Und plötzlich herrscht Funkstille

Motive für abrupten Beziehungsabbruch zwischen Menschen sind vielschichtig - Diejenigen, die verlassen werden, suchen oftmals verzweifelt nach Erklärungen

Tina Soliman hat das Buch "Funkstille" veröffentlicht. Beschrieben werden sieben unterschiedliche Lebensgeschichten - alle geschilderten Personen sind mit dem komplexen und komplizierten Thema Kontaktabbruch konfrontiert. Die Autorin hat nicht nur mit den Verlassenen gesprochen, auch mit Menschen, die gegangen sind. Gründe waren beispielsweise unvergessliche und verletzende Ereignisse, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen. Sibylle Kölmel hat mit der Autorin gesprochen.

SibylleKölmel: Ihr Buch "Funkstille" beschreibt die Geschichten von sieben Kontaktabbrüchen, bei denen sich von einem Moment auf den anderen ein Freund, ein Familienmitglied, ein nahe stehender Mensch aus dem Leben der anderen entfernt, verschwindet, nicht mehr kommunizieren will. Sie haben vor dem Buch ja schon einmal für den NDR das Thema "Kontaktabbruch" aufgegriffen. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen, dessen Hintergrund nicht unbedingt einer breiten Öffentlichkeit bewusst ist und auch - wie Sie schreiben - wissenschaftlich noch kaum erforscht ist?

Tina Soliman: Ich beschäftige mich in meinen Filmen meistens mit existentiellen Konflikten im Leben und wie die Menschen diese durchstehen: heftige Schicksalsschläge, Suizid oder auch Krieg.  Darüber gibt es allerdings ausreichend Fachliteratur. Selten habe ich jedoch eine solche Fassungslosigkeit erlebt wie bei Menschen, die plötzlich und ohne Erklärung von jemandem verlassen wurden, der ihnen nahe stand. Die Funkstille kann das gesamte Weltbild eines Menschen umkrempeln, auch zerstören und ich wollte wissen, warum das so ist. 

Erlebt habe ich diese völlige Fassungslosigkeit bei einer Freundin, die aus der ehemaligen DDR stammt, schwere Zeiten dort hatte und seit vielen Jahren in New York lebt. Ich besuchte sie eines Tages in New York und traf auf eine völlig aufgelöste Frau. Sie erzählte, dass ihr langjähriger Partner von heute auf morgen gegangen war, nicht mehr erreichbar war, nicht mehr ans Telefon ging, auf jegliche Kommunikationsversuche ihrerseits nicht reagierte. Es gab keinen Streit, keine Konflikte, sagt sie. Zuvor  waren sie gemeinsam in den Urlaub gefahren, hatten eine "wunderbare Zeit".  Nach dem Urlaub ging er zur Tür hinaus, danach hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Das ist mittlerweile sieben Jahre her. Die selbstbewusste, sehr gut aussehende Frau war so verletzt, dass sie es kaum beschreiben  konnte, war völlig aus der Bahn geworfen, ihr gesamtes Weltbild war durcheinander geraten. Bis heute gibt es keinen Kontakt. Sie hat sich damit abgefunden, dass manche Dinge nicht erklärbar sind. 

Bei meinen Dreharbeiten zu einem Film über Kinder-und Jugendlichensuizid für die ZDF-Sendereihe "37 Grad" bin ich auf eine ähnliche Gemengenlage gestoßen. Die große Frage nach dem "Warum",  nach der eigenen "Schuld", "was habe ich falsch gemacht" , "wo hätte ich die Richtung des Geschehens noch ändern können, wann kam es zu dem Riss in der Beziehung?". Auch bei einem ARD-Film über "Privatinsolvenzen" traf ich auf Menschen, die aus Scham den Kontakt zu Menschen abgebrochen haben. Für die Verlassenen aber war nicht ersichtlich, dass sich der Andere schämt, denn er hat sich ja nicht erklärt. In vielen Bereichen kommt es zu Kontaktabbrüchen ohne Erklärung. 

Jedenfalls begegnete ich dem Phänomen immer wieder. Es gab keine Fachleute, keine Sachliteratur, die dieser existentiellen Kommunikationsstörung auf den Grund gegangen wäre. Das machte mich neugierig.

Sibylle Kölmel: Was haben Sie in den Gesprächen für Erfahrungen gemacht, ist der Kontaktabbruch eine (sehr) bewusste Entscheidung? Denn die Tragweite dieser Entscheidung ist ja anfangs wohl kaum vorhersehbar...

Tina Soliman: Die Funkstille ist ja ein Wort aus der Schifffahrt und beschreibt die Einstellung des Funkverkehrs, um den Empfang von Notsignalen sicher zu stellen. Ähnlich verhält es sich beim plötzlichen Kontaktabbruch ohne Erklärung zwischen zwei Menschen. Die Funkstille ist ein Appell, der besagt: Bitte höre, was ich nicht sage! Es ist ein Signal, ein Notsignal. Die Entscheidung ist also bewusst, aber nicht leichtfertig getroffen. Viele Abbrecher quälen sich zuvor, versuchen zu kommunizieren, dass sie sich in der Beziehung nicht wohl fühlen. Doch sie fühlen sich nicht gehört.

"Ich habe reagiert, wie man es eben tut, wenn man bedroht ist", erklärt Maja. Die 33jährige  hat den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen. Das Schweigen schafft Raum für das Unaussprechbare. Schweigen ist Kommunikation! Man kann nicht nicht kommunizieren!! Maja erklärte mir, dass sie durch die Funkstille versuche, eine gleichberechtigte Beziehung herzustellen. Sie habe sich zuvor minderwertig und klein gefühlt. Die Funkstille sollte diese Hierarchie aufbrechen. Die Funkstille bleibt manchmal auch deshalb die letzte Waffe, weil der Verlassene nicht begreifen will, dass das Bild, das er von dem Abbrecher hat, nicht der Realität entspricht.

Andererseits: Die Verlassenen leiden manchmal ein Leben lang. Sie können nicht abschließen, weil es keinen Abschied gab. Der Verlassene begreift das Schweigen als Ausgrenzung, als Meidung, als Ablehnung, was es ja in dem Moment auch ist.

Wenn wir mit jemandem nicht sprechen, bringen wir ihn um einen gewissen Teil seines Lebens, lassen ihn sterben. Die Auswirkungen einer Funkstille können also in der Tat existentiell sein. Das Drama ist:  Beide - Verlassener wie Abbrecher - begreifen sich als Opfer und Täter. Häufig hat der Verlassene den Abbrecher zuerst verletzt, das Opfer schlägt zurück, und der Täter wird zum Opfer. Oft geht es um Abhängigkeiten, die der eine provoziert und aus der der andere sich zu lösen versucht, gleichzeitig provoziert der Verlassene eventuell unbewusst, verlassen zu werden, weil er nicht den Mut hat, diesen Schritt zu tun. Fest steht offenbar:  Beide Seiten leiden in der Funkstille. Doch der Abbrecher ist natürlich in der besseren Position, denn der Verlassene bleibt verunsichert zurück. Er ist ohnmächtig, kann nichts machen, ist zur Passivität verurteilt. Ihm wird das Grundbedürfnis nach Orientierung nicht gewährt. Die Funkstille ist brutal, wie ein Krieg mit Opfern und eben Tätern.  Auffällig viele der Befragten benutzen ein Wort für diese Situation: "KRIEG". 

Sibylle Kölmel: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptmotive für einen totalen Kontaktabbruch?

Tina Soliman: Scham ist ein häufiges Motiv. Die Funkstille ist ja ein Verschwinden. Scham ist eine heftige Verletzung der eigenen Selbstvorstellung. Würde man es aussprechen, würde es die Scham zementieren - und außerdem: Wenn man darüber sprechen kann, hat man es ja schon ein Stück weit gebändigt. Eine Demütigung kann uns offenbar so sehr beschämen, dass wir uns wünschen, nicht mehr zu existieren. Die Funkstille ist dann eine Form des Sich-in-Luft-Auflösens. Wenn ich nicht da bin, kann man nicht sehen, was mich beschämt. Also entziehe ich mich, vermeide jede Begegnung, breche den Kontakt ab.

Scham ist also ein Grund für die Funkstille. Es gibt jedoch auch viele andere starke Gefühle, z.B. Angst und Wut, die so überwältigend sind, dass sie den Einzelnen nicht mehr handlungsfähig sein lassen.Angst ist das Hauptmotiv und Angst tritt immer da auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Die Funkstille ist auch Zeichen von Überforderung!!! Die Funkstille ist auch ein Schutzwall.

Maja sagt: "Ich musste mich erst einmal zurückziehen, um mich zu schützen. Die ständigen Attacken und Forderungen meiner Mutter machten mich fertig. Ich war schlicht erschöpft."  In einem Schutzraum aus Schweigen wollte sie zur Ruhe kommen. Oft ist die Funkstille der Ausdruck eines "Sich nicht anders zu helfen Wissens". Sie ist also erst einmal ein Zeichen von Schwäche, auch wenn es im ersten Moment stark erscheint, sich nicht zu melden. Die Funkstille ist erst einmal eine Flucht und damit auch die Suche nach einem Schutzraum. Und der findet sich vermeintlich im Schweigen. 

Dem Abbrecher ist es nicht möglich, dem Konflikt anders zu begegnen. Ich sage ausdrücklich nicht "lösen", denn die Funkstille ist ein denkbar schlechtes Mittel, einen Konflikt zu bewältigen, sie kann aber aus der Distanz wirken. Im besten Falle werden sich beide Seiten der Knoten bewusst, die schon zuvor die Beziehung belastet haben, denn die Funkstille kommt nicht aus heiterem Himmel. Sie ist eher mit dem Ausbruch eines Vulkans vergleichbar, gebrodelt hat es schon vorher. Die Funkstille entwickelt sich also eher leise, bevor es zum großen Knall kommt. Das ist auch das Fatale, denn diese zerstörerische Melange wird meist nicht bemerkt. Umso unverständlicher erscheint der vermeintlich plötzliche Kontaktabbruch. Die Verlassenen saßen mir nach Jahrzehnten des Abbruchs immer noch völlig fassungslos gegenüber. Die Abbrecher erschienen noch genauso verletzt, verwirrt oder gar wütend wie zu Beginn. Das Problem ist: Die Betroffenen können nicht abschließen, weil es keinen Schlussstrich gab. Es ist ein uneindeutiger Verlust, ein ambivalentes sich Verweigern - am Ende bleiben die Betroffenen auf unheilvolle Weise miteinander verbunden.

Sibylle Kölmel: Gibt es eine bestimmte Abbruch-Konstellation, die am häufigsten ist?

Tina Soliman: Die Funkstille passiert auch in Liebesbeziehungen oder zwischen Freunden, kommt aber erstaunlich häufig im familiären Kontext vor. Schweigen ist ein Werkzeug, das in vielen Familien als Bestrafung benutzt und über die Generationen weiter getragen wird. Wie auch Traumata unausgesprochen weiter gegeben werden können, werden auch Verhaltensweisen vermittelt, ja "vererbt", wenn man so will. Ein Kind, das mitbekommt, dass die Mutter den Sohn oder den Mann mit Schweigen straft, wird dieses vermeintliche Konfliktlösungsmittel eher übernehmen als ein Kind, das eine gesunde Diskussionskultur in der Familie erleben durfte. Wichtig erscheint mir, dass häufig in den  - ich nenne sie einmal "Funkstille-Familien"  - nicht richtig oder kaum  kommuniziert wurde. Die Familienmitglieder kümmerten sich nicht wirklich um einander, sondern ausschließlich um sich selbst. 

Oft sind Eltern fordernd, haben klare Vorstellungen, wie ihre Kinder sein sollen. Die sind aber anders, haben eigenen Vorstellungen, Ziele und Wünsche. Diese beiden Sichtweisen auf die Welt kollidieren häufig. Auch gut gemeinte Ratschläge und Hilfe können übergriffig sein, denn meistens sind sie nicht selbstlos. Die Eltern erwarten dafür etwas.

Das Schweigen  der Söhne und auch der Töchter ist dann ein Impuls, eine Art Überlebensinstinkt. Ihr Stillhalten ist eine Rebellion gegen die Eltern. Das Schweigen ist eine Rebellion. Sehr häufig brechen Söhne den Kontakt zur Mutter ab. Ein Betroffener versuchte, sich so aus einer symbiotischen Beziehung zu lösen und spricht von einem "Vernichtungskrieg" zwischen ihm und seiner Mutter. Ein Anderer konnte die Dominanz und Ignoranz der Mutter nicht mehr ertragen.  Sehr viel häufiger wird der Kontakt zur Mutter als zum Vater abgebrochen. Die Mutter scheint "schuld" zu sein, wenn ein Kind sich ungeliebt fühlt. Ich versuche in meinem Buch beide Seiten zu beleuchten und  aufzuzeigen, wie man sich wieder annähern kann, denn das ist möglich.

Sibylle Kölmel: Was gibt es aus Ihrer Sicht/Ihren Erfahrungen für Möglichkeiten (wenn diese überhaupt möglich ist!) das Leid für die Betroffenen zu lindern?

Tina Soliman: Es gibt keine fachlich ausgebildeten "Funkstille-Experten". Aber es gibt Fachleute, die sich um seelische Verletzungen und Störungen kümmern: Verhaltenstherapeuten, Psychologen, Psychiater, Psychoanalytiker. Letztendlich muss jeder für sich selbst herausfinden, welcher dieser Fachleute den Kern des Problems am besten erkennt und zeigt, wie man mit dieser sehr speziellen Problematik umzugehen lernt.

Sibylle Kölmel: Macht es Sinn, sich als Vermittler einzusetzen?

Tina Soliman: Sicher ist: der Schweigende will erst einmal in Ruhe gelassen werden. Er braucht Zeit um herauszufinden, was er will - was er fühlt und ob er überhaupt noch etwas fühlt.

Das ist wie ein Suizid mit Notausgang! Wie im Kontaktabbruch findet sich auch im Suizid das Fluchtthema, die Verzweiflung, das Nicht-mehr-weiter-Wissen, auch der Gedanke der Bestrafung. Viele Suizidenten wollen aber in erster Linie Ruhe und hoffen, im Tod keinen Anforderungen mehr standhalten zu müssen.  Der Suizid ist sicherlich der konsequenteste Kontaktabbruch. Die Funkstille kann lebensrettend, ja, überlebensnotwendig sein, kann vor dem Bruch mit dem kompletten Leben schützen. Das ist also fast wie beim Suizid, nicht ganz so radikal und unverrückbar, aber doch ähnlich. Die Funkstille ist also erst einmal eine ganz harte Grenze, die nicht zu durchstoßen ist, die respektiert werden sollte. Der Abbrecher braucht einen Schonraum, einen Rückzugsraum. Das Schwierige daran ist, dass er das dem Anderen eben nicht mitteilen kann, gerade weil er ja nun diesen Schutzraum braucht. Er kann sich nur sicher fühlen, indem er unerreichbar ist.

Plötzliche Besuche oder Anrufe bewirken jedenfalls keinen Rückzug vom Rückzug, sondern Abwehr! Freunde oder Verwandte als Vermittler einzuschalten funktioniert nicht. Der Abbrecher fühlt sich bedrängt und zieht sich noch stärker zurück. Denn er empfindet die Einmischung als Eindringen in seinen intimen, privaten Bereich - als eine Grenzüberschreitung, die er nicht erträgt.  Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Der Verlassene zieht selbst einen Schlussstrich und beendet damit den Schwebezustand -  oder er wartet, bis der Abbrecher wieder den Kontakt aufnimmt.

Eine weitere Möglichkeit wäre eventuell: Nach dem Bruch gibt es, wenn die Zeit des Schweigens vorbei ist, eine Neusortierung der Beziehung und damit eine andere Bindung. Einige der Protagonisten in meinem Buch haben das geschafft - ohne Vermittler.

Sibylle Kölmel: Welche Chancen, welche Möglichkeiten gibt es dennoch, einen totalen Kontaktabbruch wieder rückgängig zu machen? Haben Sie Wiederannäherungen im Verlauf Ihrer Gespräche auch erlebt?

Tina Soliman: Wichtig ist, darüber nachzudenken, wie die Beziehung, die Rollenverteilung vor dem Abbruch war und sich zu fragen, wieso hat der Verlassene nicht gemerkt, was sich anbahnte? Denn die Funkstille passiert nicht aus heiterem Himmel. Wie es scheint, fehlte zuvor das Gefühl dafür, was konkret verletzt oder wie sehr etwas bedrängt. Der Abbrecher sollte sich bewusst gemacht haben, dass man auf Dauer nicht vor sich selbst weglaufen kann, die Baustellen der Vergangenheit nicht schließen kann, indem man sie umfährt. Man kann sein Leben nicht wie eine Glühbirne aus der Fassung schrauben und an anderer Stelle neu einsetzen!

Kommunikationsproblemekommen ja auch nicht aus dem Nichts, sondern haben viel mit der Gesellschaft zu tun, wie sie nun einmal ist. Die Funkstille ist auch ein "Zeichen der Zeit", wie ich im Buch es beschreibe.

 

Zum Buch

Funkstille - Wenn Menschen den Kontakt abbrechen, Verlag Klett-Cotta, 17,95 Euro, ISBN: 978-3-608-94562-1


 

 

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