Meine Kinder bekommen Globuli

Immer mehr Eltern in Sachsen schwören auf die Homöopathie - obwohl das Heilverfahren nach wie vor umstritten ist.

Wenn ihre Kinder krank sind, bekommen sie Globuli. "Auch Hausmittel setze ich häufig ein", sagt Jaqueline Wartke aus Limbach-Oberfrohna. "Damit habe ich immer gute Erfahrungen gemacht." Ben (6) und Anna (2) seien dann auch länger gesundheitlich stabil.

"Das stimmt", sagt Dr. Sabine Lorenz, Kinderärztin aus Chemnitz. Die Schulmedizinerin behandelt seit 23 Jahren homöopathisch. "Die Homöopathie ist eine Regulationsmedizin, sie regt die Selbstheilungskräfte an. Und das wollen wir ja gerade bei Kindern unterstützen", sagt die Ärztin. Sie ist eine von knapp 280 niedergelassenen Ärzten in Sachsen, die die Zusatzbezeichnung Homöopathie führen - jeder sechste Arzt im Freistaat behandelt mit dieser ganzheitlichen Methode.

Nicht nur bei akuten Beschwerden seien Sabine Lorenz zufolge Globuli & Co. angezeigt. Sehr gut ließen sich vor allem chronische Erkrankungen wie Asthma und Neurodermitis behandeln. "Die Schulmedizin unterdrückt oft nur die Symptome. Wird das Mittel weggelassen, bricht die Krankheit wieder aus", sagt sie. Diese Erfahrung hat auch Jaqueline Wartke gemacht. Ihre Kinder hatten von klein auf mit Hautproblemen zu kämpfen. Zwei Tage Cortisonsalbe linderten den Juckreiz zwar, doch danach sei alles viel schlimmer geworden. Die homöopathische Behandlung jedoch habe bei beiden Kindern die Krankheit zum Verschwinden gebracht, sagt sie.

Die Homöopathie arbeitet nach dem Ähnlichkeitsprinzip: Stoffe, die bei einem Gesunden eine bestimmte Krankheit auslösen, werden in potenzierter Form zu ihrer Heilung eingesetzt. Das Prinzip geht auf den Meißner Arzt und Chemiker Samuel Hahnemann zurück, der es vor mehr als 220 Jahren entdeckte.

Offensichtlich sind es diese starken Wurzeln, warum die Homöopathie besonders in Sachsen so beliebt ist. Bei der IKK classic wurden im Jahr 2016 bundesweit 15.200 Behandlungen bei homöopathischen Ärzten abgerechnet. Davon entfielen 29 Prozent auf Sachsen, bei Kindern waren es sogar 34 Prozent. Die Krankenkasse erstattet Versicherten ab zwölf Jahren die Kosten für ärztlich verordnete, nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel der Homöopathie bis maximal 50 Euro pro Jahr. Die Anzahl dieser Erstattungsanträge habe sich von 2014 bis 2016 sowohl bundesweit als auch in Sachsen fast verdoppelt. "Für Kinder unter 15 Jahren fielen die meisten an", sagt die sächsische Kassensprecherin Andrea Ludolph. Die Innungskrankenkassen gehörten 1995 zu den ersten, die als Modellvorhaben die Kosten für Homöopathie übernommen haben. So wie die IKK übernehmen mittlerweile alle großen Krankenkassen in einem bestimmten Umfang die Kosten für ärztlich erbrachte Homöopathie.

Und das, obwohl die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zuletzt im Mai 2017 wieder forderte, dass gesetzliche Krankenkassen keine homöopathischen Leistungen finanzieren dürften. Es sei absurd, wie viel Geld manche Kasse für solche Kügelchen und Tinkturen aus dem Fenster werfe, sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Auch Kritiker wie Norbert Aust vom Informationsnetzwerk Homöopathie warnen vor der Homöopathie: "Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es keine Erklärung, wie das Verfahren funktionieret." Die Konzentration der verabreichten Mittel sei viel zu gering. Oft sei gar kein Wirkstoff mehr nachweisbar. Aus seiner Sicht beruhe die Wirkung rein auf der Vorstellungskraft der Patienten. Fallen also immer mehr Eltern nur auf einen Placeboeffekt herein?

"Wir wissen, dass die Verdünnung der Grundsubstanzen der Auffassung der Pharmakologie widerspricht. Für sie bringt nur eine Erhöhung der Dosis mehr Wirkung", sagt Cornelia Bajic, Vorsitzende des Zentralvereins homöopathischer Ärzte, auf dem Weltkongress der Homöopathie 2017 in Leipzig. Doch die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sprechen für eine spezifische Wirkung der potenzierten Arzneimittel. Die Placebotheorie wollen Anhänger des Verfahrens deshalb nicht gelten lassen. Hinzu käme, dass kleinen Kindern, selbst Tieren und Pflanzen, die homöopathisch behandelt würden, keine Einbildung unterstellt werden könnte.

Professor Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Dresden, ist dem Placeboeffekt auf den Grund gegangen. Im Gegensatz zu den Homöopathie-Anhängern sieht er diese "erwartete Wirkung" gerade bei Kindern besonders gut gegeben: "Kinder sind begeisterungsfähiger und positiver denkend als Erwachsene. Das verstärkt die Placebowirkung sogar." Einen großen Einfluss auf die Bewertung von Wirksamkeit und unerwünschten Wirkungen hätten aber die Eltern. Sie seien diejenigen, die in Studien einschätzen, ob sich durch die Tabletteneinnahme etwas beim Kind verändert. Dennoch sei der Placeboeffekt nichts Negatives. "Er hat in Pädagogik, Psychotherapie und Medizin einen festen Platz und eine gute Wirkung", sagt er.

"Die Homöopathie ist zu einem einflussreichen Teil im Gesundheitssystem geworden", sagt Erik Bodendieck, Präsident der Landesärztekammer Sachsen. Zwar fehlt auch seiner Meinung nach der wissenschaftliche Beweis für die Wirksamkeit. "Doch viele Menschen, die diese Behandlung wählen, erwarten keine effektiven Mittel, sondern Kontakt und Zeit." Denn Gesprächsleistungen seien im deutschen Gesundheitssystem unterfinanziert.

Die Vorwürfe der fehlenden Wirksamkeit kennt Kinderärztin Sabine Lorenz schon seit Jahren. Die Ärztin lässt sich davon nicht beirren, "denn ich sehe die Erfolge dieser Heilkunst", sagt sie. "Ich bin immer wieder glücklich zu sehen, wie gut die Kinder darauf ansprechen und wie die belastenden Symptome verschwinden." Auch Jaqueline Wartke stören solche Warnungen nicht. "Wir haben einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, von denen viele, die Kinder haben, auf Homöopathie schwören", sagt sie.

In dieser Begeisterung liegen für Kinderpsychiater Rößner auch Gefahren. Nämlich dann, wenn wirksamere Therapien abgelehnt werden. Aus Sicht des Ärztekammerpräsidenten braucht es deshalb gute, verantwortungsvolle Ärzte, die ihren Patienten die Therapie empfehlen, die ihnen am besten hilft.

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