Staub und Pollen - was für eine Mischung

Etwa 800.000 Sachsen sind allergisch auf Pollen. Und es werden immer mehr. Verantwortlich dafür sind aber meistens wir selbst.

Unterm Mikroskop sehen sie wie unförmige Krümel aus - haben Höcker und Krater. "Das sind Erlenpollen. In den letzten Tagen haben wir besonders viele gefunden. Doch die Blütezeit der Erle ist jetzt fast vorbei", sagt Dr. Mario Hopf, Umweltmediziner an der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen. Er ist verantwortlich für die Pollenfalle in Chemnitz - eine von 45 Messstationen in Deutschland, die dem Polleninformationsdienst regionale Daten liefern, aus denen Pollenflugvorhersagen und -kalender erstellt werden.

In wenigen Tagen beginnen die Birken, ihren feinen gelben Blütenstaub zu verteilen. "Birkenallergene sind ziemlich stark, und sie treten in Massen auf", sagt Biologin Valentina Aurich, die zweimal wöchentlich die Pollenfalle in Chemnitz analysiert. "63 Prozent aller von uns erfassten allergierelevanten Pollen sind Birkenpollen." Ohnehin seien nur acht Pflanzenarten für über 90 Prozent aller Pollenallergien verantwortlich, so die Biologin. Bei der Patientenzahl steht die Birke an zweiter Stelle. Spitzenreiter sind die Gräser - 40 Prozent der Allergiker reagieren darauf. Allergierelevant sind außerdem Hasel, Erle, Esche, Roggen, Beifuß und Ambrosia.

Laufende Nase und tränende, geschwollene Augen - besonders Städter leiden unter sehr starken Allergiesymptomen. Auch die Zahl der Pollenempfindlichen nimmt vor allem in diesen Bereichen zu. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund rechnet mit einer Verdopplung der Erkrankungszahl bis zum Jahr 2050. Warum ist das so?

Städte bieten Mario Hopf zufolge Bäumen und Gräsern ideale Entwicklungsbedingungen: "Dort ist es im Schnitt ein bis zwei Grad wärmer als auf dem Land", erklärt er. Und während auf dem Land nachts die Temperaturen sinken und Pollen-Ruhe herrscht, gibt es in der Stadt um diese Zeit nochmals einen Gipfel. Doch nicht nur die höhere Temperatur ist schuld, dass Zahl und Schwere der Erkrankung zunehmen.

In Städten ist die Konzentration an Feinstaub, insbesondere an Stickoxiden und Dieselruß, höher als auf dem Land. Auch die Chemnitzer Pollenfalle, die auf dem Gelände der Landesuntersuchungsanstalt steht, hat jede Menge Staub aus der Umgebungsluft angesaugt. "Die Staubbelastung hat in den vergangenen Jahren dank Umweltzonen und Rußpartikelfiltern für Dieselfahrzeuge zwar kontinuierlich abgenommen, doch an verkehrsnahen Messstellen werden die Grenzwerte noch häufig überschritten", so Karin Bernhardt, Sprecherin des sächsischen Umweltministeriums.

"Pollen und Feinstaub sind aber keine gute Mischung", sagt Dr. Ulrich Franck, Umweltepidemiologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Pollen enthalten Proteine. Diese sind für die allergische Reaktion verantwortlich. Und Feinstaub aus Autoabgasen haftet an der rauen Oberfläche des Blütenstaubs und beeinflusst dessen Proteinproduktion. "Die Pollen stehen richtig unter Stress", so Franck. "Sie sondern mehr Eiweiß ab und haben ein höheres Allergiepotenzial."

Straßenstaub schadet aber auch, ohne dass er sich mit den Pollen verbindet. "Staubkörner im Nanobereich bleiben nicht an den Schleimhäuten und den Flimmerhärchen in der Nase haften. Sie werden tief eingeatmet. "Im Lungengewebe lösen sie Entzündungsreaktionen aus", sagt Professor Karl Christian Bergmann vom Allergie-Centrum der Charité in Berlin. Das führe zu immunologischen Reaktionen. Die Empfindlichkeit gegenüber natürlichen Stoffen, wie es Pollen ja eigentlich sind, nimmt damit zu. Das ist auch die Erklärung dafür, dass sogar noch Senioren neue Allergien entwickeln. "Meist beginnen sie in der Kindheit und Jugend", sagt Umweltmediziner Mario Hopf.

Eine Pollenallergie ist keine Lappalie, denn unbehandelt wird aus jeder dritten ein Asthma. Und das tritt dann meist ganzjährig und nicht nur zur Blütezeit bestimmter Pflanzen auf. "Die Betroffenen nehmen die Symptome aber wohl noch zu sehr auf die leichte Schulter, denn nur sieben Prozent lassen sich hyposensibilisieren", sagt Sonja Lämmel, Sprecherin des Allergie- und Asthmabundes. Bei der Hyposensibilisierung wird das Allergen in langsam steigender Dosis gespritzt oder auch als Tablette unter die Zunge gelegt. "Je genauer der Auslöser erkannt wird, umso erfolgreicher ist die Behandlung. 80 Prozent werden so ihre Allergie los", so Lämmel. Zwei von drei Patienten behandeln ihre Beschwerden aber nur symptomatisch, mit Augen- und Nasentropfen oder Antiallergie-Tabletten. Laut IMS Health, einem Marktdaten-Analysten, geben die Deutschen pro Jahr rund 150 Millionen Euro für diese Medikamente aus. Der Betrag ist seit Jahren nahezu konstant.

Die wirksamste Allergiebehandlung ist allerdings das Meiden des Auslösers - bei Pollen jedoch kaum machbar. "Denn Pollen fliegen Hunderte Kilometer weit. Das haben wir anhand spezieller Funde in unserer Pollenfalle nachweisen können", sagt Hopf. Die Erlenpollenallergiker können zumindest aufatmen, ihre Leidenszeit ist vorbei. Doch der Umweltmediziner dämpft den aufkommenden Optimismus - die wenigsten Allergiker sprechen nur auf eine Pflanzenart an - es kann also durchaus nochmals richtig losgehen.

Was verrät uns der Pollenkalender?

Für viele Menschen ist die Voraussage, wann welche Blüten blühen, so wichtig wie der Wetterbericht.

Eine zuverlässige Pollenflugvorhersage braucht drei Zutaten: Pollenfallen, Pflanzenbeobachter und den Wetterdienst.

Zwei Pollenfallen gibt es in Sachsen, eine in Chemnitz - sie dokumentiert die Pollenbelastung im sächsischen Mittelgebirge - und eine in Dresden, auf dem Gelände der Uniklinik - sie ist zuständig fürs sächsische Tiefland. Die Daten werden regelmäßig an den Polleninformationsdienst gemeldet.

Pollenfallen bilden nur den Istzustand der Natur ab. Welche Pflanzen wo in Blüte oder kurz davor stehen, erfassen Pflanzenbeobachter - phänologische Sofortmelder. 400 solche Sofortmelder gibt es in Deutschland, 35 in Sachsen. Einer von ihnen ist der Chemnitzer Meteorologe Thomas Undeutsch: "Bei mir in 400 Metern Höhe stehen einige Erlen noch in voller Pracht, die meisten sind aber schon verblüht", sagt er. Die meisten Erlenpollen habe es in der ersten Märzwoche gegeben - "endlich wieder einmal planmäßig", so Undeutsch, "denn wir hatten in diesem Jahr einen richtigen Winter." Seit vielen Jahren beobachtet er immer die gleichen Pflanzen und kann so feststellen, ob sie früher oder später dran sind. Im letzten Jahr blühte alles etwa zwei Wochen früher.

Der Wetterdienst ermittelt anhand von Wind und Niederschlag sowie der Daten über Pollen und Pflanzen die voraussichtliche Stärke der Belastung mit Allergenen.

Etwa alle fünf Jahre gibt der Polleninformationsdienst einen Pollenflugkalender heraus. Der aktuelle basiert auf Messungen zwischen 2007 und 2011, der vorhergehende auf Daten von 2000 bis 2007. Legt man beide Kalender nebeneinander, sieht man eine deutliche Verschiebung. Der Pollenflug beginnt früher im Jahr und endet später. (rnw)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...