Prora - das Ostseebad der 10.000

Die Lage, die Geschichte, die Dimensionen: Der Binzer Ortsteil Prora ist in jeder Beziehung etwas Besonderes. Aber kann man hier auch Urlaub machen?

Frau Google hat offenbar noch leichte Orientierungsprobleme. Wer ihrer netten Stimme nach Prora folgt, steht plötzlich vor einer Schranke - Baustelle. Der Wachmann zeigt Verständnis und dirigiert die fehlgeleiteten Gäste zur nächsten Querstraße. Dort endet die Fahrt abermals an einer Schranke. Aber die öffnet sich, sobald man den Klingelknopf betätigt und sich als Gast zu erkennen gegeben hat. Willkommen im Hotel Prora Solitaire.

In Prora kann man sich schon mal verfahren. Es gibt zwar nicht sehr viele Häuser, dafür sind sie außergewöhnlich lang - fast 500 Meter pro Block. Zum Vergleich: Die Wohnzeile an der Prager Straße in Dresden ist nicht mal halb so lang. Prora hat gleich mehrere dieser Blöcke, aufgefädelt wie an einer Schnur entlang der Ostseeküste. Ein Traum für die einen, ein Alptraum für die anderen. "20.000 Menschen sollten im KdF-Seebad Rügen gemeinsam Urlaub machen", sagt Gästeführerin Ellen Buttgereit. Die Abkürzung KdF steht für "Kraft durch Freude". So hieß die Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront, die die Nazis nach Auflösung der freien Gewerkschaften gegründet hatten.

An einem Modell im Dokumentationszentrum zeigt Frau Buttgereit, wie das Ganze mal aussehen sollte: Acht Blöcke, jeder mit 1250 Zimmern, jedes Zimmer mit Meerblick. Dazwischen zehn Gemeinschaftshäuser, zwei Theater, ein Kino, Schwimm- und Gymnastikhalle, Festhalle und Festplatz. Und, und, und. "Es war an alles gedacht", sagt die Gästeführerin. Nur nicht an den Krieg. Im Mai 1936 wurde der Grundstein für das KdF-Seebad gelegt, reichlich drei Jahre später marschierten die Deutschen in Polen ein. Für Prora bedeutete das zunächst einen Baustopp, dann das Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg plünderte die Rote Armee die Rohbauten, später besetzte die NVA das Gelände. Manche Blöcke wurden zu Kasernen ausgebaut, andere gesprengt.

Bis aus zwei deutschen Staaten wieder einer wurde. Was tun mit dem "Koloss von Prora"? Abreißen, forderten sogleich die einen. Erhalten, riefen die anderen. Das eine erwies sich so schwierig wie das andere. Und so passierte erst mal: nichts. Schließlich stellte der Bund die Anlage unter Denkmalschutz und bot sie zum Schnäppchenpreis feil. Buttgereit: "Damit begannen die Immobilienspekulationen." Ein Name, der dabei immer wieder genannt wird, ist der von Ulrich Busch. Er war der erste, der zwei Blöcke erwarb, zusammen für 455.000 Euro. Einen Block verkaufte er alsbald für 300.000 Euro weiter, der neue Besitzer machte noch mehr Reibach. Mit den Gewinnen schossen auch die Gerüchte ins Kraut. Wir treffen Ulrich Busch im Foyer des Hotels Prora Solitaire. Der Geschäftsmann trägt Anzug und Krawatte, auf seiner Visitenkarte stehen die Worte "Projektentwicklung & Design". Das Hotel im Block II empfängt seit Herbst 2016 Gäste, während in der Nachbarschaft noch die Bagger rollen und Bohrhämmer dröhnen. Es ist auch kein gewöhnliches Hotel, sondern es besteht aus über 100 Apartments und Suiten, die vornehmlich Kapitalanlegern gehören. In diesem und nächstem Jahr eröffnen weitere Hotels. Prora wird noch viele Jahre eine Baustelle bleiben. Ob sie hier Urlaub machen würde, fragen wir Gästeführerin Ellen Buttgereit. Sie entgegnet: "Ich wohne hier!"

Die Hoteliers und Vermieter im drei Kilometer entfernten Binz schauen mit Argwohn auf die neue Konkurrenz - völlig zu Unrecht, wie die 1. Stellvertreterin des Binzer Bürgermeisters, Romy Guruz, betont. Die Aufgabe in Prora bestehe vielmehr darin, "ein lebenswertes Ostseebad mit eigenem Charakter zu entwickeln, das genauso groß sein wird wie unser Ort selbst." Dazu gehörten auch der Bau neuer Straßen und komplett neue Straßennamen. Google muss also noch eine Menge dazulernen.

"Das ist eine Lebensaufgabe" 

Der Investor Ernst Ulrich Busch (53) ist in Binz so bekannt wie der Bürgermeister. Steffen Klameth sprach mit dem Sohn des Schauspielers Ernst Busch

Herr Busch, warum haben Sie in Prora investiert?

Ich bin Projektentwickler, ich will Geld verdienen. Und mich reizen schwierige Objekte, die niemand haben will.

Das Seebad Prora war eine Idee der Nazis. Hat Sie das nie gestört?

Nein, ich sehe es als Sieg über den Faschismus. Statt Gleichschaltung bietet unser Konzept individuelles Wohnen. Bei meiner Biografie muss auch niemand Angst haben, dass hier Traditionspflege betrieben wird.

Nach zwölf Jahren ist Ihr Block immer noch nicht fertig. Haben Sie sich überschätzt?

Mir war klar, dass das eine Lebensaufgabe ist. Das begann schon mit den Gesprächen zu den Baugenehmigungen und mit dem Denkmalschutz. Aber dieses Jahr wird Block II fertig.

Sind Sie mit Prora reich geworden?

Mir geht es gut.

Ab an die Küste 

Anreise: Von Chemnitz nach Prora mit dem Auto rund 560 km.

Doku-Zentrum: täglich geöffnet, Erw. 6 Euro, für Führung zzgl. 3 Euro.

Hotel Solitaire: Apartments (bis 4 Pers.) ab 89 Euro/Nacht.

Die Recherche wurde unterstützt vom Hotel Prora Solitaire.

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