Warum heißen Herrscher oft "der Große"?

Warum tragen Herrscher wie Alexander, Karl, Friedrich und Katharina den Beinamen "der Große" beziehungsweise "die Große"? Geht das auf die Größe ihrer Länder oder auf ihre Leistungen zurück? (Diese Frage stellte Gudrun Neff aus Plauen.)

Der Beiname "der Große" hat seinen Ursprung in Mesopotamien. Assyrer und Perser führten den Titel "Großkönig" oder auch "König der Könige" für den ersten Herrscher im Lande. Ein Großkönig regierte über eine Vielzahl weiterer Könige und stand somit über diesen. Der Beiname entspringt damit einem formell verliehenen Titel, der bereits zu Lebzeiten des Herrschers vergeben wurde.

Aus diesem Ursprung heraus lässt sich auch der Beiname eines der wohl bekanntesten unter den "Großen" erklären - Alexander (356 bis 323 v. Chr.). Der makedonische König führte ihn, weil er in der Tradition der altpersischen Großkönige stand. Genau jener Alexander ist es aber auch, der den Übergang hin zu einer Interpretation des Beinamens im Sinne von Bedeutung und Leistung eines Herrschers markiert. Durch Alexanders herausragende politische Stellung infolge seiner Eroberungen wurde sein Beiname schon zu dessen Lebzeiten zunehmend im Sinne einer historischen Größe interpretiert. Das verstärkte sich nach seinem Tod.

Mit Alexander dem Großen trat dann diese Bedeutung immer mehr in den Vordergrund. Schon der etwa zweihundert Jahre später lebende römische Feldherr Gnaeus Pompeius gab sich selbst den Beinamen "Magnus" in Anspielung auf Leistung und Bedeutung von Alexander dem Großen. Dass sich ein Herrscher den Beinamen wie in diesem Beispiel selbst verlieh, ist aber eher eine Ausnahme. Einige "der Großen" wurden erst durch die Geschichtsschreibung zu solchen. Andere wurden durch die Kirche ernannt, weil sie sich um das Christentum besonders verdient gemacht hatten. Beispiele sind der römische Kaiser Konstantin der Große und Papst Leo I.

Die russischen Zaren Peter I. und Katharina II. kamen noch zu Lebzeiten per Resolution des russischen Senats zu ihren Beinamen. Katharina die Große ist übrigens die einzige "große" Frau. Karl der Große wurde bereits vor seiner Kaiserkrönung "großer König" genannt. Vermutlich spielte dabei auch seine Körpergröße von über 1,80 Meter eine Rolle. Preußenkönig Friedrich II, dort oft "der Große" genannt, bekam den Beinamen ebenfalls schon zu Lebzeiten wegen dessen Bedeutung und Machtfülle zuerkannt. Unprätentiös wie er war, soll ihm das aber ziemlich egal gewesen sein. Und der französische König Heinrich I. wurde "zum Großen" durch einen Übersetzungsfehler. Sein Beiname hieß im Lateinischen eigentlich "der Ältere".

Im Übrigen scheiterte auch gelegentlich der Versuch, nachträglich Personen der Zeitgeschichte durch den Beinamen "der Große" zu adeln. So wollte der deutsche Kaiser Wilhelm II. unbedingt, dass sein Großvater Wilhelm I. als "der Große" bezeichnet wird. Doch weder in der Bevölkerung noch in der Geschichtsschreibung konnte er sich damit durchsetzen.

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