"Europa kommt 40 Jahre zu spät"

Der senegalesische Politologe und Islamwissenschaftler Bakary Sambe über den in Afrika erstarkenden Terrorismus, den "Kampf der Kulturen" und Wege raus aus der Krise

In Afrika haben extremistische Islamisten zunehmend an Einfluss gewonnen. Der senegalesische Politologe und Islamwissenschaftler Bakary Sambe macht den Westen mit dafür verantwortlich. Über die Hintergründe, über Strategien zur Terrorbekämpfung und über das Verhältnis zwischen dem Westen und dem Islam auf dem schwarzen Kontinent sprach er mit Jürgen Becker.

Freie Presse: Sie sagen, es gebe keinen Zusammenprall der Zivilisationen, keinen Krieg zwischen westlicher Welt und dem Islam. Die Terrororganisationen Islamischer Staat, el Kaida, el Schabab oder Boko Haram beweisen uns täglich doch aber etwas Anderes...

Bakary Sambe: Nein, es gibt noch immer universelle Werte, die der Westen mit der Mehrheit in der afrikanischen und muslimischen Welt teilt. Das sind das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, die Achtung eines jeden trotz aller Unterschiedlichkeit und der Wunsch nach Freiheit. Aber der Westen muss auch lernen, dass Universalität nicht nur bedeutet, die eigenen Werte zu verbreiten, sondern sich auch zu öffnen für das, was andere Kulturen zu bieten haben.

Zum Beispiel?

Nur dank der Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische konnte der Westen zum Beispiel überhaupt sein vergessenes griechisches Erbe wiederentdecken. Jede Kultur fußt auf Verwurzelung und Öffnung.

Sie halten den Westen heute für zu verschlossen?

Dem Westen fehlen Selbstzweifel und der Blick von außen auf sich selbst. Er betrachtet alles nur aus seiner Perspektive. Dieses Verhalten ist in gewisser Weise aber naiv. Denn das ist so, als ob jeder nur noch das, was er am besten kann, mit dem vergleicht, was ein anderer am schlechtesten kann, nur um am Ende sagen zu können: Ich bin der Beste. Genau das führt zum Zusammenprall der Kulturen. Das tötet den Geist wahrer Universalität.

Zurzeit töten aber Muslime vor allem Muslime. Soll der Westen denn wegschauen, wenn islamistische Mörderbanden wie in Mali oder in Nigeria vorrücken?

Nein, aber militärische Eingriffe lösen das Problem nicht. Sie führen nur zu einer weiteren Radikalisierung. Die Franzosen haben zwar im westafrikanischen Mali das Vorrücken von Islamisten und Tuareg-Rebellen aus dem Norden gestoppt, doch aus diesen Bewegungen sind neue Gruppierungen in Süd-Algerien und Libyen hervorgegangen. Der Westen tappt quasi in eine Interventionsfalle, wenn er Spannungsherde löschen will, weil die Terrororganisationen dann genau dort noch mehr Öl ins Feuer gießen. Am Ende hat der Westen nur noch mehr Feinde als vorher.

Was sollte er stattdessen tun?

Er sollte mehr in die Prävention investieren. Ein leistungsfähiges Schulsystem und soziale Gerechtigkeit sind die besten Massenvernichtungswaffen gegen den Terrorismus.

In Europa ist das doch aber gegeben. Dennoch haben sich Hunderte Europäer der Terrororganisation Islamischer Staat angeschlossen...

In Frankreich ist die Radikalisierung auch eine Reaktion auf die Ausgrenzung und Enttäuschungen, die junge Menschen erleben. Sie sind zwar Franzosen, haben dort ihr gesamtes Leben verbracht, aber von der Gesellschaft werden sie trotzdem wie Ausländer behandelt. Dadurch fühlen sie sich nicht integriert und werden leichter Opfer der Propaganda der Extremisten. Wenn junge Franzosen, Deutsche oder Belgier sich dem IS anschließen, tun sie das vor allem, weil sie den Islam als Gegenentwurf oder Widerstandsmodell gegen westliche politische und ökonomische Werte sehen. Die Religion ist dabei nur ein Alibi. Die Zielsetzung ist eine politische und wirtschaftliche, die Rechtfertigung immer religiös und ideologisch.

Auch in der Sahel-Zone haben radikale Islamisten zunehmend Anhänger gewonnen. Warum das?

Das geht in die 70er-Jahre zurück. Damals herrschten dort Dürre, Hunger und Revolten. Europa und die USA halfen nicht, weil sie in der Ölkrise steckten. Aber die sunnitischen Wahhabiten in den Golfstaaten hatten reichlich Geld. Und das nutzten sie, um als erste eine Sahel-Strategie zu verfolgen. Die zielt auf die Ärmsten und fußt auf zwei Säulen: Predigt und Wohltätigkeit. Nach und nach haben sie alles Staatliche im Bildungs- und Gesundheitswesen durch eigene islamische Einrichtungen ersetzt. So können sie ihre eigene Ideologie exportieren. Genau das beschreibt die heutige Lage im Norden Nigerias. Und wenn Europa jetzt über eine eigene Strategie für die Sahel-Zone spricht, kommt es damit 40 Jahre zu spät.

Warum haben die afrikanischen Staaten sich nicht gegen die wahhabitische Einflussnahme von außen gewehrt?

Weil sie zu schwach waren, zumal die westlichen Geberländer ihnen in den 80er-Jahren auch noch Anpassungsprogramme aufnötigten. Die verhinderten, dass diese Länder selbst ins Bildungs- und Gesundheitswesen investieren konnten. Dadurch taten sich große Lücken auf, in die islamische Organisationen vorstoßen und sich schnell verbreiten konnten. Heute hat der Staat in Nigerias Norden so gut wie keine Kontrolle mehr über das Schul-, Bildungs- und Gesundheitssystem.

Warum hat Boko Haram von Anfang an im Norden Sympathisanten gefunden?

Im heutigen Nigeria gab es schon lange, bevor die Briten in der Kolonialzeit ihr westliches Bildungssystem über das Land zu stülpen versuchten, Koran-Schulen. Im Vergleich zu denen wurde die westliche Bildung als unzureichend und verlogen wahrgenommen. Der Islam in der Subsahara-Zone ist seit jeher ohnehin ein konservativer Zweig, salafistisch und wahhabitisch geprägt.

Wie drückt sich das aus?

Salafisten kämpfen gegen zwei Dinge: erstens gegen Neuerungen. Und zweitens gegen das Böse, das in ihnen selbst ruht. Um das Zweite geht es zunächst mal im Dschihad. Dieser Begriff bedeutet aber auch, dass man Anstrengungen zum Wohle der Gesellschaft unternimmt, oder Krieg, aber dann nur zur Verteidigung. Heute wird Dschihad oft mit Heiliger Krieg übersetzt. Das ist aber eigentlich ein christlicher Begriff, den als erster ein Papst für die Kreuzzüge benutzt hat.

Und wie ist Boko Haram entstanden?

In den 80er-Jahren entwickelten sich auch in Nordafrika Ableger dschihadistischer Bewegungen und von el Kaida. Und die Sahara war nie eine unüberwindbare Grenze, sondern lud schon immer dazu ein, sie zu durchqueren.

Aber wie konnten deren Ideologien große Teile der Bevölkerung im Norden radikalisieren?

Nigeria ist ein zusammengewürfelter Retortenstaat. Die Grenzen des Landes sind einfach vom Kolonialismus ohne Beachtung der kulturellen und ethnischen Besonderheiten mit dem Lineal gezogen worden. Vom christlich-animistischen Süden aus wird die politische Macht ausgeübt. Im muslimischen Norden ist am wenigsten in die Infrastruktur investiert worden. Viele junge Muslime besuchen nur die islamischen Schulen. Danach haben sie zwar die Chance, in Saudi-Arabien oder in den Golfstaaten zu studieren. Wenn sie dann aber zurückkehren, finden sie in Nigeria keinen Job: Weil sie keine staatliche Schule oder staatliche Universität besucht haben, können sie keine Karriere machen. Boko Haram nutzt den Frust dieser Menschen für seine Ziele und gibt ihnen eine religiöse Färbung.

Wie begründet Boko Haram denn seine Vormachtstellung?

Der Prophet Muhammad soll einmal gesagt haben, dass sich die islamische Gemeinschaft in 73 Gruppen spalten wird. Nur eine einzige darunter ist im Paradies, die anderen aber sind im Feuer. Und Boko Haram glaubt, diese eine Gruppe zu sein, weil sie als einzige die Scharia, das strenge religiöse Gesetz des Islam, lebt und anwendet.

Wie passt denn dieser hohe religiöse Anspruch damit zusammen, dass Boko Haram sich in seinen Anfängen für Schlägertrupps und Wahlkampfhilfe gerade jeweils von der Partei bezahlen ließ, die am machtpolitischen Drücker war?

Alle anderen Menschen betrachtet Boko Haram als Ungläubige. Deshalb ist alles erlaubt, um ein eigenes islamisches Reich durchzusetzen. Und weil Gott der einzige ist, der entscheidet, wie zu regieren ist, werden weder Wahlen noch die Regierung anerkannt. Im Gegenteil: Dieser illegale Staat, dessen Grundlagen und Beamte müssen nach der Doktrin des Gründers der Bewegung, Ustaz Mohammed Yusuf, bekämpft werden. Plünderungen, Diebstahl, Bankraub, Zwangszölle, die die Bevölkerung zahlen muss, das alles versteht Boko Haram als Kriegsbeute. Darunter fallen nach diesem Verständnis übrigens auch die Schulmädchen, die nicht entführt, sondern wie altersher als erbeutete Gefangene den Harems zugeführt werden.

Wer die Videos des Führers der Bewegung, Abubakar Shekau, sieht, gewinnt den Eindruck, da einen Verrückten vor sich zu haben, der eine wilde, undisziplinierte Horde befehligt. Wie organisiert ist Boko Haram denn?

Die Organisation verfolgt eine klare Strategie und hat inzwischen den gesamten Staat unterwandert. An der Spitze steht ein Imam, ein spiritueller Führer. Das war Mohammed Yusuf. Der wurde 2009 von den nigerianischen Streitkräften getötet und wird seither von Boko Haram als Märtyrer verehrt. Dessen Generalvertreter war Abubakar Shekau, der danach zum Imam aufgestiegen ist. Zudem gibt es einen Emir, der zwar keine verfassungsgemäße Macht besitzt, aber dessen Wort aufgrund seiner religiösen Stellung im Norden Nigerias wie ein Gesetz gilt. Außerdem gibt es einen Bundesrat, der entschieden hat, den Dschihad auf ganz Nigeria auszuweiten. Dieser Rat hat zudem angekündigt, ein eigenes Schulsystem mit spiritueller, sportlicher und militärischer Ausrichtung schaffen zu wollen.

Wie will Boko Haram das finanzieren?

Neben der Kriegsbeute bekommt die Organisation Geld von internationalen Institutionen und Terrorgruppen wie el Schabab und el Kaida. Es gibt auch Hinweise, dass Boko Haram von südamerikanischen Drogenkartellen finanziert wird. Politiker und Militärs zahlen Schutzgelder, um in Ruhe gelassen zu werden. Selbst im Regierungsumfeld gibt es Leute, die Boko Haram finanzieren, um sich zu schützen oder aus politischem Kalkül.

Woher stammen die Waffen?

Die einen sagen, arabische Länder hätten die finanziert. Saudi-Arabien dementiert das. Andere behaupten, Boko Haram werde als Werkzeug benutzt, um China aus Nigeria zu vertreiben. Nigeria ist ein sehr reiches Land.

Warum kann das Militär diese Bewegung nicht ausschalten?

Weil große Teile der Bevölkerung im Norden mit ihr kollaborieren und der Regierung misstrauen. Der nigerianischen Armee verrät niemand, wo sich die verstreuten Guerilla-Kämpfer aufhalten oder verstecken. Außerdem ist das Militär korrupt.

Nach dem Christen Goodluck Jonathan ist jetzt mit Muhammadu Buhari ein Muslim zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Hat sich dadurch die Lage etwas entspannt?

Nein, der neue Präsident hat sein Amt schlecht begonnen. Er spricht immer nur von der Armee, die er gegen Boko Haram einsetzen will. Dadurch wird es aber nur noch mehr Attentate geben. Er muss versuchen auszugleichen, mehr auf die Belange der Menschen im Norden eingehen, dort in die Infrastruktur und die Wirtschaft investieren, um die Beschäftigung anzukurbeln. Er muss den Jugendlichen, die sonst jederzeit zu Boko Haram überlaufen könnten, Hoffnung und eine Perspektive geben.

Warum verbreitet Boko Haram inzwischen auch im Tschad, in Niger und in Kamerun Terror?

Weil die Bewegung in Nigerias Süden nicht vordringen konnte, will sie inzwischen rund um den Tschad-See einen islamischen Staat errichten. Daher kann es nur eine grenzüberschreitende Lösung geben. Nur wenn man im Auge hat, was zugleich in den Nachbarländern Tschad und Kamerun passiert, kann man das Problem beheben. Auch dort kann der Krieg nur gewonnen werden, wenn sozial gerecht und ausgleichend regiert wird.

Bakary Sambe

Der Buchautor ist Research-Professor und koordiniert die Beobachtungsstelle für Radikalismus und religiöse Konflikte an der Université Gaston Berger im Senegal. Er hat in Frankreich Islamwissenschaften und Politik studiert, an der Universität Lyon und der Agha Khan Universität in London gelehrt. Er ist Experte für die Beziehung zwischen Politik und Religion, für islamische Militanz und transnationale Netzwerke. Sein neues Buch, das er auf Einladung der Adenauer-Stiftung Ende Mai in Berlin vorgestellt hat, heißt "Boko Haram - Du problème nigérian à la menace régionale" (Boko Hara - Vom nigerianischen Problem zur regionalen Bedrohung), im März 2015 erschienen bei Timbuktu Editions in Kairo. (juerg)

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2Kommentare
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  • 3
    0
    Interessierte
    05.06.2015

    Und Deutschland ist doppelt so groß wie das kleine Tunesien 163.610 km² - hier oben in der Mitte und die wollen alle von hier nach D mit 357.168 km² ....

  • 1
    0
    aussaugerges
    05.06.2015

    Die EU und USA sind doch daaaaaaaaaaa.
    Mit Flugzeugen und Bomben gerade noch rechtzeitig.



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