Videobeweis in der Fußball-Bundesliga heizt Debatte an

Der Fußball-Weltverband will Fehlentscheidungen der Schiedsrichter künftig verhindern. Das Rezept lautet Videobeweis. In der Bundesliga sorgte der Test für hitzige Debatten. Der einstige Referee Bernd Heynemann befürchtet, die WM im Sommer könnte nun zu einer Lachnummer werden. Weil keiner mehr wisse, wer was entscheidet und warum.

Chemnitz.

Stefan Kießling springt energisch ab und erwischt den Ball mit der Stirn. Ein Kopfball aus dem Lehrbuch. Die Spezialität des Stürmers. Doch diesmal wendet sich der Spieler von Bayer Leverkusen enttäuscht ab. Daneben. Dennoch laufen seine Mitspieler jubelnd auf ihn zu. Als Kießling sich umblickt, sieht er, dass der Ball tatsächlich im Gehäuse liegt und der Schiedsrichter den Treffer zum 2:0 gibt. Nicht einmal eine Zeitlupe später wissen die Zuschauer am Fernsehbildschirm: Der Ball fand den Weg in den Kasten der TSG Hoffenheim nicht über die Torlinie, sondern von außen, durch ein kleines Loch im Netz. Ein Phantomtor. Selbst im Stadion spricht sich die Fehlentscheidung dank Smartphones schnell herum. Allein Schiedsrichter Felix Brych und seine Assistenten tappen im Dunkeln. Leverkusen gewinnt am Ende 2:1. Ein Skandal. Eine Ungerechtigkeit.

Es sind Situationen wie die vom Oktober 2013, die die Regelhüter des Weltfußballs in Zukunft ausschließen möchten. Der Videobeweis soll Abhilfe schaffen. Im Eishockey, American Football und Hockey ist das Hilfsmittel etabliert. Warum sollte es nicht auch im Fußball klappen? Der Weltverband Fifa startet einen Test. Zu den Versuchskaninchen zählt unter anderem die Bundesliga. Seit Beginn der Saison überwachen also Video-Assistenten, offiziell Video Assistant Referees (VAR), die Partien der höchsten deutschen Spielklasse. Der zuständige Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Ronny Zimmermann erklärt nach einer halben Saison, dass mehr als 75 Prozent der klaren Fehlentscheidungen korrigiert wurden: "Der Fußball ist somit gerechter geworden", bilanziert er.Bernd Heynemann ärgern solche Aussagen. "Klar versucht der DFB, die positive Seite hervorzuheben. Er hat den Videobeweis als Prestigeobjekt ausgerufen, will weltweit ein Vorbild sein. Aber man muss schon sehen, wie viel Unruhe, Unsicherheit und Kopfschütteln er gebracht hat", moniert der WM-Schiedsrichter von 1998. Laut einer Statistik des DFB überprüften die VAR in 153 Partien der Hinrunde 1041 Entscheidungen, 48-mal wurde korrigiert, elfmal erwies sich der Eingriff als falsch - eine beträchtliche Fehlerquote für ein Mittel zur Korrektur. Ist das mehr Gerechtigkeit?

Was die Statistik nicht erfasst, ist die unterschiedliche Auslegung der entscheidenden Frage: Wann soll der VAR eingreifen und wann nicht? Zwar stellte das International Football Association Board (Ifab), das oberste Regelgremium des Weltverbandes Fifa, ein Protokoll zusammen - in der Praxis fällt die Antwort nicht so leicht. Was passiert, wenn ein Tor fällt, die Balleroberung aber durch ein ungeahndetes Foul zustande kommt - unter Umständen Minuten vor dem Treffer? Wann ist ein Zweikampf im Strafraum ein Foul? Was ist eine klare Fehlentscheidung, was Auslegungssache?Diese Probleme offenbarten sich schon im Juli vergangenen Jahres während des Confed-Cups in Russland, also Wochen, bevor die Bundesliga startete. Statt die Probleme zu analysieren, erklärte Ansgar Schwenken, Direktor der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die deutschen Video-Assistenten seien nach Monaten der Vorbereitung "anwendungssicherer als jemand, der vor einem Turnier in ein paar Tagen Schnellkurs vorbereitet worden ist". Die Hybris des deutschen Fußballs.

Nach den ersten Fehlern änderte Projektleiter Hellmut Krug vor dem 6. Spieltag heimlich die Richtlinien. Dann kassierte die DFB-Führung die Änderung. Krug musste gehen. Aus dem Versuch, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, wurde mehr Verwirrung. "Es weiß doch keiner mehr, wer was entscheidet und warum", meint Heynemann, der für die CDU im Bundestag und Landtag saß und derzeit Stadtrat in Magdeburg ist. "Krug hatte ein Jahr zur Vorbereitung. Und es ist Chaos herausgekommen." Er fordert gleich mehrere Änderungen.Zum einen sollen die Video-Assistenten nicht im Cologne-Broadcasting-Center in Köln-Deutz sitzen, sondern im Stadion. "Damit sie die Entscheidungen nicht klinisch fällen, sondern auch ein Gefühl für die Partie entwickeln können. Auch davon hängt die Linie bei der Spielleitung eines Schiedsrichters ab", so Heynemann. Zudem müsse die Zahl der Eingriffe auf zwei bis drei reduziert werden. "Die Bewertung eines Zweikampfes kann ohnehin keine Fehlentscheidung sein. Aktuell heißt die Devise nach jedem Zweikampf im Strafraum: 'Mal sehen, was Köln sagt.' In Fernsehübertragungen fällt dieser Satz inzwischen gefühlt 30- bis 40-mal pro Spiel. Dann brauche ich doch gar keinen Schiedsrichter auf dem Rasen mehr. Das ist wie bei einer Spielkonsole", meint der 63-Jährige. "Die Spieler merken doch auch, dass der Schiedsrichter nicht mehr entscheidet."

Ein Großteil der Bundesligaprofis sieht den Videobeweis kritisch. Vor dem Start der Rückrunde heute Abend wünschen sich laut einer Umfrage des Fachmagazins "Kicker" 47 Prozent der Bundesligaspieler eine Abschaffung, 42 Prozent wollen an dem Hilfsmittel festhalten.

Grundlegende Änderungen scheinen jedoch ausgeschlossen. Ein Challenge-System - Trainer oder Spieler beantragen einen Videobeweis, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen - wollen die Regelhüter gar nicht erst testen.

Am 2. März spricht das Regelgremium eine Empfehlung aus, ob der Videobeweis dauerhaft eingesetzt werden soll. Alles andere als eine positive Bewertung wäre eine Überraschung. Auch der in der Bundesliga als Video-Assistent eingesetzte Jochen Drees erklärt: "Die Fifa wird dieses neugeborene Baby nicht wieder zur Adoption freigeben." Damit kämen auch Video-Assistenten bei der WM in Russland zum Einsatz, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. "Wenn es so durchgeführt wird wie in Deutschland, dann wird es eine Lachnummer", prophezeit Heynemann.

Deutschlands Schiedsrichter des Jahres 1998 ist selbst die eine oder andere Fehlentscheidung unterlaufen - einen Video-Assistenten im Ohr, der ihn korrigiert hätte, wünscht er sich rückblickend nicht. "Wenn überhaupt hätte ich ihn fragen wollen - nicht umgekehrt. So, wie es aktuell läuft, ist der Schiedsrichter nur noch eine Marionette." Ein Phantomtor steht nicht in Heynemanns Vita. (mit dpa)

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