Wie Blutdrucksenker ins Trinkwasser kommen

In Berlin schlagen Ämter Alarm: Die Qualität des Trinkwassers sei in Gefahr. Rückstände von Medikamenten gelangen in den Wasserkreislauf und sind dort kaum abzubauen. Auch in Sachsen wurden Werte gemessen, die eine problematische Grenze überschritten.

Berlin/Dresden.

Die Erkenntnisse, die die Experten der Berliner Wasserbetriebe (BWB) und des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) vorstellten, sorgten für Aufruhr. Nicht nur Berliner Gewässer und ihre Fauna seien inzwischen bedroht, sondern auch das Trinkwasser in der Hauptstadt. Das betonten Sebastian Schimmelpfennig (BWB) und Claudia Simon (Lageso) anlässlich der jüngsten Herztage der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Im Fokus ihrer Studie: Rückstände von Arzneimitteln - und unter diesen besonders des Blutdrucksenkers Valsartan. Im Wasser gemessene Werte von Valsartan und seines Abbauprodukts Valsartansäure stellten ein potenzielles Risiko für im Wasser lebende Tiere dar, behaupten die Berliner Experten. Und nicht nur das. Inzwischen bestehe für Menschen ein Risiko.

In Deutschland leidet jeder dritte im Alter zwischen 18 und 79 Jahren unter Bluthochdruck. Unbehandelt birgt dieser das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen. 64 Wirkstoffe aus acht verschiedenen Gruppen stehen zur Behandlung zur Verfügung. Die Summe jährlich verordneter Dosen beläuft sich auf bundesweit 400.000 Kilogramm. Allein das Präparat Valsartan hat daran einen Anteil von 70 Tonnen. Die sogenannten Sartane seien aufgrund ihrer Eigenschaften und wegen der jährlich steigenden Verordnungsmengen derzeit jene Blutdrucksenker, die die Qualität der Trinkwasserressourcen gefährdeten, urteilen Schimmelpfennig und Simon.

Der Grund: Valsartan wie auch Valsartansäure sei mit herkömmlichen Reinigungsmethoden in Kläranlagen kaum beizukommen. Selbst moderne Anlagen zur Ozonung und zur Aktivkohlefilterung entfernten die Rückstände nur schlecht bis mittelmäßig aus dem Abwasser. Dass die Rückstände nach dem Klärprozess in der Hauptstadt nicht nur in Oberflächengewässern, sondern auch im Trinkwasser gemessen werden können, liegt an einer Besonderheit der Berliner Trinkwasserversorgung. Diese erfolgt zu 70 Prozent über Wasser aus sogenannter Uferfiltration, also über Brunnen, deren Grundwasser von Oberflächengewässern beeinflusst ist. Da aufwendige Reinigungsprozesse in Klärwerken nicht dem Verursacherprinzip entsprächen, regten die Forscher an, dem Problem an die Wurzel zu gehen. Ärzte sollten möglichst ökologisch unproblematische Medikamente verschreiben, finden die Forscher.

Nun werden Wirkstoffe aus der Gruppe der Sartane oft erst zur Behandlung von Bluthochdruck oder Herzschwäche verordnet, wenn Patienten den Einsatz sogenannter ACE-Hemmer nicht vertragen. Bei diesen stellen sich oft Nebenwirkungen wie Reizhusten ein. Immerhin gebe es auch innerhalb der Gruppe der Sartane selbst Ersatzmöglichkeiten für Valsartan, urteilten die Experten. Etwa komme das Präparat Candesartan mit weit weniger Wirkstoff für eine Tagesdosis aus. Letztendlich, betonten die Studienautoren, bleibe die Entscheidung zur Auswahl des geeigneten Blutdrucksenkers aber beim behandelnden Arzt. Allerdings urteilt auch der Vorsitzende des Bundesverbandes niedergelassener Kardiologen, Norbert Smetak, dass Candesartan Valsartan "problemlos ersetzen" könne. Das gelte für Wirksamkeit bei Bluthochdruck wie auch bei Herzschwäche, betont der Verbandschef auf "Freie Presse"-Anfrage.

Bezüglich anderer Bundesländer liegen dem Umweltbundesamt keine Messwerte über Rückstände blutdrucksenkender Mittel im Trinkwasser vor. Aus Hessen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen gebe es aber Erkenntnisse zur Belastung von Fließgewässern. In Sachsen lässt das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie seit 2014 Gewässer auf Valsartan-Spuren analysieren. Seit diesem Jahr wird auch auf dessen Säure hin untersucht. Durch neue Verfahren im Labor lassen sich Spuren bis zu einer Konzentration von o,01 Mikrogramm pro Liter erkennen.

Nach der Wasserrahmenrichtlinie der EU gebe es zwar noch keinen Grenzwert für Valsartan, doch gehe man nach erster Einschätzung davon aus, dass erst bei Befunden über zehn Mikrogramm pro Liter negative Umweltauswirkungen zu befürchten seien, betont die Sprecherin des sächsischen Landesamtes, Karin Bernhardt. Aus Messproben seit 2014 liegen der Behörde 3848 Datensätze vor. 709 Werte lagen unterhalb jeglicher Bestimmungsgrenze. 23 Datensätze überschritten die problematische Grenze zehn Mikrogramm pro Liter.

Der mit 50 Mikrogramm höchste Wert überhaupt wurde 2015 im Mittelgraben in Beucha bei Leipzig gemessen. Ob das mit der relativen Nähe des in Luftlinie neun Kilometer entfernten Herzzentrums zusammenhängt, ist unklar. Zudem sei anzumerken, "dass 2015 ein ausgeprägtes Niedrigwasserjahr war", sagt Bernhardt, die darauf verweist, dass es bisher keine Erkenntnisse über Muster in regionalen Ausschlägen, etwa nach Bevölkerungsdichte, gebe. Bei 329 Messstellen von insgesamt 522 untersuchten Fließgewässermessstellen habe der Wert für Valsartan im Jahresdurchschnitt über 0,1 Mikrogramm pro Liter gelegen. Bei vier Messstellen lagen sie über zehn Mikrogramm.

Die gute Nachricht: In Fließgewässern, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, wie dem Friedrichsbach und der Kleinen Mittweida, waren Valsartan-Werte überhaupt nicht messbar. In der Sehma lag der Jahresmittelwert bei 0,15 Mikrogramm pro Liter.

Abgelaufene Arznei gehört nicht in die Toilette

Neben Blutdrucksenkern, deren Wirkstoffe über menschliche Ausscheidungen im Wasserkreislauf landen, beklagen Wasserversorger immer wieder auch den Eintrag anderer Arznei-Wirkstoffe. Diese landen möglicherweise durch unsachgemäße Entsorgung im Abwasser, etwa wenn Medikamente nach Ablauf der Haltbarkeit in der Toilette weggespült werden. Nachdem Apotheken Arznei nicht mehr obligatorisch zurücknehmen müssen, sondern dies nur noch freiwillig tun können, gibt es in Deutschland unterschiedliche Entsorgungswege. In manchen Städten und Gemeinden (etwa Chemnitz) erfolgt eine Medikamenten-Sammlung über Schadstoffmobile oder an Recyclinghöfen. Andernorts kann die Entsorgung auch über den Restmüll erfolgen. Ob dieser Weg möglich ist, hängt mit der jeweiligen Behandlung des örtlichen Restmülls zusammen.

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