Warum ist Jemen im Bürgerkrieg?

Man hört in den letzten Monaten immer wieder vom Bürgerkrieg im Jemen. Es gab ja früher zwei unabhängige Staaten im Jemen. Wie sind diese entstanden und wie/wann haben sie sich aufgelöst? Ist oder war dies ein Teil des jetzigen Konfliktes? (Diese Fragen hat Ursula Arnold aus Chemnitz gestellt.)

2004 kam es im Jemen zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen schiitischen Huthi-Anhängern und Regierungstruppen, 2014 brach erneut ein Bürgerkrieg aus. Die Ursachen des Konflikts liegen in den 1960er-Jahren, als der Jemen in zwei unabhängige Staaten geteilt war. Auch durch die Vereinigung 1990 konnte die Spaltung nicht überwunden werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg war der ehemals osmanisch-britische Jemen neu aufgeteilt worden. Im Norden entstand ein unabhängiges Königreich unter dem Imam Yahya. Der Süden verblieb weiterhin unter englischer Kontrolle. Bis 1962 - dann kam es zu einer Machtverschiebung: Die Monarchie der schiitisch-zaiditischen Imame wurde durch eine von Ägypten unterstützte Revolution gestürzt. Daraufhin riefen die siegreichen Rebellen im Norden des Landes am 26. September die Jemenitische Arabische Republik aus. Es entbrannte ein achtjähriger Bürgerkrieg mit den Royalisten. Der wandelte sich schnell zu einem Stellvertreterkrieg, bei dem die Republikaner weiterhin von Ägypten und die Royalisten von Großbritannien sowie Saudi-Arabien unterstützt wurden.

Die Bilanz war verheerend, ägyptische Truppen setzten chemische Waffen ein und es gab 200.000 Tote. Nachdem sich die Briten 1967 zurückzogen, wurde am 30. November nach sozialistischem Vorbild die Republik Südjemen ausgerufen. Ab 1970 kam es an der Grenze immer wieder zu Kämpfen. Daneben gingen die diplomatischen Bemühungen zur Wiedervereinigung jedoch weiter. Am 22. Mai 1990 war es dann soweit: Die Republik Jemen unter Präsident Ali Abdullah Salih, der bereits seit 1978 den Nordjemen regiert hatte, wurde ausgerufen. Die erhoffte Demokratisierung des Landes blieb aber aus. Trotz der ersten freien Parlamentswahlen im Jahr 1993 befand sich das Land schon ein Jahr später erneut in einem Bürgerkrieg, den die sozialistischen Streitkräfte verloren. Daraufhin flohen viele ihrer Anhänger ins Exil, de facto fanden keine freien Wahlen mehr statt. Salih erhielt bei seiner fünften Präsidentschaftswahl 96,3 Prozent der Stimmen.

Bereits nach dem Bürgerkrieg 1994 war die gewaltbereite al-Huthi-Bewegung als Gegenströmung zur zunehmend autoritären Regierungslinie entstanden. Die Huthis wollten die kulturelle und religiöse Integrität der ehemalig herrschenden Imame verteidigen. Die proamerikanische Sichtweise der Regierung auf die Irak-Invasion 2003 trug maßgeblich zu ihrer Radikalisierung bei. Die erste größere Auseinandersetzung begann 2004, als der politische Führer Hussein Badreddin al-Huthi verhaftet werden sollte. Bei Kämpfen wurde er drei Monate später getötet.

2009 begann unter dem Namen "Operation Verbrannte Erde" eine groß angelegte Offensive der Regierung gegen die Rebellen. Im Laufe dieser erlangte der Konflikt internationale Bedeutung. Das US-Militär bombardierte die Huthis und es kam zu Auseinandersetzungen an der Grenze zu Saudi-Arabien. Anfang 2010 wurde eine Waffenruhe vereinbart, jedoch scheiterten die Friedensverhandlungen und der Krieg tobte weiter. Im Zuge des Arabischen Frühlings musste Präsident Salih zurücktreten, er wurde 2017 von den Huthis umgebracht. Sein Nachfolger Abed Rabbo Mansur Hadi konnte die Kontrolle über das Land nicht aufrechterhalten. In der Folge erreichten die Huthis eine neue Machtfülle und besetzten die Hauptstadt Sanaa. Die Regierung um Hadi floh ins Exil nach Riad.

Seitdem versucht die Exilregierung, mit Hilfe von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten die Kontrolle über das Land zurückzuerlangen. Daneben bildete sich im Süden des Landes 2017 der Südübergangsrat, dieser behauptet von sich, die Interessen aller Südjemeniten zu vertreten. Zunächst arbeitete die Gruppierung mit der Exilregierung zusammen, doch 2019 eskalierte die Spannung zwischen den beiden Organisationen. Im April 2020 verweigerte der Südübergangsrat der Exilregierung die Rückkehr und proklamierte erneut eine Selbstverwaltung des Südjemens. Erst im Juli konnten sich die Konfliktparteien unter enormem Druck von Saudi-Arabien zu einer erneuten Zusammenarbeit durchringen. Die Vereinten Nationen forderten bereits 2015 den Rückzug der Huthi-Rebellen aus Sanaa und verhängten ein Waffenembargo. Deutschland beteiligte sich indirekt am Kriegsgeschehen durch Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien. Aufgrund zahlreicher Kritik beschloss die Bundesregierung im November 2018 einen Exportstopp.

Die humanitäre Lage im zerrütteten Land ist desaströs. Rund 20 Millionen Menschen haben keinen gesicherten Zugang zu Nahrung, es gibt 3,65 Millionen Binnenflüchtlinge, insgesamt leben im Jemen 29 Millionen Menschen. Die Corona-Pandemie und eine 2016 ausgebrochene Cholerawelle belasten die Bevölkerung zusätzlich. (mioss)

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