Schloss Weesenstein: Bombensicher

Vielen Sachsen ist das Schloss erst seit 2002 ein Begriff. Damals suchten viele Bewohner des Müglitztals in der mächtigen Anlage auf einem Felsen Zuflucht vor der Jahrhundertflut. Jetzt sorgt das Schloss wieder für Aufsehen. Es gibt Geheimnisse aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs preis.

Weesenstein.

Brigitte Mumme, Jahrgang 1935, wohnt im Querhaus von Schloss Weesenstein. Als ganz normale Rentnerin. 1970 wurde ihr und ihrem Mann die geräumige Wohnung mit Blick auf den Schlosspark zugewiesen, bereits zum zweiten Mal in ihrem Leben. Das erste Mal zog sie als Zehnjährige hier ein, damals ins Torhaus - nach dem Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945. "Wir waren Vertriebene aus Oberschlesien", erzählt sie. "Wir wussten nichts über das Schloss, gleich gar nicht, dass hier Tausende Kunstgüter versteckt waren." Im Mai seien dann die Russen gekommen, hätten zuerst Benzin verlangt, dann eine Telefonleitung gelegt. Geschlafen hätten sie in den Gängen, im Stall und in der Gaststätte. "Wo ist die Sixtina? Wo ist die Sixtina?", habe ein Offizier immer wieder gerufen, erinnert sich Brigitte Mumme. Gemeint war die "Sixtinische Madonna" von Raffael, die als eines der wertvollsten Kunstwerke der Dresdner Gemäldegalerie galt. Doch das Bild befand sich nicht auf Weesenstein.
"Wir wussten nicht, was hier war. Aber ich und mein Bruder durften dann helfen, als Berge von Büchern abtransportiert wurden. Die wurden im Durchgang zum Schloss zwischengestapelt, bevor sie auf die Laster kamen", erzählt die agile Rentnerin. Zur Belohnung habe es ab und zu ein Stück Schokolade für die im Schloss lebenden Kinder gegeben, manchmal auch Würfelzucker. Etwa 20 Flüchtlinge wohnten damals auf Weesenstein. Eine zweite noch lebende Augenzeugin ist die Hamburger Ärztin Ilse Hobbie. Sie erzählt, dass sie heimlich gemeinsam mit Wachleuten im Schloss damals wertvolle Gemälde bestaunte. Es habe höchstens zwei Wochen gedauert, bis alles weg war.

Brigitte Mumme war am Samstag gefragte Zeitzeugin: als auf Schloss Weesenstein die Ausstellung "Bombensicher" eröffnet wurde. Sie erzählt ein spannendes und bisher kaum beachtetes Kapitel der Schlossgeschichte - genau 700 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Anlage. Im Mittelpunkt stehen die dramatischen letzten Kriegsjahre bis 1945. Nicht das eigentliche Kriegsgeschehen, sondern die fieberhafte Suche nach einem geeigneten Versteck für Dresdner Kunstschätze. Weesenstein war damals Wohnschloss. Es gehörte dem sächsischen Heimatschutzverein, mit dem ein richtiger Vertrag zur sicheren Einlagerung geschlossen wurde, weiß Kuratorin Birgit Finger.

"Die Mauern waren bis zu vier Meter dick. Es gab nur einen, gut zu sichernden Zugang zum Schloss. Und es lag nicht weit weg von Dresden." Es seien zur fachgerechten Einlagerung spezielle Fußböden, Türen, Fenster und elektrische Heizöfen eingebaut worden. "Konservatoren und Restauratoren kümmerten sich um die Objekte. Es existierten Thermo-Hygrographen, die Temperatur und Luftfeuchte aufzeichneten. Und es gab streng geplante Wachrundgänge, bei denen auch nach Hinweisen auf Schimmel geschaut wurde", berichtet Kuratorin Finger.Zwei Jahre haben sie und ihr Team alle verfügbaren historischen Unterlagen gesichtet, um das Geschehen von damals nachzuvollziehen. Von 100.000 Kunstwerken, die eingelagert wurden, könne man mindestens ausgehen. Eine genaue Liste existiert nicht. "Weesenstein war das größte Auslagerungsdepot. Die Kunstschätze befanden sich auf fast allen der insgesamt neun Etagen - vom Keller bis unter den Dachboden. Nichts ist damals zufällig passiert. Nichts wurde etwa fahrlässig untergebracht", wie Mitkurator Alexander Hänel sagt. Genau deshalb zieht sich nun auch die Sonderausstellung durch das ganze Schloss - von der Folterkammer bis zum Mönchsboden. Überall lagern Kisten, erzählen einzelne, für kurze Zeit nach Weesenstein zurückgekehrte Exponate aus unterschiedlichsten Dresdner und Landessammlungen ein Kapitel Kriegsgeschichte.

Mit der Auslagerung wurde bereits 1942 begonnen. Über Wochen reisten seinerzeit Experten durchs Land. Sie suchten geeignete Orte, wo Schätze sicher vor Zerstörung durch Luftangriffe und Plünderungen sein würden. Bombensicher sollten sie sein. Auch die Festung Königstein und die Albrechtsburg Meißen wurden als Hauptverstecke ausgewählt - zusammen mit mehr als 100 Schlössern und Rittergütern. Selbst die Burg Kriebstein und das Kalkwerk Lengefeld im Erzgebirge wurden solche geheimen Orte. Nach Weesenstein brachte man zum Beispiel 900 Kisten aus dem Museum für Vorgeschichte, 60.000 Blätter aus dem Dresdner Kupferstichkabinett, 300 Bilder aus der Gemäldegalerie, Teile der Porzellansammlung und viele Exponate aus dem Mathematisch-Physikalischen Salon. Auch 30.000 Exponate des Museums für Sächsische Volkskunst wurden in den Schlossmauern verwahrt, wie die Sonderschau belegt. Ein Dresdner Weinhändler schaffte gar 200.000 Flaschen Wein in das Depot.

Kurzzeitig lebte auch Hermann Voss, der Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, auf Weesenstein. Der Kunsthistoriker arbeitete ab 1943 als "Sonderbeauftragter" für die Kunstsammlung von Adolf Hitlers geplantem Führermuseum in Linz in Österreich. Er hatte den Auftrag, die Sammlung für Linz zusammenzustellen, wo Hitler ein Museum von Weltrang plante.

Die ganze Stadt sollte dazu umgestaltet werden. Dresdner Galeriedirektoren hatten 1939 bis 1945 dafür Tausende Kunstwerke erworben, aus besetzten Kriegsgebieten geraubt und auch jüdische Sammlungen beschlagnahmt. Dresden war Zwischenstation für diese Kunst. "Fotos vom Modell des gigantischen Museums existieren noch, zur Umsetzung kam es nicht", weiß Kuratorin Finger.Auch private Sammler aus Dresden hatten Kunstschätze im Müglitztal eingelagert. "Viele sind komplett verloren", sagt Finger. Dazu zählten Stücke aus der Sammlung von Will Grohmann und von Hildebrand Gurlitt. Auch die über 900 Kisten des Museums für Vorgeschichte sowie die Schmetterlings-, Käfer-, Zikaden-, Vogel- und Säugetiersammlung des Naturalienkabinetts fielen den Trophäenbrigaden und -kommissionen der Sowjetarmee 1945 in die Hände. Die wussten schon bei ihrem Eintreffen auf Weesenstein, dass sie hier fündig würden. "Sie hatten eine Karte bei sich und Listen, wo alles eingetragen war", berichtet Kurator Hänel.

Die Ausstellung auf Weesenstein zeigt eine Transportanweisung für die Bilder aus der Dresdner Gemäldegalerie nach Moskau 1945. Unterzeichnet ist sie von Leonid Rabinowitsch. Der russische Leutnant entdeckte auch die "Sixtinische Madonna": allerdings in einem Versteck im Großcottaer Eisenbahntunnel in der Sächsischen Schweiz. Sie wurde, wie die meisten der zunächst gen Osten verbrachten Kunstgüter, zwischen 1955 und 1958 von der Sowjetunion zurückgegeben. Allerdings längst nicht alle. Manches wird noch in Privatbesitz vermutet.

Einige wenige Objekte sind nun noch einmal auf Zeit in Weesen-stein, obwohl die Schau in erster Linie ein "Kistenausstellung" ist, wie Christian Striefler, der Geschäftsführer der sächsischen Schlösser, Burgen und Gärten, sagt. Zu den Exponaten zählen unter anderem die originale Transportkiste des Maya-Codexes, archäologische Funde des ehemaligen Museums für Vorgeschichte, die Porzellanplastik "Schmerzensmutter" von Gottlieb Kirchner aus Meissner Porzellan und wertvolle Teile der Käfer-, Zikaden-, Schmetterlings- und Fliegensammlung des ehemaligen Museums für Tierkunde. Darüber hinaus bereichern Fotos, Reproduktionen, Akten und Filmausschnitte die Schau. Ein Exponat, das Gemälde "Reiterrast vor einer Hütte in Ruinen" von der Gemäldegalerie Alte Meister, wurde sogar für die Präsentation mit EU-Projektmitteln restauriert. Zum Gelingen der Ausstellung tragen 15 Leihgeber bei.

Die Sonderausstellung "Bombensicher. Kunstversteck Weesenstein 1945" ist bis 7. Oktober zu sehen. Das Schloss in der Gemeinde Müglitztal ist ab 1. April täglich 10 bis 18 Uhr geöffnet, bis 31. März nur bis 16 Uhr.

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