Wenn morgens das Bett nass ist

Wie Eltern ihren inkontinenten Kindern helfen können, erklären sächsische Ärzte beim Telefonforum

Frau H. sucht Hilfe für ihre neunjährige Tochter. Seit drei Jahren pullert sie nachts ein, und nichts scheint dagegen zu helfen. "Sie hasst es, abends die Windel anzuziehen. Nun möchte die Klasse auf Landheimfahrt gehen und uns stehen die Haare zu Berge. Das seelische Problem wird noch größer", schreibt die Mutter. Diese und viele ähnliche Zuschriften haben uns vor unserem Telefonforum zum Thema Bettnässen erreicht. Sie zeigen, wie sehr nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern und Großeltern leiden. Vier Experten - Urologin, Kinderpsychiaterin und Kinderchirurgen der Unikliniken Dresden und Leipzig - gaben Rat. Susanne Plecher hat alles notiert.

Ab wann ist es problematisch, dass ein Kind nachts einpullert?

Bis zu fünf Jahren ist es durchaus normal, dass Kinder nachts einnässen. Das kann ganz banale Gründe haben. Manche Kinder finden die Toilette unangenehm, haben Angst, hineinzurutschen oder ihnen ist der Weg dahin zu dunkel. In manchen Familien ändern sich die Rahmenbedingungen - durch einen Umzug oder weil Geschwisterkinder geboren werden. Oft hilft ein Nachtlicht, oder dass das Abendbrot wieder zeitiger eingenommen wird. Wenn das Kind häufiger als zwei Nächte pro Monat einnässt, sollte genauer hingeschaut werden. Es kann zu Rückfällen kommen, wenn Kinder krank, übermüdet oder gestresst sind oder Veränderungen eingetreten sind.

Warum wird mein Sohn (fast 8) nicht munter, wenn die Blase voll oder das Bett nass ist? Was können wir tun?

Die Ursachen dafür sind nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus einer Entwicklungsverzögerung der zentralnervösen Blasenkontrolle und der Regulation der Urinproduktion. Generell sollte zuerst das Trinkverhalten dokumentiert werden. In vielen Fällen stellt sich dabei heraus, dass die Kinder abends zu viel trinken oder zu viel Obst essen. Das ist besonders bei Wassermelone oder Ananas problematisch. Achten Sie darauf, dass Ihr Sohn gleichmäßig über den Tag verteilt trinkt und nicht erst am Nachmittag damit beginnt. Versuchen Sie, die Trinkmenge abends zu reduzieren. Spätestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen sollte er nichts mehr trinken. Funktioniert das nicht, machen Sie ein Verhaltenstraining mit einer Klingelmatte oder -hose.

Viele Kinder werden in der Nacht geweckt und auf die Toilette gesetzt, manche sogar prophylaktisch, obwohl sie noch nie eingepullert haben. Sie bekommen davon meist nichts mit. Ist diese Methode überhaupt sinnvoll?

Dann bleibt das Bett vielleicht trocken, aber die Ursache ist nicht behoben. Ziel ist ja, dass das Kind irgendwann automatisch aufwacht, wenn es pullern muss. Kann es das nicht von alleine, muss es antrainiert werden. Dafür muss das Kind wach sein, damit es den Harndrang selbst spürt. Daher wird nicht mehr empfohlen, Kinder prophylaktisch aus dem Schlaf zu reißen.

Unser Kinderarzt empfiehlt unserer Tochter eine Klingelhose. Was ist das?

Ihr Arzt rät zu einer sogenannten apparativen Verhaltenstherapie. Dabei wird mit einer Klingelhose oder Klingelmatte das Wachwerden trainiert. Diese Geräte sind mit einem akustischen Signalgeber verbunden. Trifft Urin darauf, ertönt ein schriller Alarmton und weckt Kind und Eltern. Dem Kind wird signalisiert, dass es auf Toilette muss. Dadurch kann es nach ausreichender Zeit ein Gefühl für das Bedürfnis entwickeln. Das Kind muss aber vollständig wach sein, sonst geht der Lerneffekt ins Leere. Die Therapie muss 30 bis 50 Nächte durchgehalten werden. Das ist für alle sehr anstrengend, auch die Eltern müssen sie durchhalten. Langfristig hilft das aber bei der Hälfte der Patienten.

Unser Enkel (10) war ein halbes Jahr kontinent und pullert wieder jede zweite Nacht ein. Woran kann das liegen?

Es ist durchaus möglich, dass es "kleine Rückfälle" gibt. Manchmal hängt das auch mit einer Blasenentzündung zusammen. Lassen Sie das vom Arzt abklären.

Unsere Tochter (8) ist nur phasenweise nachts trocken. Sie ist gut entwickelt, hat keine Schulprobleme und viele Freunde. Wir haben es mit einer Klingelhose, dem Belohnungskalender und der Dokumentation der Trinkmenge probiert. Organisch ist sie gesund. Was können wir noch versuchen?

Sie sollten überlegen, ob es Anlässe für das Einnässen gibt. Hat sie Ängste entwickelt? Gab es Veränderungen in den familiären Abläufen? Dokumentieren Sie, wie oft Ihre Tochter einnässt, und überlegen Sie, ob die Klingelhose lange genug zum Einsatz kam. Gegebenenfalls sollten Sie mit dem Kinderarzt besprechen, ob ein Kindertherapeut zurate gezogen werden sollte.

Brechen wir die Alarmtherapie bei meinem Sohn (11) ab, ist sein Bett wieder nass. Wäre eine Hypnose sinnvoll?

Schaden würde sie sicher nicht, aber es gibt keine validen Studien, ob sie wirkt. Ebenso wenig für Akupunktur oder Chirotherapie. Beginnen Sie mit einer langsamen Entwöhnung der Alarmtherapie.

Meine Enkelin (5) nässt nur tagsüber ein. Ich denke, dass sie so in ihr Spiel versunken ist, dass sie nicht bemerkt, wann sie muss. Was können wir tun?

Es ist völlig normal, dass Kinder sich im Spiel verlieren. Schicken Sie sie regelmäßig auf Toilette, alle zwei bis vier Stunden. Achten Sie darauf, dass die Blase wirklich leer ist. Viele Kinder bleiben zu kurz auf dem Klo sitzen. Das Gehirn muss lernen, dass es normal ist, auf Toilette zu gehen. Deshalb sollte Ihre Enkelin auch dann mindestens eine Minute sitzenbleiben, wenn sie gar nicht muss. Belohnen Sie sie dafür.

Unsere Tochter (7) pullert ein und war nachts noch nie trocken. Was raten Sie?

Zunächst sollten Sie abklären lassen, ob bei Ihrer Tochter körperlich alles in Ordnung ist. Stellen Sie sie dem Kinderarzt und danach einem Kinderurologen vor.

Ab wann verordnen Sie Medikamente?

Wenn die Urotherapie (Schulung des Verhaltens und der Trinkgewohnheiten) nicht den gewünschten Erfolg bringt.

Kann man ADH spritzen lassen?

Das Antidiuretische Hormon (ADH) hemmt die Urinproduktion in der Nacht. Es wird als Tablette verabreicht, nicht gespritzt. Ab sechs Jahren kann man beginnen.

Unser Sohn (5) macht nur in die Windel, meist nachts. Wenn er drücken soll, verschließt sich das Poloch.

Der Tonus des Beckenbodens ist zu hoch. Das Kind hat die Erfahrung gemacht, dass der Stuhlgang durch harten Stuhl Schmerzen verursacht, und hält ihn daher zurück. Im Schlaf lässt die Anspannung des Beckenbodens nach, er kann loslassen. Der Mastdarm muss regelmäßig entleert werden, z.B. mittels Sennesblättern. Diese Kapseln werden abends eingenommen und regen die Darmperistaltik an. Stuhlweichmacher wie Macrogol regen den Darm nicht an, und führen oft nur zu noch mehr Stuhlschmieren. Ihr Sohn sollte in einem kinderchirurgischen Kontinenzzentrum untersucht werden.

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