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Vorsicht, Alterspubertät!

Zwei Autoren haben eine neue Lebensphase entdeckt: das Ankämpfen gegen das Älterwerden - das kann peinlich, aber auch lustig sein

erschienen am 17.05.2018

Sie sind über 45, haben alles angeschafft und ihre Kinder aufgezogen, viel gesehen und erlebt. Eigentlich könnten sie glücklich sein, wäre da nicht das flaue Gefühl und die Frage: "Was kommt jetzt?" In ihrem Buch "Es ist nur eine Phase, Hase" beschreiben die Autoren Maxim Leo und Jochen Gutsch ehrlich die neue Lebenswirklichkeit der Alterspubertiere. Stephanie Wesely hat mit einem von ihnen gesprochen.

Freie Presse: Herr Leo, was bitte ist die Alterspubertät?

Maxim Leo: Es die Zeit der ersten Alterszeichen, die für die meisten beginnt, wenn die Kinder flügge werden. Diese Phase ist vergleichbar mit der richtigen Pubertät. Der Körper verändert sich - jetzt allerdings nicht zum Besseren. Alles wird weniger, bis auf das Gewicht. Wir spüren das, wissen auch, dass die Zeit kommt, und wollen es dennoch nicht wahrhaben. Ein Aufbäumen und Ankämpfen gegen das Altwerden setzt ein. Das ist nicht unproblematisch. Es hat eine ernste Seite, weil manch einer dann weniger Sinn und Freude im Leben sieht. Es kann aber auch sehr lustig sein, weil völlig normale Menschen auf einmal sehr seltsame Dinge tun.

Ein paar Beispiele?

Wenn nicht jetzt, dann nie mehr, denken viele. Sie testen ihre Wirkung aufs andere Geschlecht, vornehmlich bei Jüngeren. Sie zwängen ihre runden Körper in Neoprenanzüge und beginnen einen Kitesurf-Lehrgang. Andere laufen Marathon, obwohl sie vorher nie Sport getrieben haben. Überhaupt neigen viele Männer in dieser Zeit zu extremer Aktivität.

Gibt es bei Frauen keine Alterspubertät?

Doch. Aber wie in allen Dingen, sind Frauen hier viel schlauer (lacht). Sie haben eine eher innerliche Art, damit umzugehen. Sie entdecken ihre Spiritualität, wollen sich neu entdecken oder wenigstens ihre Mitte finden. Sie machen nicht einfach nur Yoga, sie wollen gleich Yoga-Lehrerin werden. Die höchste Stufe der Alterspubertät ist erreicht, wenn sie beginnen, Marmelade zu kochen.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Für die Marmelade?

Ja.

Wissenschaftlich erforscht wurde das wohl noch nicht. Aber diese neue Leidenschaft könnte damit zu tun haben, dass man sich irgendwie beschäftigen will. Böse Zungen behaupten, es hätte etwas mit dem Rückgang der Fruchtbarkeit zu tun.

Das ist heftig. Aber Ihrem Buch kann man entnehmen, dass auch Männer damit Probleme haben.

Nicht zu knapp. Im Buch stellt meine Frau fest, dass wir hinsichtlich unserer sexuellen Aktivität unter der Norm liegen. Andere Paare täten es einmal pro Woche. Aber das würde bedeuten, viermal im Monat und 50 Mal im Jahr. Ich finde ja, man sollte schöne Dinge nicht so oft tun. Man weiß es dann nicht mehr zu schätzen (lacht). Aber wenn es dann wieder einmal soweit war, denkt man: Prima, geschafft. Wieder eine Weile Ruhe! Nicht etwa: Toll, das machen wir gleich nochmal.

Aber dagegen kann man doch etwas tun?

Im Buch haben wir auch versucht, unser Sexleben aufzupeppen. Mit Fesselspielen oder Dirty Talk. Hat alles nichts gebracht.

Finden Sie diese Zeit für Paare schwierig?

Ja, irgendwie schon. In den letzten Jahren lief mein Leben auf Autopilot. Die Kinder bestimmten den Rhythmus. Das ist jetzt anders. Wir haben als Paar viel mehr Zeit füreinander. Da gibt es auch mehr Gelegenheit für Streit.

Dann doch lieber schlafen?

Wenn das so einfach wäre. Früher, in meiner Studentenbude, schlief ich jahrelang mit meiner Frau in einem schmalen Bett. Heute haben wir jeder einen Meter Platz und freuen uns dennoch über jede Nacht, in der wir uns mal nicht auf die Nerven gehen. Meine Frau hat Ohrstöpsel und eine dichte Schlafbrille. Trotzdem bekommt sie alles mit. Ich darf mich nicht auf den Rücken legen, obwohl ich da am besten einschlafen kann, weil ich angeblich schnarche. Die halbe Nacht in rechtsseitiger Embryonalhaltung kann ganz schön anstrengend sein.

Das tut mir aber leid.

Muss es nicht. Offenbar sind Frauen nachts wirklich friedlicher, aber viel störanfälliger als wir Männer.

Da helfen nur getrennte Schlafzimmer.

Das ist irgendwie der Anfang vom Ende, denken viele. Ich stehe da auch nicht drüber. Man entfremdet sich damit irgendwie. Aber die Gefahr, sich auf die Nerven zu gehen, ist im gemeinsamen Schlafzimmer wahrscheinlich größer.

Hat die Alterspubertät gar nichts Positives?

Doch. Die Sehschwäche. Sex in der Alterspubertät ohne Sehschwäche - nicht auszudenken (lacht). Zum Glück kennen wir ja jetzt alle Hebel und Knöpfe, das geht auch im Dunkeln. Es gibt aber noch mehr Spannendes.

Nämlich?

Die erste Vorsorgeuntersuchung beim Urologen. Schon beim Betreten des Wartezimmers bin ich um zehn Jahre gealtert. Die Blicke der anderen alten Herren dort sprachen Bände. Die denken bestimmt: Ha, wieder ein Neuer! Aber zum Glück ist es nur eine Vorsorge und nichts Ernstes. Wir Männer definieren uns halt sehr stark über unseren Körper und unsere Fitness. Wenn das im Alter nachlässt, muss man das erstmal verkraften.

Dabei hilft vielen Männern der Alkohol.

Richtig, aber ich kenne auch viele Frauen, die gut etwas vertragen. Man kann sich jetzt einfach besseren Alkohol kaufen als in der Jugend. Und das will man natürlich auch genießen. Aber Sie haben recht, viele Frauen, auch meine, haben dafür nicht viel Verständnis.

Wahrscheinlich nur aus Sorge.

Unbestritten. Kürzlich habe ich meine Leberwerte checken lassen. Den Check up 35 macht man mit 48 richtig gern. Und meine Ärztin hat mir gratuliert, denn ich habe Leberwerte wie ein Jugendlicher. Ich habe sie daraufhin auch gleich von der Schweigepflicht meiner Frau gegenüber entbunden (lacht).

Hätten Sie das auch bei schlechteren Werten getan?

Natürlich nicht.

Wie Sie schreiben, beginnt die Alterspubertät ja mit dem Erwachsenwerden der Kinder. Leiden nicht vor allem Frauen unter dem Leeren-Nest-Syndrom?

Bestimmt leiden Frauen mehr darunter. Aber ich war selbst überrascht, wie sehr mich das alles mitnimmt. Ich gehe ungern aus meiner Paparolle raus. Die zwei jungen Wesen habe ich so lange begleitet. Da kann man schon traurig werden.

Männer sollen in der Alterspubertät ohnehin näher am Wasser gebaut haben, wie ich in Ihrem Buch lesen durfte?

Das stimmt. Wir freuen uns nicht einfach nur über einen schönen Sommertag, sondern denken: Wie viele so schöne Sommer werde ich noch erleben? Es ist, als würde plötzlich ein Schalter umgelegt. Es fühlt sich seltsam an, verwirrend. Aber nicht unangenehm. Intensiv, irgendwie. Er kann herrlich sein, dieser Kontrollverlust.

Ihr Buchtitel heißt "Es ist nur eine Phase, Hase". Was kommt danach?

Es beginnt wieder eine andere aufregende Zeit, in der man vielleicht entspannter mit dem Altwerden umgeht. Der Kampf ist dann vorbei, das Ringen mit sich selbst. Wenn ich mir meine Eltern anschaue, tröstet mich das. Sie ruhen so in sich und genießen jeden Tag, an dem ihnen mal nichts wehtut.

Haben Sie die Episoden alle selbst erlebt?

Ja. Jochen Gutsch und ich. Selbstverständlich haben wir auch viel beobachtet, in der Umwelt, im Freundeskreis.

Warum dieses Buch?

Weil wir Alterspubertiere die größte Bevölkerungsgruppe in Europa sind. Wir sind also nicht allein. Und das ist ein Trost. Über viele Dinge, die zum Teil gar nicht lustig sind, kann man sich aber lustig machen. Und mit Humor ist alles leichter. Da muss man nicht depressiv werden, denn es ist nur eine Phase, Hase.



Foto: Privat

Die Alterspubertiere 

Maxim Leo ist Kolumnist der Berliner Zeitung. Er schreibt Tatort-Drehbücher und eine Krimireihe. Leo wurde bereits mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet.

 

 



Foto: Privat

Jochen Gutsch ist Reporter beim Spiegel und Kolumnist der Berliner Zeitung. Er veröffentlichte den Roman "Cindy liebt mich nicht", der bereits verfilmt wurde. Gutsch erhielt den Theodor-Wolff-Preis und den Henri-Nannen-Preis.

 
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