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Ärzte gegen Heilpraktiker

Mediziner werfen Heilern fehlende Kenntnisse vor. Eine Initiative aus Ärzten, Ethikern und Anwälten will ihnen viele ihrer Befugnisse entziehen. Was unterscheidet beide Berufsgruppen?

Von Stephanie Wesely
erschienen am 09.11.2017

Der Streit zwischen Ärzten und Heilpraktikern schwelt schon lange. Verfügen Heilpraktiker über ausreichend Wissen, um Patienten behandeln zu können? Jetzt soll der Streit zumindest in einem Punkt befriedet werden: Die größten Heilpraktikerverbände, Vertreter der Länder und der Ärzteschaft haben sich im Bundesgesundheitsministerium auf einheitliche Prüfungsbedingungen verständigt. 2018 treten diese Leitlinien in Kraft. Der Schutz des Patienten soll dabei stärker als bisher in den Blick gerückt werden, so das Ministerium. Ziel der neuen, umfangreicheren und schwierigen Prüfung ist es, dass Berufsanwärter die Grenzen ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zuverlässig einschätzen können und ihr Handeln angemessen daran ausrichten.

Die Kritik an den Heilpraktikern erhielt erst kürzlich neue Nahrung, als eine Initiative aus Ärzten, Ethikern und Anwälten der Uni Münster zu umfangreichen Reformen des Heilpraktikerberufes aufrief. In einem Memorandum sagten sie den Heilern, aber auch der gesamten Alternativ- und Komplementärmedizin den Kampf an. Aus ihrer Sicht dürften Heilpraktiker keine Krebskranken mehr behandeln. Auch invasive Maßnahmen wie Infusionen oder Spritzen wollen sie ihnen untersagen. Der sogenannte Münsteraner Kreis beruft sich dabei auf die Vorkommnisse im Biologischen Krebszentrum Bracht, wo offenbar durch eine nicht zugelassene Therapie Krebspatienten gestorben sein sollen. Sie fordern deshalb, dass bei allen Erkrankungen, die über eine Befindlichkeitsstörung hinausgehen, Heilpraktiker der ärztlichen Weisung und Kontrolle unterliegen müssen. Künftig will der Kreis die Heilpraktikerausbildung an einen medizinischen Beruf koppeln. Gelingt dies nicht, wird klar von der Abschaffung des Heilpraktikerberufs gesprochen.

Die Initiative aus Münster sehe es außerdem mit großer Sorge, dass sich immer mehr Ärzte komplementärmedizinischen Behandlungsverfahren wie Akupunktur und Naturheilkunde zuwenden. "Sie blenden dabei ihr Fachwissen erfolgreich aus", heißt es. Ethisch sei es nicht legitim, unterlegene und unwirksame Verfahren anzuwenden. Angehende Ärzte müssten in ihrer Urteilskraft gegenüber der Wirkungsweise dieser Behandlungsformen gestärkt werden.

"In Sachsen ist die Heilpraktikerprüfung schon seit sechs Jahren sehr anspruchsvoll", sagt Steffi Mehner, Landesvorsitzende des Berufsverbandes Freier Heilpraktiker in Sachsen. Gemeinsam mit zwölf weiteren Bundesländern habe der Freistaat 2011 die Prüfung vereinheitlicht. "Auch die Ausbildung in den Heilpraktikerschulen des Freistaats ist klar geregelt", sagt sie. Das geforderte Fachwissen in Anatomie, Physiologie und Pathologie werde längst vermittelt. Zudem komme ein Großteil der Berufsanwärter Sachsens aus medizinischen Berufen. Doch Mehner räumt auch ein, dass eine Zulassung zur Prüfung nicht an die Ausbildung in einer Heilpraktikerschule gekoppelt ist. Berufsanwärter könnten sich ihr Prüfungswissen auch im Selbststudium aneignen.

Die angedrohte Abschaffung des Heilpraktikerberufs würde einen Eingriff in die vom Grundgesetz geschützte Berufsfreiheit und in das Eigentumsrecht bedeuten, sagt Thomas Schulte, Fachanwalt für Arbeits- und Versicherungsrecht in Chemnitz. "Zugelassenen Heilpraktikern die Tätigkeitserlaubnis zu entziehen, ist nur möglich, wenn ihnen die Zuverlässigkeit fehlt, schwere strafrechtliche oder sittliche Verfehlungen vorliegen oder eine Gefahr für die Volksgesundheit besteht", sagt er.

Für Allgemeinmedizinerin Professor Antje Bergmann von der Uniklinik Dresden ist das Abhören der Lunge Routine.

Foto: Robert Michael

Arzt nur mit Studium

In Sachsen waren im letzten Jahr fast 6800 Ärzte in einer eigenen Niederlassung tätig. Ihre Zahl hat sich gegenüber 2011 nur gering - um rund 300 - erhöht. Das Fachgebiet mit den meisten Ärzten ist die Allgemeinmedizin, Psychiater gibt es in Sachsen am wenigsten.

So wird man Arzt: Um eine Approbation zu bekommen, muss nach bestandenem Abitur ein sechsjähriges Medizinstudium absolviert werden. Die Inhalte der Ausbildung sind staatlich vorgegeben. "Es gibt vier jeweils mehrtägige Prüfungen, die schriftlich oder mündlich erfolgen", sagt Erik Bodendieck, Präsident der Landesärztekammer Sachsen. Nach bestandenem zweiten Staatsexamen fordere die Behörde ein polizeiliches Führungszeugnis und ein ärztlichen Gesundheitszeugnis. Erst dann ist man Arzt.

Die Mehrzahl der Mediziner spezialisiere sich anschließend. Um Facharzt zu werden, braucht es weitere fünf bis sechs Jahre Weiterbildung sowie eine Prüfung vor der Fachkommission der Ärztekammer. Fachärzte sind Bodendieck zufolge gesetzlich verpflichtet, sich regelmäßig fortzubilden. Innerhalb von fünf Jahren müssten 250 Fortbildungseinheiten absolviert werden. "Ambulant tätige Ärzte verlieren ihre Kassenzulassung, wenn sie der Fortbildungspflicht nicht nachkommen", sagt er.

So behandelt der Arzt: Ärzte behandeln streng wissenschaftlich. Sie setzen nur Methoden und Arzneimittel ein, die nach oft mehrjähriger Prüfung zugelassen sind und ihre Wirksamkeit nachgewiesen haben. Eine weitere Richtschnur sind Leitlinien. Diese werden von den Fachgesellschaften für bestimmte Krankheiten erarbeitet. Hält sich der Arzt strikt daran, kann ihm im Fall eines unerwünschten Behandlungsergebnisses meist nur wenig passieren. Auch der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen kontrolliert, welche Behandlungen von der Krankenversicherung übernommen werden können.

Die Naturheilkunde oder die Komplementärmedizin sind beliebte Zusatzqualifikationen bei den Ärzten, sagt Professorin Antje Bergmann. Sie bildet an der Uni Dresden Studenten in Allgemeinmedizin und Naturheilkunde aus. Die Verachtung der Naturheilkunde durch den Münsteraner Kreis zeuge von mangelnder Sachkenntnis.

Heilpraktikerin Stefanie Bußhardt aus Dresden findet mit Kinesiologie heraus, welche Stoffe die Patientin nicht verträgt.

Foto: Bonss

Heilpraktiker sind frei

Heilpraktiker sind in ihren Diagnostikmethoden und Therapieentscheidungen an keinerlei Reglements gebunden, da die Krankenkassen die Kosten dafür nicht übernehmen.

So wird man Heilpraktiker: Voraussetzung für die Tätigkeit ist ein Mindestalter von 25Jahren, ein Hauptschulabschluss, ein polizeiliches Führungs- und ein Gesundheitszeugnis sowie die bestandene Überprüfung beim Amtsarzt. In Sachsen ist das Gesundheitsamt Görlitz für die Heilpraktikerprüfungen zuständig. Nach Auskunft von Steffi Mehner, Landesvorsitzende des Berufsverbandes Freier Heilpraktiker in Dresden, haben sich die Gesundheitsämter aller Bundesländer mit Ausnahme von Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern auf einheitliche Prüfungen verständigt. "Der Fragenpool wird vom Gesundheitsamt Ansbach gepflegt. Alle Ämter können dort Fragen einstellen. Auch der Prüfungstermin ist überall gleich", so Mehner. An die schriftliche schließt sich eine mündliche Prüfung an, die 60 Minuten dauert. Zwei Drittel der Anwärter in Sachsen bestehen die Prüfungen nicht.

Wie die angehenden Heilpraktiker zu ihrem Prüfungswissen kommen, ist aber nicht geregelt. Die überwiegende Mehrzahl absolviert die zwei- bis dreijährige Ausbildung an einer Heilpraktikerschule. 80 Prozent hätten auch eine medizinische Erstausbildung in der Krankenpflege oder als Notfallsanitäter abgeschlossen, sagt Dieter Siewertsen, Vorsitzender des Berufsverbandes der Freien Heilpraktiker. Ohne diese Ausbildung seien die Prüfungen nicht zu bestehen. Doch gesetzlich geregelt sei nichts, grundsätzlich könne man sich sein Wissen auch im Selbststudium aneignen.

"Eine Fortbildungspflicht gibt es auch für Heilpraktiker", sagt Siewertsen. Nämlich dann, wenn man Mitglied in einem der sechs Heilpraktikerverbände ist. Mehr als zwei Drittel seien in Verbänden organisiert. Allerdings bleibe ein Verzicht auf Weiterbildung ohne Konsequenz für die Berufszulassung.

Neben dem klassischen Heilpraktiker gibt es auch solche mit eingeschränktem Tätigkeitsfeld, zum Beispiel Heilpraktiker für Psychotherapie, für Physiotherapie und neuerdings auch für Podologie (medizinischer Fußpflege). Sie haben eine Ausbildung in dem Grundberuf abgeschlossen und dürfen im Unterschied zu ihren Berufskollegen auch Diagnosen stellen. Ohne Heilpraktiker-Abschluss setzen sie nur Verordnungen des Arztes um.

So behandelt der Heilpraktiker: Einen hohen Stellenwert nimmt beim Heilpraktiker die Diagnostik ein. "Sie erfolgt sehr differenziert und betrachtet die gesamte Lebenssituation", sagt Dieter Siewertsen. "Wir wollen wissen, welche Veränderungen im Körper, im Umfeld oder der Psyche des Patienten dazu geführt haben, dass zum Beispiel sein Blutdruck aus dem Lot gerät." Man behandele keine Symptome, sondern Menschen. Das könne dazu führen, dass zwei Patienten mit gleichen Symptomen völlig unterschiedlich behandelt werden. "Das ist nicht unwissenschaftlich, wie uns immer vorgeworfen wird, sondern patientenorientiert", sagt der Berufsverbandsvorsitzende.

Es gibt mehr als hundert verschiedene Naturheilverfahren. Hinzu kommen Methoden der Chinesischen Medizin, der Homöopathie und vieler anderer Bereiche. Die Therapiefreiheit sei für viele ein wesentlicher Grund gewesen, diesen Beruf zu ergreifen, erklärt Stefanie Bußhardt von der Heilpraktikerschule in Dresden.

Zu den Todesfällen im Krebszentrum Bracht sagt Siewertsen: "Das staatsanwaltliche Verfahren läuft noch. Die Ermittlungen haben aber keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Behandlung und den Todesfällen ergeben." Krebskranke, die sich in solche Zentren begeben, seien meist schulmedizinisch austherapiert, sagt er. Die Heilpraktiker seien die letzte Hoffnung, doch oftmals könnten auch die nicht mehr helfen. Überdies käme keiner auf die Idee, den Arztberuf abzuschaffen, weil ein Krebskranker trotz oder wegen der Chemotherapie gestorben ist.

Kommentar: Der Staat ist in der Pflicht

Heilpraktiker arbeiten unfreiwillig in einer Grauzone. Denn es gibt keine Vorgaben für eine einheitliche Aus- und Weiterbildung. Der Staat mogelt sich hier aus der Verantwortung, denn einerseits erteilt er Heilpraktikern eine Zulassung, andererseits knüpft er keine Forderungen daran. Sind ihm die Patienten egal?

Die Naturheilkunde hat besonders in Sachsen starke Wurzeln. Viele Menschen vertrauen darauf und dürfen dies auch weiterhin tun. Denn viele Verfahren haben ihre Wirksamkeit bewiesen. Wenn ein erlauchter Kreis sie pauschal als Hokuspokus degradiert, zeugt das von Überheblichkeit und wenig Sachverstand.

Vorkommnisse wie im Krebszentrum Bracht sind zwar Einzelfälle, bringen aber einen ganzen Berufsstand in Verruf. Die Schuldfrage ist noch nicht geklärt, doch deutlich wird, dass auch alternativmedizinische Behandlungen Kontrolle brauchen. Diese Pflicht hat der Staat. Denn Therapiefreiheit ist nur so lange gut, wie keiner Schaden nimmt.

 
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Kommentare
5
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 10.11.2017
    20:10 Uhr

    Einspruch: @Blackadder: Das war eine reine Feststellung, da gibt es keine Pointe. Und zaubern können die Heilpraktiker auch nicht. Mich stört nur, das die Ärzte die Schulmedizin als die einzig richtige darstellen wollen, obwohl sie oft hilflos ist.

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  • 10.11.2017
    18:18 Uhr

    1953866: @cn3boj00, wenn man nur wenigstens noch einen Hausarzt finden würde. Meiner geht demnächst in Rente, dann sieht es hier zappenduster aus.
    Zu den Osteopathen, da kann ich Ihnen nur zustimmen, auch wenn es nicht mich, sondern meine "bessere Hälfte" betrifft.

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  • 10.11.2017
    17:41 Uhr

    cn3boj00: Liebe Ärzte, als erstes solltet ihr dafür sorgen dass jeder Patient bei euch eine angemessene Behandlung erhält, dann dürft ihr euch anmaßen über andere zu richten. Als Kassenpatient bin ich doch kaum noch irgendwo gern gesehen. In den Vorzimmern sitzt das Patientenabwehr-Team, der Arzt hört nicht zu, die Behandlung wirkt nicht, aufwändige Ausschlussdiagnosen sind Fehlanzeige. Ein Heilpraktiker kann sich dieses Verhalten nicht leisten. Er wird das beste versuchen. Die wenigen die ich kenne verstehen etwas von dem was sie tun und sind gut ausgebildet, z.B. Osteopathen. Ob ihre Therapien besser wirken will ich nicht beurteilen, aber bei der Diagnostik kann sich mancher Arzt was abschneiden, etwa im orthopädischen bereich.

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  • 10.11.2017
    06:25 Uhr

    Blackadder: Aber habe jetzt in ihrem Kommentar die ganze Zeit gewartet,dass irgendwann die Pointe kommt,wo alle durch Heilpraktiker geteilt wurden und ein ewiges Leben erhielten. Kam aber nicht,also was wollen Sie uns damit sagen? Ja,es gibt sicher viele Ärzte, die nicht interessiert oder engagiert sind. Sicher passieren Fehler. Dennoch hat uns die Schulmedizin in den letzten paar hundert Jahren extrem weit gebracht und die Lebenserwartung ist enorm gestiegen.

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  • 09.11.2017
    19:50 Uhr

    Einspruch: Ich würde den Halbgöttern in Weiß ja gern zustimmen. Aber ihre streng wissentschaftlichen Methoden haben in der Familie gegen kaum eine schwerere oder chronische Krankheit etwas genutzt.
    Entweder sind die Leute gestorben oder haben sich mit ihren Einschränkungen abfinden müssen. Und bei Nebenwirkungen von Medikamenten kommt der offenbar auswendig gelernte Satz: "Das kann nicht sein", oder es gibt weitere Medikamente gegen die Nebenwirkungen, mit weiteren Nebenwirkungen.

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