Sie wollen nur spielen

Wenige Kilometer westlich von Moskau wurde der deutsche Reichstag nachgebaut. In einem Freizeitpark stellen vom Militärbegeisterte Russen die Schlacht um Berlin von 1945 nach. Begleitet von lauter Wagner-Musik, Panzern und Protesten.

Moskau.

Nach dem letzten Gefecht hocken Dutzende Rotarmisten und Wehrmachtslandser einträchtig an einem Bach bei den Parkplätzen und waschen den Lehm von ihren Stiefeln. Wie ihm der Reichstag gefallen habe? "Keine Ahnung", sagt Waleri, ein Sowjetsoldat mit geschulterter Maschinenpistole, und kneift beim Grinsen die Augen zusammen. "Der Reichstag stand viel zu weit weg."

Vor fünf Tagen weihte das russische Militär im Park "Patriot" bei Kubinka, etwa 35 Kilometer westlich von Moskau, "seinen Reichstag" ein. Etwa 1200 Mitglieder von mehr als 125 militärhistorischen Klubs und über 100 professionelle Stuntmen spielten die Schlacht um Berlin und den Sturm auf den Reichstag nach, der im Frühjahr 1945 einen der Schlusspunkte unter den Zweiten Weltkrieg gesetzt hat.

Ausgestattet sind die Kriegsspieler im "Patriot"-Park mit originalgetreuen Uniformen und Waffen, dreißig zum Großteil echten Panzern und Automobilen, sogar ein deutsches Messerschmidt-Kampfflugzeug rauschte über die Köpfe der Kämpfer. Trotz Kälte und leichtem Schneetreiben wurden 5000 bis 7000 Zuschauer gezählt, darunter auch Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu.

Das Schlachtengetümmel wurde mit sowjetischen Militärmärschen aber auch Wagners Wallkürenritt beschallt, sein erklärter Höhepunkt war der Sturm auf den Reichstag, über dem Rotarmisten eine rote Sowjetflagge hissten. Aber wie das Publikum bekamen der Großteil der Teilnehmer das Reichstagsgebäude nur aus der Ferne zu sehen.

Die Veranstaltung war nicht unumstritten. Seit Monaten hatte das russische Verteidigungsministerium den Bau einer Kopie des Reichstages in seinem militärischen Freizeitpark "Patriot" angekündigt. "Nicht im vollen Maßstab", so Minister Schoigu, "aber so, dass unsere Jungarmisten nicht einfach irgendetwas stürmen, sondern einen konkreten Ort." Die "Jungarmisten", das sind nach offiziellen Angaben knapp 100.000 Kinder, die man in der "Jungarmee", der neuen Dachorganisation militärbegeisterter Jugendklubs, zu kriegerischen Patrioten erzielen will. Reaktionen aus Deutschland blieben nicht lange aus. Die Idee sei überraschend und spreche für sich, erklärte Regierungssprecherin Ulrike Demmer. "Kriegsspiele passen nicht in die Zeit, schon gar nicht mit Kindern", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl Georg Wellmann.Generaloberst Igor Konanschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, nannte das deutsche Befremden wiederum befremdlich. "Die Rote Fahne, die Soldaten der Roten Armee im Mai 1945 über dem nazistischen Reichstag gehisst hatten, ist eines der markantesten und weltweit erkennbaren Symbole des Siegs über den deutschen Nazismus." Auch kommenden russischen und deutschen Generationen müsse der Heldenmut der Rotarmisten im Kampf gegen Nazideutschland in Erinnerung bleiben.

In nationalpatriotischen Internetkreisen war der Ton deutlich schriller. So höhnte ein Nutzer auf der Internetseite des Massenblattes "Komsomolskaja Prawda" in Richtung Deutschland: "Wenn unsere Großväter euch nicht fertiggemacht haben, machen wir euch fertig. Der Reichstag soll eine Kerbe in eurem Gedächtnis bleiben: Vergesst nicht, wie solche Abenteuer enden!" Versöhnung klingt anders.

Der erste Sturm am vergangenen Sonntag auf den Reichstag bei Moskau aber hatte etwas Verschämtes. Der einsame Bau stand einige hundert Meter hinter dem Hauptgefechtsfeld, wo es heftig knallte, deutsche Panzer in Flammen aufgingen und brennende Kaskadeure auf Motorrädern umhersausten.

Die wochenlangen Straßenkämpfe in Berlin und der Schlussangriff auf den Reichstag am 30. April 1945 waren allerdings kaum nachzuempfinden, schon weil der örtliche Reichstag statt von Stadtgebäuden von sumpfigen Frühlingswiesen umgeben war. "Ich bin in Berlin gewesen und habe den Reichstag gesehen", sagt Leonid, der einen weiteren russischen Infanteristen darstellte. "Danach hatte der Kampf um den Reichstag in Kubinka für mich etwas Komisches."

Ein paar Dutzend Infanteristen mit roten Fahnen stürmten schließlich den so symbolträchtigen Nachbau. Auf Artillerie und Pyrotechnik verzichtete man dabei. Vielleicht, weil die Frühlingswiesen wirklich sehr versumpft waren. Vielleicht aber auch, weil des Reichstags Wände im Feuer hätten schmelzen können, wie böse Zungen hinterher im Internet höhnten. Videos und Fotos von der Montage zeigen, wie über eine Metallkonstruktion große Leinwände gezogen werden, auf denen Fassaden und Mauern aufgemalt sind. "Spielzeugreichstag", urteilt Radio Swoboda. "Kulissenreichstag", spottet ein Internetportal.Seit Katharina der Großen spricht man in Russland von solchen Gebäuden als Potemkinschen Dörfern. Die Rotarmisten eroberten eine rehbraune Schachtel mit schmalen Seitenwänden und blinden Fenstern. Der für Außenpolitik zuständige deutsche Europaparlamentarier Elmar Brok (CDU) hatte erklärt, wenn die Russen den Reichstag von 1945 als Kriegsspielplatz nachbauten, wäre das historisch akzeptabel. Gäben sie aber den als Bundestag genutzten Neubau zum Sturm frei, bedeutete das die Androhung militärischer Gewalt gegen die Bundesrepublik.

Auf der Tapetenfassade des russischen Modells sind einerseits allerlei Bomben- und Granateinschläge aufgemalt, andererseits erinnert der sonderbare weiße Gitterkorb auf dem Dach eher an die moderne Glaskuppel als an die zerbombte Dachkrone von 1945. Aber insgesamt ist das Design des Nachbaus zu mickrig, um dahinter propagandistische Absichten zu vermuten.

"Ich denke nicht, dass die Gedanken unserer Militärs so tief gehen. Die denken sowieso nur selten", sagt der Oppositionspolitiker und Historiker Wladimir Ryschkow. Ihnen sei auch nicht bewusst, wie sonderbar die Signale seien, die sie nach zwei schrecklichen Weltkriegen versendeten. "Sie benehmen sich wie die Mercedes-Fahrer in Moskau, die sich ,Beuteauto aus Berlin' und 'Danke Opa für den Sieg' auf die Rückscheibe geklebt haben." Auch als Nahkampfzentrum für die "Jungarmee" ist die Attrappe ohne Etagen, Säle oder Treppenhäuser ungeeignet.

Bleibt abzuwarten, ob das Verteidigungsministerium die Kulisse noch ausbauen wird. Bisher hat es umgerechnet über 330 Millionen Euro in den Park "Patriot" gesteckt. Der wirkt mit seinen 5500 Hektar riesig aber noch recht leer. Dafür verzeichnet das Internetportal der "Jungarmee" knapp 94.000 Anhänger. "Die einzige Form von Jugendarbeit, die sich unsere Staatsmacht vorstellen kann, ist, sie in Reih und Glied zu stellen", sagt der Politologe Juri Korgonjuk. "Aber darauf fahren vielleicht zwei Prozent der Jugendlichen ab. Je mehr Krieg sie spielen sollen, umso mehr hängt er ihnen zum Hals heraus."

Die Darsteller der Rotarmisten versichern, sie hegten keine Feindschaft gegen die Deutschen. Leonid erzählt, die Mitglieder seines kriegshistorischen Klubs suchten auf den Schlachtfeldern westlich von Moskau noch immer nach den sterblichen Resten russischer und deutscher Soldaten. "Krieg ist immer eine schreckliche Tragödie", sagt er. "Für jedes Volk." Am Bach, wo alle ihr Schuhwerk reinigen, hockt auch ein stämmiger Russe in der Uniform eines deutschen SS-Hauptmanns und reibt die mit Nägeln beschlagenen Sohlen seiner Halbstiefel aneinander. Er hege natürlich auch Hochachtung vor den Deutschen. Ob es ihm nicht auf die Nerven geht, beim Nachspielen des Krieges immer den Verlierer mimen zu müssen. "Wieso immer?" Er lächelt. "Im Juni steht wieder das Jahr 1941 an. Da gewinnen ,wir' beim Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion ..." Vergangenheitsbewältigung funktioniert eben sehr unterschiedlich.

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2Kommentare
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  • 1
    0
    Maresch
    28.04.2017

    Es ist schon interessant, wie von staatlicher Seite aus diese Kriegsverherrlichung noch gefördert wird. Aber der große Vaterländische Krieg ist ja quasi zum Gründungsmythos des moderen Russlands geworden, zumindest in der staatlichen Propaganda, die seit Jahrzehnten dahingehend betrieben wird.

  • 3
    0
    Nixnuzz
    28.04.2017

    Wenn ich zeitlich nicht allzusehr danebenliege, frönen unsere brit. Nachbarn zum D-Day in militärischer Tracht der verschiedensten Nationen regelrechte Schlammschlachten mit friedlich regenerierten Fahrzeugen und funktionsfähigen Waffen diesem Schlachten-Hobby. Gäste aus aller Herren Länder machen mit oder sind zumindest Zuschauer dieser Schlachten. Egal in welcher Sprache wird anschliessend bei alter Nazi-Musik Mensch und Material gereinigt und mit entsprechendem Wasser innen und aussen nachgespült. Danach packt man Mensch und Material zusammen und fährt nach diesem Wochenende wieder nach Hause. Nach Belgien, USA, Deutschland und auch Russland...



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