Union und SPD nehmen Kurs auf große Koalition

Nach 24 Stunden Verhandlungsmarathon: Die drei Parteichefs Merkel, Schulz und Seehofer machen einen wichtigen Schritt hin zu einer neuen großen Koalition. Doch ein Scheitern ist noch nicht ausgeschlossen.

Berlin (dpa) - Die Spitzen von Union und SPD streben nach langem Ringen eine neue große Koalition an - trotz massiver Bedenken in den Reihen der Sozialdemokraten.

Kanzlerin Angela Merkel, SPD-Chef Martin Schulz und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer verständigten sich nach einer mehr als 24-stündigen Schlussrunde der Sondierungen auf Grundzüge der Zusammenarbeit, mit denen vor allem die SPD-Basis überzeugt werden soll. Über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen entscheidet ein SPD-Parteitag am übernächsten Sonntag - Ausgang offen.

Es soll keine Steuererhöhungen geben, aber eine Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen. Zudem soll eine Grundrente für langjährige Geringverdiener eingeführt werden, heißt es in dem Ergebnispapier. Der Flüchtlingszuzug soll begrenzt werden und der Nachzug für Familienangehörige ausgesetzt bleiben. Schulz zeigte sich optimistisch, dass die SPD ihm folgen wird. «Ich glaube, dass wir hervorragende Ergebnisse erzielt haben.» Seehofer sprach von einem «Aufbruch», die Kanzlerin von einem «Papier des Gebens und des Nehmens».

Alle drei Parteivorsitzenden sind nach massiven Verlusten bei der Bundestagswahl angeschlagen und für ihre eigene politische Zukunft auf ein Zustandekommen einer neuen gemeinsamen Regierung angewiesen. Vor allem Schulz steht unter Druck. Er will zusammen mit der Parteispitze in den nächsten Tagen bei der Basis für eine Neuauflage der ungeliebten großen Koalition werben. Die Jusos wollen dagegen Widerstand mobilisieren. Sollte der Parteitag in Bonn zustimmen, soll der mögliche schwarz-rote Koalitionsvertrag von einem Mitgliederentscheid abgesegnet werden.

Merkel unterstrich nach Abschluss der Sondierungen, das Papier sei «nicht oberflächlich». Es gehe um Zukunftsinvestitionen, besonders in Kinder und Familien. Zudem müsse in Wohnungen, in den Verkehr sowie in die Energiewende mehr investiert werden. 15.000 neue Stellen für Polizisten seien nötig, Gerichte müssten entlastet werden. Die Welt warte nicht auf Deutschland. Deshalb bedürfe es für Europa eines neuen Aufbruchs. Sie sei sich nicht immer sicher gewesen in den vergangenen 24 Stunden, dass es gelinge. Sie sei aber jetzt optimistisch, dass die Dinge vorangehen.

Schulz sagte, man habe hart gerungen. Das Papier spiegele nun den Wunsch nach Erneuerung wider, bei Familien, bei Bildung und bei der digitalen Herausforderung. Der gesellschaftliche Zusammenhalt müsse wieder gestärkt werden. Die Verhandlungen seien zum Teil turbulent verlaufen, seien aber zu keinem Moment auf der Kippe gestanden. Die drei Parteien seien bereit, Europa wieder stark zu machen.

Auch die CSU ist mit dem Sondierungsergebnis nach den Worten von Seehofer «hochzufrieden». Daher sei für die CSU kein zusätzlicher Parteitag zur Bestätigung nötig.

Wie aus dem fast 30 Seiten starken Papier hervorgeht, haben sich die Spitzen der drei Parteien auf eine Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung geeinigt. Demnach sollen die Beiträge wieder zu gleichen Teilen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bezahlt werden. Zur Zeit werden 14,6 Prozent je zur Hälfte gezahlt, den Rest, der im Schnitt bei einem Prozentpunkt liegt, bezahlen die Arbeitnehmer alleine.

Die von der SPD geforderte Anhebung des Spitzensteuersatzes soll nicht kommen. Es gebe keinen Steuererhöhungen, hieß es. Das Rentenniveau soll bis 2025 bei 48 Prozent gehalten werden. Die SPD wollte eigentlich das Niveau für einen längeren Zeitraum halten. Zudem solle eine Grundrente eingeführt werden, betonte Seehofer. Merkel bekräftigte, nun eine Renten-Kommission für die Zeit nach 2025 einzusetzen.

Der Solidaritätszuschlag soll dem Vernehmen nach in dieser Legislaturperiode um 10 Milliarden Euro abgebaut werden. Das soll kleine und mittlere Einkommen bis zu etwa 60.000 Euro betreffen. Das Kindergeld soll in zwei Schritten um 25 Euro erhöht werden.

Die Zuwanderung von Flüchtlingen solle in einer Spanne von 180.000 bis 220.000 begrenzt werden. Auch der Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus soll sehr eng begrenzt werden. Er soll zunächst weiter ausgesetzt bleiben, bis eine Neuregelung gefunden ist, und dann auf 1000 Menschen pro Monat begrenzt werden.

Obwohl die Wünsche der drei Parteien insgesamt an die 100 Milliarden Euro teuer geworden wären, solle jetzt der finanzielle Spielraum von bis zu 45 Milliarden Euro eingehalten werden, hieß es. Die Union pochte dem Vernehmen nach angesichts der sprudelnden Steuereinnahmen auf die «schwarze Null» - also den Verzicht auf neue Schulden im Bundeshaushalt.

Die letzte Sondierungsrunde der Spitzen von CDU, CSU und SPD im Berliner Willy-Brandt-Haus hat länger als 24 Stunden gedauert. Der Gesprächsmarathon war wohl auch für CDU-Chefin Angela Merkel rekordverdächtig. In jedem Fall war er länger als etwa die Sitzungen über die Krisen in der Ukraine und in Griechenland. Rund 17 Stunden verhandelten im Februar 2015 die Kanzlerin und der damalige französische Präsident François Hollande in der weißrussischen Hauptstadt Minsk mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und Kremlchef Wladimir Putin über eine Waffenruhe in der Ostukraine. Genauso lang ging es im Juli 2015 mit den Euro-Partnern in Brüssel um das dritte Hilfspaket für das damals pleitebedrohte Griechenland.

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10Kommentare
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    0
    Nixnuzz
    15.01.2018

    Uuups: GSG9 soll 2.-Stelle in/bei Berlin erhalten - nicht in/bei München.....

  • 3
    0
    Nixnuzz
    15.01.2018

    "..dass der Dobrindt durch seine Sprüche krampfhaft versucht jegliche Regierungsbildung zu verhindern." Na nicht jede - Hauptsache C-geführt ... andere Mitglieder wären eh nur schmückendes Beiwerk.. Da Berlin wohl demnächst durch die Vize-Regierungskanzelei München geführt wird....

  • 3
    2
    Blackadder
    14.01.2018

    Warum bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, dass der Dobrindt durch seine Sprüche krampfhaft versucht jegliche Regierungsbildung zu verhindern.

  • 7
    0
    Freigeist14
    14.01.2018

    Nun hat sich ja der konservative Revolutionsführer Dobrindt über de "Zwergenaufstand" in der SPD ausgelassen und die Forderung aufgestellt,die SPD-Basis solle sich gefälligst fügen. Vielleicht rührt das nun endlich an der Ehre der Genossen und sie zeigen dem gescheiterten Auto-Minister ,was Parteidemokratie bedeutet.

  • 6
    1
    Freigeist14
    14.01.2018

    SimpleMan@,Sie erinnern sich sicher der Worte von M.Schulz am Wahlabend.Eine Kehrtwende ließe sich nur begründen,wenn man dennoch die Union unter Druck gesetzt hätte und viele SPD-Positionen durchsetzen könnte. Aber man hat sich über den Tisch ziehen lassen. Wenn jetzt Konservative zufrieden sind und gar die Genossen loben,wäre ich mehr als stutzig. Wie sagte einst Kurt Tucholsky über die SPD der Weimarer Zeit :"Da wächst aus der Erde leis das bescheidene Radieschen:außen rot und innen weiß." Am meisten nervt mich -und viele auch- die Zufriedenheit über Minimalkompromisse,die niemandem wehtun werden.

  • 4
    1
    Zeitungss
    13.01.2018

    @SM: Stimmt schon, es gibt aber schon lange keinen Grund mehr diese Partei, welche ihre ursprünglichen Ziele verhöckert hat, zu wählen. Wie schrieb Freigeist14 so schon, sie verhelfen jetzt Lindners Träume in die Realität zu bringen. Kampferprobt in solchen Angelegenheiten ist man ja, wie es die Vergangenheit bewiesen hat. Selbst eingefleischte Genossen leiden schon an Haarausfall, wenn sie noch zu den ursprünglichen Zielen stehen. Die SPD kann man getrost aus dem Gedächtnis streichen, ist meine Meinung und ich bin absolut nicht rechtslastig.

  • 3
    2
    SimpleMan
    13.01.2018

    @Freigeist14 Da bin ich anderer Meinung. Wenn die SPD der GroKo nicht zustimmt, gibt es keinen Grund mehr sie zu wählen. Ich finde auch merkwürdig, dass quer durch alle Parteien der Kompromis so verteufelt wird. Wir haben nun mal Verhältniswahlrecht. Da scheinen einige Politiker ihr eigenes Wahlrecht nicht zu verstehen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass irgendein Politiker gefordert hat, das Mehrheitswahlrecht einzuführen.

  • 2
    4
    Freigeist14
    13.01.2018

    Zeitungss@,das ist die selbe Burgfriedens-SPD wie 1914. In "Staatspolitischer Verantwortung" wurden damals auch die Ideale verraten und die Spaltung der Partei war die Folge.Die Jusos sollten sich nicht länger als linkes Feigenblatt verhöhnen lassen.

  • 1
    2
    Zeitungss
    13.01.2018

    @Freigeist14: Daran glaube ich nicht, dort gibt es einen "Fraktionszwang" der etwas anderen Art. Wenn sich dieser armselige Haufen noch einmal teilt, kann man auch gleich die Namenlöschung beantragen. Was Lindner betrifft, ja genau so ist es. Es ist eben ein Untergang auf Raten, wofür man LANGE und zielstrebig gearbeitet hat. Die Mitglieder haben eben auch einen sehr gesunden Schlaf.

  • 4
    2
    Freigeist14
    12.01.2018

    Christian Lindner,das Schlitzohr ,hat nun mehr FDP-Positionen in den Sondierungen unterbringen können als vor dem Platzen der Jamaika-Gespräche. Hoffentlich beenden die Jusos am 21.Januar mit ihrem klaren NEIN den Spuk des geordneten Untergangs der SPD.



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