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Nicht immer von Zärtlichkeit geprägt: die Beziehung von Pflegenden und den Pflegebedürftigen.

Foto: Daniel Karmann/dpa-Archiv

Wenn pflegende Angehörige zu Gewalttätern werden

Viele Menschen, die ihre Angehörigen füttern, waschen und ihnen die Windel wechseln, brauchen selbst Hilfe. Das ist unstrittig. Maik V. pflegte seinen Vater, aber er hat ihn geschlagen. Der Vater starb. Ist der 39-Jährige deswegen ein Totschläger? Oder auch ein Opfer?

Von Eva Prase
erschienen am 06.12.2017

Leipzig/Chemnitz. Tag der Urteilsverkündung im Landgericht Leipzig. Der 39-jährige Maik V. wird mit Handschellen in den Saal geführt. Er trägt eine Plastiktüte bei sich mit einem Aktenordner, wirkt äußerlich gelassen. Ist Maik V. ein Verbrecher?

Er hat seinen 72-jährigen Vater kurzzeitig zu Hause gepflegt. Der Vater soll an Alzheimer-Demenz erkrankt gewesen sein und litt an Diabetes. Der Vater musste gewaschen werden. Er lehnte ärztliche Behandlung ab und soll sich gegen das Messen des Blutzuckerspiegels sowie gegen die Insulinspritzen gesträubt haben. Manchmal antwortete der Vater dem Sohn nicht. Manchmal brüllte ihn dieser an. Laute Worte, Schreie, Schläge. Die hat der Sohn vor Gericht eingeräumt.

Aber hat er ihn mit einem 90 Zentimeter langen Kantholz malträtiert, dass er Ödeme und Platzwunden davontrug? Hat er ihn schließlich totgeschlagen, wie es die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft? Sie klagt ihn wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung eines Schutzbefohlenen an. Ist er ein Totschläger? Wurde er zum Totschläger, weil er selbst überfordert war?

Überforderung bei der Pflege ist ein generelles Problem. Rund 2,8 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, rund zwei Drittel davon werden zu Hause versorgt, zumeist von Angehörigen. In Sachsen leben rund 68.000 Menschen, die nicht durch ambulante Pflegedienste betreut werden, sondern durch Verwandte. Nach Angaben verschiedener Altersforscher und der Polizei sind bis zu zehn Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause Gewalt ausgesetzt. In Heimen sollen es sogar bis zu 20 Prozent sein. Bei Demenzkranken geht man davon aus, dass jeder Zweite Gewalt erlebt.

Die Zahlen sind kaum belastbar. Doch tödlich ausgehende und bekanntwerdende Fälle wie der von Maik V. und seinem Vater gibt es Jahr für Jahr mehrere. Vielleicht gleichen sie der Spitze des Eisberges. So ist 2013 vor dem Landgericht Heidelberg ein 85-jähriger Mann zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er seine Frau umgebracht hat. Er hatte den gemeinsamen Tod penibel vorbereitet, den Nachlass geregelt, ein Bestattungsinstitut organisiert, Briefe an Krankenversicherung, Rentenstelle, Energieversorger vorbereitet, sowie die Lebensläufe von sich und seiner Frau, die mit dem Todesdatum enden. Selbst in der größten Verzweiflung sollte alles korrekt ablaufen, niemand sollte zu viel Mühe haben. "Bitte verzeih' mir", stand in einem Brief an die Tochter. "Ich kann nicht mehr. Es war mit Mama nicht mehr auszuhalten."

Nachdem die Formalitäten erledigt waren, mischte der 85-Jährige seiner Frau ein Schlafmittel in den Tee. Als sie eingeschlafen war, feuerte er zweimal auf ihren Kopf. Dann setzte er sich die Pistole an die Schläfe und drückte ab. Als sich kein Schuss löste, verletzte er sich mit Messer und Rasierklinge. Dann verließ ihn der Mut, und er informierte seine Tochter. Bei einer Vernehmung sagte er, dass er die letzten Tage "durch die Hölle gegangen" sei und seine Frau nun erlöst ist. Vor Gericht bereute er die Tat jedoch als "den größten Fehler seines Lebens".

An verständnisvollen Worten sparte der Richter in der Urteilsbegründung nicht: Er sprach von einer "anrührenden Lebens- und Liebesgeschichte, die ein tragisches Ende fand". Der Angeklagte habe "den Menschen getötet, den er am meisten liebte". Und doch: Eine milde Strafe wäre ein "falsches Signal".

Wie sehr ist der 85-jährige ein "Täter"? Er ist auch Opfer.

Oder Michael K.. Der 55-Jährige wehrt sich gegen das Wort "Tat" und "Täter", er setzt das Wort "Verzweiflung" davor. Er wohnte in Berlin, seine Mutter in Bremen. Rosemarie K., 82 Jahre alt, war geistig noch fit. Sie sah etwas schlecht und hörte etwas schwer, aber ein Hörgerät lehnte sie ab. Ein Notfall-Gerät, mit dem sie per Knopfdruck einen Rettungsdienst hätte alarmieren können, hatte sie nicht. Wollte sie nicht, lehnte sie ab. Trotz der Gebrechen konnte die Mutter noch den Hausarzt besuchen, der ganz in der Nähe praktizierte. Für alle anderen Versorgungen war der Sohn zuständig. Er pendelte deswegen über Jahre zwischen Berlin und Bremen und verbrachte etwa die Hälfte des Jahres bei der Mutter. Dass er sie eines Tages mit einem Kissen erstickt hat, sei eine "Verzweiflungstat" gewesen. Es sei kein außergewöhnlicher Morgen gewesen, als er sie umbrachte. Er habe nur gedacht: "Nun beenden wir das ganze Drama mal."

Ein Boulevard-Blatt bezeichnete ihn als brutalen Killer-Sohn. Das Gericht verurteilte ihn zu sieben Jahren Gefängnis wegen Totschlags.

Wie bestraft man die Gewalttat eines Greises, der mit der Pflege seiner dementen Frau völlig überfordert war und mit ihr in den Tod gehen wollte? Wie urteilt man über einen Sohn, der sein Eigenleben verloren hat, weil er es jahrelang der Versorgung seiner Mutter opferte? "Gewalt fängt bei böswilliger Vernachlässigung und Verletzung der Sorgepflicht an, dazu zählen auch das Vorenthalten von Nahrung und Getränken sowie die Tatsache, dass man die Windeln nicht wechselt. Gewalt geht bis hin zu Misshandlung und Körperverletzung. Gewalt ist immer strafbar." So umreißt Ralf Benzin die Bandbreite. Der Kriminalhauptkommissar leitet das bundesweit einzige Kommissariat für "Delikte an Schutzbefohlenen", das zum Landeskriminalamt in Berlin gehört. Pflege sei immer belastend für alle Beteiligten. Die zumindest zeitweise vorhandene Überforderung Angehöriger rechtfertige aber keinesfalls Gewalt. "Man kann erwarten, dass sie sich Hilfe suchen", so Benzin. Das Strafrecht reiche aus, um alle Umstände zu würdigen, die im Pflegebereich zu einer Straftat führen.

Die Möglichkeit, dass pflegende Angehörige zu Opfern werden, gibt es auch. Selbst körperlich stark eingeschränkte Pflegebedürftige können aggressiv aufgeladene Situationen schüren. Das fängt bei Ignoranz an und hört beim Werfen von Gegenständen nicht auf. Auch der Druck auf Nachkommen, diese seien zu bedingungsloser Hilfe verpflichtet und man wolle keine fremde Pflege, kann als Gewalt empfunden werden.

Was zur fast philosophischen Frage führt, ob Kinder für ihre Eltern da sind und verfügbar sein müssen. Die Antwort hierauf kann nicht richtig oder falsch, sondern nur persönlich sein. Unabhängig davon, wie sie ausfällt, gestehen Menschen, die einen Angehörigen pflegen und Überforderung spüren, diese oft weder sich selbst noch anderen ein. Nur selten wird publik, wenn ihnen selbst Gewalt angetan wird: Beleidigen, spucken, kratzen - das Repertoire der Pflegebedürftigen ist so klein nicht. "Solche Fälle von Gewalt werden natürlich nicht angezeigt", sagt Benzin.

"Es ist ein brisantes Thema", sagt Sigrid Ziemke. Sie ist Pflegesachverständige in Sachsen, zuständig unter anderem für Chemnitz. Sie spricht von einer Dreiecksbeziehung. Angehörige attackierten sich gegenseitig und in solch aufgeladenen Situationen hätten es auch Pflegedienste schwer. Das Szenario kann man sich leicht vorstellen: Pflegekräfte wollen mitunter nicht mehr in Krisenfamilien und beschweren sich bei ihrem Arbeitgeber. Doch es herrscht Stillschweigen, auch weil der Pflegedienst den Pflegeauftrag braucht ...

"Beratung" und "Vertrauen" sind Stichworte von Sigrid Ziemke. Angehörige, die sich ohne Pflegedienst um ihren Angehörigen kümmern, würden von einem solchen Dienst mindestens einmal im Quartal beraten. Das schreibe das Gesetz vor. "Man kann es auch kontrollieren nennen oder sagen, es findet eine Begutachtung statt. Gemeint ist, dass mit einem Pflegedienst ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut werden soll. Der Dienst soll ansprechbar sein, sowohl für den zu Pflegenden als auch für den Angehörigen", sagt Ziemke. Der Dienst könne frei gewählt werden und soll bei Überforderung helfen. Natürlich ist ein quartalsmäßiger Besuch wenig. Das räumt Ziemke ein. "Aber Sorgen, die Pflege nicht zu schaffen, kann jeder Angehörige auch spontan äußern." Jede Krankenkasse halte eine Pflegeberatung vor, die sich kurzfristig um Probleme kümmere. "Das reicht von telefonischer Erstberatung bis hin zum Besuch in der Wohnung des zu Pflegenden oder der des Angehörigen", erklärt die Sachverständige.

Auch Eva Helms, Vorsitzende der sächsischen Landesinitiative Demenz, betont, dass die Pflege Demenzkranker besonders belastend sei. "Manche Angehörige haben das Gefühl, 24 Stunden am Tag aufpassen zu müssen, damit der Kranke nicht in Gefahr gerät - etwa weil er den Herd anschaltet oder ohne Jacke das Haus verlässt. Da sind die Angehörigen immer ein bisschen unter Strom." Außerdem sei es enorm anstrengend, wenn alte Menschen immer wieder dieselbe Frage stellten oder dieselbe Geschichte erzählten.

Ziemke und Helms wünschen sich von Hausärzten, dass sie auf Signale von Angehörigen adäquat reagieren. Es hilft nicht, bei Schlaflosigkeit immer nur Schlaftabletten zu empfehlen, besser ist manchmal, die Telefonnummer einer Selbsthilfegruppe für Pflegende Angehörige zu notieren. Hilfe gebe es bei den Sozialämtern der Kommunen, bei Pflegekassen, Wohlfahrtsverbänden und den regionalen Alzheimergesellschaften.

Hilfe hat Maik V. nicht gesucht, sondern abgewehrt. Bei der Verhandlung in Leipzig hält Staatsanwalt Ulrich Jakob sein Plädoyer. Es sei tragisch, wenn es in einer Familie zu einem Tötungsdelikt komme. "Aber die tragische Figur ist hier nicht der Angeklagte, sondern sein toter Vater", sagt Jakob. Er legt dar, dass Maik V. eben nicht in die Reihe jener einzuordnen ist, die mit der Pflege überfordert waren und deshalb zum Täter wurden. "Der Angeklagte ist ein schlechtes Beispiel, um auf Pflegemissstände und Überforderung hinzuweisen."

Maik V. habe die Pflege des Vaters, die ohnehin nur reichlich vier Wochen dauerte, schnell vernachlässigt. Der Angeklagte habe nicht gewollt, dass der Vater im Heim bleibt, weil er dessen Geld lieber für sich nutzen wollte. V., wegen Betrugs vorbestraft, hat rund 60.000 Euro Schulden. Er habe mit einem Kantholz mehrfach auf den Kopf des Vaters geschlagen. Als er sah, dass dieser wegdämmerte, soll er sich an den Computer gesetzt haben: Statt Hilfe zu holen, gab er als Suchbegriffe "Dement" und "Testament" ein. Und als der Vater am Sterben war, informierte er zuerst die Anwältin, erst danach rief er einen Krankenwagen.

So die Version des Staatsanwaltes, der dem Geständnis des Angeklagten bei der Erstvernehmung mehr Glauben schenkt, als den davon abweichenden Schilderungen vor Gericht. Der Staatsanwalt räumt ein, dass der Tatverlauf nicht zu hundert Prozent aufgeklärt werden konnte. "Aber es ist so viel Licht im Dunkeln, dass wir davon ausgehen können, dass die Aussagen vor dem Ermittlungsrichter zutreffen. Man muss einen Menschen nicht so lange prügeln, bis er tot ist. Der Tatbestand des Totschlages ist auch dann erfüllt, wenn man billigend den Tod in Kauf nimmt. Auch wenn man auf einen kranken Menschen einschlägt, ist man dran", sprach Jakob Klartext zum Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft plädierte auf zwölf Jahre Haft wegen Totschlages in Tateinheit mit Misshandlung Schutzbefohlener.

Verteidigerin Vanina Seidler argumentierte sehr rational: Sie stellte - gestützt auf medizinische Gutachten - infrage, dass die Schläge von Maik V. ursächlich für den Tod seines Vaters waren. Dieser könne als Diabetiker auch an einem Zuckerschock gestorben sein. Auch sei nicht sicher, ob der Vater noch leben würde, wenn der Sohn schnell Hilfe geholt hätte. "Man kann nicht sicher sagen, dass er für den Tod verantwortlich ist", sagte Seidel, die sich fast entschuldigte: "Ich muss das Günstigste suchen." Sie schloss Totschlag aus, auch eine Verletzung mit Todesfolge sei nicht erwiesen, selbst Misshandlung von Schutzbefohlenen ließ sie nicht gelten. Übrig blieben bei ihr eine "Gefährliche Körperverletzung" und "Unterlassene Hilfeleistung". Ein Gesamtstrafmaß von einem Jahr und fünf Monaten.

Im Schlusswort sprach der Angeklagte von sich, sagte nicht, dass ihm der Tod seines Vaters leid tue.

Das Gericht folgte dem Staatsanwalt: Für den Totschlag an seinem Vater wurde Maik V. am Mittwoch zu zehn Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

 
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