"Alles Quatsch, ich bin der Weltmeister"

Bernhard Eckstein, Straßenrad-Weltmeister von 1960, ist in der vergangenen Woche 82-jährig verstorben. Sein Name ist eng mit einer der sagenumwobensten Geschichten des DDR-Sports verbunden.

Leipzig.

Es ist ein Wetter, bei dem man nicht einmal einen Hund vor die Tür schickt. Der Wind pfeift, der Regen prasselt. Die Fahrer haben sich Ölpapier unter die Trikots geschoben, um sich vor der Kälte zu schützen; das Papier war sozusagen die Funktionsunterwäsche von damals. 174,62 Kilometer müssen die Pedalritter bei dem Mistwetter strampeln, bergauf, bergab, bevor der Sieger feststeht. Es ist der 13. August des Jahres 1960, auf dem Sachsenring läuft die Straßenrad-Weltmeisterschaft der Radamateure. Kaum ein Rennen ist so sehr zur Legende geworden wie dieses.

Am Freitag der vergangenen Woche ist der Mann, der dieses denkwürdige Rennen gewonnen hat und der in gewisser Weise als ein tragischer Sieger in die Geschichtsbücher eingegangen ist, in Leipzig gestorben. Bernhard Eckstein, der in den 1950er-Jahren einige Zeit in Lichtenstein trainiert hat, wurde 82 Jahre alt. Er war zwar nicht der populärste Sportler der sportverrückten DDR, aber sein Name wird fast immer in einem Atemzug mit dem des wahrscheinlich beliebtesten Athleten des Arbeiter-und-Bauern-Staates genannt: Gustav-Adolf Schur. Die beiden waren die Hauptfiguren des legendären Rennens 1960 auf dem Sachsenring ...

Als Bernhard Eckstein im Januar dieses Jahres in seiner Leipziger Wohnung eines seiner letzten Interviews gibt, liegt das Rennen 57 Jahre zurück. Immer wieder musste er sich eine Frage gefallen lassen, die jahrzehntelang zumindest im Osten fast so häufig diskutiert wird wie die Frage nach dem Wembley-Tor: Stimmt das wirklich, dass Ihnen Täve Schur damals den Sieg geschenkt hat? "Alles Quatsch, ich bin der Weltmeister", hat Eckstein fast ein klein wenig gereizt geantwortet.

Schur war der große Favorit, nach seinen Siegen bei den Weltmeisterschaften 1958 und 1959 fand das Championat 1960 in der nach internationaler Anerkennung dürstenden DDR statt. Schur war der Vorzeigesportler, der unbedingt gewinnen sollte, aber an dem Tag kam alles anders. Kurz vor Schluss setzte sich Bernhard Eckstein von der dreiköpfigen Spitzengruppe, zu der neben Schur noch der Belgier Vanden Berghen gehörte, ab und wurde Überraschungsweltmeister. Die DDR-Medien entwarfen daraufhin eine Version, die bis heute immer wieder hartnäckig kolportiert wird: Schur habe Eckstein freiwillig ziehen lassen, um Vanden Berghen zu irritieren, der sich voll und ganz auf den Titelverteidiger und Favoriten konzentriert hatte.

Von Schur gibt es keine eindeutige Aussage. Radsport-Experte Dietmar Lohr, heute Vorsitzender des Vereins Internationales Radrennen Rund um den Sachsenring, sagt: "Es wird wohl nie eine endgültige Antwort auf diese Frage geben. Vielleicht ist das auch gut so."

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