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Die Gipfel des Ararat sind das Nationalsymbol von Armenien - obwohl sie sich in der Türkei befinden. Hier irgendwo soll Noah die ersten Reben gepflanzt haben.

Foto: Nora Miethke/I. Santrosyan (4)Bild 1 / 5

Schatten des heiligen Berges

In dem kleinen Land im Kaukasus haben viele Dinge ein biblisches Alter: Klöster und Höhlen, Weinfässer und sogar ein Schuh. Das lockt immer mehr Touristen an.

Von Nora Miethke
erschienen am 09.02.2018

So nah und doch so fern: Die zwei schneebedeckten Gipfel des Ararat begleiten uns, verfolgen uns nahezu auf unserer Fahrt von der Hauptstadt Eriwan in das Weintal Areni. Sie sind allgegenwärtig und doch nicht berührbar für die Armenier. Denn der biblische Berg, auf dem Noahs Arche gestrandet sein soll und der das Nationalsymbol Armeniens ist, befindet sich auf türkischem Boden.

Auch wenn sich der über 5000 Meter hohe Berg von armenischer Seite nicht besteigen lässt: Es gibt viele andere Orte, die eine Reise in die ehemalige Sowjetrepublik lohnen. Vor allem ist es aber die Herzlichkeit der Menschen, die anzieht. Um beides kennenzulernen, ist das Weinfest im Oktober in Areni, dem bekanntesten Weintal des Landes, ein idealer Auftakt.

Die Ausgelassenheit, mit der hier gefeiert wird, steckt an. Rauchschwaden wabern durch die Äste der Maulbeerbäume. Überall stehen Grills, auf denen lange Fleischspieße gedreht werden. Die Weinkönigin stampft mit nackten Füßen die Trauben im Eichenfass, umringt von jungen Mädchen in traditioneller Tracht, die sich wünschen, an ihrer Stelle zu sein. Unter dem Schutz weißer Zeltdächer bieten Winzer ihre edlen Tropfen aus der Voskani-Traube an, natürlich stilecht im Glas.

Neugierige können aber auch den Granatapfelwein oder Maulbeerschnaps aus einer der unzähligen Fanta- und Coca-Cola-Flaschen probieren, die sich auf den Tischen der Händlerinnen türmen. Sie bieten mit herzlicher Gastfreundlichkeit Kostproben von eingelegten Bohnen, Gurken und Pickles an. "Armenier lieben Pickles, sie servieren es mit Käse als Vorspeise", erzählt die Dolmetscherin. Als Souvenir für zu Hause empfiehlt sie jedoch Granatäpfel - das Nationalsymbol für Fruchtbarkeit und Reichtum. Es taucht auf Kirchenmosaiken und Hausfassaden immer wieder auf.

Im Nachbarland Georgien boomt schon seit einigen Jahren der Tourismus. Davon will nun auch die kleine Kaukasusrepublik am Kreuzpunkt zwischen Europa und Asien profitieren. Als ältester christlicher Staat der Welt - Gregor der Erleuchter erklärte vor über 1700 Jahren das Christentum zur Staatsreligion - mit all ihren Kirchen und Klöstern, umrahmt von bis zu 4000 Meter hohen Gebirgsketten, hat das Land für Studienreisende, Bergsteiger und Wanderer einiges zu bieten.

Immer wieder trifft man auf Armenier, die voller Leidenschaft dafür sorgen, dass diese Kleinode - oft mit Weltkulturerbe-Stempel - stärker bekannt werden unter den Weltenbummlern.

Einer davon ist Boris Gasparian, der uns durch die "Vogelhöhle" bei Areni führt. Der Archäologe leitete das Team, das hier im Jahre 2008 den bislang ältesten, vollständig erhaltenen Lederschuh fand; er wird auf etwa 3500 v. Chr. datiert. Auch 6000 Jahre alte Weinfässer wurden ausgegraben und andere Vorratsbehälter, die davon künden, dass diese Höhle schon zu dieser Zeit bewohnt war. In der Neuzeit lagerten Kaufleute hier ihre Waren, und 1915 versteckten sich dort einige Armenier vor dem Genozid durch die Türken.

Gasparian lässt die Frage nicht zu, ob das nun die ältesten Schuhe der Welt sind oder nicht. Für ihn zählt nur: "Der Schatz hier sind die Landschaft und die geologischen Materialien, die organische Dinge wie diese Schuhe so perfekt konservieren." Der Archäologe muss einen Weg finden, wie man die Vogelhöhle für die Wissenschaft erhalten kann, ohne sie für die Öffentlichkeit zu schließen. Keine einfache Aufgabe: Er erzählt von einem kleinen Mädchen, das mit seiner Familie extra aus Indien kam, um die 5900 Jahre alten Schuhe zu sehen: "Das Mädchen konnte ich doch nicht wegschicken."

Eine Hauptattraktion Armeniens hätte auch das Höhlendorf Old Khndzorek bei Goris sein können. Einst lebten dort bis zu 10.000 Menschen in Höhlen und angebauten Häusern. Es gab eine Bar, Ställe für die Tiere und auch eine Käserei. Das ist heute nur noch zu erahnen. Auf vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos sieht man, wie sich die Dorfbewohner einst an Seilen in ihr Zuhause hochgezogen haben. Im Jahr 1956 wurde das Dorf abgetragen, um es ein paar Kilometer weiter wieder aufzubauen. Zehn Jahre dauerte der Umzug, nur drei Prozent der Einwohner zogen mit. Tragisch, die Entscheider von damals wussten nicht, auf was für einem touristischen Schatz sie saßen. Richtig heben lässt sich dieser nicht mehr, aber die Überreste des Höhlendorfes können bei einer Wanderung zu Fuß erkundet werden.

Spektakulär ist die Anfahrt zur Ruhestätte der Reliquien von Armeniens Apostel Gregor dem Erleuchter. Seit dem Jahr 2010 können Touristen die 5750 Meter lange Distanz zwischen dem Ort Halidsor und dem Kloster Tatev bequem in einer Gondel überwinden. Die Seilbahn gilt als eine der längsten der Welt und hat 50 Millionen US-Dollar gekostet. Die Hälfte des Geldes hat ein armenischer Geschäftsmann gespendet.

Auf Spenden angewiesen ist auch Lilit Asatryan, die Gründerin des Nurik-Center in Akhtala, einer Bergbaustadt im Norden Armeniens. Sie will mit touristischen Projekten Frauen eine Jobperspektive geben. So können Besucher lernen, wie das traditionelle Brot Lavash entsteht - der hauchdünne Teig wird nur wenige Sekunden über einem Reisigfeuer in einem Erdloch gebacken. Im Angebot sind außerdem Workshops für Töpfern, Teppichknüpfen und Puppen basteln. Alles dies und handgefertigter Schmuck können auch im Souvenirladen erworben werden.

Keinesfalls versäumen sollten Touristen den Besuch des Klosters Akhtala. Die Muttergotteskirche birgt die besterhaltenen Fresken armenischer Wandmalerei aus dem 13. Jahrhundert. Die ältere Verkäuferin am Einlass hat ihr Deutsch- Lehrbuch aus Schulzeiten wieder hervorgeholt, um den Besuchern zu erklären, welches Fresko das Paradies zeigt und welches das Letzte Abendmahl. Sie hofft, ihr Deutsch noch häufiger üben zu können.



Foto: Ariane Bühner

Flug via Moskau

Anreise: Mit der Fluglinie Aeroflot kann man von Dresden und Berlin-Schönefeld via Moskau mehrmals am Tag nach Eriwan fliegen.

Einreise: EU-Staatsangehörige können visumsfrei einreisen. Der Pass muss fünf Monate über die Reise hinaus gültig sein.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist von Mai bis Juni, wenn alles blüht, und im September/Oktober.

Geld: Landeswährung ist der Armenische Dram (AMD). Ein Euro sind rund 600 AMD. Mit EC-Karte kann man nur in gehobenen Restaurants bezahlen.

Die Recherche wurde unterstützt von der staatlichen Tourismusbehörde und dem "My Armenia"-Projekt.

 
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