Wenn die Regierung Erzieher und Eltern nach ihren Wünschen fragt

Was bei der frühkindlichen Betreuung besser werden muss, sollen die Betroffenen nun selbst bestimmen dürfen. Ist das wirklich eine gute Idee?

Dresden.

"Wenn es nach mir ginge", gab Michael Kretschmer (CDU) in seiner ersten Regierungserklärung als Ministerpräsident zu Protokoll, "würde ich alles Geld für die frühkindliche Bildung und für die Bildung ausgeben." Also vor allem für Kitas und Schulen. Zur Behebung des Lehrermangels kündigte er später "eines der teuersten Projekte in dieser Legislaturperiode" an.

Mit ganz ähnlichem Tenor hatte sich die Koalition vor drei Jahren auch für Verbesserungen des Betreuungsschlüssels in Kindergärten und Krippen gefeiert. Fast 600 Millionen Euro zusätzlich mache Sachsen dafür locker, rechneten CDU und SPD damals vor. Inzwischen ist das Eigenlob aber selbst im Regierungslager Ernüchterung gewichen. Zwar wurde die gesetzlich vorgeschriebene Erzieher-Kind-Relation erstmals seit 1991 überhaupt verbessert - in Kindergärten gibt es jetzt einen Betreuer für 12 statt 13 Kinder, in Krippen liegt das Verhältnis bei 1:5,5 statt 1:6, ab September dann bei 1:5. Die Begeisterung der Betroffenen hielt sich aber dennoch in Grenzen.

Dies zeigte sich nun auch in einer Expertenanhörung im Landtag. Vertreter von GEW, Elternräten und Kitas beklagten sich, dass allein durch Urlaub, Krankheit oder Weiterbildung viel weniger Personal da sei, als auf dem Papier steht. Erziehungswissenschaftlerin Susanne Vier- nickel verwies darauf, dass immerhin 15 bis 30 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit einer Erzieherin auf "mittelbare pädagogische Arbeitsaufgaben" statt unmittelbare Kinderbetreuung entfallen. Dazu zähle etwa das vorgeschriebene Dokumentieren der Lernfortschritte der Kinder oder der Kontakt mit den Eltern. Die Pädagogikprofessorin der Universität Leipzig würde es begrüßen, wenn der Betreuungsschlüssel weiter verbessert wird und sich damit "die Chance auf eine gute Entwicklung der Kinder erhöht". Dass es zu der von der Linksfraktion im Landtag geforderten - und auch von Eltern und GEW unterstützten - schrittweisen Anhebung des Schlüssels auf das von der Bertelsmann-Stiftung empfohlene Betreuungsniveau kommen wird, ist dennoch unwahrscheinlich. Die Regierung will zwar etwas tun - aber die Entscheidung anderen überlassen.

"Zum ersten Mal in Deutschland" werde es in Kürze eine Befragung von Erziehern, Kita-Leitern, den freien Trägern und Kommunen geben, um zu erfahren, was "der richtige Weg" zur Verbesserung der Kita-Betreuung sei, versprach Kultusstaatssekretär Herbert Wolff (CDU) dazu neulich in Reichenbach.

Dass das Ergebnis, das im Sommer vorliegen soll, "am Ende auch umgesetzt" wird, bekräftigte Ministerpräsident Kretschmer bei einem CDU-Forum am Montag und fügte noch hinzu: "Es muss nicht immer die Politik sagen, was gut und was richtig ist, sondern wir wollen zuhören und diejenigen entscheiden lassen, die selber die Expertise haben."

So richtig froh scheinen diejenigen mit der "Expertise" über ihr unverhofftes Mitspracherecht aber gar nicht zu sein. Der Sprecher des Graswurzelbündnisses "Die bessere Kita", Jens Kluge, nannte die Befragung "wenig zielführend" und erinnerte daran, dass die Prioritätenliste von Trägern, Erziehern, Eltern und Gewerkschaften längst vorliege. Man werde sich auch nicht durch "für Eltern auf den ersten Blick verlockend scheinende Angebote wie ein kostenloses Mittagessen abspeisen" lassen. Auch beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen gab es Kritik. Es gebe bereits viele Befragungen und wissenschaftliche Studien, so Bildungsreferentin Maria Groß. Eine "erneute Schleife" werde kaum Neues zutage fördern: "Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit."

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