Seine Kunst bleibt unberechenbar

Tasso ist Botschafter für urbane Kunst in Sachsen - In 16 Ländern hat er bereits gesprüht

Meerane.1984 packt Jens Müller das Fieber. Der Pestalozzischul-Absolvent steckt im ersten Lehrjahr seiner Fleischerlehre, als der Film "Beat Street" im Meeraner Kino flimmert. Er will so sein wie die: wild, nachtaktiv, kreativ. Er will Ruhm, Schlagzeilen, Reichtum ...

Mit der Zeichennote Vier hatte er sich nie eine solche Zukunft ausgemalt. Die Vier amüsiert Jens "Tasso" Müller heute. Was ihn wurmt ist, in Englisch geschlafen zu haben. Wäre er da heute fitter, hingen seine Bilder in den großen Galerien in London oder Übersee. Anfragen lässt er liegen, weil er den bürokratischen Aufwand in der Fremdsprache scheut. Jens Müller alias Geshway alias Tasso ist in 20 Jahren zu einer international anerkannten Hausnummer in Sachen Graffiti avanciert. Im eigenen Land hat es der Prophet schwer.

1991 entsteht sein erstes illegales Piece, ein Graffiti-Bild. Jens Müller ist Geshway. Er sprüht unter einer Brücke in Meerane. Den Fleischerberuf hat er an den Nagel gehängt. Jens Müller arbeitet als Lagerist in einem Großhandelslager in Zwickau, später als Handlanger auf dem Bau. Geshway arbeitet nach Feierabend.

1993 kollidiert der Meeraner mit dem Rechtsstaat. "Ich war Freddy-Krueger-Fan." Mit einer Schablone sprüht er die Horror-Film-Figur an die Zentralhaltestelle in Zwickau. Noch am selben Tag greift die Polizei zu. Er übernachtet im Glauchauer Revier. "Ich dachte, ich könnte argumentieren - für die Kunst, ich verteidigte meine Arbeit. Die Richterin wollte Reue, das habe ich erst lange nach dem Urteil begriffen. - 2800 D-Mark Strafe. Das tat weh."

Sein Entschluss steht fest: nur noch legal. Er holt sich die Absolution beim Meeraner Bürgermeister. Die Garagengemeinschaft am Westring traut sich und ihm. "Landschaftsbilder, Wernigerode, Rothenburg ob der Tauber, viele Details, aber ohne Perspektive, ich würde das heute liebend gern übermalen."

Die Szene lehnt ihn ab. Er ist deutlich älter als die anderen, seine Bilder - Babys, tropische Landschaften - sind als Kitsch verschrien, der "Dieter Bohlen des Graffiti" nennt ihn einer. "Ich trage gern Sakkos. Bei einem Hiphop-Treff im Chemnitzer Kraftwerk hielten die mich sogar für einen verdeckt ermittelnden Polizisten." Die Skepsis kommt nicht von ungefähr: Er fotografiert mehr als ein Fahnder, bestimmt zwei Filme die Woche, um zu lernen.

1996 gelingt es ihm, einige Arbeiten in den Büchern der Graffiti-Art-Reihe zu veröffentlichen. Sein Name findet Erwähnung im "Großen Graffiti Lexikon". Erster Ruhm in der Literatur, in der Realität zahlt er Lehrgeld. Ein windiger Wessi lässt ihn eine Disco in Crossen aufmöbeln, ohne dafür zu bezahlen. "Heute verlange ich 50 Prozent vorab." Kalkulieren lernt er durch einen eiskalten Eiscafé-Besitzer in Weimar. "Ich bat ihn um mehr Geld, weil ich eine Woche länger für das Deckengemälde brauchte. Er ließ nicht mit sich handeln, verriet mir aber, dass er sogar das Doppelte gegeben hätte. Ich hätte es nur vorher sagen müssen. War ich sauer!"

1998 sprüht Tasso dort, wo früher tausende Menschen im In- und Ausland hinschauten: an der Steilen Wand. Eine komplette Fassade ist den Friedensfahrern gewidmet. Als Handlanger auf dem Bau, womit er zu dieser Zeit seine Brötchen verdient, ist er extrem unzufrieden.

1999 wird er arbeitslos. Freude und Furcht überwältigen ihn zeitgleich. Bisher war er zu feige, sich selbstständig zu machen. Jetzt wird er geschubst. Als er sein Gewerbe anmeldet, trifft er auf Unverständnis. "Was machen Sie, Maler? Mein Mann ist auch Maler. Sie machen doch nur Graffiti", sagt die Frau im Amt. Lasterauflieger, Garagentore, Bauzäune, das sind seine ersten Jobs. "Manche denken, dass sie das für einen Kasten Bier kriegen." Geringschätzung, die ihm gelegentlich auch heute noch entgegenschlägt.

Der Durchbruch gelingt ihm 2001 bei einem Szene-Treff in Wiesbaden. Er malt sich selbst, mit Maske, die Hand greift nach der Dose. Loomit, damals für Tasso der Star schlechthin, sagt im Vorbeigehen: "Respekt!" Plötzlich schauen alle hin. "Das war der Ritterschlag." Tasso gibt erste Autogramme, das erste Interview. Sein Fotorealismus war neu. Visitenkarten, schicke Homepage, Tasso begreift, was wichtig ist. "Und irgendwann passiert es, dass du eingeladen wirst und auch Geld bekommst, wenn du nur erscheinst."

2001 gründet er die Künstlergruppe "Ma' Claim". Heute sind deren Mitglieder weltweit im Geschäft. Er ist noch immer Mitglied, doch ohne Fassadenmalerei kommt er nicht über die Runden.

Gelegentlich gönnt er sich extravagante Aktionen: Im selben Jahr lässt er das geschlossene Capitol mit fotorealistischen Filmstars noch einmal aufleben, wirft ein Abbild von Torwartlegende Jürgen Croy an eine Wand in der Gaststätte am Alten Steinweg in Zwickau. Croy lobt: "Meine Hochachtung."

2002 verdient er 75 Euro am Quadratmeter. Heute sind es 90 bis 150 Euro. Auf der hohen Kante landet nichts. Er bummelt nicht, braucht nicht einmal einen Wecker. Zwischen 5 und 6 Uhr reißt es ihn täglich aus den Federn. Er ist pingelig ordentlich. Doch macht er lieber Workshops mit Erwachsenen, verschenkt gelegentlich Bilder für einen guten Zweck, geht gern schick essen, auch ins Theater, will malen, was er empfindet und nicht nur, was andere freut. "Ich denke nicht wirtschaftlich." Zudem fehlen ihm Türöffner, ein Mäzen, ein Hochschulabschluss. Und Veranstaltungen wie die Industriebrachenumgestaltung (Ibug) fressen Kraft. Acquise, Büroarbeit auch. "Zum Malen bleiben nur 10 Prozent."

2006 bringt er Robert Schumann an die Giebelwand eines Sechsgeschossers in Zwickau. Drei Jahre später wird das Haus abgerissen. "Das verletzt. Man fragt sich: Was ist das denen eigentlich wert gewesen?"

2009 vertraut ihm die Karl-May-Stadt Hohenstein-Ernstthal ihren Eingang an: Tasso malt Stadtgeschichte auf den Bahnhof. Jens Müller war gestern. Selbst in seinem Ausweise steht TASSO, alles Großbuchstaben. 2010 entwickelt er mit dem Farbhersteller Duplicolor neue Graffitidosen. Es geht um schnellere Trockenzeiten, bessere Deckkraft.

2010 vertritt er als einer von fünf Sprayern die gesamtdeutsche Graffitiszene bei der Weltausstellung Expo in Shanghai. Alle Künstler spenden ihre Gagen. Gerade ist er wieder gekommen von einem Workshop in Malmö und einer Ausstellungseröffnung mit seinen Bildern in Luzern. "Ich brauche keine Urlaubsreisen." Lieber ist er zu Hause - in Meerane, in Sachsen.

Tasso ist Botschafter für urbane Kunst in Sachsen, im Februar wurde er Mitglied im Künstlerbund. In 16 Ländern hat er bereits gesprüht. Bis heute hatte er noch nie eine Personalausstellung in seiner Heimatstadt. 2009 gelang ihm das zumindest in Glauchau.

Berühmtheit, eines seiner Ziele, hat er erreicht. Schlagzeilen macht er monatlich. Nur ist der Reichtum ausgeblieben. Den Einbrechern, die kürzlich in seinem Atelier etliche Türen demolierten, hinter denen sie wohl Schätze erhofften, dürfte das klar geworden sein.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    gelöschter Nutzer
    19.04.2011

    TASSO! respect! keep on!



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