Sachsen: 250.000 Beschäftigte profitieren vom Mindestlohn

38 Prozent aller Firmen im Freistaat mussten auf die Lohnuntergrenze reagieren - so viele wie in keinem anderen Bundesland. Gab es negative Folgen?

Dresden/Chemnitz.

Die Beschäftigten in Sachsen haben überdurchschnittlich von der Einführung des Mindestlohns vor gut einem Jahr profitiert. Das ist das Ergebnis der ersten repräsentativen Studie zu den Auswirkungen der seit 1. Januar 2015 geltenden Lohnuntergrenze von 8,50 Euro. Sie wurde am Donnerstag in Dresden vorgestellt. So haben seit der Anhebung der Stundensätze im Freistaat 250.000 Arbeitnehmer mehr im Portemonnaie. Das ist jeder zehnte Beschäftigte in Sachsen. Eine so hohe Quote hat kein anderes Bundesland zu verzeichnen, fand das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag des sächsischen Wirtschaftsministeriums heraus. Staatssekretär Stefan Brangs (SPD) sieht die Ursache dafür in der jahrelangen Niedriglohnstrategie in Sachsen.

Auch die Anzahl der betroffenen Unternehmen liegt im Freistaat mit 38 Prozent über allen Werten der Länder, stellte Lutz Bellmann vom IAB, der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, heraus. In ganz Ostdeutschland musste jeder dritte (33 Prozent), in Westdeutschland nur jeder siebente Betrieb (14 Prozent) reagieren. An der Studie nahmen in Sachsen 1155, bundesweit 16.000 Betriebe teil.

Die von renommierten Wirtschaftsinstituten vorhergesagten negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt seien ausgeblieben, so Bellmann. Zwar sei die Zahl der geringfügig Beschäftigten um rund 16.500 zurückgegangen. "Dafür stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Sachsen von 2014 bis 2015 um rund 63.000", sagte er. Das entspreche einem Plus von 4,2 Prozent. Nach Angaben der Arbeitsagentur Chemnitz sank zugleich die Anzahl der Aufstocker spürbar. Das sind Arbeitnehmer, die zum Arbeitslohn noch auf Sozialleistungen vom Staat angewiesen sind. Brangs machte deutlich, dass die derzeitige Lohnuntergrenze nur ein Schritt sei. "Existenzsichernde Löhne sehen anders aus."

Nur "Sieger" gibt es indes nicht. So reagierte laut Bellmann ein Teil der sächsischen Betriebe mit verkürzten Arbeitszeiten auf die Stundenlohnerhöhung. Es gibt zudem Wegfall von Zuschlägen oder höhere Preise. Bellmann machte aber deutlich, dass es nicht bei 8,50 Euro bleiben werde. Mit Blick auf die Mindestlohn-Kommission gab er sich optimistisch, dass sie bis Ende Juni die Lohnuntergrenze zum 1. Januar 2017 etwas anheben könnte.

Wenn Prognosen auf die Wirklichkeit treffen

Mit dem Wegfall von 31.000 bis zu 60.000 Arbeitsplätzen in Sachsen hatte das ifo-Wirtschaftsinstitut Dresden noch 2014 gerechnet - in einer Expertise für das damals von der FDP geführte Wirtschaftsressort. Seinerzeit verdiente ein Fünftel aller sächsischen Beschäftigten unter der späteren Mindestlohnmarke.

Der Ifo-Niederlassungschef Marcel Thum sieht dennoch keinen großen Widerspruch. Bundesweit seien mit dem Mindestlohn 200.000 Minijobs weggefallen, davon viele im Freistaat. Zudem laufe die Konjunktur derzeit gut. "Die Wirkung eines Mindestlohns zeigt sich erst in schwierigen Zeiten."

Sachsen hatte sich gegen den Mindestlohn gestemmt. Weil die FDP ihn ablehnte, stimmte der Freistaat im Bundesrat als einziges Bundesland nicht für den Mindestlohn.

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2Kommentare
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    692795
    11.03.2016

    Diese Erhebung dieser Studie fand im Frühjahr 2015 statt. Insofern wurden nur erste Reaktionen auf den Mindestlohn, der erst 2015 eingeführt wurde, abgefragt. Zudem dürfen Arbeitsplatzverluste in einigen Unternehmen nicht vernachlässigt werden. Laut anderen Studien bauten 30 Prozent der betroffenen Unternehmen in Südwestsachsen Stellen ab. Dieser Abbau wurde insgesamt schlicht durch den Aufbau in anderen Bereichen kompensiert. Die Wirtschaft konnte den Mindestlohn dank der guten Konjunktur gut verdauen. Ohne den Mindestlohn wären die Beschaftigungszuwachse sicherlich höher gewesen. Ob der Mindestlohn in Sachsen zum Erfolg wird lässt sich erst auf lange Sicht bewerten. Erst wennn es wirtschaflich nicht mehr so läuft wie jetzt, zeigt sich, ob dieser erfolgreich war.

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    Schaulies
    11.03.2016

    klar! erst vor der Einführung lamentieren und dagegen reden, dann langt das Geld für Aufstocker nicht mehr und schwups wird der schlechte Mindestlohn zum Erfolgsmodell! Schöne bunte Republik.....es wäre an der Zeit ohne Ausnahme für alle 10€/ Stunde zu bezahlen, auch für die Flüchtlinge....dann gibt's keine Verzerrungen mehr und der Anreiz zur Aufnahme von Arbeit lohnt sich wieder! Es wäre auch an der Zeit was gegen die hohe Abgabenlast der arbeitenden Bevölkerung was zu tun!



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