Unter Eichen zur letzten Ruhe

Seit diesem Monat gibt es den ersten Waldfriedhof im Großraum Chemnitz. 13 Tote finden dort im September ihre letzte Ruhe. Das Interesse bei Führungen ist unglaublich.

Callenberg/Falken.

Es sind vor allem schlanke Eichen, aber auch einige hoch aufgeschossene Birken, durch deren Blätterdach die Sonne an diesem Tag ihre wärmenden Strahlen in den Laubmischwald schickt. Eigentlich ist das Wetter viel zu schön, um sich mit dem Tod zu befassen. Trotzdem haben sich mehr als 30 Frauen und Männer eingefunden, um an einer Führung durch den zu Monatsbeginn eröffneten Waldfriedhof Schönburger Land teilzunehmen. Es ist der erste Wald zwischen Plauen und Freiberg, Fichtelberg und Talsperre Kriebstein, in dem Menschen ihre letzte Ruhe unter Bäumen finden können. Und es ist die dritte Führung mit einer so großen Schar von Interessenten.

Lange hatte sich das CDU-geführte Sachsen als zuletzt einziges Bundesland gegen diese Form der Bestattung gewehrt. Vor einem Jahr schaffte dann Bennewitz bei Leipzig den Durchbruch. Nun hat auch Südwestsachsen einen Waldfriedhof - ohne Grabsteine, ohne Blumen, ohne Grabkerzen oder sonstigen Schmuck. Nur ein kleines schlichtes Namensschild aus Messing in zwei Meter Höhe an einem Eichenstamm zeigt an, dass hier vor wenigen Tagen ein Mann beigesetzt wurde, der ein halbes Jahr vor seinem 90. Geburtstag gestorben ist. "Es wird nicht lange dauern, bis er Gesellschaft bekommt", meint eine 75-jährige Frau, die sich eine der an diesem Baum noch möglichen neun Grabstellen gleich reservieren lassen will. "Ich bin sehr naturverbunden und habe mich schon immer nach einem Grab in der Natur gesehnt, über dem die Vögel zwitschern", sagt die Chemnitzerin.

Zu ihren Füßen, wo die erste Urne 80 Zentimeter tief und zwei Meter entfernt vom Stamm im Boden liegt, wird das kleine Grab noch von einer mehr als 30 Zentimeter großen Baumscheibe bedeckt. "Zur Orientierung für die Angehörigen. Die kommt aber wieder weg. Dann kann sich hier das reichlich vorhandene Brombeergebüsch neu ausbreiten", erläutert Franz Freiherr von Rotenhan den Versammelten. Der 29-Jährige betreibt den einzigen familiengeführten Friedhof in Sachsen. Genau das unterscheidet ihn auch vom Branchenführer Friedwald, der bundesweit bereits in 56 Orten Waldbestattungen ermöglicht - auch in Bennewitz.

Es sind allesamt keine Angehörigen des ersten Beigesetzten, sondern interessierte Bürger jenseits der 50, 60 und 70, die an dieser - zweimal in der Woche angebotenen - Führung teilnehmen. Ihre Autokennzeichen verraten, dass sie aus dem Erzgebirge, dem Landkreis Zwickau, Leipzig und Chemnitz gekommen sind. Einige aus dem nahen Falken haben sich mit Wanderstöcken aufgemacht. "Es interessiert mich einfach, wie das alles abläuft, so nahe vor der eigenen Haustür", sagt eine Frau.

Ein Ehepaar aus dem Erzgebirge gibt unumwunden zu, warum es sich für diese alternative Form der Bestattung interessiert. "Weil man dahin zurückkehrt, wo man hergekommen ist, praktisch in den Schoß der Natur", sagt der agil wirkende 75 Jahre alte Mann. Außerdem würden die Angehörigen weit weg wohnen, "da hat keiner Zeit für Grabpflege." Ein anderer Mann erzählt, dass er sich schon in Dessau diesbezüglich umgeschaut habe, "weil hier lange Zeit so etwas gar nicht angeboten wurde. Ich bin sehr angenehm überrascht von allem."

Nach wenigen Schritten hat die Schar von Interessenten den Andachtsplatz erreicht. Hier wurde Freiraum geschaffen für einen grob gesägten Altartisch, den acht rustikale Bänke umgeben. 60 bis 80 Trauergäste können darauf Platz nehmen. Ein fast acht Meter hohes Kreuz aus Lärchenholz, für dessen Fundament acht Kubikmeter Beton in den Boden gebracht wurden, thront über allem. Das ganze Jahr über, bei Wind und Wetter, werden sich hier unter freiem Himmel Trauernde versammeln können, um ihren verstorbenen Angehörigen das letzte Geleit zu einem vorher ausgewählten Baum zu geben. Beim ersten derartigen Akt spielten - auf Wunsch - auch Jagdhornbläser auf.

Als Fläche für den Waldfriedhof seien neun Hektar vorgesehen, erläutert der Betriebs- und Forstwirt Rotenhan, dessen Familie 1998 rund 950 Hektar von der BVVG, dem Immobilien-Dienstleister des Bundes, erworben hatte. Etwa 500 Bäume wachsen auf der ersten der als Friedhof vorgesehenen Teilfläche. Es dominiert die Eiche, die auch das Stadtwappen von Callenberg prägt, zu dem das Dorf Falken und sein Waldfriedhof gehören. Auf dieser ersten Fläche würden 2500 bis 3000 Urnen Platz finden. "Wenn danach weiter Bedarf besteht, gehen wir auf angrenzende Flächen." Der Oberfranke Rotenhan, der vor zwei Jahren den elterlichen Forstbetrieb in Callenberg übernahm und mit seiner Familie nun auf Suche nach einem dauerhaften Wohnsitz ist, gibt zu: "Wenn es bei mir mal soweit ist, möchte ich auch hierher. Nicht nur, weil es der eigene Wald ist."

Er und seine Mitarbeiterin Annike Günther, eine Diplom-Forstingenieurin aus Callenberg, haben im vergangenen halben Jahr zum Großteil selbst Hand angelegt, um den Friedhof herzurichten und trotzdem möglichst wenig in den Wald einzugreifen. Drei Parkplätze für rund 40 Autos wurden angelegt, aller 25 Meter schmale Wege zu den Bäumen gemulcht. Die schönsten Bäume tragen rote und weiße Bänder, die sie als "Besonderen Baum" ausweisen. Andere haben nur ein kleines Schild mit Nummer. "Das sind die normalen Bestattungsbäume", erläutert Annike Günther. Der Preis richtet sich danach, für welchen Baum man sich entscheidet. "Außerdem gibt es vier Findlinge aus hellem Granit. Auch hier können Grabstellen angelegt werden. Wir wollen noch einige Eiben und Tannen pflanzen, um die Auswahl zu vergrößern", berichtet Forstfrau Günther.

Im Rathaus von Callenberg habe er im April 2015 mit seinem Ansinnen offene Türen eingerannt: "Hier gab es eine große Aufgeschlossenheit", erzählt der 29-Jährige Rotenhan. Während Kirchenvertreter anderswo versuchten, ähnliche Vorhaben zu verhindern, gebe es zum Pfarrer von Callenberg ein gutes Verhältnis: "Es ist geprägt von gegenseitiger Akzeptanz." Der Gemeinderat stimmte dann im Sommer 2015 mit nur einer Gegenstimme zu, "sodass wir beim Landratsamt die Genehmigung beantragen konnten und in diesem Jahr erhielten." Träger des Projekts Waldfriedhof ist die Kommune, an sie wurden die entsprechenden Flächen abgegeben. Die Gemeinde wiederum beauftragte Franz Freiherr von Rotenhan mit dem Friedhofsbetrieb. Der Vertrag wurde für 99 Jahre geschlossen. Das sächsische Bestattungsgesetz, das erst seit 2009 Waldbestattungen erlaubt, verlangt, dass Kommunen oder Kirchen solche Waldruhestätten betreiben.

Rotenhan hat inzwischen die Bestatter der Region eingeladen, um ihnen den Waldfriedhof und seine Möglichkeiten aufzuzeigen. "Wir arbeiten mit ihnen zusammen, denn sie wickeln das eigentliche Bestattungsritual ab und bringen auch die Urne mit. Die muss biologisch abbaubar sein." Natürlich seien auch anonyme Bestattungen möglich, antwortet Annike Günther auf eine entsprechende Frage. Eine kleine Feier im Wald am Andachtsplatz und direkt am Baum sei möglich, wer mehr plant, sollte dafür vorher andere Räumlichkeiten nutzen.

Obwohl der Wald groß genug für das Vorhaben scheint, treibt die meisten Anwesenden die Frage der Reservierung um. "Kann ich für meine Eltern heute schon einen Baum auswählen?", fragt ein 52-Jähriger. "Sie sind 75 und 76 Jahre alt. Da macht man sich schon Gedanken. Ich habe vor zehn Jahren eine ähnliche Anlage in Lüneburg gesehen und fand das toll." Ein wenig enttäuscht ist er dann aber doch, dass der Baum, den er für seine Eltern ausgesucht hat, derzeit noch nicht Teil des Waldfriedhofs ist.

Positiv überrascht streifen nach der Führung die Eheleute Krackau aus Chemnitz über den Waldfriedhof. "Ich habe nie verstanden, dass es in Sachsen so viel Gegenwind gegen entsprechende Vorhaben gibt", sagt Thomas Krackau. "Sicher gehen den klassischen Friedhöfen so Einnahmen verloren. Aber es haben sich nicht nur die Lebensformen, sondern auch der Umgang mit dem Tod und die Bestattungsrituale verändert." Er freue sich, dass es endlich eine Alternative gebe. "Hier ist alles so friedvoll, ruhig, ja sogar heiter", meint der 63-Jährige. Im Moment denke er noch nicht an die eigene Grabstätte, sondern an eine für seine Mutter, die mit 85 Jahren im Pflegeheim lebt. "Ich bin sicher, hier finden wir was Schönes."

Was in Callenberg ungewöhnlich zügig umgesetzt wurde, darüber erhitzen sich anderenorts noch heftig die Gemüter. In Waldenburg und unweit von Hartenstein (beide Landkreis Zwickau), aber auch in Chursdorf bei Penig gibt es Pläne für Waldfriedhöfe. In Oberschöna bei Freiberg sind es Überlegungen eines Naturschützers. Mit Kamenz und Niederau bei Meißen ist die Friedwald GmbH im Gespräch. Die Kommunalparlamente sind oft zerstritten und erhalten vor allem von Seiten der Kirche Gegenwind, obwohl letztlich nur 2,5 Prozent aller Bestattungen in Wäldern stattfinden. "Zunehmend wollen Bürger aber auch in die Natur, weil viele Friedhöfe mit unzeitgemäßen und restriktiven Vorschriften und Verboten die Menschen regelrecht vertreiben", meint ein Bestatter aus Mittelsachsen.

Die Kirche sieht in den Waldruhestätten einen Trend zur Verdrängung des Sterbens und beklagt einen Verfall der Trauerkultur. Zudem reichten die Einnahmen der etwa 1000 Kirchenfriedhöfe in Sachsen sowieso schon kaum noch für deren Unterhaltung, sagte der Sprecher der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen. Alarm schlägt auch der Bundesverband Deutscher Steinmetze. Die Zunft sorgt sich um Umsatzverluste und um die deutsche Friedhofskultur.

Alles zu den Führungen im September finden Interessenten im Internet unter www.waldfriedhof-schoenburgerland.de

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1Kommentare
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  • 5
    1
    gelöschter Nutzer
    12.09.2016

    Meine Meinung?
    Für den letzten Ort der Ruhe wäre das (für mich neben einer Seebestattung) meine erste Wahl.
    Ich bin da sehr dafür, für meine Angehörigen (beispielsweise die Eltern) genauso wie irgendwann für mich.

    Wer überdimensionierte Grabtafeln, Blumenschmuck und Tralala braucht, der ist auf einem Friedhof im Einzelgrab besser aufgehoben. Hier geht es um die bewusste Entscheidung, den Toten dem immerwährenden Kreislauf von Entstehen und Sterben in der Natur zurückzugeben. Ebenso wie bei einer Seebestattung oder leider der bei uns nicht möglichen ?Wind?bestattung. Auch dafür würde sich unserer heimisches Sachsen mit seinen Mittelgebirgen anbieten; es wäre ein Bezug zum Leben in der Region da und Wind und Berge gibt es in Sachsen zuhauf.
    Erinnerungen und Andenken finden im Kopf und Herzen statt, nicht auf dem Friedhof.
    Und wenn die Verstorbenen keinen Platz mehr in den Erzählungen der Verbliebenen haben, dann nützt auch der schönste Grabstein nichts.

    Vom Einzelgrab auf einem Friedhof habe ich mich gedanklich schon lange verabschiedet.
    >>> http://www.alwins-blog.de/?p=11970



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