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Der rosarote Panther aus Uwe Mundlos' Lieblingsserie musste fürs Bekennervideo zur NSU-Mordserie herhalten und wurde prompt zum "Staatsfeind". Als solcher tauchte Paulchen Panther auch als T-Shirt-Motiv auf.

Foto: dpa (Repro)

Terror auf T-Shirts

Über ihre Mode huldigt die rechte Szene dem Nationalsozialistischen Untergrund. Manche Motive sind zugleich Indizien für mögliche Mitwisserschaft. Denn ein Mitglied des Terrortrios entwarf selbst T-Shirts für die Szene.

Von Jens Eumann
erschienen am 27.08.2013

Berlin/Chemnitz. Die zwei langen Döner-Messer erinnern an die gekreuzten Knochen einer Piratenflagge. Ein Totenschädel ist es zwar nicht, der vor ihnen prangt, es ist die Geisterfratze aus der Kino-Reihe "Scream", doch bildet diese das totengleiche Gesicht auf einem Stück Fleisch am Spieß. "Killer Döner nach Thüringer Art" lautet der Schriftzug, der das T-Shirt-Motiv rahmt. Nur Tage, nachdem im November 2011 die aus dem thüringischen Jena stammende, für die Mordserie an ausländischen Kleinunternehmern verantwortlich gemachte Terrorzelle des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) aufflog, trumpfte der in Berlin ansässige Neonazi-Versand "Reconquista" mit diesem T-Shirt-Aufdruck auf. Man verhieß dem Motiv, zum "Modeknüller" des Jahres zu werden.

Auf der von Chemnitz aus betriebenen Neurechten Internetplattform "Blaue Narzisse" hatte Reconquista-Designer Rodrigo D. im Jahr zuvor noch Sinn und Zweck der Motiv-Wahl seiner Marke erörtert: "Zuspitzung und Polarisierung ... Störung der öffentlichen Ordnung ... Provokation der politischen Klasse ... Verärgerung der sogenannten Zivilgesellschaft, auch hart an der Grenze von Legalität und Geschmack, sowie ... Lächerlichmachung gegnerischer zivilreligiöser Ikonen" nannte er als Ziele.

Wen er und seine Geschäftspartner Dirk B. und André R. 2011 mit der angstverzerrten Fratze lächerlich machten, lag auf der Hand: die Opfer der Mordserie. Die Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmte ihren T-Shirt-Bestand und nahm Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung auf. Anklage ist erhoben. Ende dieses Monats soll der Prozess terminiert werden, teilt die Berliner Staatsanwaltschaft auf Anfrage der "Freien Presse" mit.

Unabhängig vom Ausgang des Strafverfahrens gegen die Macher des Reconquista-Versandes führt der Fall eines vor Augen: Während der politische Arm der Rechtsextremen, etwa die NPD, sich nach außen von den Terrorakten distanziert, huldigt der subkulturelle Teil der Szene den Verbrechern. Die Zeichentrick-Figur "Paulchen Panther", die als Hauptdarsteller fürs Bekennervideo zur Mordserie missbraucht wurde, avancierte nach Bekanntwerden dieses Videos zum viel genutzten Symbol auf Neonazi-Plattformen.

Auf einem T-Shirt tauchte der rosarote Panther ebenfalls als Motiv auf, samt dem Schriftzug "Staatsfeind". Konkret hing er in der Auslage der Zwickauer Szene-Boutique "Eastwear", die fast alles bietet, was das Neonazi-Herz begehrt. Allerdings hat das bei "Eastwear" aufgetauchte Staatsfeind-Paul-Panther-Motiv nicht nur Huldigungs-, sondern zugleich Indizien-Charakter. Auf "Freie Presse"-Anfrage hatte das "Eastwear"-Personal Tage nach Auffliegen der Terrorzelle und Auftauchen des Shirts betont, dieses habe sich seit längerem im Sortiment befunden. Zum regulären Programm gehöre es nicht. Es sei von einem nicht genannten Hersteller als Muster zugesandt worden. Wie lange es sich 2011 schon im Laden befand, darüber gab es keine Auskunft.

Das Paul-Panther-Bekennervideo der Terrorzelle wurde 2007 fertig gestellt. Das belegen Protokolle auf der Festplatte des Computers, auf dem das Video letztmals bearbeitet wurde. Im Jahr 2007 verschwand aus Zwickau auch jener Mann, der den Vorläufershop des "Eastwear"-Ladens, den "Last Resort-Shop" gegründet hatte. Ralf "Manole" M. hatte damals selbst eine rechtsextreme Band. 1997 gründete er die Neonazi-Boutique, um Zwickaus Szene mit Musik und Kleidung auszustatten. Jüngste Hinweise auf Manoles direkte Bekanntschaft mit dem Terror-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe tauchen die Spur des T-Shirts im Nachfolge-Shop seines Ladens in neues Licht.

Im Zuge der Terror-Ermittlungen der Bundesanwaltschaft sagte ein Zeuge aus, Mundlos und Böhnhardt zu Pfingsten 1998, also kurz nach ihrem Abtauchen, bei einem Fußballturnier in Greiz gesehen zu haben, und zwar in Begleitung einer Person, in der man später Ralf "Manole" M. ausmachte. Auch will der Co-Eigner eines von M.s Geschäften Beate Zschäpe mehrfach im Laden gesehen haben, entweder als Aushilfe oder als Dauerkundin, auf jeden Fall aber als Vertraute von Ralf M. Andere Zeugen gaben an, M. habe freundschaftliche Geschäftskontakte zu einem mit der rechten Szene verwobenen Textildruck-Betrieb im thüringischen Weimar unterhalten. Zweimal jährlich sei er zum "Presswerk" gefahren, um dort Klamotten bedrucken zu lassen.

Diesem Motiv des Berliner Reconquista-Versandes verhieß man kurz nach Auffliegen der Terrorzelle auf Neonazi-Plattformen, zum "Modeknüller" zu werden. Doch dann schlug der Staatsanwalt zu.
 

Über die pikante Note hinaus, dass der seit 2007 verschwundene Ralf M. sich inzwischen auch als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz entpuppte, legen diese Verbindungen noch eine ganz neue Spur nahe: Das Shirt vom Staatsfeind Pink Panther könnte von Uwe Mundlos selbst gestammt haben. Der schließlich hatte 1998 - das Trio war gerade seit einigen Wochen in Chemnitz untergetaucht - schon dort versucht, mit der Produktion von T-Shirts Geld zu machen. In der Chemnitzer Szene kursierte damals ein Shirt, das die Figur Bart Simpson aus der TV-Serie "die Simpsons" zeigte. Für die Skinhead-Szene abgewandelt lautete der Schriftzug indes "The Skinsons". Der als NSU-Unterstützer beschuldigte Max-Florian B., der dem abgetauchten Trio damals in seiner Wohnung an der Limbacher Straße für die ersten Monate Unterschlupf bot, übergab der Polizei zu seiner Vernehmung ein Foto des Shirts, das Mundlos entworfen hatte und das über eine Chemnitzer Szene-Boutique produziert worden sei. Teile der Erlöse seien ans Trio geflossen, berichtete B..

Letzterem widersprach der Produzent der Shirts, Hendrik L., als auch er vernommen wurde. "Ich kann mir vorstellen, dass ich Uwe damals einmalig vielleicht 50 oder 100 Mark gegeben habe, aber genau erinnere ich mich daran nicht mehr", sagte er aus. Er habe Mundlos damals in einer der Unterschlupfwohnungen besucht. Der habe ihm das Motiv auf den Computer geladen. Rund 200 Shirts seien hergestellt worden, überschlug Hendrik L. Doch keinesfalls habe er regelmäßige Zahlungen nach verkauften Exemplaren an Mundlos getätigt.

Allerdings ist das mit L.s Erinnerung so eine Sache. Bereits im April 1999 wurde L. nach einer Razzia in seiner Wohnung vernommen. Damals fragt man ihn auch, was er von abgetauchten Bombenbauern aus Jena namens Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe wisse. Nichts wisse er, kenne er gar nicht, gab L. damals an. Dabei stand seine Adresse mit auf Uwe Mundlos' in der Jenaer Garage beschlagnahmten Telefonliste, die wohl die heiße Spur zum Trio geliefert hätte, wenn sie von Ermittlern nicht über Jahre verschlampt worden wäre.

Inzwischen hat L. eingeräumt, den abgetauchten Uwe Mundlos in Chemnitz öfter getroffen zu haben: an Wochenenden, zu rechtsextremen Konzerten, auch mal zum Baden - und weil Mundlos ihm mit seinem PC geholfen habe. So sagte es L. im Zuge der Terror-Ermittlungen in seiner Vernehmung aus, deren Protokoll der "Freien Presse" vorliegt. Doch sei das alles in der Zeit vor den neun Migranten-Morden gewesen, die dem Trio zugeschrieben werden, beteuert L. "Ich weiß gar nicht, warum das alles von Interesse ist. Das ist Jahre her", entgegnete er auf "Freie Presse"-Anfrage. "Was passieren würde, konnte doch keiner wissen."

Was L. nicht oder eben doch wusste, genau diese Frage stellt sich indes durch jenes zweite Unternehmen, das Hendrik L. einst zusammen mit seiner Boutique ins Leben rief: Das Chemnitzer Rechtsrock-Label PC Records, das inzwischen von einem Zögling L.s geführt wird und im Jahr 2010, noch vor Auffliegen der Terrorzelle, jene CD produzierte, die seither aufhorchen ließ. Die Formation "Gigi und die braunen Stadtmusikanten" um den Stahlgewitter-Sänger Daniel Giese nahm für PC Records das Album "Adolf Hitler lebt" auf, auf dem sich der Titel "Döner-Killer" befindet. Dieser klingt wie die akustische Vorlage des eingangs erwähnten Reconquista-T-Shirts, nur dass die Album-Macher schon über die Opfer der Mordserie spotteten, lange bevor die Terrorzelle und ihr Bezug zu den Migranten-Morden allgemein bekannt wurde. "Bei allen Kebabs herrschen Angst und Schrecken. Der Döner bleibt im Halse stecken", lautet eine Textzeile. Am Ende stachelte das Lied noch an: "Neun sind nicht genug." Sänger Daniel Giese wurde wegen des Albums bereits zu einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Auch der Chemnitzer Plattenproduzent Yves R. ist bereits angeklagt, doch wartet er noch auf sein Verfahren. Eine Terminierung steht noch nicht fest, teilte die Chemnitzer Staatsanwaltschaft in der Vorwoche mit.

Ob das Lied vom Döner-Killer wie auch das Zwickauer Paul-Panther-T-Shirt indes mehr sind als szenetypische Terror-Huldigungen, ob sie augenzwinkernde Botschaften aus erster Hand an einen verschworenen Mitwisserkreis bedeuten, diese Frage ist bisher unbeantwortet.

Coverbild.
 

Musik als Hohn - und ein V-Mann, der die Szene ausstattete

Das Rechtsrock-Label PC Records aus Chemnitz produzierte 2010 mit der Band "Gigi und die braunen Stadtmusikanten" das Album "Adolf Hitler lebt", auf dem sich der über die Opfer der NSU-Mordserie spottende Titel "Döner-Killer" befindet. Der Album-Titel bezieht sich auf einen US-amerikanischen Jungen (Coverbild), der von seinem Vater auf den Namen Adolf Hitler getauft wurde. Seine Schwester erhielt den Namen Joyce Lynn Aryan Nation (arische Nation). Aufgrund von Vorwürfen der Kindesmisshandlung entzog man dem Rechtsextremisten Heath Campbell das Sorgerecht.

Als V-Mann "Primus" führte das Bundesamt für Verfassungsschutz den Zwickauer Ralf M. als Quelle, die angeblich gute Einblicke ins Konzertgeschehen erlaubte. M. war Sänger einer rechtsextremen Band und hatte Kontakte zu Chemnitzer Veranstaltern illegaler Rechtsrock-Konzerte, die die Bundesanwaltschaft bei den NSU-Ermittlungen jetzt auf der Liste der Beschuldigten führt. Der Bericht des Edathy-Aussschusses nennt "Primus" unter der Bezeichnung Q3.

 
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