Sachsen plant grüne Korridore für die Rückkehr der Wildkatze

Mehr als 100 Jahre galt sie als ausgestorben. Nun wollen Tierschützer dem kleinen Raubtier Wege in den Freistaat ebnen.

Chemnitz. 1600 Wildkatzen könnten in sächsischen Wäldern leben. Das wäre der Idealzustand, sagen Tierschützer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Sachsen. Doch die wilde Katze gilt hierzulande seit mehr als 100 Jahren als ausgestorben. Wie also soll sie wieder in den Freistaat gelockt werden? "Wir ebnen ihr spezielle Wege", sagt Almut Gaisbauer, Koordinatorin für das BUND-Projekt "Wildkatzensprung" in Sachsen. Es ist Teil des Bundesprogrammes "Biologische Vielfalt", an dem sich zehn Bundesländer beteiligen und das mit Bundesmitteln gefördert wird.

Die Hoffnung, dass die Katze zurückkommt, begründet sich nicht zuletzt auf einen Fund 2011 im Vogtland. "Damals war eine Wildkatze durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen", so Almut Gaisbauer. "Traurig. Aber für uns war es einer der wenigen konkreten Nachweise, dass die Tiere auch durch Sachsen streifen." Doch die Bedingungen für die wanderfreudigen Samtpfoten sind nicht günstig. "Die Wälder sind nicht selten kilometerweit voneinander entfernt, durch Verkehrswege, Siedlungen und die Landwirtschaft zerschnitten. Oft wirken sie wie grüne Inseln", sagt Gaisbauer. Aber so eine "Insel" sei zu klein für die Wildkatze. Sie will wandern. Deshalb müssten die Wälder vernetzt werden. "Wir wollen grüne Korridore aus Büschen und Bäumen pflanzen, auf denen die Katzen unbeschadet von Wald zu Wald gelangen."

So stricken die Sachsen mit am bundesweiten "Rettungsnetz für die Wildkatze", das Tausende Kilometer umfassen soll. Im Mittelpunkt des vom BUND Sachsen erarbeiteten Wildkatzenwegeplan stehen die vier größten zusammenhängenden Streifgebiete: die Lausitz, Teile des Vogtlandes und des Erzgebirges sowie die Sächsische Schweiz. Wird der Wegeplan umgesetzt, könnten die Katzen etwa aus Bayern und Thüringen nach Sachsen wandern. "Wenn sie sich wieder ausbreiten und stabile Bestände entwickeln, ist das Beweis dafür, dass es gut um die Artenvielfalt in den Wäldern steht", erklärt die Tierschützerin. Beim Umsetzen des Wegeplanes, ausgehend vom Vogtland, müssten viele Interessen unter einen Hut gebracht werden. "Naturschutzbehörde, Jagdverbände sowie Forst- und Landwirte müssen zusammenarbeiten. Da gilt es teils noch Überzeugungsarbeit zu leisten." Denn so ein Korridor gehe nicht immer um ein Feld herum.

Die kleinen Tiger lieben ausgedehnte Laub- und Mischwälder mit trockenen warmen Stellen, Lichtungen und verborgene Wiesen. Da hat der Forst schon einiges zu bieten. Denn seit Jahren treibt er den Umbau der Monokulturen in artgerechte Mischwälder voran. "Wichtig ist auch, dass wir Totholz in den Beständen lassen, als Versteck oder als Kinderstube, in der die Katzen ihre Jungen aufziehen können", meint Bernd Härtel, Leiter Staatsforstbetrieb im Forst Plauen. Er denkt dabei nicht nur an die Katzen. Totholz sei schließlich auch ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Pilze.

Die Katzen schlafen am Tag und gehen nachts auf Jagd nach Mäusen, Eidechsen, Insekten. Deshalb bekommt sie kaum einer zu Gesicht. Um sie aufzuspüren bedarf es vieler Helfer, um Holzpflöcke in den Boden zu schlagen, die dann mit dem bei allen Samtpfoten beliebten Baldrian besprüht werden. Nachts reiben sich die Katzen am Duftholz und streifen so Haare ab. Die Ehrenamtler sammeln diese ein und schicken sie zum Gentest ins Institut der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung nach Gelnhausen in Osthessen. Die Wissenschaftler haben inzwischen eine Gendatenbank zur Europäischen Wildkatze in Deutschland erstellt. Eine weltweit einzigartige Datenbasis zu einer gefährdeten Art, so der BUND. Von 2012 bis 2014 wurden rund 3570 Haarproben untersucht, etwa 2050 waren von Wildkatzen, die nahezu 630 Tieren zugeordnet wurden. "Die Untersuchungen räumen auch mit der weitverbreiteten Meinung auf, dass es zwischen Wild- und Hauskatze zu einer genetischen Verunreinigung des Wildkatzenpools kommt und die beiden genetisch nur schwer zu unterscheiden sind", betont Carsten Nowak vom Institut.

 

Bis zu vier Junge pro Wurf

Graue Fellfarbe mit braun-gelbem bis ockerfarbigen Ton. Stark buschiger Schwanz mit deutlich dunklen, abgesetzten Ringen als Musterung - stumpfes Ende. Die Jungen - in der Regel zwei bis vier pro Wurf - kommen zwischen März und September zur Welt, die meisten im April.

Sehr viele Populationen wurden in Eifel und Hunsrück, im Leine-Weser-Bergland, Harz und Hainich (Thüringen) nachgewiesen. Der BUND konnte bundesweit Flächen sichern, um Wälder miteinander zu verbinden.

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8Kommentare
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  • 2
    0
    Bewi
    18.06.2015

    Wenn ich mir auf meinem täglichen Arbeitsweg über Landstraßen und die A4 die vielen totgefahrenen Tiere ansehe, dann finde ich es dringend notwendig grüne Korridore zu schaffen.

  • 1
    0
    18.06.2015

    Wo Wölfe in von Menschen besiedelten Gebieten auftauchen, kann es zu Konflikten kommen. Im Gegensatz zu früher gibt es allerdings Management- und Konfliktbewältigungspläne, sodass etwaige Geschädigte nicht alleine gelassen werden.
    Wir können lernen, dass das Zusammenleben von Mensch und Wolf möglich ist. Dazu sollte man sich von der Vorstellung lösen, dass immer alles nur gut oder nur schlecht ist. Normalerweise bemerkt ein Mensch den Wolf in seiner Region nicht. Aber wenn Schafe ungeschützt gehalten werden, kann ein Wolf die Tiere angreifen und der Landwirt wird zu Recht fluchen. Wenn ein Trupp Jungwölfe zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen entdeckt und ihn interessant findet, kann ein Spaziergänger schon einmal wenige Meter entfernt von Wölfen stehen. Er wird dann sicherlich Angst haben. Doch mit lautem Rufen oder Klatschen kann man die Wölfe vertreiben. Trotz seiner Ambivalenz hat der Wolf grundsätzlich ein Lebensrecht. Wir müssen nur jene Konflikte lösen, die wirklich bestehen.

  • 0
    3
    saxon1965
    18.06.2015

    Abschließend möchte ich nur noch anmerken, dass ich sicher nicht die alleinige Wahrheit gepachtet habe ... und mir auch bewusst bin nicht alle Zusammenhänge bis ins Detail zu kennen. ABER sind sie >Gutmensch< wirklich der Meinung, dass der Wolf in die heutige Kulturlandschaft passt? Er hat sicher hier und da paar Nischen zu besetzen. Doch die vom BUND u.ä. Leuten angestrebte flächenhafte Ausbreitung in Mitteleuropa wird nicht funktionieren. Da wird der Mensch Einhalt gebieten müssen. Spätestens wenn: immer mehr Nutztiere zu Schaden kommen, es vermehrt zu Übergriffen von Wölfen auf "des Menschen treuesten Begleiter" den Hund kommt, es durch massenhafte Zusammenrottung des Wildes (Sicherheitsgefühl) exorbitante Schäden bei Land- UND Forstwirten kommt und nicht zuletzt das Sicherheitsgefühl der Zivilbevölkerung schwinden wird, wenn womöglich neben dem Hund auch sein Herrschen/Frauchen zu Schaden kam. Der Wolf ist kein scheues heimlicher Polizist der Förster. Er ist ein anpassungsfähiges, gefährlich werden könnendes Raubtier und hat in einer urbanen Landschaft keinen Platz. Die Toleranz dem Wolf gegenüber wird schnell enden, wenn ... und dann dürfen es wieder die "ausbaden" die rechtzeitig gewarnt haben! So ähnlich, wie es sich beim Schwarzwild momentan entwickelt.

  • 4
    1
    18.06.2015

    Der Wolf ist eine heimische Tierart. Diese Beutegreifer haben über "Kaskadeneffekte" bedeutend positive Einfüsse auf ihre Umwelt. Seine Beutetiere leben in unseren Wäldern in rekordverdächtigen Dichten.
    Es geht dabei aber auch um die ethische Einstellung zur Biospäre. Menschen sind nicht die einzige Art auf dieser Welt, es ist daher nicht einzusehen, warum Menschen heute einen Lebensraum monopolisieren wollen, den sie traditionellerweise immer mit dem Wolf teilten.

  • 3
    1
    saxon1965
    18.06.2015

    Das "grüne Korridore" einer Vielzahl von Tierarten nützen, bestreite ich nicht. Auch sind Wildkatzen nicht problematisch zu sehen, wie z. Bsp. Mink, Waschbär, Wolf und Co. Sie ernähren sich meist von Mäusen, Eichhörnchen, selten von Amphibien und ganz selten von größeren Säugetieren. Was mich nur stört, dass der BUND nur zu gerne sein Augenmerk auf "Flaggschiffe" lenkt, noch dazu wenn es sich auch finanziell lohnt, wie jüngst beim Wolf. Einheimische Arten werden hingegen geopfert. Ein all zu trauriges Beispiel ist der Mink, der ganze Brutkolonien eliminiert. Das nächste Beispiel wird der Wolf werden. Wenn man den Erhalt von Artenvielfalt auf der Fahne stehen hat, dann passt es nicht für eine neue Tierart, gleich mehrere zu opfern.

  • 3
    0
    17.06.2015

    Die "grünen Korridore" nützen einer Vielzahl von wild lebenden Tieren. Durch die Vernetzung von Lebensräumen kann ein genetischer Austausch stattfinden. Auch viele jagbare Arten profitieren davon. Insbesondre Hasen aber auch andere werden sich über diese "grünen Korridore" sehr feuern.
    Deshalb verstehe ich das reflexhafte Ablehnen dieser Naturschutzmaßnahme nicht.
    Leider sind Kenntnisse über ökologische Zusammenhänge in der Jägerschaft nicht sonderlich verbreitet.

  • 1
    4
    saxon1965
    17.06.2015

    Und wieder so ein Prestigeprojekt dieses Gutmenschen-Naturschutzverbandes BUND! Wenn man solche Hypothesen aufstellt, dann sollten die Damen und Herren erst mal erkunden, was diese Tiere für ihre natürliche Ernährung benötigen und welche Biotope. Vielleicht baut man in diesen Kreisen aber auch darauf, dass der Wolf, wenn er keine andere Nahrung mehr findet, die Neozoenen wie Waschbär, Marderhund, Mink ect. vertilgt. Ob sich dann allerdings die gen Ausrottung strebenden, ehemals einheimischen Tierarten, wie Hase, Rebhuhn, verschiedene bodenbrütenden Wasservögel u.ä.m. in ihren Beständen wieder erholen? Seht fraglich!
    Anstatt sich um die gefährdeten einheimischen Tierarten zu kümmern, die schon da sind, sollen neue ehemalige Arten zurück geholt werden, die dann wieder neue Probleme mit sich bringen. Aber Wolf und Wildkatze machen sich natürlich wesentlich populistischer, als Bekassine, Rebhuhn und Co.
    Anmerkung an @mightyMark: In Australien haben streunende Hauskatzen, eingeschleppt wie bei uns, schon einige Klein-Känguru-Arten ausgelöscht. Können sie sich vorstellen, wie viele Junghasen, Entenküken, Singvögel bis hin zu neugeborenen Rehkitzen eine ausgewachsene Hauskatze in ihrem Leben verdrückt?

  • 1
    2
    gelöschter Nutzer
    17.06.2015

    Nun, da selbst spazierende Hauskatzen von Jägern erlegt werden weil sie angeblich Wild wildern, - was ist da der Sinn einer Wildkatzenintegration?
    Weder trifft ein Streichelversuch auf Resonanz, noch schmecken sie. Dass sie nicht produktiv sind ist zu ertragen, aber selbst diakonisch sind sie zu nichts zu gebrauchen. Vögel und Kleintierebestände vermindern sie -Toll?

    So einfach lässt sich Gutmenschlichkeit nicht auf die Tierwelt übertragen.
    Oder, doch? Dann Hallo Forst/Flora/FauneFachkräfte.



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