Tacheles am Bürger-Stammtisch

Zum dritten Dialogforum der Landesregierung kamen am Dienstagabend knapp 200 Teilnehmer nach Chemnitz. Es ging nicht nur um Flüchtlinge, sondern auch um ganz reale Existenzängste.

Chemnitz.

"Wir kämpfen um unseren Arbeitsplatz", sagt Reinhard Nowak. Der 56-Jährige ist mit einem Kollegen aus Waldheim gekommen. Sie arbeiten für den Betreiber eines Wasserkraftwerks und beklagen, die von der Landesregierung eingeführte Wasserentnahmeabgabe sei für die Firma existenzbedrohend. CDU-Fraktionschef Frank Kupfer, der sich zwischen sie gesetzt hat, ist der perfekte Adressat: Das Gesetz stammt aus seiner Zeit als Umweltminister. Der Tisch ist bunt gemischt: Pedro Montero (49), ein Softwareentwickler aus Peru, seit 25 Jahren in Chemnitz, macht sich für die leichtere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse stark, Gabriela Olescher (61) macht sich Sorgen, dass so viele junge Sachsen abwandern.

Knapp 200 Bürger haben sich an diesem Dienstagabend im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz eingefunden. Die Landesregierung hat erneut Anlauf genommen zum "Miteinander in Sachsen". Zum dritten Mal gibt es das Dialogforum, eine Art Stammtisch, an dem sich das Volk mit seinen Politikern versammelt - ins Leben gerufen, als die Pegida-Demonstrationen in Dresden zu Jahresbeginn immer mehr Zulauf bekamen.

Beim ersten Forum mussten die Plätze noch verlost werden, diesmal wäre noch Platz für 100 Leute mehr gewesen. Viele Menschen jenseits der 50 sind in das Chemnitzer Museum gekommen, zwei Drittel Männer. Bei Brezeln und Mineralwasser reden sie an 15 Tischen über "Bürger, Gesellschaft und Politik", an 17 über "Asyl und Integration".

Dort geht es richtig zur Sache. "Wir haben schon genug Ausländer, wir brauchen keinen einzigen mehr", poltert Jürgen Vater (65) aus Leipzig. "Die Entwicklungshilfe kommt in Afrika nicht an", meint Manfred Mehlan (71) aus Chemnitz. Und Gabriele Fritsch (60), ebenfalls eine Einheimische, stellt klar: "Kriegsflüchtlinge ja - Wirtschaftsflüchtlinge nein."

Zugehört hat der Ausländerbeauftragte Geert Mackenroth (CDU). Als die Runde nach einer Stunde wechselt, konstatiert er, die Bürger am Tisch hätten durchaus auf Argumente gehört. Einig sei man sich, dass man Flüchtlinge, die Schutz brauchen, schützen wolle; man habe aber auch jede Menge Systemkritik geübt. "Es hat Freude gemacht, wir haben Tacheles geredet."

Der CDU-Fraktionschef hat derweil am Nachbartisch erklärt, die Wasserabgabe solle überprüft werden. Reinhard Nowak ist seine Existenzängste nicht völlig los. "Aber Herr Kupfer hat sie abgemildert."
Politik soll nicht losgelöst vom Bürger agieren, Gesetze sollen konsequenter angewendet werden - so lauten zentrale Botschaften vor der Abschlussdiskussion. Und eine Frage bleibt. Ein junger Mann auf dem Podium spricht sie ins Mikrofon: "Was passiert nach dem Tag? Werden die Sachen mitgenommen?"

Im Juni wird es ein viertes Dialogforum in Leipzig geben. Dann sollen Migranten mit Politikern ins Gespräch kommen.

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