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Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Weniger Sport, Kunst und Musik? Streit um neue Schulstundentafel

Mit der aus der Regierung vorgeschlagenen Kürzung ab dem Schuljahr 2019/20 würden 800 Lehrerstellen weniger gebraucht. Doch geht die Rechnung auf?

Von Tino Moritz
erschienen am 03.03.2018

Dresden. Ein Sturm der Entrüstung zog am Freitag über Sachsen hinweg. Die Opposition wetterte von den Grünen bis zur AfD über einen "Offenbarungseid". Der Philologenverband zeigte sich "entsetzt" - und auch innerhalb der Koalition zuckten grelle Blitze. Dass es "langsam nicht mehr tragbar" sei, was die Union als "Bildungspolitik" verkaufe, twitterte SPD-Bildungspolitikerin Sabine Friedel, woraufhin die CDU-Landtagsfraktion ihr vorwarf, dass sie "die ganze Zeit aus ideologischen Gründen auf der Bremse steht".

Dabei dürfte Friedel den Vorschlag, der für die Aufregung gesorgt hatte, längst gekannt haben. Drei Wochen alt ist das interne Papier von Kultusminister Christian Piwarz und Finanzminister Matthias Haß (beide CDU), in dem vorgerechnet wird, ab dem Schuljahr 2019/20 durch Kürzung der Stundentafel 800 Lehrerstellen einsparen zu können. Konkret sieht das Modell je eine Wochenstunde weniger bei Kunst und Musik in der fünften Klasse und bei der zweiten Fremdsprache in der sechsten Klasse vor. Dazu käme eine Begrenzung auf zwei Stunden Sport, bisher sind es von Klasse 1 bis 7, an Oberschulen bis Klasse 10 drei Stunden. Dafür soll es in Abstimmung mit dem Landessportbund flächendeckende Ganztagsangebote zur sportlichen Betätigung geben.

Das Ministerpapier mit dem Titel "Mehr Lehrer für gute Schule im Freistaat Sachsen" bildet auch immer noch die Grundlage der Verhandlungen mit der SPD für ein Maßnahmenpaket "zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs", das eigentlich schon für Ende Januar versprochen war. "Monetäre Anreize" könnten "nur ein Teil der Lösung" sein. Neben finanziellen Verbesserungen - etwa durch die Verbeamtung und Höherstufung der Grundschullehrer - sind im Papier auch "strukturelle Verbesserungen" aufgeführt, darunter eben auch die Überarbeitung der Stundentafeln. Der Zusammenhang mit dem Lehrermangel, der alle anderen landespolitischen Probleme überlagert, ist also durchaus offenkundig. Mangels Referendaren konnte Sachsen fürs zweite Schulhalbjahr nicht mal alle freien Stellen besetzen. Zu fast zwei Dritteln mussten Seiteneinsteiger eingestellt werden, die über keine Lehrer-Ausbildung verfügen.Dennoch zog es das Kultusministerium am Freitag vor, die bereits 2016 angekündigte, bisher aber nicht konkret gewordene Überarbeitung der Stundentafeln anders zu begründen: mit der "deutschlandweit sehr hohen Unterrichtsbelastung sächsischer Schüler". Weil Korrekturen nicht zulasten ihrer Berufs- und Studierfähigkeit gehen dürften, müsse die "Qualität und Quantität des Kernfachbereichs" erhalten werden. Entschieden sei aber noch nichts. Dies versicherte dann auch Minister Piwarz im Schulausschuss, wo er von einem "internen Arbeitspapier" gesprochen haben soll. Trotzdem will die Linke die Kürzungspläne im Landtag nun zum Thema machen.

Noah Wehn - Vorsitzender desLandesschülerrats

Foto: Landesschülerrat Sachsen

In der Regierungspartei SPD wird das "Entschlacken" von Stundentafeln zwar befürwortet, aber nicht das "willkürliche Streichen einzelner Fächerstunden". Statt Sportunterricht zu kürzen, solle die Union "lieber endlich an die Mathelehrpläne ran", twitterte Sabine Friedel: "Rechnen statt auswendig lernen!"

Auch Landesschülersprecher Noah Wehn würde eine "Entschlackung besonders im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich" bevorzugen. Die vorgeschlagene Lösung für den Sportunterricht nannte der 16-jährige Elftklässler eine "notwendige Maßnahme" - falls dafür Platz für Bereiche wie Ernährung und Gesundheit geschaffen werde. Eine Kürzung bei Musik und Kunst komme hingegen nicht infrage, weil beide die Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung förderten. Als "inakzeptabel" lehnte Wehn auch eine Kürzung bei der zweiten Fremdsprache ab: "Die Globalisierungsgeneration braucht nicht weniger, sondern mehr Fremdsprachenkenntnis!"

 
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Kommentare
11
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 07.03.2018
    10:41 Uhr

    aussaugerges: Dazu gehören auch in Berlin (B E R) Architekten,Planer,Fachplaner Statiker,usw.
    Die Firmen in die Pleite jagen weil sie immer mehr Gewinne machen wollen.

    2 1
     
  • 07.03.2018
    07:59 Uhr

    Hirtensang: Die "besten" Staatsbürger sind die Fachidioten! Weil sie über "Nichts" alles wissen, aber über "Alles" nichts wissen, lassen sie sich leicht von den Eliten lenken!

    2 3
     
  • 06.03.2018
    17:56 Uhr

    tbaukhage: @Van...: Was hältst Du von Allgemeinbildung?

    - umfassenden Bildung, die zur Entfaltung der Persönlichkeit sowie zur Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte und Pfichten notwendig ist?

    - Bildungsstandards der verschiedenen Schulformen müssen sich an den Anforderungen der weiterführenden Bildungseinrichtungen ausrichten?

    - neben der deutschen Sprache auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte?

    - Kunst und Wissenschaft und der sozialen Marktwirtschaft als Ausdruck menschlicher Kreativität und Schaffenskraft?

    2 5
     
  • 06.03.2018
    06:09 Uhr

    gelöschter Nutzer: Genau die in der Überschrift stehenden Fächer können wegfallen.
    Wer sie unbedingt haben will soll sie haben. Aber nicht als Fächer für
    alle und gleich garnicht obligatorisch. Allgemeinbildung ist gut, aber für Sachen die ich im Leben mal brauchen könnte. Wer unbedingt Malen, Singen oder Sporteln will muß dann eben Extrastunden buchen (und bezahlen). Das ist meine Meinung! Mir haben eben diese Fächer in meinem Leben absolut NICHTS gebracht, wurde weder Sportler noch Sänger und gleich gar kein Rembrand-Ersatz.

    9 1
     
  • 04.03.2018
    11:55 Uhr

    tbaukhage: @aus...: Nein, das ist def. falsch! Die weitaus meisten Mitarbeiter der Kultusbürokratie sind Juristen (siehe aktueller Kultusminister) bzw. Sachbearbeiter.
    Richtig ist, dass die 16 verschiedenen Kultusministerien/-verwaltungen hier in D eines der Gründübel für den Niedergang des deutschen Bildungssystems sind und riesige Mengen von Arbeitsvermögen binden. Aber wie gesagt, die wenigsten davon kann man (guten Gewissens) vor eine Klasse stellen...

    0 8
     

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