Weniger Sport, Kunst und Musik? Streit um neue Schulstundentafel

Mit der aus der Regierung vorgeschlagenen Kürzung ab dem Schuljahr 2019/20 würden 800 Lehrerstellen weniger gebraucht. Doch geht die Rechnung auf?

Dresden.

Ein Sturm der Entrüstung zog am Freitag über Sachsen hinweg. Die Opposition wetterte von den Grünen bis zur AfD über einen "Offenbarungseid". Der Philologenverband zeigte sich "entsetzt" - und auch innerhalb der Koalition zuckten grelle Blitze. Dass es "langsam nicht mehr tragbar" sei, was die Union als "Bildungspolitik" verkaufe, twitterte SPD-Bildungspolitikerin Sabine Friedel, woraufhin die CDU-Landtagsfraktion ihr vorwarf, dass sie "die ganze Zeit aus ideologischen Gründen auf der Bremse steht".

Dabei dürfte Friedel den Vorschlag, der für die Aufregung gesorgt hatte, längst gekannt haben. Drei Wochen alt ist das interne Papier von Kultusminister Christian Piwarz und Finanzminister Matthias Haß (beide CDU), in dem vorgerechnet wird, ab dem Schuljahr 2019/20 durch Kürzung der Stundentafel 800 Lehrerstellen einsparen zu können. Konkret sieht das Modell je eine Wochenstunde weniger bei Kunst und Musik in der fünften Klasse und bei der zweiten Fremdsprache in der sechsten Klasse vor. Dazu käme eine Begrenzung auf zwei Stunden Sport, bisher sind es von Klasse 1 bis 7, an Oberschulen bis Klasse 10 drei Stunden. Dafür soll es in Abstimmung mit dem Landessportbund flächendeckende Ganztagsangebote zur sportlichen Betätigung geben.

Das Ministerpapier mit dem Titel "Mehr Lehrer für gute Schule im Freistaat Sachsen" bildet auch immer noch die Grundlage der Verhandlungen mit der SPD für ein Maßnahmenpaket "zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs", das eigentlich schon für Ende Januar versprochen war. "Monetäre Anreize" könnten "nur ein Teil der Lösung" sein. Neben finanziellen Verbesserungen - etwa durch die Verbeamtung und Höherstufung der Grundschullehrer - sind im Papier auch "strukturelle Verbesserungen" aufgeführt, darunter eben auch die Überarbeitung der Stundentafeln. Der Zusammenhang mit dem Lehrermangel, der alle anderen landespolitischen Probleme überlagert, ist also durchaus offenkundig. Mangels Referendaren konnte Sachsen fürs zweite Schulhalbjahr nicht mal alle freien Stellen besetzen. Zu fast zwei Dritteln mussten Seiteneinsteiger eingestellt werden, die über keine Lehrer-Ausbildung verfügen.Dennoch zog es das Kultusministerium am Freitag vor, die bereits 2016 angekündigte, bisher aber nicht konkret gewordene Überarbeitung der Stundentafeln anders zu begründen: mit der "deutschlandweit sehr hohen Unterrichtsbelastung sächsischer Schüler". Weil Korrekturen nicht zulasten ihrer Berufs- und Studierfähigkeit gehen dürften, müsse die "Qualität und Quantität des Kernfachbereichs" erhalten werden. Entschieden sei aber noch nichts. Dies versicherte dann auch Minister Piwarz im Schulausschuss, wo er von einem "internen Arbeitspapier" gesprochen haben soll. Trotzdem will die Linke die Kürzungspläne im Landtag nun zum Thema machen.

In der Regierungspartei SPD wird das "Entschlacken" von Stundentafeln zwar befürwortet, aber nicht das "willkürliche Streichen einzelner Fächerstunden". Statt Sportunterricht zu kürzen, solle die Union "lieber endlich an die Mathelehrpläne ran", twitterte Sabine Friedel: "Rechnen statt auswendig lernen!"

Auch Landesschülersprecher Noah Wehn würde eine "Entschlackung besonders im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich" bevorzugen. Die vorgeschlagene Lösung für den Sportunterricht nannte der 16-jährige Elftklässler eine "notwendige Maßnahme" - falls dafür Platz für Bereiche wie Ernährung und Gesundheit geschaffen werde. Eine Kürzung bei Musik und Kunst komme hingegen nicht infrage, weil beide die Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung förderten. Als "inakzeptabel" lehnte Wehn auch eine Kürzung bei der zweiten Fremdsprache ab: "Die Globalisierungsgeneration braucht nicht weniger, sondern mehr Fremdsprachenkenntnis!"

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11Kommentare
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  • 1
    2
    aussaugerges
    07.03.2018

    Dazu gehören auch in Berlin (B E R) Architekten,Planer,Fachplaner Statiker,usw.
    Die Firmen in die Pleite jagen weil sie immer mehr Gewinne machen wollen.

  • 3
    2
    Hirtensang
    07.03.2018

    Die "besten" Staatsbürger sind die Fachidioten! Weil sie über "Nichts" alles wissen, aber über "Alles" nichts wissen, lassen sie sich leicht von den Eliten lenken!

  • 5
    2
    tbaukhage
    06.03.2018

    @Van...: Was hältst Du von Allgemeinbildung?

    - umfassenden Bildung, die zur Entfaltung der Persönlichkeit sowie zur Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte und Pfichten notwendig ist?

    - Bildungsstandards der verschiedenen Schulformen müssen sich an den Anforderungen der weiterführenden Bildungseinrichtungen ausrichten?

    - neben der deutschen Sprache auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte?

    - Kunst und Wissenschaft und der sozialen Marktwirtschaft als Ausdruck menschlicher Kreativität und Schaffenskraft?

  • 1
    9
    gelöschter Nutzer
    06.03.2018

    Genau die in der Überschrift stehenden Fächer können wegfallen.
    Wer sie unbedingt haben will soll sie haben. Aber nicht als Fächer für
    alle und gleich garnicht obligatorisch. Allgemeinbildung ist gut, aber für Sachen die ich im Leben mal brauchen könnte. Wer unbedingt Malen, Singen oder Sporteln will muß dann eben Extrastunden buchen (und bezahlen). Das ist meine Meinung! Mir haben eben diese Fächer in meinem Leben absolut NICHTS gebracht, wurde weder Sportler noch Sänger und gleich gar kein Rembrand-Ersatz.

  • 8
    0
    tbaukhage
    04.03.2018

    @aus...: Nein, das ist def. falsch! Die weitaus meisten Mitarbeiter der Kultusbürokratie sind Juristen (siehe aktueller Kultusminister) bzw. Sachbearbeiter.
    Richtig ist, dass die 16 verschiedenen Kultusministerien/-verwaltungen hier in D eines der Gründübel für den Niedergang des deutschen Bildungssystems sind und riesige Mengen von Arbeitsvermögen binden. Aber wie gesagt, die wenigsten davon kann man (guten Gewissens) vor eine Klasse stellen...

  • 3
    2
    aussaugerges
    04.03.2018

    Übrigens in den Nordischen Ländern läuft das DDR Bildungssystem zur vollsten Zufriedenheit. Im Orginal.
    (((Ohne die 16 MITTELALTERLICHEN selbstherrlichen Fürstentümer.)))
    Jeder Korintenk...will hier, jeden Monat eine neue Reform durchsetzen.

  • 4
    0
    vomdorf
    04.03.2018

    Zum den Schuleingangsuntersuchungen wird zunehmend festgestellt, dass die Kinder große Bewegungsdefizite haben, natürlich nicht alle, aber eben immer mehr. Im Sportunterricht sind sie gezwungen, sich zu bewegen, und es gelingt den Sportlehrern sogar, dass irgendwas fast alle eine Rolle vorwärts bringen....
    Und gerade Kinder, die sich nicht gern bewegen, werden garantiert nicht am Nachmittag eine Sport- AG besuchen.
    Und ich gebe HHCL vollkommen recht, dass es für die Ganztagsangebote Leute geben muss. Wer soll das machen? Rentner? HartzIV- Empfänger, denen man dann die paar sauer verdienten Euro noch abzieht?
    Das sind wieder nicht durchdachte Schnellschüsse, die sie da in Dresden abgeben, die zu Fassungslosigkeit in den Lehrerzimmern führt.
    Wenn man den Stundentafeln was machen will, dann Religion und Ehtik streichen, die Themen ( verschiedene Religionen der Welt) in Sachunterricht und in den weiterführenden Schule in Gemeinschaftskunde integrieren. Aber da traut sich keiner ran.

  • 3
    2
    aussaugerges
    04.03.2018

    Das Bildungssystem mit den Tausenden Wasserköpfen in den 16
    Kultusministerin binden soviel Lehrer das von einenTag auf den anderen genug Lehrer da sind. (((Es waren alles mal Lehrer.)))

    Aber die sind in allerhöchsten Besoldungsstufen und werden niemals in eine Schule gehen.
    Das ist so wie die 300 Krankenkassen überall ein utopischer Wasserkopf.
    Da laufen auch über 200000 Heizungskessel bei der Kälte.

  • 4
    1
    HHCL
    03.03.2018

    Ich gebe Ihnen da Recht Blackadder, wobei man sich tatsächlich überlegen kann die kreativen Fächer und Sport in den Ganztagsbereich "auszulagern". Aber auch dafür braucht man Personal, denn es darf nicht zur reinen Betreuung verkommen, bei der wahlweise ein Fußball oder eine Triangel gereicht werden. Das muss auch professionell gemacht werden.
    Für den Kopf ist die Auflockerung vom sturen sitzen und denken durch Sport, Kunst bzw. Musik aber auch nicht unwichtig, sodass auch vieles dafür spricht diese Fächer auch in den Vormittag einzubauen. Verheerend ist, dass diese Entscheidungen nicht aufgrund pädagogischer Überlegungen, sondern aufgrund verfehlter Personalpolitik erfolgen (müssen). Ich frage mich aber auch, was die Lehrer mit den dann freien Stunden tun sollen? Die kann man dann ja eigentlich nicht mal eben Mathe, Physik oder Englisch unterrichten lassen.

  • 12
    2
    Blackadder
    03.03.2018

    Es wäre verheerend ÜBERALL den Rotstift anzusetzen. Es müssen dringend neue Lehrer her. Da muss eben mal das Anbeten der schwarzen Null ein Ende haben und richtig Geld in die Hand genommen werden.

  • 10
    0
    HHCL
    03.03.2018

    Was soll den eine "Entschlackung besonders im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich" sein? Ist das etwa zu schwer für den Herrn Schülerrat?
    Angesichts der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung wäre das mehr als kurzsichtig, weil das Wissen im MINT-Bereich immer wichtiger wird. An dieser Stelle den Rotstift anzusetzen ist nicht sinnvoll. Ein Land ohne Rohstoffe benötigt gerade im technischen Bereich viele Leute. Die Grundlagen dafür zusammen zu streichen, ist absurd.



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