"Wechseljahre sind keine Krankheit"

Eine neue bundesweite AG will Frauen die schönen Seiten der Lebensmitte zeigen - Darunter zwei Wechseljahresberaterinnen aus Sachsen

Die Wechseljahre sind zwar kein Tabu-Thema mehr, doch immer noch fast ausschließlich negativ belegt: Hitzewallungen, Verfall, Hormontherapie. Die Dresdnerin Mariann Gellai (50) ist Wechseljahresberaterin und will Frauen die positiven Seiten zeigen. Mit Gleichgesinnten hat sie die erste bundesweite Arbeitsgruppe "Frau im Wechsel" gegründet. Katrin Saft hat sich mit ihr unterhalten.

Freie Presse: Frau Gellai, ist Wechseljahresberaterin ein neuer Beruf?

Mariann Gellai: Kein festes Berufsbild, aber eine Berufung. Es gibt inzwischen mehrere Ausbildungsstätten, die eine berufsbegleitende Qualifizierung zur Wechseljahresberaterin anbieten. Dabei geht es um eine ganzheitliche Betrachtung von Frauen, um die Zusammenhänge zwischen körperlichen, geistigen und seelischen Prozessen. Ich schätze, dass deutschlandweit über 100 Wechseljahresberaterinnen aktiv sind, meist nebenberuflich. Leider arbeitet jede für sich allein. Mit der neuen Arbeitsgemeinschaft besteht nun erstmals die Möglichkeit zum Austausch und Unterstützen. Wir erhoffen uns davon zudem mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema.

Bei Wechseljahres-Beschwerden gehen Frauen zum Gynäkologen. Wozu dann noch eine zusätzliche Beratung?

Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine Lebensphase. Sie werden oft mit der Menopause, also der letzten Blutung, verwechselt, die bei den meisten Frauen zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr stattfindet. Tatsächlich beginnen die Wechseljahre und die damit verbundenen Veränderungen aber schon etwa sieben Jahre davor und dauern bis etwa sieben Jahre danach an. Eine lange Zeit. Insofern lohnt es, sich aufmerksamer damit zu beschäftigen. Ärzte haben dafür aber oft nicht die nötige Zeit und bekommen eine umfassende Beratung auch nicht voll bezahlt. Jede Frau erlebt die Wechseljahre anders. Wir können individuell und unabhängig auf Probleme eingehen und verfügen über Spezialwissen und Erfahrungen.

Was sind denn die häufigsten Probleme von Frauen in den Wechseljahren?

Pauschal gilt: Etwa ein Drittel der Frauen hat keine, ein Drittel mäßige Beschwerden, und ein weiteres Drittel leidet darunter. Zu möglichen körperlichen Problemen, die mit der Hormonumstellung in Zusammenhang gebracht werden, gehören Hitzewallungen oder Gewichtszunahme. Doch vielen Frauen machen seelische Probleme viel mehr zu schaffen. Sie haben Angst vor dem Älterwerden und fürchten, als Frau nicht mehr anziehend zu sein. Manche haben Angst vor Krankheiten oder dem nicht mehr Gebrauchtwerden. Die Wechseljahre gehen oft mit einschneidenden Veränderungen in der Partnerschaft oder im Beruf einher. Die Eltern werden pflegebedürftig oder sterben. Die Kinder ziehen aus, Leere kommt, der Job ist nur noch Routine. Das alles kann überfordern. Insofern ist es ganz wichtig, innezuhalten, die Kräfte realistisch einzuteilen und das bisherige Leben anzuschauen. Daraus lassen sich neue Perspektiven entwickeln und das Selbstwertgefühl stärken.

Unser gesellschaftliches Bild von der Frau in der Lebensmitte heißt erfolgreich, immer noch fit und jung-dynamisch. Was soll denn dann so positiv sein, wenn im realen Leben Falten, Rettungsringe und Komplimente kommen, die mit "für Dein Alter" enden?

Wenn Frauen anfangen, sich mit dem Verfall zu identifizieren, haben sie schon verloren. Schönheit bedeutet nicht Faltenfreiheit. Selbst Botox lässt ältere Frauen nicht jünger aussehen, sondern halt nur wie ältere Frauen mit Botox. Alternativ sollten sich Frauen besser auf ihre Gesundheit und inneres Wachstum konzentrieren. Die meisten Frauen in der Lebensmitte können stolz sein auf das Erreichte. Nun ändern sich ihre Prioritäten. Es dreht sich nicht mehr alles um Kinder, Familie und Karriere. Die Frauen können sich wieder mehr um sich kümmern und herausfinden, wer sie wirklich sind, was sie wollen. Das bietet die Chance, noch mal Neues zu wagen, kreativ zu werden. Ich vergleiche die Wechseljahre gern mit einem Umzug. Der ist anstrengend. Wir überlegen, was wir mitnehmen wollen und was nicht. Alles ist durcheinander. Aber sind wir erst mal in der neuen Wohnung, können wir Neues ergänzen und es uns schöner machen.

Klingt toll. Doch viele Frauen stehen trotzdem vor der schwierigen Entscheidung: Ja oder Nein zu Hormonen. Die Studien zu möglichen Nebenwirkungen sind widersprüchlich. Was raten Sie?

Ich spreche generell nicht für oder gegen Hormone. Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Stand werden Hormone bei schweren Beschwerden für eine kurze Zeit in möglichst niedriger, individueller Dosierung empfohlen, sofern es keine Kontraindikationen gibt. Aber die Erkenntnisse ändern sich recht schnell. Ich ermuntere die Frauen, sich zu fragen: Will ich überhaupt Hormone einnehmen? Wenn ja, aus welchen Gründen? Wenn nicht, habe ich bereits ausreichend Selbsthilfe und naturheilkundliche Maßnahmen probiert, um mit meinen Beschwerden klarzukommen?

Sie meinen Schüßlersalze oder Bachblüten?

Unter anderem. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich gebe einen Überblick über unterstützende Mittel, alternative Behandlungsweisen und Tipps zum Gesundbleiben und Wohlfühlen. So geht es in der Beratung auch um Themen wie richtige Ernährung, Bewegung und Entspannung. Auf Wunsch verweise ich an Heilpraktiker oder Frauenärzte, die sich spezialisiert haben. Mir geht es um Information, Aufklärung und ganzheitliche Begleitung: Was ist mit mir los? Was kann ich für mich tun? Wo brauche ich Hilfe? Ich versuche, andere Sichtweisen zu eröffnen, Mut zu machen und Verständnis für diese Lebensphase zu entwickeln. Viele Frauen fühlen sich danach besser.

Und was kostet die Beratung?

Bei mir 40 Euro pro Stunde. Die Erstberatung dauert in der Regel 1,5 Stunden. Manchen Frauen reicht das schon, andere kommen mehrfach. Ich gebe auch Seminare, halte Vorträge oder komme zu Freundinnin-Kreisen. Im Mai biete ich erstmals Selbsterfahrungsurlaub für Frauen ab 40.

Wird Ihre Beratungsarbeit von Frauenärzten anerkannt?

Mit einigen Gynäkologen arbeite ich sehr gut zusammen, wünsche mir aber im Interesse der Frauen noch mehr. Die Situation ist vergleichbar mit der Tätigkeit von Hebammen. Auch die Schwangerschaft ist keine Krankheit. Die Hebamme begleitet die Schwangere vor und nach der Geburt. Bei Komplikationen geht's zum Arzt.

Neuerdings wird ja gern von den Wechseljahren des Mannes gesprochen. Beraten Sie auch Männer?

Mein Angebot ist auch für Männer offen. Ich denke aber, über männliche Probleme spricht es sich besser von Mann zu Mann. Wünschenswert ist, dass noch mehr Männer ihre Frauen beim Thema Wechseljahre unterstützen. Das klappt aber nur, wenn sie darüber Bescheid wissen.

E-Mail: info@frau-im-wechsel.de

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