Unruhe im Garten Eden

Das Inselreich der Seychellen wird gern mit dem Paradies verglichen. Dafür spricht einiges - wenn da nicht gewisse Menschen wären.

Der Glaube stirbt zuletzt. Bei Don ist es der Glaube an das Gute im Menschen. Er eröffnete auf seinem Grundstück eine Bar, die es so auf der Insel Praslin und vermutlich auf den ganzen Seychellen noch nicht gab - mit Selbstbedienung und Kasse des Vertrauens. Passenderweise nannte er seine Schöpfung "Honesty Bar". Bar des Vertrauens.

Eigentlich heißt Don mit richtigem Namen Alwyd P. Talma. Und seine Bar ist nicht mehr als ein Bretterverschlag mit Plastikstühlen und einem Kühlschrank. Das Bier kostet 50, der Wein 60 Rupien (3,30 bzw. vier Euro). Gratis ist dafür der traumhafte Blick durch das Grün der Palmen auf das Blau des Indischen Ozeans. "Für die einen bin ich ein Verrückter, für die anderen ein Heiliger", sagt Don.

Die Lage der Bar ist spektakulär, der Weg dahin ein Abenteuer. Vom letzten Parkplatz am berühmten Strand Anse Lazio folgt man zu Fuß einem Pfad am Strand, muss mehrmals durchs warme glasklare Wasser waten, passiert einige der pittoresken Granitfelsen und steigt schließlich ein paar steinerne Stufen hinauf. Diesen Weg muss auch der 66-jährige Don gehen, wenn Nachschub notwendig ist. Das Anwesen, auf dem er mit seiner deutschen Frau lebt, hat bis heute keinen Straßenanschluss - was letztlich dazu führte, dass das Paar seinen Traum von fünf Gästebungalows begraben musste. Keine Zufahrt, keine Baugenehmigung. Stattdessen investierten die beiden alle Hoffnung in die Bar. Und in das Gute im Menschen. Leider nahm auch das kein gutes Ende, nicht mal im Paradies.

Paradies, so nennen viele den Inselstaat, der seit 1976 unabhängig ist. 115 Eilande sollen es sein, die weit verstreut im Indischen Ozean liegen. Ob diese Zahl stimmt, hängt wesentlich davon ab, wo man mit Zählen anfängt und aufhört. Viele ragen nur als kleiner Steinhaufen oder als Korallenbank aus dem Meer. Gerade mal acht sind ständig bewohnt, einige mehr befinden sich in privater Hand und sind Urlaubern mit sehr, sehr dickem Geldbeutel vorbehalten. Oder sie stehen unter Naturschutz und dürfen nur tagsüber betreten werden - oder eben gar nicht. Die meisten Urlauber kommen wegen der traumhaften Strände; glatt geschliffene Felsbrocken bilden natürliche Buchten, die Korallenbänke mit vielen bunten Fischen sind oft keine 50 Meter entfernt. Seychellen-Fans sind sich einig, dass es nirgendwo schönere Strände gibt. Der Streit geht allenfalls darum, welcher der allerschönste ist.

Fragt man die Einheimischen, ob sie in einem Paradies leben, dann fällt die Antwort eindeutig aus: "Natürlich sind die Seychellen das Paradies", sagt der Musiker Davis Accounche und liefert die Begründung gleich hinterher: Praslin sei genau jener Ort, den die Bibel als Garten Eden bezeichnet. Hier habe Gott Adam und Eva geschaffen, hier habe die Frau den Mann in Versuchung geführt. Beweise? "Die Coco de Mer wächst nur hier", sagt Davis. Die Meereskokosnuss sei das Objekt der männlichen Begierde gewesen, nicht der Apfel. Äußerlich gleicht sie einem Herz, das Innere ruft Assoziationen an das weibliche Becken wach. Und die Frucht der männlichen Palme erinnert, wen wundert's, an einen Phallus.

Die alternative Story vom Garten Eden wird hier gern erzählt. Sie fußt auf der kühnen Theorie eines gewissen General Gordon, hat aber einen kleinen Haken: Die Coco de Mer gedeiht nämlich nachweislich nicht nur auf Praslin, sondern auch auf der Nachbarinsel Curieuse Island. Ungewöhnlich, ja einzigartig, ist die Frucht allemal. Ihr Samen könne bis zu 18 Kilo schwer werden, erfahren Besucher bei einer Tour durch das Vallée de Mai. Der Nationalpark im Zentrum von Praslin gilt als größtes Vorkommen der Palme, rund 5000 Exemplare soll es an diesem Ort geben. Daneben wachsen hier noch weitere vier endemische Palmenarten. Mit den geübten Augen der Ranger entdeckt man im immergrünen Dschungel auch seltene Tiere wie den Bronze-Gecko und den Schwarzen Papagei. Der Nationalvogel fühlt sich in der Gegenwart der Nationalpflanze offenbar richtig wohl.

Zum Essen wäre die Coco de Mer übrigens viel zu schade. Touristen nehmen sie gern als Souvenir mit nach Hause - wenn sie es sich leisten können. Um die 500 Euro muss man dafür hinlegen. Offiziell. Unter der Hand bekommt man sie auch schon für weniger als ein Zehntel dieses Preises, verrät Barkeeper Don. Dann aber ohne Zertifikat - und das könne bei der Ausreise richtig teuer werden. Weil die Pflanze so rar und so stark gefährdet ist, ist die Ernte streng reglementiert. Was Kriminelle nicht davon abhält, ein Geschäft daraus zu machen. Erst neulich hätten sie auf seinem Grundstück drei Palmen gefällt, erzählt Don. Die Chinesen würden Unsummen für das Innere der Nuss zahlen, weil sie es als Aphrodisiakum schätzen.

Je länger man mit den Seychellois spricht, desto mehr Risse bekommt das Bild vom Paradies. "Die Touristen bringen so viel Geld ins Land - und wo geht es hin?", fragt Davis, der Musiker. Ohne Beziehungen zu den Behörden laufe nichts, sagt er, und man hört heraus, dass er nicht über solche Beziehungen verfügt. Der Künstler Egbert Marday hat, inspiriert von einem James-Brown-Song, ein Bild mit dem Titel "King Heroin" gemalt. Immer mehr junge Leute nähmen Drogen, berichtet er, die Ware sei leicht zu beschaffen, weil die Seychellen auf wichtigen Handelsrouten liegen. Eine starke Marine könne das verhindern, meint Egbert, aber stattdessen werde eine starke Polizei finanziert, die den Präsidenten und die Minister beschützen soll.

Urlauber bekommen von den Problemen der Einheimischen wenig mit, von den hohen Preisen mal abgesehen. Zwar gibt es auf den Seychellen keine Armut wie etwa in Afrika. Mit einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet 500 Euro kann aber hier niemand große Sprünge machen. Das meiste, was es in den Geschäften zu kaufen gibt oder in den Restaurants angeboten wird, muss importiert werden. Wenn eine Lieferung ausbleibt, dann ist das halt so. Und manche Dinge gibt es gar nicht. "Wenn ich nach Deutschland fliege, freue ich mich auf Rouladen und Maultaschen", sagt Gerda, die aus dem schwäbischen Böblingen stammt und bereits seit 40 Jahren die meiste Zeit des Jahres auf Praslin lebt.

Als noch niemand an Tourismus auf den Seychellen dachte, kauften Gerda und ihr Mann ein Stück Land. Gemeinsam betrieben sie eine Farm, hielten Rinder und ernteten Kokosnüsse. "Es war harte Arbeit, wir hatten keinen Strom", erinnert sich die 69-Jährige. "Aber es war das Paradies." Heute sei vieles leichter, nur nicht unbedingt besser. "Zu viele Häuser und zu viele Menschen." Ein Satz, den man auf den größeren Inseln häufig hört. Tatsächlich steigen die Besucherzahlen Jahr um Jahr, zuletzt waren es 350.000. Aber ein zweites Mallorca werden die Seychellen nie sein.

Selbst am berühmten Strand Anse Lazio haben die Badegäste so viel Platz wie die Riesenschildkröten auf der Naturschutzinsel Curieuse. Der Sand ist fein, das Wasser warm. Fehlt nur noch ein kühler Drink - aber die "Honesty Bar" ist ja nicht fern. Ein Stück am Meer entlang, an den Felsen vorbei und die Stufen hinauf. Don freut sich über jeden Gast - auch wenn der Barchef nun persönlich das Geld für die Getränke kassiert. Denn, leider, hätten manche Leute das Vertrauen missbraucht und sich einfach so bedient. Andere, schlimmer noch, entwendeten sogar die Kasse. Das wollte seine Frau nicht länger mitmachen. Deshalb steht Don seit knapp zwei Jahren persönlich hinterm Tresen, sobald der Hund die ersten Gäste meldet.

Neuerdings bietet er nicht nur Getränke feil, sondern auch T-Shirts. Darauf steht in großen Buchstaben der Satz: "Faith in Humanity restored". Der Glaube an die Menschheit ist nicht totzukriegen - schon gar nicht im Paradies.


Immer schön 

Anreise: Der internationale Flughafen auf Mahé wird von zahlreichen Fluggesellschaften angesteuert. Condor fliegt direkt ab Frankfurt. Turkish Airlines bietet den Start in Leipzig (mit Umsteigen in Istanbul) an. Flugzeit: ab 10 Std.

Einreise: Mit Reisepass, Buchungsbestätigung für die erste Unterkunft und Rückflugticket.

Zeitverschiebung: Die Seychellen sind uns im Sommer zwei Stunden voraus, im Winter drei.

Beste Reisezeit: Die Inseln sind ein ganzjähriges Reiseziel mit Tagestemperaturen knapp unter 30 Grad. Die Wassertemperatur schwankt zwischen 23 und 28Grad. Die meisten Niederschläge fallen von Dezember bis Februar.

Geld: Offizielle Währung ist die Seychellen-Rupie, die man an Automaten und in Wechselstuben erhält. Viele Hotels und Restaurants akzeptieren auch Euros, kassieren allerdings einen Aufschlag.

Sicherheit: Die Seychellen gelten als sicheres Reiseziel. Dennoch sollte man allgemeingültige Regeln beachten, insbesondere an leeren Stränden. Beim Baden unbedingt auf Warnschilder achten.

Internet: Die meisten Resorts, Hotels und Gästehäuser verfügen mittlerweile über WLAN. Internetcafés gibt es auf den drei Hauptinseln Mahé, Praslin und La Digue. Alternative ist eine lokale Sim-Karte.

Transfers: Zwischen den größeren Inseln verkehren Fähren (25 - 50€/Vorausbuchung empfehlenswert), von Mahé nach Praslin, Bird und Denis Island auch Flieger.

Inselhopping: Die Vielfalt der Seychellen erlebt man am besten bei einer Kombinationsreise. 14 Tage mit drei Inseln kosten inklusive Flüge und Transfers bei Seyvillas ab 1600 €.

Buchtipp: Reisehandbuch Seychellen, Dumont, 344 S., 23,99 €. Einen sehr praktischen Online-Reiseführer gibt es unter www.seyvillas.com.

Die Recherche wurde unterstützt von Seyvillas und Turkish Airlines.


Doppelzimmer für 60 und 6000 Euro 

Wer sich im Internet auf die Suche nach Reisen zu den Seychellen begibt, landet früher oder später auf der Plattform Seyvillas. Julian Grupp (39) ist einer der beiden Geschäftsführer und hat die Inselgruppe schon häufig besucht. Steffen Klameth sprach mit ihm.

Freie Presse: Sehr schön, aber sehr teuer, sagen die meisten über die Seychellen. Stimmt das?

Julian Grupp: Sehr schön stimmt auf jeden Fall. Preislich ist die Spannweite wesentlich größer, als vermutlich die meisten denken.

Zum Beispiel?

Etwa die Hälfte der 230 Unterkünfte, die man bei uns buchen kann, kosten unter 100 Euro pro Nacht im Doppelzimmer. Die Preise starten bei 60 Euro für zwei Personen, im Luxusbereich können es auch mal 6000 Euro sein. Flüge gibt es je nach Saison und Auslastung ab 600 Euro.

Wie können Urlauber ihre Reisekasse noch schonen?

Appartements und Selbstversorgung sind deutlich günstiger als Hotels und Resorts. Man kann sich in den Supermärkten oder auf lokalen Märkten versorgen, außerdem gibt es zahlreiche Take-away-Restaurants, wo die Gerichte nur zwischen drei und fünf Euro kosten. Viel Geld kann man auch sparen, wenn man die Inseln mit den lokalen Bussen erkundet. Ein Busticket kostet umgerechnet nur rund 30 Cent.

Auch Gästehäuser sind recht preiswert. Welchen Komfort darf man da erwarten?

Wer beim Service Abstriche machen kann, also auf Dinge wie Spa, Roomservice, Kinderbetreuung, Hotelrestaurant usw. keinen großen Wert legt, findet in Gästehäusern eine sehr persönliche Alternative zu den größeren Hotels.

Was ist eigentlich Ihre Lieblingsinsel?

Ich liebe die ganzen Seychellen. Aber ganz persönlich habe ich mich besonders in Alphonse Island verliebt, weil ich hier meinem Hobby nachgehen kann: Die Insel ist weltweit eine Top-Destination für Salzwasser-Fliegenfischen.

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