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Foto: Ronny Rozum

Auch Böller können Bomben sein

Richter verurteilen Mitglieder der "Gruppe Freital" zu langen Haftstrafen

Von Jens Eumann
erschienen am 07.03.2018

Die Druckwelle jenes Tschechen-Böllers, den ein Sprengstoffexperte des Landeskriminalamtes bei einer Vorführung vor Silvester zur Explosion brachte, war selbst in 25 Metern Entfernung zu spüren. Von der vier Zentimeter starken Küchenarbeitsplatte, auf der die Detonation stattfand, blieben nur Fetzen. Auch schätzte der Profi vom LKA Youtube-Videos als echt ein, bei denen Filmer mit in Deutschland verbotenen, in Tschechien aber frei verkäuflichen Silvesterböllern der Typen Cobra 6 oder Cobra 12 in den Wald gehen, um Kühlschränke und Geschirrspüler von innen heraus in Stücke zu sprengen. Wer diese Bilder kennt, ahnt, was passiert, wenn solch ein Böller, per Klebeband am Fenster befestigt, explodiert und die Scheibe, einer Splitterbombe gleich, in ein Wohnzimmer prasseln lässt. Nicht nur, dass die "Gruppe Freital" exakt jene Böller der Typen Cobra 6 und 12 für solche Anschläge nutzte, sie hatte auch ähnliche Tests zur Sprengkraft unternommen wie erwähnte Youtube-Filmer. Sie wussten genau, was die Böller anrichten können!

Insofern sind die Aussagen des jüngsten und einzig Reue zeigenden Angeklagten Justin S. ein Dreh- und Angelpunkt für das in fast voller Härte gefällte Urteil. Nur fast in voller Härte - weil die Richter dem von den Bundesanwälten erhobenen Vorwurf "versuchter Mord" zwar folgten, nicht aber dem geforderten Strafmaß. Letzteres hätte für die Rädelsführer Timo S. und Patrick F. laut Bundesanwaltschaft noch ein Jahr beziehungsweise neun Monate höher liegen sollen. Justin S.' Aussagen, man habe um die Sprengkraft gewusst, enttarnten Beteuerungen der anderen - verletzen wollen habe man niemanden - als das, was sie waren: reine Schutzbehauptungen.

Die Rechenexempel eines Verteidigers über die angebliche Unwahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausgangs haben eher akademischen Wert. Vielleicht kommen sie beim wahrscheinlichen Revisionsbestreben noch zu Ehren. An einer schweren Schuld seines Mandanten hatte aber selbst dieser Anwalt keinen Zweifel. Sogar als Verteidiger forderte er für Timo S. sieben Jahre Haft.

Nur steht diese Forderung in krassem Missverhältnis zu bereits im Vorjahr in München gefällten Urteilen gegen Mitglieder der ebenfalls als Terrorgruppe eingestuften "Oldschool Society". Diesen erlegte man Haftstrafen von bis zu fünf Jahren auf, obwohl ihre Vorhaben, die denen der "Gruppe Freital" glichen, nie über die Planung hinausgingen.

Das in München gefällte "Oldschool"-Urteil zeigte Konsequenzen für Menschen auf, die Terror zu Widerstand besorgter Bürger umdeuten. Auch in Sachsen ist die Justiz auf gutem Weg. Die Strafen gegen Flüchtlingsblockierer von Clausnitz machten 2016 klar, wo die Grenze zwischen tolerablem zivilen Ungehorsam und lynchmobartiger Nötigung liegt. Das Dresdner Urteil riss am Mittwoch Sympathisanten ihr letztes Feigenblatt ab. Sie hatten behauptet: Böller aus Serienproduktion könnten weder den Terror- noch den Mordvorwurf stützen. Alles sei nur ein Lausbubenstreich. Von wegen! Hier ist Schluss mit lustig - zum Glück, ohne erst einen Todesfall beklagen zu müssen.

 
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