Wann Kassen für Osteopathie zahlen

Die Methode ist für viele die letzte Möglichkeit, um ihre Rückenschmerzen loszuwerden

Chemnitz. Rückenschmerzen und Migräne sind längst zu Volkskrankheiten geworden. Sie stellen aber auch klassische Fälle für die Osteopathie dar, denn ihre Ursache liegt oft an einer anderen Stelle des Körpers. Diese spürt der Behandler auf und regt mit gezielten Griffen - mal sanft, mal kräftig - die Selbstheilung an. Die Osteopathie ist eine rein manuelle Heilkunde, die vor mehr als 130 Jahren von Andrew Taylor Still, einem amerikanischen Arzt, entwickelt wurde. Sie verzichtet gänzlich auf Medikamente und Instrumente und beschränkt sich auf spezielle Zug- und Drucktechniken, um Funktionsstörungen im Körper aufzuspüren und zu behandeln.

Seit Jahresbeginn ist den gesetzlichen Krankenkassen durch das Versorgungsstrukturgesetz die Möglichkeit gegeben worden, Versicherten auch bisherige Nicht-Kassen-Leistungen in einem bestimmten Umfang zu erstatten. "Voraussetzung ist immer eine ärztliche Verordnung", betont Annett Böttcher, Sprecherin der Techniker Krankenkasse (TK) Sachsen. Neben der TK übernehmen einige Betriebskrankenkassen und die Hanseatische Ersatzkasse einen Teil der Kosten. Die Stiftung Warentest hat diese in der Zeitschrift "Finanztest" (Juniheft) aufgelistet (siehe Kasten).

"Leben ist Bewegung" lautet der Grundsatz der Osteopathie. Gemeint ist damit nicht nur die Beweglichkeit von Gelenken und Muskeln. Aus Sicht der alternativen Heilkunde hat jede große und kleine Struktur des Körpers - also auch Organe, Nerven und Sehnen - eigene Bewegungen. Sind diese durch Einflüsse, zum Beispiel Verletzungen oder Verspannungen, gestört oder gar verhindert, entstehen Einschränkungen. Diese versucht der Körper dank seiner Selbstheilungskräfte zunächst mit eigenen Mitteln auszugleichen, was aber nur für eine bestimmte Zeit geht.

Schafft es der Körper nicht mehr, dann entstehen Schäden an der betroffenen Struktur und Krankheiten brechen aus. Dabei äußern sich die Beschwerden manchmal erst nach vielen Jahren und nicht zwangsläufig da, wo sie entstanden sind, sondern an ganz anderen Stellen des Körpers. Das passiert in Form von Kettenreaktionen beim Ausgleichen der Fehlbelastungen.

Margrit Schneider, Osteopathin aus dem vogtländischen Adorf, berichtet von einem Patienten, der höllische Schulterschmerzen hatte. Die schulmedizinische Untersuchung ergab eine Veränderung an einer Muskelsehne, die scheinbar ständig gereizt wurde. Die Ursache des Reizes war jedoch unklar. Einige Wochen bekam er Spritzen und starke Medikamente. Die Beschwerden besserten sich nur jeweils für kurze Zeit, um dann wieder umso heftiger zuzuschlagen. Die Schulterschmerzen hatten ihre wahre Ursache im Darm und in der Leber. Ein Test bestätigte Margrit Schneiders Vermutung. Durch "Anheben", also Entlasten des gestörten Areals, ergab sich eine viel bessere Beweglichkeit des Arms. Eine alte Blinddarmnarbe übte einen starken Zug zwischen dem aufsteigenden und dem querverlaufenden Dickdarm nach unten aus. Das hatte einerseits mechanische Auswirkungen im Sinne einer Spannungskette über Leber und Zwerchfell, sowie Auswirkungen über Nerven, die den Schmerz auf die Schulter übertrugen. Einige Sitzungen genügten, um dem Körper seine Mobilität zurückzugeben. Tipps und Übungen für zu Hause rundeten die Behandlung ab. "Der Unterschied zur schulmedizinischen Behandlung ist die umfangreiche Ursachensuche. Dazu haben Kassenärzte aufgrund des Abrechnungssystems leider oft gar keine Zeit", weiß die Osteopathin aus Erfahrung.

Die Osteopathie berücksichtigt die verschiedenen Zusammenhänge im Organismus und betrachtet den Körper immer in seiner Gesamtheit. Das heißt, es wird nicht nur eine bestimmte Stelle behandelt, sondern immer der ganze Patient. So können Funktionsstörungen überall im Körper aufgespürt werden, auch bevor sie zu Beschwerden führen. Die Osteopathie eignet sich daher zur Behandlung zahlreicher Beschwerdebilder und gleichermaßen als präventive oder begleitende Maßnahme. Als nebenwirkungsarme Therapie ist sie auch für Kinder und Schwangere geeignet.

Als Beschwerden, bei denen die Osteopathie sehr gute Erfolge zeigt, nennt der Bundesverband Osteopathie neben Rücken- und Kopfschmerzen auch Gelenkprobleme, Schleudertraumen, Verdauungsstörungen, Narbenbildung oder Verwachsungen nach Operationen, Schwindel, Kiefergelenksprobleme, Schiefhals, Wirbelsäulenverkrümmung und Hüftschäden. Auch die Behandlung von Schreikindern und von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen oder Hyperaktivität kann mittels Osteopathie erfolgen. Die Grenzen der Behandlungsform liegen dort, wo die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht mehr greifen. In Notfallsituationen sowie bei schweren und akuten Erkrankungen kann sie die Schulmedizin mit einer medikamentösen oder operativen Behandlung nicht ersetzen. Oftmals kann eine osteopathische Behandlung andere Therapien aber sinnvoll ergänzen.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung und auch die Kostenerstattung durch die Krankenkassen ist die qualifizierte Ausbildung. Der Osteopath braucht ein umfassendes Wissen über Anatomie, Physiologie und Biomechanik sowie die Kenntnis der verschiedenen Griff-Techniken. Er absolviert eine mehrjährige Ausbildung.

Die Weltgesundheitsorganisation hat Ausbildungsstandards für Osteopathen formuliert. Sie sollen dazu dienen, die Ausübung der Therapieform gesetzlich zu regeln. Der Bundesverband Osteopathie sieht darin eine wichtige Vorlage für einen eigenständigen Gesundheitsberuf in Deutschland, denn außer in Hessen ist die Berufsbezeichnung nicht geschützt und damit nicht an Qualitätskriterien gebunden.


Kostenerstattung geregelt

Das Versorgungsstrukturgesetz, das zu Jahresbeginn in Kraft getreten ist, erlaubt allen gesetzlichen Krankenkassen, auch bisherige Nicht-Kassenleistungen zu erstatten, wenn diese medizinisch geeignet sind, um eine Krankheit zu erkennen, zu heilen, ein Fortschreiten der Krankheit zu verhüten oder Krankheitsbeschwerden zu lindern. Die Osteopathie gehört dazu.

Neben der Techniker Krankenkasse, die die Kosten für maximal sechs Sitzungen je Kalenderjahr und Versicherten übernimmt und dafür 80 Prozent des Rechnungsbetrages erstattet (maximal 60 Euro pro Sitzung), zahlen auch die Hanseatische Ersatzkasse sowie die Bahn BKK und die Betriebskrankenkassen ALP plus, Thüringer Energieversorger, Dürkopp Adler, Essanelle und Vor-Ort.

Zwei Voraussetzungen sind laut TK für den Anspruch nötig: Ein Arzt bestätigt formlos die Notwendigkeit einer osteopathischen Behandlung. Die Behandlung wird qualitätsgesichert von einem Leistungserbringer durchgeführt. Daher muss der Osteopath Mitglied eines Berufsverbandes der Osteopathen sein oder eine osteopathische Ausbildung absolviert haben, die zum Beitritt in einen Osteopathieverband berechtigt.

Die Kosten bezahlt der Versicherte zunächst selbst. Nach Vorlage der Rechnungen und der ärztlichen Bescheinigung erstattet die Kasse dann den entsprechenden Betrag.

Der Bundesverband Osteopathie führt Listen von Therapeuten, deren Leistungen von den genannten Krankenkassen anerkannt werden. (sw)

Service

www.bv-osteopathie.de

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