Gefängnisse sind keine Lösung

Einspruch - Standpunkte zum Streiten. Unter diesem Motto veröffentlicht die "Freie Presse" heute ein Statement des Zeithainer Gefängnischefs Thomas Galli, der den Sinn von Haftstrafen infrage stellt.

Der Ruf nach harten Strafen und Wegsperren ist altbekannt. Er wird wieder lauter in diesen Tagen, die von sozialen Konflikten geprägt sind, welche sich vor allem am Thema des Umgangs mit Flüchtlingen entzünden. Das Recht konsequent durchsetzen, Straftäter in ihre Grenzen weisen, ein starker Staat in Zeiten der Unruhe. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass unser derzeitiges Strafrecht eher geeignet ist, soziale Konflikte zu vergrößern, anstatt sie zu lösen. Das hängt insbesondere mit der Institution Gefängnis zusammen.

Was will der Staat mit einer Gefängnisstrafe erreichen? Zunächst vor allem eines: Vergeltung. Schuld und begangenes Unrecht sollen vergolten werden, indem dem Täter ein Übel zugefügt wird. Allerdings funktioniert diese Vergeltung auf einer sozialen Ebene nicht. Das würde nämlich voraussetzen, dass jemand, der seine Haft verbüßt hat, wieder als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft auf Augenhöhe aufgenommen wird. Das Gegenteil ist der Fall. Je länger jemand in Haft war, desto größer wird sein Makel, desto weniger wert ist er in den Augen vieler, wahrscheinlich der meisten. Der Makel der Haft ist so oft noch größer als der Makel der Straftat an sich. Büßen muss der Gefangene gleichwohl, und zwar richtig. Wer meint, "denen ginge es noch viel zu gut", hat noch nie versucht, sich vorzustellen, wie es wäre, Jahre und Jahrzehnte in einem Raum eingesperrt zu sein und diesen nur verlassen zu dürfen, wenn jemand anderes aufsperrt, und auch dann nicht weit zu kommen. Der Kontakt zu Familie und Freunden ist auf wenige Stunden im Monat beschränkt, partnerschaftliche Beziehungen sind fast unmöglich. Nun wird oft eingewandt, die Gefangenen seien ja selbst schuld, und das Leid, das sie ihren Opfern zugefügt hätten, sei oft noch viel größer. Über 90 Prozent aller Inhaftierten sind jedoch keine Mörder oder Vergewaltiger. Und sehr viele haben, meist schon von Kindheit an, mit großen Problemen zu tun gehabt. Das rechtfertigt überhaupt nicht, dass sie nun ihrerseits anderen Schaden zufügen, macht es aber erklärbar. Und nicht nur die Gefangenen selbst nehmen Schaden an der Haft. Wenn man mitbekommt, wie inhaftierte Väter von ihren Kindern wenige Stunden im Monat besucht werden dürfen, und dabei genau weiß, dass diese Kinder mit einer überdurchschnittlichen Wahrscheinlichkeit selbst im Gefängnis landen werden, dann muss man sich doch fragen: Gibt es in unserer aufgeklärten Moderne keine sinnvolleren und humaneren Möglichkeiten der staatlichen Interventionen?

Wohl auch, weil sie zumindest unterbewusst schon spürte, dass das Wegsperren zur Vergeltung eher mittelalterlich anmutet, hat unsere Gesellschaft das Zauberwort der Resozialisierung erfunden. So wird dem Gefängnis ein zukunftsorientierter Anstrich verliehen. Jedoch funktioniert auch sie nicht. Es müsste eigentlich einleuchten, dass man niemanden in die Gesellschaft integrieren kann, indem man ihn ausschließt. Und so sehr sich die Verantwortlichen auch mit immer neuen Therapieprogrammen Mühe geben, die Haft möglichst sinnvoll zu gestalten, so wenig können sie den Unsinn ausgleichen, der in der Gefängnisstrafe an sich liegt. Die meisten Gefangenen werden durch die Haft noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt, und so oft eher gefährlicher.

Ein weiteres Ziel von Strafe ist Abschreckung. Diese spielt jedoch gerade bei Straftaten wie Mord und Vergewaltigung kaum eine Rolle, da diese Taten so stark emotional getrieben sind, dass die Täter zu vernünftigen Erwägungen nicht mehr in der Lage sind. Und wenn die Abschreckung wirksam wäre, warum kommen dann auch viele der zu kürzeren Freiheitsstrafen Verurteilten immer wieder in Haft?

Was aber wären Alternativen zur Freiheitsstrafe? So wichtig diese Frage ist, sie darf doch nicht über zwei Punkte hinwegtäuschen. Erstens gehört das Gefängnis nicht zwingend zu unserer Existenz. Es ist eine soziale Erfindung, deren Sinn begründet, und nicht deren Unsinn widerlegt werden müsste. Und vor allem: Strafen, egal welcher Art, sind allenfalls eine Notlösung von Konflikten. Nur ein kleiner Anteil der Kriminalität kann damit in den Griff bekommen werden. Wir sind viel zu sehr fixiert auf das Strafen, und damit abgelenkt von einem sozialeren und langfristigeren Denken im Umgang mit Straftätern. Es geht also darum, das Gefängnis im Kopf aufzulösen, um überhaupt sinnvoll über Alternativen nachdenken zu können.

Was konkret wären nun die Alternativen? Zum einen müssen wir überlegen, wie wir mit Menschen umgehen, die anderen Schaden zufügen. Auf jeden Fall muss das Strafrecht daraufhin durchforstet werden, welche Delikte überhaupt noch mit Freiheitsstrafe geahndet werden. Welchen Sinn macht es, jemanden einzusperren, der Steuern hinterzogen, einige Flaschen Schnaps geklaut oder mit Drogen in geringem Umfang gehandelt hat? Die Allgemeinheit würde viel stärker davon profitieren, wenn in solchen Fällen zum Beispiel die Verpflichtung zu gemeinnütziger Arbeit an die Stelle einer teuren Haftstrafe treten würde. Auch vielen Opfern wäre es wohl lieber, sie würden von der Strafe für den Täter etwa durch Strafzahlungen profitieren, als dass diesem ein Leid durch den Entzug der Freiheit zugefügt wird, für das sie als Steuerzahler auch noch bezahlen müssen. Eine Sicherung gefährlicher Täter wäre auch durch elektronische Fußfesseln möglich, in besonders schweren Fällen auch zum Beispiel durch einen elektronisch überwachten Hausarrest oder die Unterbringung in nach außen abgeschlossenen Wohnkomplexen.

Für die im Strafvollzug Tätigen besteht zurzeit das paradoxe Dilemma, dass sie eine äußerst anspruchsvolle Arbeit leisten, für die sie aber viel zu wenig gesellschaftlichen Rückhalt und Anerkennung bekommen. Das liegt sicher auch daran, dass diese Arbeit, so schwer sie auch ist, kaum einen gesellschaftlich transparenten Mehrwert produziert. Es läge an der Justiz selbst, herauszuarbeiten und transparent zu kommunizieren, wie und in welcher Form Gefängnisse Sinn machen. Vor allem aber müssen wir anfangen, in der Justizpolitik endlich langfristiger und komplexer zu denken. Derjenige, der in zwanzig Jahren mit Drogen handeln, andere bestehlen oder verletzen, ein Flüchtlingsheim anzünden, eine Frau vergewaltigen oder eine Bank überfallen wird, ist jetzt ein Kind. Ein ganz normales Kind. Das nicht in seiner Entwicklung gefördert und begleitet, sondern vernachlässigt, vielleicht sogar geschlagen und missbraucht wird. Es wird Probleme in der Schule haben und machen, und früh zu Alkohol und Drogen greifen. Es wird nicht mithalten können im schulischen und beruflichen Leistungskampf unserer Gesellschaft. Sich um dieses Kind stärker zu kümmern, wäre auch im Sinne der Kriminalitätsbekämpfung sinnvoll und notwendig. Wer versucht, darüber durch kernige Forderungen nach harten Strafen hinwegzutäuschen, schädigt genau die Allgemeinheit, die er zu schützen vorgibt.

Thomas Galli

Der 42-jährige gebürtige Münchner hat Jura, Psychologie und Kriminologie studiert. Er war unter anderem sieben Jahre Abteilungsleiter in der JVA Straubing - einem Gefängnis für Schwerstkriminelle. Galli, der 2013 nach Sachsen kam, war zudem als Sachverständiger für den Sächsischen Landtag tätig. Er leitet die JVA Zeithain (Landkreis Meißen) und war daneben auch Chef der JVA Torgau (Landkreis Nordsachsen). Galli ist Vater dreier Kinder, zurzeit befindet er sich in Elternzeit.

Als Autor des Buches "Die Schwere der Schuld" beschreibt Galli aus seiner Sicht, warum Gefängnisse keine Lösung sind. Mit seiner Meinung stellt sich Galli gegen die gängige Praxis im Umgang mit Straftätern und gegen seinen Arbeitgeber, das sächsische Justizministerium. Ursprünglich wollte Galli gestern zum Auftakt der Leipziger Buchmesse in der JVA Leipzig aus seinem Buch lesen. Das Justizministerium sagte die Lesung gestern kurzfristig ab, beteuerte aber kein inhaltliches Problem mit dem Buch zu haben. (ali)

Die Schwere der Schuld, Verlag Das Neue Berlin, 12,99 Euro.

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6Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    kauzig
    20.03.2016

    In dem Artikel steht viel Richtiges. Gerade vorbeugend scheint mir dass viel zu wenig getan wird, dass Menschen nicht auf die schiefe Bahn geraten. Zu wenig gemeinschaftliche Maßnahmen und Zusammenhalt in der Gesellschaft. Leider muss jeder viel zu sehr selbst sehen wie er durchs Leben kommt, bis es vielleicht irgendwann nach unten geht, weil vielleicht auch ein vorbeugender, unterstuetzender Rückhalt gefehlt hat. Auch koennte der Staat mit stärkeren, klaren Fürsorgemaßnahmen einem Abdriften von Menschen vorbeugen. Ganz wichtig hierbei meiner Meinung nach gerade fuer Kinder und Jugendliche aus schwaecheren Familien ist kostenloses Schulessen, Hort- und Schulbetreuung mit Freizeitangeboten auch nachmittags, auch klar kommunizierte Hilfeeinrichtungen/Ansprechpartner bei Lebensproblemen, aber zum Beispiel doch auch viel mehr durch die Schule initiierte, lebensnahere Praktika zum Beispiel auch in sozialen Einrichtungen wie Altenheimen, aber auch berufsvorbereitend in Unternehmen. Was auch zu vorbeugenden Maßnahmen gehört, dass Menschen Perspektive, eine Zukunft sehen können. Wenn ihnen das aufgrund fehlender Abschlüsse verwehrt wird, ist was falsch gelaufen. Erst recht, wenn Schüler mit schlechten Noten schon in der Schule allein und "fallen" gelassen wurden - gerade in diesem Moment muss einer kommen, nachfragen und unterstützen.

    Ein weiterer Punkt zur Kriminalitätsvorbeugung ist ein auskoemmliches Leben für alle - gerade für Leute, die dafür einer Beschäftigung nachgehen und dafür auch eine faire Entlohnung sehen wollen. Das "Schluesselwort" liegt hier in einer teilweisen "Umverteilung" von großen Einkommen auf Niedrige.

    Es koennte noch weitergehen..

  • 5
    0
    Pixelghost
    19.03.2016

    Dann resozialsieren wir die Täter doch in den Häusern und Wohnungen der Opfer, denn die würden doch sowieso am liebsten wegziehen, sind fertig mit der Welt und haben die Nase gestrichen voll.
    Und schließlich kennen sich die Täter ja bestens in den Wohnräumen der Opfer aus - bis hin zum Schlafzimmer.


    Herr Galli scheint über die Zeit als Gefängnischef ein ausgeprägtes Stockholm-Syndrom bekommen zu haben.

  • 3
    0
    voigtsberger
    19.03.2016

    Da werden Straftäter nach sogenannten Bagatellfällen mit Bewährung oder Arbeitsstunden verurteilt, aber das dies schon die 17., 18. oder 20. Straftat war hat wohl meistens noch keiner mitbekommen und da gibt es noch die tollen Sozialarbeiter, wenn es um Jugendliche geht, die alles schön reden und die komplizierte Kindheit vor jammern! Da hätte ein "Schuss" mit einer Strafe hinter Gittern, schon einmal von Anfang an Grenzen aufgezeigt, denn ohne Konsequenzen gibt es doch für die meisten keine Einsicht und unsere Gesellschaft sollte auch nicht immer versuchen diese Täter zu verstehen, sondern den Tatsachen in die Augen schauen, mit Distanz zu den Tätern und nicht mit Belohnung durch Verständnis und Versuche der Integration in unser Sozialleben, denn dies ist fehlgeschlagen in dieser praktizierten Rechtsauffassung und da verlange ich eine andere Meinung eines Gefängnischefs oder weiß dieser nicht was in unseren Land für lascher Umgang mit bestimmten Täterklientel veranstaltet wird ohne eindrucksvolle Konsequenzen für deren Taten! Wo bleibt denn da in den meisten Fällen die Würde der Opfer, bei solchen Urteilen!

  • 2
    5
    MuellerF
    18.03.2016

    *Resozialisierung-JA!(dazu gehört auch ein gewisser Lebensstandard in der Haft)
    *gemeinnützige Arbeit (statt Billig-Hilfstätigkeiten für private Betriebe)-JA!
    *ggf. Freigang & mehr Besuchsmöglichkeiten-JA!
    *totaler Verzicht auf Freiheitsentzug-NEIN! Irgendeine Form von Strafe muss es geben, und die besteht nun mal im Entzug der Freiheit, sein Tun & Lassen jederzeit selbst bestimmen zu können und statt dessen einem von Fremden geregelten Tagesablauf zu unterliegen!

  • 10
    0
    Nikalx
    18.03.2016

    Schnapsidee. Dieses Geschwurbel über die armen Täter als die wahren Opfer geht einen nur noch auf die Nerven. Im Grunde ist doch die Justiz schon jetzt viel zu nachgiebig bei den klassischen Gewalt- & Eigentumsdelikten, siehe nur die vielen Intensivstraftäter. Nicht größere Milde ist das Gebot der Stunde, sondern die klare Aufzeigung der gesellschaftlichen Grenzen. Mehr Härte ist gefragt.

  • 10
    1
    SiedlungKlaffenbach
    18.03.2016

    Obwohl einige gute Ansätze im Artikel zu verzeichnen sind sieht er jedoch vorwiegend danach aus, dass hier Täterschutz vor Opferschutz wieder einmal gehen soll. Ich kann hier keinen Ansatz sehen, dass auch einmal darüber nachgedacht wird, die Befriedigung der Ansprüche der Opfer und Geschädigten zu garantieren. Schlichtweg gesagt: Wiedergutmachung! Einem, der Jahrzehnte oder für immer darauf warten muss, seinen Verlust oder Schaden aus einer kriminellen Handlung ersetzt zu bekommen, kann man nicht erzählen, dass die Freiheitsstrafe, die ja eh erst nach vielen anderen Fingerzeigen verhängt wird, nicht angemessen ist. Vielmehr sollte die Sicherstellung der garantierten Wiedergutmachung in die Bestrafung einfließen. Indem man Strafgefangene in dieser Form bemitleidet, verniedlicht man die Ursprungstaten. Dann braucht man sich auch nicht wundern, dass ein Wärter wie in DD angeblich auf die Idee kommt, Häftlinge mit Telefonen zu versorgen.



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