Wie ihr wollt!

Am Sonntag ist Internationaler Kindertag. Das Recht sich einzumischen haben Kinder das ganze Jahr über. Wo Deutschland Nachholbedarf im Umgang mit dem Nachwuchs hat, erklärt der Soziologe Ronald Lutz. Wie es funktionieren kann, zeigt ein Besuch in der Kita "Pampelmuse".

Chemnitz.

Freie Presse: Herr Lutz, ist Deutschland ein kinderfreundliches Land?

Ronald Lutz: Nicht so sehr. Wenn man bedenkt, dass wir es bis heute nicht geschafft haben, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern.

Aber es gibt die UN-Kinderrechtskonvention.

Und die sagt in Artikel 11, dass Kindern, die fähig sind, sich eine Meinung zu bilden, das Recht zugesichert werden muss, diese Meinung in allen Angelegenheiten frei zu äußern. Deutschland hat unterschrieben. Wir erklären uns also bereit, die Bedürfnisse des Kindes zu berücksichtigen und in Politik umzusetzen. Ich glaube aber, dass das nicht ausreichend geschieht. Die Vereinten Nationen übrigens auch - erst im Februar dieses Jahres hat die Uno Bund und Ländern Defizite bei der Umsetzung bescheinigt.

Sie gelten als Experte für Kinderarmut, haben mit Jugendlichen gearbeitet, die auf der Straße leben. Für den Kinderreport 2012 haben Sie untersucht, inwieweit Kindertagesstätten in Deutschland Kinder im Alltag mitreden und gestalten lassen. Was waren Ihre Beobachtungen?

Wir haben Erzieher, Eltern, Kita-Leitung nach ihrem Selbstverständnis und dem Umgang mit den Kindern befragt. "Wir geben den Kindern so viele Freiräume wie möglich", war ein Satz, den ich sehr oft gehört habe, und der erstmal gut klingt. Aber Mitbestimmung ist das nicht. Ein Beispiel: Die Planung eines Kindergeburtstages ist in Kitas ein wichtiges Ritual. Meistens gibt es einen festen Plan, und es wird nur gefragt, ob die Kinder damit einverstanden sind, dass es erst Kuchen gibt und dann Luftballons. Sinnvoller wäre, die Kinder ohne Vorgabe zu fragen, was sie machen wollen, sie dann planen und durchführen zu lassen. Dabei können sie durchaus die Erfahrung machen, dass etwas nicht klappt oder sich nicht realisieren lässt. Viele Eltern und Erzieher wären aber überrascht, wie realistisch Kinder sind. Sie wissen sehr genau, dass Elefantenreiten nicht drin ist.

In einigen Kindergärten Sachsens gibt es bereits Kinderkonferenzen, Kinderparlamente, Kita-Verfassungen. Macht es Sinn, Kinder im Vorschulalter mit demokratischen Strukturen zu konfrontieren?

Je mehr Kinder einbezogen werden, desto mehr gewinnen Sie Selbstvertrauen und Stärke. Das ist vor allem für Kinder aus sozial schwachen Familien wichtig, um Erfahrungen von Benachteiligung auszugleichen. Kinderarmut ist Realität in Deutschland. Fast jeder Erzieher hat schon einmal erlebt, dass ein Kind morgens unausgeschlafen ist, kein Frühstück gegessen hat, oder im Winter Sandalen trägt. Oft wird dann einfach den Eltern die Schuld gegeben, statt sich auf die Lebenswelt des Kindes einzulassen. Wir brauchen keine Politik für Kinder. Wir brauchen eine Politik der Kinder. Das wäre ein Paradigmenwechsel.

Sich mehr auf das Kind einzulassen, fordert die moderne Pädagogik doch seit Jahren.

Noch überwiegt aber eine Wächter-Perspektive. Kinderrechte werden ausschließlich so verstanden, dass Kinder ein Recht auf Schutz vor körperlicher und seelischer Gewalt oder auf Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen genießen. Dahinter verbirgt sich das traditionelle Bild vom Kind als schutzbedürftigen Wesen, dessen Interessen durch Erwachsene vertreten werden.

Sie sprechen von "Gnade der Erwachsenen". Was meinen Sie damit?

In vielen Kitas wird das Kind nicht als Subjekt betrachtet, sondern als zu erziehendes Objekt. Dabei sind Kinder durchaus in der Lage, wissbegierig auf ihre Welt zuzugehen, sich darin zu verorten. Kinder können über den Bereich, den sie täglich erleben, mitentscheiden. Ob sie Essen oder Mittagsschlaf machen wollen. Ich bin viel durch Lateinamerika gereist, habe mit fünf- und sechsjährigen Straßenkindern gearbeitet. Die wissen sehr genau, wie ihre Lage ist. Sie artikulieren sie auch sehr genau: Ich muss jetzt Schuhe putzen, weil ich Geld brauche. Diese Kinder können abschätzen, was sie wofür tun müssen. Sie haben eine Idee der Planung. Die Lage ist Gott sei Dank nur begrenzt übertragbar. Aber wir neigen dazu, unseren Kindern diese Fähigkeit abzusprechen.

Wie sehr Kinder im Kindergarten eingebunden und gefördert werden, hängt von der Offenheit und dem Engagement der Erzieher ab. Standards gibt es dafür keine.

Um Mitbestimmung zu ermöglichen, müssen auch die Erzieher mitbestimmen können. Die meisten Pädagogen würden gern mehr machen, können aber nicht, weil die Kita-Träger Gelder und Gehälter kürzen. In Deutschland ist es Usus, dass die Unterbringung von Kindern wirtschaftlich sein muss. Viele Pädagogen beugen sich dem ökonomischen Druck. Ich war in einer Einrichtung, in der sollte der Essensanbieter gewechselt werden, weil es den Kindern nicht schmeckte. Letztlich entschied man sich dagegen, weil das Essen 1,50 Euro zu teuer war. Mehr staatliche Förderung wäre an dieser Stelle wünschenswert.

Stattdessen gibt es inzwischen das Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen.

Ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Man will Kinder fördern, indem man Familie und Ehe in den Fokus nimmt. In Deutschland herrscht noch immer die Meinung: Ein Kind, das in einer Familie aufwächst, hat die beste Bildung. Das funktioniert so aber nicht mehr. Bildung, insbesondere der Zugang zu dieser, ist in diesem Land gnadenlos ungerecht verteilt. Begreift man Kindergärten als Eintrittsportal ins Bildungssystem, dann sieht man auch, dass hier die Möglichkeit für mehr Chancengleichheit ruht. Natürlich ist das ein Prozess: Bildungspläne müssen überarbeitet, Erzieher qualifiziert werden. Vorstellen kann ich mir zukünftig eine Bewertung der Kindergärten hinsichtlich der Umsetzung von Mitbestimmungsformen oder eine Kita-Pflicht.

Eltern werden skeptisch, wenn der Staat sich in die Kindererziehung einmischt. Als der Kinderreport mehr Mitspracherecht für Kinder forderte, hagelte es Kritik. Wovor haben Eltern eigentlich Angst?

Davor, dass man ihnen sagt, ihr seid schlechte Eltern. Dass Ihnen unterstellt wird, sie missachten ihre Kinder und erziehen sie falsch. Gerade sozial schwache Eltern haben solche Diskriminierungserfahrungen oft gemacht. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch - dass Eltern glauben, die Erzieher sind unzureichend ausgebildet, deren "Weichspülmethoden" nicht geeignet, um das Kind auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten. Viele Eltern haben eine sehr erfolgsorientierte Sicht auf das Kind. Andere Eltern haben Angst, dass sich der familiäre Ablauf ändert. Ein selbstbewusstes Kind, so die Annahme, ist ein anstrengendes Kind. Um die gesellschaftliche Sicht auf Kinder zu verändern, müssen wir uns auch an der Haltung des Einzelnen abarbeiten.

Wie könnte sie denn aussehen, die Kita von morgen?

Kitas und Grundschulen müssen stärker vernetzt sein, auch mit Sportvereinen und Freizeiteinrichtungen. Es macht ja keinen Sinn, wenn Kinder in der Kita lernen, selbst zu entscheiden und in der Schule heißt es dann gehorchen und Hausaufgaben machen. Der Kindergarten muss ein Fenster zum Alltag aufstoßen, als Bildungsort für Kinder, Familien und Fachkräfte verstanden werden. Der Kindergarten von morgen ist ein Familienzentrum. Kinder zu versorgen oder verwahren reicht nicht mehr.


Zur Person: Ronald Lutz

Der Sozialwissenschaftler ist Professor für "Menschen in besonderen Lebenslagen" an der Fachhochschule Erfurt. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Ronald Lutz mit Mechanismen der Kinderarmut, sozialer Ungleichheit und Ausgrenzungsprozessen im In- und Ausland. Im Auftrag des Kinderhilfswerkes untersuchte er zwölf Kindertageseinrichtungen im Raum Thüringen auf die Umsetzung von Kinderrechten und Mitbestimmung. Die Ergebnisse flossen in den Kinderreport 2012 ein.


Kinderwünsche: Im Schlaraffenland die Zähne putzen

Wie lassen sich Kinderrechte im Alltag besser umsetzen? Was passiert, wenn Kinder das Sagen haben, zeigt ein Sitzungsprotokoll der besonderen Art

Was machen wir am Kindertag? Das war das Thema in der Morgenrunde der Chemnitzer Kindertagesstätte "Pampelmuse". In der Einrichtung setzt man auf mehr Beteiligung und lässt Kinder mitreden. Ulrike Nimz hat den Fünf- und Sechsjährigen zugehört.

Katharina: Wir haben uns dafür entschieden, dass wir eine Wasserrutsche haben.

Anton: Wir machen eine Wasserparty am Kindertag! Wir gehen dann alle zusammen planschen.

Janko: Und es soll Marshmallows geben!

Catleen: Marshmalloooows!

Anton: Nudeln!

Willi: Würstchen!

Anton: Marshmallows muss man überm Feuer machen. Es gibt also auch ein Lagerfeuer.

Catleen: Vielleicht machen wir auch Stockbrot. Wir können auch beides machen.

Anton: Wir planen schon ganz lange für den Kindertag. Die Kinder haben sich in Gruppen aufgeteilt und einen Plan gemacht. Es gibt ein Bastelzelt, ein Esszelt und ein Matschzelt. Da mischen wir Wasser und Sand. Das wird dann Schlamm.

Janko: Aber nix ausm Sandkasten nehmen, der is neu.

Katharina: Iiiiiih. Ich will aber nicht im Matsch baden.

Catleen. Das ist eklig, da wird bestimmt das ganze Zelt vollgeschmissen.

Katharina. Ich finds cool, dass wir Bestimmer sein dürfen.

Catleen: Ich finds ein bisschen langweilig.

Janko: Ich finds gut, dass wir hier so viel entscheiden können. Ob wir raus oder rein gehen zum Beispiel.

Sienna: Und ob wir zum Yoga gehen.

Julian: Wir können auch bestimmen, ob wir aufbleiben wollen ohne zu schlafen am Mittag.

Anton: Das kann man nicht bestimmen. Das bestimmen die Eltern.

Julian: Ich darf das bestimmen.

Anton: Na ich auch, aber manche Kinder nicht.

Janko: Manche Kinder brauchen auch nur ruhen.

Anton: Wenn die Kinder immer aufbleiben, bekommen sie Augenringe. Ich schlafe gern.

Jonathan: Ich auch.

Willi: Man soll aber immer sagen können: "Ich möchte aber nicht."

Anton: Wenn es keine Erwachsenen gäbe, machen die Kinder, was sie wollen. Dann wäre alles durcheinander.

Catleen: Glaub' ich nicht.

Katharina: Wenn Mama und Papa meine Schwester abholen, dann bin ich allein zu Hause, das geht auch.

Marie: Ich möchte mehr entscheiden. Kinder können kaum was entscheiden.

Catleen: Bei uns zu Hause kann ich nie entscheiden, was ich mache. Wann es Essen gibt oder so - das bestimmen immer Mama und Papa.

Matilda: Hier im Kindergarten kann ich entscheiden, was ich essen will. Und wann ich in die Korkenhöhle gehe.

Anton: Beim Mittag nicht. Wenn jeder nur ein Fleisch kann, dann ist das eben so. Edgar hat neulich zu mir gesagt: Du musst jetzt weiterspielen. Man muss aber gar nix!

Catleen: Ich habe heute schon einen Schmetterling zusammengebaut.

Kim: Matilda hat mir den Zopf zu fest gemacht!

Jonathan: Ich wäre gern einen Tag lang Chef.

Anton: Wenn ich Chef wäre, würde ich im Büro sitzen und E-Mails schreiben.

Julian: Wenn ich Chef wäre, würde ich bestimmen, dass ich immer Chef wäre.

Jonathan: Gummibärchen fressen!

Sienna: Ich würde in die Disco gehen.

Janko: Ich würde ein Kino bauen.

Anton: Star Wars! Spiderman!

Matilda: Ich wünsche mir, in der Welt wäre alles voller Süßigkeiten.

Kim: Ich wünsche mir, dass hier für einen Tag ein Pferd wäre!

Catleen: Man muss aber dran denken, auch im Schlaraffenland die Zähne zu putzen.

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1Kommentare
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  • 4
    0
    vomdorf
    31.05.2014

    kinder sind keine kleinen erwachsenen, sondern eben KINDER. sie brauchen klare strukturen, damit sie später im leben zurechtkommen, und kein ständiges *möchtest du*? sie müssen lernen, dass man bestimmte dinge tun muss. es kann einem doch heute schon angst und bange werden, was in einigen kindergärten los ist. die kinder müssen nicht malen, sie können den stift halten wie sie wollen...bloß nicht mal anstrengen. später im beruf können sie sicher auch wählen, ob sie überhaupt zur arbeit gehen oder nicht. und was die kinder in lateinamerika angeht: sicher haben sie die wahl - entweder sie arbeiten und haben ein bisschen zu essen - oder sie arbeiten nicht hungern. sie würden mit freude die hier möglichen angebote annehmen ...man müsste sie gar nicht groß fragen, ob sie auch wollen. die anforderungen in den schulen wurden in letzten jahren schon enorm heruntergefahren. nur wer von zu hause die nötige unterstützung bekommt schafft es, gut durchs leben zu kommen. und diese unterstützung ist sicher kein * möchtest du*? ab und zu sicher, aber wie gesagt, ein kind muss lernen - altersgerecht - einfach eine anweisung auszuführen.



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