gewalt, Angehörige, Unterstützer: 08000 116 016. Das bundesweite Angebot ist kostenlos, barrierefrei und in vielen Sprachen nutzbar. www.hilfetelefon.de

 
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