Sächsische Wachpolizei formiert sich - und bleibt umstritten

Bautzen.

Bautzen. Um den Personalmangel bei der Landespolizei zu verringern, setzt Sachsen auf eine schnelle Lösung: In Bautzen haben am Montag die ersten 50 Wachpolizisten ihre dreimonatige Ausbildung begonnen. Die 45 Männer und fünf Frauen im Alter zwischen 21 und 33 Jahren, die sich zuvor erfolglos für den regulären Polizeidienst beworben hatten, sollen nach bestandener Prüfung ab Mai verbeamtete Kollegen der Polizeidirektionen Dresden und Leipzig bei der Bewachung von Asylbewerberheimen entlasten. Dazu werden sie mit Schlagstock und Dienstpistole ausgestattet.

"Die Wachpolizisten erhalten bei uns in Sachsen eine professionelle Ausbildung", sagte Innenminister Markus Ulbig (CDU) in Dresden. Insgesamt will der Freistaat so 550 zusätzliche Ordnungskräfte ausbilden: Im Mai starten die nächsten 100 Anwärter, auch für den Raum Chemnitz. Laut Ministerium gab es mehr als 1700 Bewerbungen.

Im Fortbildungszentrum der sächsischen Polizei in Bautzen werden die Wachpolizisten in Recht, Kommunikation und interkultureller Kompetenz geschult. Der Praxisteil umfasst auch die Waffen- und Schießausbildung. "Die Schießausbildung läuft eins zu eins wie bei der regulären Polizei", sagte Sachsens Polizeipräsident Jürgen Georgie. Der Leiter der Bereitschaftspolizei, Horst Kretzschmar, sprach zur Begrüßung der Auszubildenden von einem richtigen Schritt zur richtigen Zeit. "Wir brauchen Sie dringend, um unsere Personalnot zu lösen."

Die Gewerkschaft der Polizei erneuerte indes ihre Kritik an der Kurzausbildung. "Das ist eine absolute Alibiaktion, die der Lage nicht gerecht wird", sagte der GdP-Landesvorsitzende Hagen Husgen. Im Gegensatz zu 2002, als es schon einmal eine Wachpolizei in Sachsen gab, sei die Situation heute viel brisanter. Anders als bei der zweieinhalbjährigen Ausbildung im mittleren Dienst würden Wachpolizisten psychologisch völlig unzureichend auf Konfliktlagen vorbereitet. Husgen forderte, zur Beseitigung des Personalmangels bei der Polizei Kollegen aus dem Ruhestand zurückzuholen oder die Lebensarbeitszeit von Beamten zu verlängern. "Doch dafür will der Freistaat kein Geld in die Hand nehmen", beklagte der GdP-Chef.


Ordnungshüter mit eingeschränkten Rechten

Wachpolizisten in Sachsen werden für zwei Jahre angestellt. Sie sollen beim Objekt- und Personenschutz eingesetzt werden, im Gefahrenfall aber Kollegen der Landespolizei zur Hilfe holen. Sie verdienen etwa 2200 Euro brutto, ein junger Polizeimeister im mittleren Dienst dagegen etwa 1900 Euro netto. Wachpolizisten dürfen die Personalien von Personen feststellen, Platzverweise aussprechen, Gegenstände beschlagnahmen und im Extremfall auch Personen in Gewahrsam nehmen. Ausgeschlossen sind Aufgaben im Bereich der Strafverfolgung, Observationen und Einsätze als verdeckte Ermittler. Nach dem befristeten Angestelltenverhältnis sollen sie die Möglichkeit bekommen, mit einer verkürzten Ausbildung in den regulären mittleren Dienst zu wechseln.

Zwischen 2002 und 2006 gab es in Sachsen schon einmal eine Wachpolizei. Nach den Anschlägen vom 11. September schützte sie unter anderem Synagogen und das amerikanische Generalkonsulat in Leipzig.

In drei Monaten zum Freund und Helfer

Eine Hotelfachfrau, ein Konstruktionsmechaniker und ein Bundeswehrsoldat wollen Wachpolizisten in Sachsen werden.

Der Personalmangel bei der Polizei ist groß, und die Zeit war knapp. So knapp, dass nicht mal für alle 50 Auszubildenden rechtzeitig Uniformen geliefert werden konnten. Doch Mandy Hempel hat Glück: Als am Montag die Neuen im Fortbildungszentrum der sächsischen Polizei in Bautzen begrüßt werden, sitzt sie in der ersten Reihe und trägt sogar schon die Schulterschlaufen mit dem Schriftzug "Wachpolizei".

Für die 31-Jährige gelernte Hotelfachfrau, die aus Oederan stammt und seit einigen Jahren in Dresden lebt, sollen die drei Monate Schnellausbildung nur ein erster Schritt sein. Sie würde später gern an der Polizeihochschule in Rothenburg studieren und irgendwann beim Landeskriminalamt arbeiten. Ihre erste Bewerbung für die reguläre Polizei scheiterte am Computertest: "Ich war zu nervös." Mandy Hempel sagt, sie habe keine Berührungsängste gegenüber Fremden, im Gegenteil. Zuletzt arbeitete sie an der Kulturakademie Dresden mit zugewanderten Ärzten. "Ich freue mich sehr, mit unterschiedlichen Kulturen zu tun zu haben." Und der Umgang mit der Schusswaffe? "Ich habe zwei Jahre in Amerika gelebt. Da war ich auch schon mal auf dem Schießstand."

Für Max Kessinger aus Freital ist sein künftiges Aufgabengebiet komplettes Neuland. Der 21-Jährige gelernte Konstruktionsmechaniker erhofft sich bei der Wachpolizei große Weiterentwicklungsmöglichkeiten und freut sich darauf, "viel mit Menschen zu tun" zu haben. Die Konflikte um Flüchtlinge, die gerade in seiner Heimatstadt immer wieder aufbrechen, kennt er nach eigenem Bekunden nur aus den Medien. "Live dabei war ich noch nicht." Auf die Frage, wie er diese Konflikte erlebt, antwortet er: "Die Situation ist angespannt." Die Kritik an der Kurzausbildung hält er aber für überzogen.

Objekt- und Personenschutz, notfalls mit Waffeneinsatz: Zu seinem künftigen Job sagt Benjamin Helbig aus Gera: "Ich habe die letzten vier Jahre nichts anderes gemacht." Der 26-Jährige war als Bundeswehrsoldat unter anderem in Afghanistan. Nun soll er Asylheime in Deutschland bewachen. Über die Flüchtlinge sagt er: "Ich kann gut verstehen, dass man aus Krisengebieten flüchtet. Ich habe selbst miterlebt, wie es kracht." Aber es seien zu viele auf einmal gekommen, man sei hier nicht vorbereitet gewesen. Was, wenn er vor einem Asylheim zwischen die Fronten gerät? "Dann müssen wir für beide Seiten Lösungen finden, die Leute beruhigen."

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1Kommentare
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  • 8
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    Pixelghost
    01.02.2016

    Sehr geehrter Herr Husgen, wer von den, nach zum Teil 40 Dienstjahren, in den Ruhestand gegangenen Polizisten - und noch dazu über 60 Jahre alt - soll da nachts Streife laufen?
    Die sind am Ende. Vollzugspolizisten haben nämlich aus gutem Grund eine kürzere Dienstzeit bis zur Pensionierung als andere Beamte. Das nennt man Fürsorgepflicht.



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